Langeweile

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Langeweile ist ein Gemütszustand, der eintritt, wenn der Mensch nach seinem Empfinden zuwenig sinnliche Anregung von außen erhält, um sein Seelenleben zu erfüllen und in Bewegung zu setzen. Es ist also ein Begehren nach Erlebnissen vorhanden, das nicht erfüllt wird. Tiere in freier Wildbahn langweilen sich im Grunde niemals. Langeweile tritt um so eher auf, je höher entwickelt der Bewusstseinszustand ist.

"Je primitiver die Bewußtseinszustände sind, desto weniger kann man von Langeweile reden. Diese schwindet, je mehr wir in den Bewußtseinszuständen zurückgehen." (Lit.: GA 110, S. 188)

"Wenn Sie ein wirklich guter Beobachter natürlicher Dinge sind, werden Sie eine allerdings oftmals nicht gemachte, aber trotzdem sich aufdrängende Beobachtung machen können: daß sich nämlich im Grunde genommen nur der Mensch langweilen kann. Tiere langweilen sich nie. Und der ist ein schlechter Beobachter, der glaubt, daß Tiere sich langweilen. Sie können sogar Merkwürdiges im Sich-Langweilen der Menschen wahrnehmen. Wenn Sie Menschen mit einem einfachen, primitiven Seelenleben betrachten, so langweilen sich diese im Grunde genommen viel weniger als Menschen mit einem komplizierteren Seelenleben in den gebildeteren Ständen und Klassen. Wer in der Welt herumgeht und Beobachtungen zu machen versteht, der wird sehen, wie viel weniger man sich langweilt auf dem Lande als in der Stadt. Das heißt, Sie müssen natürlich nicht darauf sehen, wie sich die Stadtmenschen auf dem Lande langweilen, sondern wie sich die Landmenschen auf dem Lande langweilen. Sie müßten da auf das Seelenleben blicken, wie es bedingt ist durch die kompliziertere Natur der Bildung. Also schon bei den Menschen ist ein Unterschied in bezug auf sich langweilen oder sich nicht langweilen." (Lit.: GA 115, S. 141f)

Fortgesetzte Langeweile kann sogar zu einer Krankheitsursache werden.

"Und eine inhaltsleere Seele, die trotzdem in der Zeit weiterlebt - denn die Zeit wartet ja nicht -, das heißt, eine sich langweilende Seele ist ein Gift auch in einer gewissen Beziehung für die Leiblichkeit. Viel Langeweile haben im Leben ist eine wirkliche Krankheitsursache. Es ist im Grunde genommen gar keine schlechte Empfindung, wenn von einer «tötenden » Langeweile gesprochen wird, wenn man auch nicht gleich daran stirbt. Aber es ist Langeweile etwas, was tatsächlich als psychisches Gift wirkt. Und es wirkt weit über den Bereich des Seelenlebens hinaus." (Lit.: GA 115, S. 145)

"Es gibt aber eine Kur gegen die Langeweile, die etwa in folgendem besteht. In den Vorstellungen, die fortfließen, lebt nicht nur ein Begehren, sondern auch ein Inhalt, so daß sie nicht nur als Begehrungen, sondern auch als ein Inhalt in der Seele weiterleben. Daher können wir selber Vorstellungen aus der Vergangenheit in die Zukunft hineintragen. Und das ist dann wieder die höhere Seelenentwickelung, wenn die Vorstellungen selber uns aus der Vergangenheit etwas hereintragen. Und es ist ein großer Unterschied, ob der Mensch etwas hat an seinen Vorstellungen, was ihn interessieren kann und was sein künftiges Seelenleben ausfüllen kann, oder ob er nichts in sich hat. So kann sich der Mensch von einer gewissen Stufe an langweilen. Aber wenn er sich mit inhaltsvollen Vorstellungen erfüllt, können diese auch wiederum in die Zukunft hinein wirken. Das gibt dann den Unterschied zwischen solchen Menschen, die imstande sind, ihre Langeweile selber zu kurieren, und denjenigen, welche dazu nicht imstande sind. Das weist hin auf ein selbständiges Leben unserer Vorstellungen in uns, auf ein Leben, das wir, wie sich klar herausgestellt hat, nicht in unserer Macht haben, sondern dem wir hingegeben sind. Wenn wir nicht dafür sorgen, daß unsere Vorstellungen inhaltsvoll sind, müssen wir uns langweilen. Nur durch inhaltsvolle Vorstellungen können wir uns vor der Langeweile schützen." (Lit.: GA 115, S. 144f)

Künstlich herbeigeführte Langeweile ist notwendig, um zur geistigen Wahrnehmung zu kommen, bei der die äußeren Sinne schweigen müssen. Meditation beruht, indem alle äußere Sensation ausgeschlossen wird, in gewissermaßen auf einem willentlich herbeigeführten Zustand der Langeweile.

"Wenn Sie hier ein Dreieck haben (siehe Zeichnung) und Sie teilen dieses Dreieck in vier gleiche Teile, so daß Sie also vier solche Dreiecke bekommen, so können Sie sagen: Das ganze Dreieck ist größer als

Tafel 13; GA 350, S 164

jedes der vier kleinen Dreiecke. - Ich kann jetzt das verallgemeinern und kann sagen, es gibt einen Lehrsatz, der heißt: Das Ganze ist größer als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) - Donnerwetter, wenn da so ein satter Börsenmensch kommt und man sagt ihm: Du, denke einmal darüber nach, das Ganze ist größer als seine Teile - dann sagt der: Nein, das ist mir viel zu langweilig! [...]

Die Geschichte ist nämlich diese. Wenn man solche Urteile in sich aufnimmt, solche Urteile fällt, solche Sätze: Das Ganze ist größer als seine Teile, die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten - dann wird es nämlich im Hinterkopf kalt. Das ist das Eigentümliche: es wird im Hinterkopf kalt. Und weil es im Hinterkopf kalt wird, weil der Mensch anfängt zu frieren, will er gleich weg von solchen Sätzen. Sie sind ihm langweilig. Das ist nämlich das Merkwürdige: Bei der Langeweile wird es im Hinterkopf kalt. Nicht der ganze Mensch wird kalt, aber der Hinterkopf wird kalt [...]

Die Mathematik ist für manchen langweilig, aber weil sie schwer ist und man sich anstrengen muß, und weil die Mathematik gerade den Hinterkopf so kalt macht, deshalb kommen diejenigen, die Mathematik lernen mußten, weil die so kalt war und man sich recht anstrengen mußte bei der Mathematik, am leichtesten in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, die sich überwinden und solche Sätze immer wieder und wieder erleben, die also künstlich sich die Langeweile anzüchten, die kommen am leichtesten in die geistige Welt hinein.

Ich habe Ihnen gesagt: Wenn man Fieber kriegt, dann wird der Puls schnell. Da wird man warm, und da ist es so, daß man Hitze in den Kopf, in das Gehirn hinein kriegt. Da kommt man eben in die Hitze hinein. Da redet man irre. - Wenn man sich aber jetzt mit solchen Sätzen plagt, wobei man ganz aufhören will zu denken, da wird das Blut nicht regsamer, sondern im Hinterkopf stockt es, das Blut. Und dadurch, daß das Blut stockt, sammeln sich dahinten Salze an. Salze sammeln sich an. Das ist ein Zweifaches, wie diese Salze sich äußern. Die meisten Menschen bekommen Bauchweh davon. Und weil sie das Bauchweh sehr rasch bemerken - es wird ihnen unbehaglich im Bauch, wenn sie solche Sätze denken sollen -, so hören sie bald auf. Aber wenn einer doch immerfort solche Sätze denkt, wie es der Nietzsche gemacht hat, der als ein sehr großer Mann gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hat, der immerfort mit solchen Sätzen sich gequält hat in seiner Jugend, dann lagern sich viele Salze ab m seinem Kopf, und Nietzsche litt fortwährend an Migräne. Und nun, sehen Sie, muß man es dahin bringen, daß man solche Sätze denken kann, ohne daß man Migräne kriegt, sich Salze ablagern, also auch ohne daß man Bauchweh kriegt. Man muß ein vollständig gesunder Mensch bleiben und künstliche Langeweile in sich erzeugen können. Also einer, der Ihnen ehrlich sagt, wie man in die geistige Welt hineinkommt, der muß Ihnen sagen: Sie müssen zuerst künstliche Langeweile in sich erzeugen können, sonst können Sie überhaupt nicht in die geistige Welt hineinkommen. Sehen Sie nur einmal die gegenwärtige Zeit an. Was will denn die gegenwärtige Zeit? Die gegenwärtige Zeit will fortwährend die Langeweile vertreiben. Wohin rennen die Menschen nicht überall, um ja keine Langeweile zu haben! Immerfort wollen sie sich amüsieren. Was heißt denn das, sich immerfort amüsieren wollen? Das heißt, vor dem Geist davonlaufen. Nichts anderes heißt das. Und unsere Zeit will sich immerfort amüsieren. Ja, wo irgend etwas Geistiges sein könnte, da rennt unsere Zeit immer gleich davon. Sie weiß es nicht, es geschieht unbewußt. Aber dieses Sich-amüsieren-Wollen ist eben ein Vor-dem- Geiste-Davonlaufen. Das ist schon so. Und diejenigen allein können in den Geist hineinkommen, die sich nicht davor scheuen, das Amüsante einmal ganz zu lassen und künstlich in solchen Sätzen zu leben. Dann, wenn man es so weit gebracht hat, daß man künstlich in solchen Sätzen leben kann, daß man nicht mehr Migräne oder Bauchweh dabei hekommt, sondern es wirklich aushalten kann, viele Stunden lang in solchen Sätzen zu leben, dann hat man die Möglichkeit, allmählich zum geistigen Schauen zu kommen.

Aber da muß noch eine Veränderung vor sich gehen. Nämlich von einem bestimmten Punkt an merkt man: Wenn man nun gelebt hat in solchen Sätzen, da fangen sie an, sich umzudrehen. - Da denke ich lange nach: Das große Dreieck ist größer als seine Teile. Wenn ich darüber lange nachdenke, dann dreht sich mir der Satz um. Jetzt fängt er an, interessant zu werden, denn da bekomme ich einmal folgende Anschauung: Wenn ich hier ein Dreieck habe und ich nehme von diesem Dreieck das Viertel und ich will das heraustun, dann fängt es an zu wachsen (es wird gezeichnet), und es ist nicht mehr wahr, daß das Ganze größer ist als seine Teile. Das Viertel ist plötzlich größer. - Ich sehe, daß das Viertel größer ist, und ich muß jetzt sagen: Das Ganze ist kleiner als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) [...]

Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten — das ist ja so richtig, daß man es als einen allerersten Lehrsatz in der Geometrie aufgetischt kriegt. Für die physische Welt ist das so richtig, als es nur richtig sein kann. Aber denkt man lange nach: Wenn einer, der kein physisches, sondern ein geistiges Wesen ist, von Dorf A nach Dorf B kommen will, so kommt ihm der Weg furchtbar kurz vor, wenn er im Halbkreis läuft (es wird gezeichnet) - und Sie kommen zu dem Urteil: Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) [...]

Sehen Sie, ich habe daran selber - das kann ich Ihnen verraten - furchtbar viel gelernt. Ich habe in meinem Leben, als ich jung war, furchtbar langweilige Vorlesungen gehört. Ja, ich muß sagen, bevor die Vorlesung angefangen hat, da habe ich mich sogar gefreut auf die langweilige Vorlesung, weil das einen ebenso herausgebracht hat wie sonst im Leben das Schlafen. Also ich habe rechte Freude gehabt: Jetzt kannst du wieder einmal ein paar Stunden langweilige Vorlesungen hören! - Aber wenn die Vorlesung angefangen hatte und der Professor sprach, dann hatte ich fortwährend den Eindruck: Der redet ja fortwährend, der stört einem ja die Langeweile auch noch! - Aber hinterher, da habe ich immer tief über alles Einzelne nachgedacht, was er gesagt hat. Es hat mich nicht im geringsten interessiert, aber ich habe jede Stunde von Anfang wiederum durchgemacht, ganz richtig durchgemacht, und manchmal eine Stunde so durchgemacht, daß es zwei Stunden gedauert hat, also diese natürliche Langeweile künstlich erzeugt. Meine Herren, da machen Sie eine sonderbare Entdeckung. Gerade am Ende des 19. Jahrhunderts konnten Sie eine ganz sonderbare Entdekkung machen. Denken Sie sich einmal, Sie kommen gerade aus der Vorlesung eines riesigen Rhinozerosses - die gibt es ja - und Sie haben sich fürchterlich gelangweilt. Jetzt konnten Sie - das ist gerade am Ende des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen - , jetzt konnten Sie, wie man sagt, meditieren über diese langweilige Vorlesung. Also alles, was Sie furchtbar gelangweilt hat, rufen Sie sich wiederum in die Seele herein. Dann plötzlich erscheint einem da hinter dem Menschen, der einem wie ein Rhinozeros die größten Langweiligkeiten vorgetragen hat, nach und nach etwas wie ein höherer Mensch, wie ein ganz geistiger Mensch. Und die Lehrsäle verwandeln sich Ihnen - das ist so, daß man es in voller Vernünftigkeit begreifen kann. Und ich kenne viele Professoren vom Ende des 19. Jahrhunderts, bei denen das der Fall war - aber ich will nicht, daß das nun wiederum herumgeredet wird, sonst denken die Leute: das ist etwas ganz Schreckliches - : Hinter denen erschienen immer die geistreichsten geistigen Menschen. Ja, was war denn das? Es ist nämlich nicht wahr,, daß die Menschen innerlich unbewußt so dumm sind, wie sie sich geben. Sie sind nämlich viel gescheiter, und gerade die Dümmsten sind manchmal gescheit. Das dreht sich auch um. Aber sie können ihre eigene Gescheitheit nicht begreifen. Das ist nämlich ein furchtbares Geheimnis, denn gerade hinter den Leuten steht oft dasjenige, was ihr eigentlich Seelisches ist; das können sie selber nicht begreifen.

Ja, so kommt man schon hinein in die geistigen Welten. Sie wissen ja, am Ende des 19. Jahrhunderts hat es eine materialistische Naturwissenschaft gegeben. Die Leute beten heute noch immer dieser materialistischen Naturwissenschaft nach. Ich muß selber sagen: Es ist ungeheuer nützlich gewesen, diese materialistische Naturwissenschaft kennenzulernen. - Diese materialistische Naturwissenschaft hat von Anfang bis zum Ende immer wiederum die langweiligsten Sätze vorgebracht [...]

Aber Sie erfahren aus alledem, was ich Ihnen sage, daß man sich auf zweierlei Art auch in die Naturwissenschaft hineinfinden kann. Und ich kann Ihnen schon sagen: Wenn man nicht so Naturwissenschaft gelernt hat, wie sie sehr viele im 19. Jahrhundert und auch bis heute noch gelernt haben, sondern wenn Sie, statt alles nachzuplappern, meditativ denken, immer wieder und wiederum denken, stunden-, stundenlang denken, dann dreht sich es wiederum um und es kommt das GeistigRichtige heraus. Und wenn Sie lange nachgedacht haben über Pflanzen und Mineralien und lange dasjenige, was die Leute Ihnen heute in einer so furchtbar materialistischen Weise sagen, einfach durchdenken, dann kommen Sie zuletzt dazu, die Bedeutung des Tierkreises, die Bedeutung der Sterne, die ganzen Geheimnisse der Sterne vor sich zu haben. Aber der sicherste Weg ist eben, von solchen Sätzen auszugehen: Der Teil ist größer als das Ganze. Kein Körper ist ausgedehnt. Urteile haben Farbe. Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. - Dadurch hat man sich losgerissen von dem physischen Körper. Wenn Sie dies alles durchmachen, dann kommen Sie dazu, statt ihres physischen Körpers Ihren Ätherkörper benützen zu können. Sie können dann anfangen mit dem Ätherkörper zu denken, und der Ätherkörper muß alles umgekehrt denken von der physischen Welt. Denn durch denÄtherkörper kommt man allmählich in die geistige Welt hinein." (Lit.: GA 350, S. 164ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt, GA 110 (1991), ISBN 3-7274-1100-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt man zum Schauen der geistigen Welt?, GA 350 (1991), ISBN 3-7274-3500-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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