Kunst-Stuben

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Die Kunst-Stuben, die in Berlin und später auch in München und Wien auf Anregung Rudolf Steiners eingerichtet wurden, gaben ein vielfältiges Kulturangebot, das jedermann, namentlich aber den ärmeren Bevölkerungsschichten, frei und kostenlos zugänglich war.

"Die Wände waren in einem hellen farbigen Ton glatt gestrichen und mit schönen Wiedergaben alter und neuer Meisterwerke geschmückt. Jeden Abend der Woche gab es hier für jedermann, der von der Straße hereinkommen wollte, eine andere Veranstaltung: Lichtbilderabende mit Erläuterungen der gezeigten Kunstwerke, literarische Abende mit Vorlesen von wertvollen Werken der Dichtkunst und Prosa, Märchenabende für Kinder und Mütter, Puppenspiele und musikalische Darbietungen. Die eigentliche anthroposophische Studienarbeit vollzog sich im Zweig. Was dort an tieferem Eindringen in das Wesen des Geistigen und seiner Offenbarung im Künstlerischen errungen wurde, das wollte hier der Allgemeinheit dienen, indem die Teilnehmer an diesen Abenden in einer Zeit der immer mehr einreißenden kulturellen Verwilderung die geistige Wohltat des Erlebens echter Kunst an sich erfahren konnten. Wir hatten das Glück, ernste Künstler in den verschiedenen Gebieten als mitwirkende Freunde zu haben, so daß von Dilettantismus nicht die Rede sein konnte. Bald fühlten sich immer mehr Menschen von der heilenden Wirkung solcher selbstlos gegebener Darbietungen angezogen, und die in verschiedenen Stadtteilen entstehenden Kunst-Stuben bekamen eine Art Gemeinde von gerne wiederkehrenden Besuchern." (Lit.: Strakosch 1994, S 141)

Marie Steiner schrieb dazu:

"Diese Kunstzimmer waren fürs breite Volk gedacht, als gastfreie Stätten, die nicht nur Wärme und Behaglichkeit, sondern auch Schönheit, Ästhetik und geistige Anregung bieten sollten. Die Wände waren mit farbigen Rupfen bespannt, alles bis auf die Bestuhlung dem gewählten Tone angepaßt; Bilder-Ausstellungen wechselten jeden Monat: gute Reproduktionen klassischer Kunstwerke und Gemälde zeitgenössischer Künstler; Abendveranstaltungen gab es mit musikalischen und rezitatorischen Darbietungen, einen Einführungskurs in Geisteswissenschaft, auch in andere Wissensgebiete, – kleine dramatische Darstellungen, wie z.B. die ‹Geschwister› von Goethe und ähnliches. Hier war es auch, wo in Berlin die Weihnachtsspiele aus altem Volkstum eingeführt wurden, die dann von Mitspielern nach anderen Stätten gebracht werden konnten. Es darf vielleicht erwähnt werden, daß es nach den Anstrengungen des Tages nicht immer leicht war, bei Nacht und Nebel die weiten Wege in den Osten Berlins mit Untergrundbahn oder Tram zurückzulegen und zuletzt in abgelegenen dunklen Straßen im Schnee zu stapfen. Doch das tägliche Beispiel des unermüdlichen Schaffens Dr. Steiners wirkte anfeuernd. Und man lernte aus eigener Erfahrung die Bedeutung des Kontrastes kennen, wenn man aus der trostlos steinernen Umgebung öder Arbeiterquartiere in die warme Umhüllung eines in gedämpftem Rot erstrahlenden Raumes trat und das Auge auf Kunstwerke fiel, die den Blick fesselten und das Herz erfrischten, so daß es in Sammlung dem Gebotenen in Wort und Ton folgen und sich von der Last des Alltags einigermaßen befreien konnte. In bescheidenem und kleinem Rahmen war es doch Nahrung für die Seelen der Geistsuchenden aus der arbeitenden Bevölkerung. In diesem Sinne war ja so manches in Briefen zum Ausdruck gekommen, die Rudolf Steiner erhalten hatte, als er noch in der Arbeiterbildungsschule Berlins wirkte. Ihm wurde dafür gedankt, daß er den Glauben habe, der Arbeiter brauche auch das geistige Brot, nicht nur das physische. Der Weltkrieg brachte Veränderungen auch in diesen Betrieb. Das große Kunstzimmer in der Motzstraße mit seinen Nebenräumen wurde in einen Kinderhort umgewandelt, in dem das aus dem bolschewistischen Rußland geflüchtete Fräulein Samweber eine hingebungsvolle Tätigkeit entfaltete, opferfreudig unterstützt in der auf Spenden beruhenden Verpflegung und Hütung der Kinder durch Damen der anthroposophischen Gesellschaft. Licht, Luft und Freude hatten sie in den schönen Räumen des Vorderhauses; Dr. Steiner begnügte sich mit den viel bescheideneren Zimmern des Hinterhauses. Das ist nebensächlich, doch für ihn symptomatisch." (Lit.: Wiesberger 1988, S 317)

Literatur

  1. Hella Wiesberger: Marie Steiner von Sivers: Ein Leben für die Anthroposophie., Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1988
  2. Alexander Strakosch: Lebenswege mit Rudolf Steiner. Erinnerungen. Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach 1994