Leben zwischen Tod und neuer Geburt

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Gustave Doré, Illustration zu Dantes Paradiso

Im Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das der Mensch im Zuge des Reinkarnationsgeschehens wiederholte Male durchlebt, verbindet er sich stufenweise aufsteigend bis zur sog. «Weltenmitternacht» mit den geistig-kosmischen Verhältnissen, um dann ebenso stufenweise wieder zu einem neuen irdischen Dasein herab zu steigen. Die Früchte, die sich der Mensch im letzten Erdenleben geistig erworben hat, werden dadurch den Leibeshüllen im nächst folgenden Erdenleben als wirksame Kräfte einverwoben.

Die Bedeutung des Todeserlebnisses

Hauptartikel: Todeserlebnis

Aus geistiger Sicht ist der Tod das schönste und wunderbarste Erlebnis, das der Mensch haben kann. Von hier strahlt ein helles Bewusstseinslicht aus, auf das der Tote später immer wieder zurückblicken kann und das ihm auch im Leben zwischen Tod und neuer Geburt das Ich-Bewusstsein garantiert. Im Sterben, wenn die Silberschnur zerreißt, löst sich mit einem hellen Aufleuchten im Herzen die Verbindung zwischen dem physischen Leib und den höheren Wesensgliedern, die sich über den Kopf hinausheben.

"Der Tod ist schrecklich oder kann wenigstens schrecklich sein für den Menschen, solange er im Leibe weilt. Wenn der Mensch aber durch die Pforte des Todes gegangen ist und zurückblickt auf den Tod, so ist der Tod das schönste Erlebnis, das überhaupt im menschlichen Kosmos möglich ist. Denn dieses Zurückblicken auf dieses Hineingehen in die geistige Welt durch den Tod ist zwischen Tod und neuer Geburt das allerwunderbarste, das schönste, großartigste, herrlichste Ereignis, auf das der Tote überhaupt zurückschauen kann. So wenig wie von unserer Geburt in unserem physischen Erleben jemals wirklich steht - es erinnert sich ja kein Mensch mit den gewöhnlichen, nicht ausgebildeten Fähigkeiten an seine physische Geburt -, sicher steht immer der Tod da für die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, von dem Auftauchen des Bewußtseins an. Er ist immer vorhanden, aber er steht da als das Schönste, als der Auferwecker in die geistige Welt hinein. Und er ist ein Belehrer wunderbarster Art, ein Belehrer, der wirklich für die empfängliche Seele beweisen kann, daß es eine geistige Welt gibt, weil er das Physische durch seine eigene Wesenheit vernichtet und aus dieser Vernichtung eben nur hervorgehen läßt dasjenige, was geistig ist. Und diese Auferstehung des Geistigen, mit dem vollständigen Abstreifen des Physischen, das ist ein Ereignis, das immer dasteht zwischen Tod und neuer Geburt. Das ist ein tragendes, ein wunderbar großes Ereignis, und in sein Verständnis wächst die Seele nach und nach hinein ..." (Lit.: GA 157, S. 188)

Das Todeserlebnis, so wie es unmittelbar im Moment des Todes auftritt, wird dem Menschen nicht sogleich bewusst. Zunächst wird es von dem Lebenspanorama (siehe unten) überdeckt. Aber auch danach tritt es nicht gleich ins Bewusstsein. In der Regel folgt dem dreitägigen Erleben des Lebenspanoramas eine Phase des herabgedämpften Bewusstseins. Das liegt daran, dass das Geisteslicht, die strahlende Weisheit, die nun den Menschen umgibt, sein Bewusstsein überflutet und dadurch blendet. Erst wenn es uns gelingt, dieses uns umflutende Weisheitslicht zu dämpfen, werden wir uns des eigentlichen Todeserlebnisses bewusst (Lit.: GA 161, S. 128f).

Das Lebenspanorama unmittelbar nach dem Tod

Hauptartikel: Lebenspanorama

Das Lebenspanorama oder Lebenstableau erscheint dem Menschen im Augenblick des Todes oder in Momenten großer Todesnähe, wenn sich der Ätherleib vom physischen Leib löst oder zumindest sehr stark lockert. Es ist in dieser panoramatischen Lebensbilderschau die ganze Lebensfrucht des vergangenen irdischen Lebens enthalten. Ungetrübt durch den physischen Leib gibt der Ätherleib, der ja der eigentliche Träger des Gedächtnisses ist, dann seinen Erinnerungsschatz frei. In den ersten Momenten kann es so erscheinen, als liefe das ganze vergangene Leben wie ein Film im rasenden Zeitraffer vor dem inneren Auge ab, wie man es auch aus vielen Nahtod-Erfahrungen kennt, bis endlich das irdische Zeiterleben völlig aufgehoben ist. Alles, was wir im vergangenen Erdenleben gedacht haben, auch wenn wir es längst wieder vergessen haben oder es uns gar niemals richtig bewusst geworden ist, steht dann gleichzeitig wie in einem großen majestätischen Tableau vor unserem Bewusstsein. So, wie sonst im Raum die Dinge nebeneinanderstehen, so stehen nun alle frühen und alle späteren Erlebnisse gleichzeitig vor uns, so dass man zurecht sagen kann: "Zum Raum wird hier die Zeit". Im Gegensatz zu unserem alltäglichen Gedächtnis, das blaß und lückenhaft ist, werden uns hier alle vergangenen Erlebnisse vollständig, lebendig und ungetrübt bewusst. Das Lebenspanorama wird dabei völlig objektiv und friedvoll erlebt, ohne all die Freuden und Schmerzen, die mit den Erfahrungen des Erdenlebens verbunden waren. Dieses Erinnerungstableau bleibt für etwa zwei bis drei Tage nach dem Tod bestehen; für die einzelnen Menschen ist das etwas verschieden. Es währt in der Regel ungefähr so lange, wie der betreffende Mensch es im Leben ohne zu schlafen aushalten konnte (Lit.: GA 102, S. 140). Das entspricht zugleich etwa der Zeit, während der die Tageserlebnisse anregend sind zur Traumbildung; was man im Traum erlebt, wird durch die Tageserlebnisse der letzten zwei bis drei Tage angeregt.

Das Problem des heutigen Materialismus für den Toten

Das vorherige Studium der Geisteswissenschaft ist eminent wichtig auch für einen Toten. Wenn der Tote in das Leben nach dem Tod eintritt mit ausschließlich materialistischen Vorstellungen, dann wird der zu einem Problem in der geistigen Welt:

"Aber wenn der Mensch eintritt in die geistige Welt mit bloß physischen Vorstellungen, wird er ein Zentrum der Zerstörung." (Lit.: GA 178, S. 38)

Erdgebundene Tote

Hauptartikel: Erdgebundene Tote

Erdgebundene Tote sind Menschen, die nach dem Tod wesentlich länger als üblich an die Erdensphäre, namentlich an das mineralische und pflanzliche Reich, gebunden bleiben. Diese Reiche sind aber ihrem Wesen nicht mehr angemessen. Oft werden diese für den Toten nur schwer zu ertragenden Erlebnisse dadurch verursacht, dass der Mensch es während des Erdenlebens versäumt hat, sich Begriffe und Vorstellungen zu bilden, die über das irdische Dasein hinausreichen. Es können aber auch Sorgen für zurückgelassene Freunde, Verwandte und Kinder oder unerfüllte Aufgaben und Pflichten sein, die den Toten noch lange an das Erdendasein fesseln. Man kann dann den Toten helfen, indem man ihre Aufgaben und Pflichten übernimmt. Für die Erde selbst und die hier zurückgelassenen Menschen stellen die erdgebundenen Toten ein großes Problem dar, denn „vieles von dem, was an zerstörenden Kräften wirkt innerhalb der Erdensphäre, kommt von solchen in diese Erdensphäre gebannten Toten.“ (Lit.: GA 182, S. 20)

Kamaloka - Fegefeuer - Purgatorium

Hauptartikel: Kamaloka

Das Kamaloka (skrt. kama = „Begierde“ und loka = „Ort“; wörtlich also der „Ort der Begierde“) wird in der christlichen Terminologie als Fegefeuer oder Fegfeuer (lat. purgatorium) bezeichnet. Nachdem der Tote das Lebenspanorama erlebt hat, tritt er in den Zustand des Kamalokas ein, das die 3 bzw. 4 niederen Partien der Seelenwelt (Astralwelt) umfasst, in denen der Mensch jene Begierden ablegen muss, die nur mittels des mit dem Tode abgelegten physischen Leibes befriedigt werden könnten und die ihn noch an das vergangene Erdenleben fesseln. Ein großer Teil des Astralleibs wird hier abgelegt und geht in der allgemeinen Astralwelt auf. Im Kamaloka begegnet der Mensch den geistig-kosmischen Kräften der Mondensphäre.

Das Wesen der Toten

Das Bewusstsein der Toten

Hauptartikel: Bewusstsein der Toten

Das Bewusstsein der Toten ist anders geartet als das des irdisch verkörperten Menschen. Was der Mensch auf Erden klar bewusst erlebt hat, verblasst nach dem Tod sehr bald zu einer schwachen Erinnerung. In bedeutsamen Imaginationen entrollt sich im ersten Drittel des nachtodlichen Lebens aber all das, was er im irdischen Leben unbewusst durchlebt hat. Im zweiten Drittel enthüllt sich durch Inspiration die Bedeutung dieser Bilder. Im letzten Drittel fühlt sich der Mensch durch Intuition in seine ganze seelische und geistige Umgebung versetzt und bereitet sich dadurch auf seine Wiedergeburt auf Erden vor. Ein Nachklang dieser Intuitionen ist die Nachahmungsfähigkeit des Kindes in den ersten sieben Lebensjahren (Lit.: GA 174b, S. 312ff).

„In dem Augenblick aber, wo man sich im inneren Erleben frei gemacht hat von dem Körperlichen, da weiß man, wie es mit dem Menschen ist, wenn er ohne seine Körperlichkeit sein Leben durchlebt. Und im Bilde tritt einem vor die Seele die Tatsache des Durchgehens durch die Todespforte, des Sterbens. Hat man einmal erkannt, was es heißt, unabhängig vom Leibe in seinen geistigen Kräften sich zu erfassen, dann weiß man auch, was man ist im geistigen Dasein, wenn man den Leib abgelegt hat und durch die Todespforte geschritten ist. Und man lernt auch die Umgebung kennen, die dann für den Menschen vorhanden ist. Man lernt erkennen, wie mit dem Leibe, wenn er abgelegt ist, dasjenige von uns abfällt, was uns mit der Sinneswelt verbindet. Es bleibt aber das, was uns erst selbst gestaltet hat als Mensch, das Seelisch-Geistige des Menschen. So lernt man erkennen die Erlebnisse, die man mit anderen Menschen gehabt hat. Das aber, was in diesen Sinneserlebnissen gesteckt hat, wie sich Seele zu Seele gefunden hat, was sich ausgelebt hat in den Beziehungen zu anderen Menschen, zu näher und ferner stehenden, was sich im Räume und in der Zeit abspielte, das Ewig-Geistige lernt man erkennen, wie es die irdische Form des Erlebens abstreift. Und um so mehr erlebt dann die Seele das, was geistig in ihr gesteckt hat an Beziehungen zu anderen Menschen. Und es wird das, was sonst nur Gegenstand des Glaubens ist, Erkenntnisgewißheit.“ (Lit.:GA 231, S. 27f)

Die Geistgestalt der Toten

Hauptartikel: Gestalt der Toten

Die Geistgestalt der Toten erscheint zunächst als Schattengestalt, die in gewissem Sinne noch ähnlich ist der physischen Gestalt des verstorbenen Menschen. Fortwährend verwandelt sich dann aber die Gestalt und wird immer mehr zu einer Physiognomie der moralisch-geistigen Qualitäten des Toten (Lit.: GA 231, S. 77ff).

Die Wesensglieder der Toten

Hauptartikel: Wesensglieder der Toten

Die Wesensglieder der Toten sind anders geartet als die des irdisch verkörperten Menschen. Nachdem der Tote den Ätherleib abgelegt hat, wird er von einer Art Geistselbst umhüllt, das aber noch nicht jenes Geistselbst ist, das sich der Mensch später im Laufe der Weltentwicklung durch seine eigene Ich-Tätigkeit erwerben wird. Rudolf Steiner hat dafür den Ausdruck Seelenselbst geprägt. Nach dem Kamaloka wird der Tote auch von Lebensgeist umhüllt, den Rudolf Streiner, wieder um Verwechslungen auszuschließen, auch als Lebensseele oder Seelenleben bezeichnet hat. Zuletzt wird der Tote auch noch mit einem Seelenmenschen umkleidet, der dem Geistesmenschen entspricht.

Der Weg durch die Planetensphären

Hauptartikel: Planetensphären

Im weiteren Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchwandert der Mensch schrittweise die einzelnen Planetensphären:

"Um aber zu verstehen, wie wir uns einleben, dazu ist notwendig, daß wir tatsächlich über die durch die imaginative Erkenntnis wahrzunehmenden sozusagen Größenverhältnisse unseres Wesens uns aufklären, indem wir uns von unserem physischen Leibe herausziehen mit unserem seelischen Wesen.

Das tun wir ja, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Da dehnt sich tatsächlich unser Wesen aus, da wird unser Wesen immer größer und größer. Das ist eine schwierige Vorstellung; aber es ist doch so. Wir sind in der Tat nur auf der Erde versucht zu glauben, daß wir so groß sind wie die Grenze unserer Haut. Es ist ein Hinauswachsen in die endlosen Räume, sozusagen ein immer Größer- und Größerwerden. Und wenn wir am Ende der Kamalokazeit angelangt sind, sind wir buchstäblich so groß, daß wir bis zu dem Umkreis reichen, den der Mond um die Erde macht. Also, wir werden sehr, sehr groß. Wir werden, wie der Okkultist sagt, zu Mondbewohnern; das heißt aber, wir dehnen unser Wesen so weit aus, daß unsere äußere Grenze zusammenfällt mit dem Kreis, den der Mond um die Erde beschreibt. Ich kann auf die Lagenverhältnisse der Planeten heute nicht eingehen, aber Sie werden das, was scheinbar mit der äußeren Astronomie nicht stimmt, aufgeklärt finden, wenn Sie die Dinge mit dem in Düsseldorf gehaltenen Vortragszyklus über «Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt» vergleichen. Und dann wachsen wir weiter hinaus in den Weltenraum, in unser ganzes Planetensystem hinein, und wachsen dann zunächst in das, was der Okkultist die Merkursphäre nennt, hinein. Das heisst, wir werden — in den Grenzen, die Sie sich ja selbst abstecken, wenn Sie die Dinge richtig verstehen —, wir werden nach der Kamalokazeit Merkurbewohner, und wir fühlen uns auch durchaus dann so, daß wir den Weltenraum bewohnen. So wie wir uns während unseres physischen Daseins als Erdenbewohner fühlen, so fühlen wir uns dann als Merkurbewohner." (Lit.: GA 140, S. 87f)

"Hier in der physischen Welt bezeichnen wir als den Menschen dasjenige Physische, was innerhalb der Haut eingeschlossen ist, das übrige betrachten wir als unsere Umgebung. Was der Mensch erlebt, hängt ab von den Funktionen der Sinnesorgane, auch von Herz, Lungen und so weiter. Das alles verschwindet aber auf dem Wege, den wir gehen zwischen Tod und neuer Geburt. Unser seelischgeistiger Teil ist während des Erdenlebens gleichsam eingebettet in unseren physischen Leib, und jener lebt von den Tätigkeiten der genannten Organe. Nach dem Tode vergrößert sich dasjenige, was den physischen und den Ätherleib verläßt, immer mehr und mehr, und es kommt eine Zeit, in der das, was sonst an die Grenze unserer Haut gebunden ist, sich so weit ausbreitet, daß es den ganzen Umkreis der Mondbahn erfüllt. Dann wächst das Geistig-Seelische allmählich bis zur Merkur-, Venus-Sphäre, dann zur Mars-, Jupiter-, Saturnsphäre heran und sogar darüber hinaus in den Weltenraum hinein. Nachher zieht es sich wieder zusammen und verbindet sich als kleiner Geistkeim mit dem Strom der Vererbungskräfte, die ihm den physischen Leib durch Vater und Mutter zubereiten. Diese Schilderung stimmt überein mit dem, was in der «Theosophie» geschrieben ist; bei der Mars-Sphäre beginnt das Geisterland." (Lit.: GA 140, S. 318)

Der Aufstieg bis zur «Weltenmitternacht»

Hauptartikel: Weltenmitternachtsstunde

"Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes getreten ist, so hat er seinen physischen Leib abgelegt; der physische Leib ist den Elementen der Erde übergeben. Mit anderen Worten könnte auch über ihn gesagt werden: Der physische Leib hat sich herausgehoben aus den Kräften und Gesetzen, die ihn zwischen der Geburt und dem Tode vom eigentlichen Menschen heraus durchdringen und die andere Gesetze sind als die bloß chemischen und physikalischen Gesetze, denen er dann nach dem Tode als physischer Leib verfällt. Vom Gesichtspunkt der physischen Welt aus hat der Mensch ja selbstverständlich die Anschauung: Von der menschlichen Wesenheit ist zurückgeblieben auf dem physischen Plane das, was diesem physischen Plane angehört. Es wird dieses dem physischen Plane Angehörige nun auch dem physischen Plane übergeben. Für den Menschen selbst aber und für alle Auffassung der geistigen Welt kommt der Gesichtspunkt in Betracht, den der Tote, der Mensch, der durch die Pforte des Todes geschritten ist, hat einnehmen müssen. Für ihn bedeutet das Verlassen des physischen Leibes einen inneren Vorgang, einen Seelenvorgang; für die Hinterbliebenen ist das, was mit dem physischen Leibe nach dem Tode geschieht, ein äußerer Vorgang. Das Innere des Menschen, das Menschlich-Seelenhafte des verstorbenen Menschen drückt sich ja innerhalb dessen, was als sterblicher Überrest zurückgeblieben ist, nicht mehr aus. Für den Menschen selbst aber, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, ist dennoch etwas verbunden mit dem Verlassen des Leibes. Es bedeutet ein inneres Seelenerlebnis: Du bist aus deinem physischen Leibe herausgegangen und lassest diesen physischen Leib zurück.

Es ist außerordentlich schwierig, ich möchte sagen, vom Standpunkt des physischen Planes aus dieses, was da im Inneren der Seele des Menschen vorgeht, wirklich sachgemäß zu schildern. Denn es ist ein innerer Vorgang, der im Grunde etwas ungeheuer Umfassendes, etwas ungeheuer Bedeutsames hat. Es ist ein innerer Vorgang, der ja im Grunde kurz dauert, aber von einer für das gesamte menschliche Eeben universalen Bedeutung ist. Nun, wenn man den Vorstellungsinhalt dessen schildern möchte, was da mit der Seele vorgeht, diesen Vorstellungsinhalt, den man natürlich heute in einem öffentlichen Vortrag noch nicht berühren kann, denn er würde die OfFentlichkeit zu sehr frappieren - vielleicht kommt aber auch dazu die Zeit -, wenn man den äußeren, also jetzt geistig äußerlichen Vorstellungsvorgang schildern wollte, mit dem sozusagen der Eebensweg beginnt, der zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft, so könnte man sagen, der durch die Pforte des Todes Geschrittene hat zunächst das Gefühl: Du bist jetzt in einem ganz anderen Verhältnisse zur Welt als du vorher warst, und das ganze frühere Verhältnis, das du zur Welt hattest, ist im Grunde genommen umgekehrt, radikal umgekehrt. Man müßte eigentlich in der folgenden Weise schildern, wenn man das, was da vorstellungsmäßig erlebt wird, schildern wollte. Man müßte sagen: Der Mensch hat bis zu seinem Tode auf der Erde gelebt, er ist gewohnt gewesen in dieser Zeit auf der festen, materiellen Erde zu stehen, auf dieser materiellen Erde die Wesen des mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reiches, Berge, Flüsse, Wolken, Sterne, Sonne und Mond zu sehen, und ist gewohnt worden, durch seinen eigenen Gesichtspunkt und durch seine im physischen Leib vorhandenen Fähigkeiten, sich dieses Ganze so vorzustellen, wie man es sich ja doch vorstellt, trotzdem man heute durch den Kopernikanismus weiß, daß es im Grunde ein Scheinbild ist: Da oben ist das blaue Himmelsgewölbe wie eine Himmelsschale, da sind die Sterne darauf, darüber gehen Sonne und Mond und so weiter, man selber ist wie in dieser Schale, in dieser Hohlkugel, im Inneren da drinnen in der Mitte auf der Erde mit dem, was einem die Erde für die Wahrnehmung zeigt.

Es kommt uns jetzt nicht darauf an, daß das ein Scheinbild ist, daß wir selber nur durch die Beschränktheit unserer Fähigkeiten uns diesen blauen Umkreis bilden, sondern darauf, daß wir ja gar nicht anders können als das zu sehen. Wir sehen eben das, was nur durch die Beschränktheit unserer Fähigkeiten so ist, sehen eben eine blaue Kugel als Firmament über uns gebildet. Wenn nun der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, so ist das erste, daß er die Vorstellung seiner Seele ausbilden muß: Du bist jetzt außerhalb dieser blauen Kugel, in der du warst. Du siehst sie von außen an, aber so, als ob sie zu einem Stern zusammengeschrumpft wäre. Man hat zunächst kein Bewußtsein von der Sternenwelt, in die man sich eigentlich ausbreitet, sondern man hat zunächst nur ein Bewußtsein von dem, was man verlassen hat: daß man seine Bewußtseinssphäre, die man gehabt hat im physischen Leibe, verlassen hat, daß man das verlassen hat, bis wohin einen die menschlichen Fähigkeiten, die im physischen Leibe ausgebildet sind, haben schauen lassen. Es ist wirklich, aber geistig, etwas Ähnliches vorgegangen, wie es vorgehen müßte, wenn mit bewußtem Erleben ein Küchlein, das in der Eierschale drinnen ist, diese zerbricht und nachher die zerbrochene Eischale, die es bisher umschlossen hat, seine bisherige Welt, von außen statt von innen ansieht. Natürlich ist diese Vorstellung wiederum Maja, die da durch die menschliche Seele zieht, aber eine notwendige Maja. Wie gesagt, zusammengeschrumpft wie zu einem Sterne ist das, was uns vorher den Inhalt unseres Bewußtseins gab, nur daß sich, von diesem Sterne ausgehend, dasjenige ausbreitet, was man nennen könnte: erstrahlende kosmische Weisheit. Diese erstrahlende kosmische Weisheit ist dasselbe, welches ich auch gestern im letzten Vortrag behandelt habe, und von dem ich gesagt habe, daß wir es in Fülle haben. Das glimmt und glitzert uns entgegen wie von einem feurigen Stern. Jetzt ist es nicht blau wie das Firmament, sondern jetzt ist es feurig, rötlich erglimmend, und davon ausstrahlend in den Raum die Fülle von Weisheit, die uns aber zuerst zeigt - sie ist in sich ganz beweglich - das, was man ein Erinnerungstableau unseres letzten Erdenlebens nennen könnte. All die Vorgänge, die wir mit unserem inneren Seelenerleben durchmessen haben zwischen der Geburt und dem Tode, wo wir bewußt dabei waren, treten vor unsere Seele hin, aber so, daß wir wissen: Du siehst das alles, weil der Stern, der da vor dir aufglänzt, der Hintergrund ist, der durch seine innere Tätigkeit bewirkt, daß du das alles sehen kannst, was sich als ein Erinnerungstableau ausbreitet. Das ist so mehr vom Standpunkt der Imagination aus gesprochen. Vom Standpunkt der Innerlichkeit gesprochen ist das Erlebnis etwa dieses, daß derjenige, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, nunmehr ganz erfüllt ist von dem Gedanken: Ja, du hast deinen Leib verlassen. Jetzt, in der geistigen Welt, ist dieser Leib lauter Wille. Ein Willensstern, ein Stern, dessen Substanz Wille ist, das ist dein Leib. Und dieser Wille erglüht in Wärme und strahlt dir in den Weltenweiten, in die du dich jetzt selber ergossen hast, dein eigenes Leben zwischen der Geburt und dem Tode wie ein großes Tableau zurück. Und du verdankst dem Umstände, daß du innen verweilen konntest in diesem Stern, daß du alles das aus der Welt ziehen und saugen konntest, was du auf dem physischen Plan aus der Welt eben gezogen und gesaugt hast. Denn dieser Stern, dieser Willensstern, der jetzt den Hintergrund bildet, das ist das Geistige deines physischen Leibes, dieser Willensstern ist der Geist, der deinen physischen Leib durchtränkt und durchkraftet. Das, was dir als Weisheit erstrahlt, das ist die Tätigkeit, die Beweglichkeit deines Ätherleibes.

Es vergeht die Zeit, das ist ja auch schon im öffentlichen Vortrag charakterisiert worden, die eigentlich nur nach Tagen dauert, wo man den Eindruck hat: das Leben spielt sich ab wie ein Erinnerungstableau. Unsere Gedanken, die zu unseren Erinnerungen während des Lebens auf der Erde geworden sind, rollen da gleichsam ab in diesem Erinnerungstableau, die treten noch einmal vor unsere Seele hin. Und wir können es so lange aufrechterhalten, als wir die Kraft haben, unter normalen Verhältnissen uns im physischen Leibe wach zu erhalten. Es kommt ja nicht darauf an, wie lange wir einmal im Leben wach geblieben sind in abnormen Verhältnissen, es kommt darauf an, welche Kräfte wir in uns haben, um eben uns wach zu erhalten. Diese sind bei dem einen so, daß er kaum eine Nacht durchwachen kann, ohne daß ihn Müdigkeit überkommt, bei dem anderen, daß er es länger aushaken kann, ohne müde zu werden. Von dem Maße dieser Kräfte ist es abhängig, wie lange der Mensch braucht, um mit diesem Erinnerungstableau fertig zu werden. Aber man hat auch das ganz deutliche innere Bewußtsein, daß dadurch, daß der Willensstern im Hintergrunde ist, in diesem Erinnerungstableau dasjenige ist, was wir uns im letzten Erdenleben errungen haben. Daß darin das ist, um was wir reifer geworden sind, was wir sozusagen durch den Tod als ein Mehr hinausgetragen haben gegenüber dem, was wir beim Eintritt in unsere Geburt als ein Geringeres gehabt haben. Dieses, was wir wie eine Frucht des letzten Lebens bezeichnen können, das fühlen wir so, als wenn es nicht bleiben würde, wie es war während des Erinnerungstableaus, sondern wie wenn es sich fernte, wie wenn es fortginge, wie wenn es in der Zeiten Zukunft hineinginge und in der Zeiten Zukunft entschwände.

Ich werde heute vorzugsweise davon reden, wie es sich mit dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verhält bei solchen Menschen, die eine normale Lebensdauer erreicht haben und in normalen Verhältnissen gestorben sind. Für Ausnahmefälle soll dann morgen das Nähere gesagt werden.

Also es fernt sich unsere Lebensfrucht, wenn wir eine solche erlangt haben, und wir wissen in der Seele: diese Frucht ist irgendwie vorhanden, aber wir sind hinter ihr zurückgeblieben. Man hat das Bewußtsein, man ist an einem früheren Zeitpunkt verblieben, die Lebensfrucht zieht schnell fort, so daß sie früher ankommt an einem späteren Zeitpunkt, und wir müssen ihr nachziehen, dieser Lebensfrucht. Das, was ich jetzt gesagt habe, dieses innere Erlebnis, daß die Lebensfrucht im Weltenall weilt, vorhanden ist, das müssen wir uns so recht vorstellen, denn das ist es, was den Grund bildet für unser Bewußtsein, für den Beginn unseres Bewußtseins nach dem Tode. Unser Bewußtsein muß ja sozusagen immer durch etwas angeregt werden. Wenn wir des Morgens aufwachen, so wird unser Bewußtsein neuerdings angefacht - während wir beim Schlaf bewußtlos sind - durch das Eintauchen in den physischen Leib und dadurch, daß uns die äußeren Dinge gegenübertreten, dadurch daß etwas von außen wirkt. In den Verhältnissen unmittelbar nach dem Tode wird dieses Bewußtsein angefacht durch das innere Erfühlen und Erleben dessen, was die Frucht unseres letzten Lebens ist, was wir uns errungen, erobert haben. Das ist vorhanden, aber außer uns vorhanden. Durch dieses Erfühlen und Erleben unseres innersten irdischen Wesens außer uns haben wir die erste Entzündung unseres Bewußtseins nach dem Tode, daran belebt sich dieses Bewußtsein.

Dann beginnt die Zeit, in welcher es notwendig ist, daß wir Seelenkräfte entwickeln, welche während des Lebens auf dem physischen Plane eigentlich unentwickelt bleiben müssen, weil sie alle dazu verwendet werden, den physischen Leib und das, was zu ihm gehört, das ganze physische Leben, durchzuorganisieren, Seelenkräfte, die während des physischen Lebens in etwas anderes verwandelt sein müssen. Diese Kräfte müssen allmählich erwachen nach dem Tode. Schon in den Tagen, während welcher wir das Erinnerungstableau erleben, haben wir ein solches Erwachen von Seelenfähigkeiten zu verzeichnen. Wenn das Erinnerungstableau nach und nach abflutet und abdämmert, so geschieht das eigentlich dadurch, daß wir während dieser Tage schon diejenigen Kräfte entwickeln, welche der Erinnerungsfähigkeit zwar zugrunde liegen, aber nicht bewußt werden während des physischen Lebens, und zwar deshalb nicht, weil wir während dieses physischen Lebens sie gerade umwandeln müssen, um Erinnerungen bilden zu können. Die letzte große Erinnerung, die wir nach dem Tode in Form des Tableaus haben, die muß erst abfluten, die muß nach und nach verdämmern, dann entwickelt sich aus der Verdämmerung heraus das, was wir bewußt nicht haben durften vor dem Tode. Denn hätten wir es bewußt gehabt vor dem Tode, so hätten sich niemals in uns die Erinnerungskräfte bilden können. Umgewandelt in diese Fähigkeit, uns zu erinnern, haben sich die Kräfte, die sich jetzt in der Seele während des Abdämmerns der Erinnerung des Lebenstableaus heraus entwickeln. Umgesetzt in die Erinnerungskraft haben sich diese vor dem Tode, und jetzt kommen sie heraus, indem die Möglichkeit, sich in gewöhnlicher Weise an irdische Gedanken zu erinnern, überwunden wird. Diese gleichsam ins Geistige umgewandelte Gedächtniskraft erwacht als eine erste geistig-seelische Kraft in uns, die nach dem Tode aus der menschlichen Seele so herauskommt, wie die Seelenkräfte beim heranwachsenden Kinde in den ersten Lebenswochen herauskommen. Indem diese Seelenkraft heranwächst, zeigt sich uns eben, daß hinter den Gedanken, die, während wir auf dem physischen Plane waren, nur Schattenbilder waren, Lebendiges steckt, daß ein Leben und Weben in der Gedankenwelt ist. Wir werden gewahr, daß das, was wir innerhalb des physischen Leibes als unser Gedankentableau haben, eben nur ein Schattenbild ist, daß es in Wahrheit eine Summe, eine Ausbreitung von Elementarwesen ist. Wir sehen gleichsam unsere Erinnerungen abglimmen und sehen dafür aus dem allgemeinen Weisheitskosmos heraus eine ganze Anzahl von Elementarwesen erwachen.

Sie könnten fragen, meine lieben Freunde: Ja, geht uns denn das nicht ab nach dem Tode, daß wir gerade die Erinnerungskraft überwinden und etwas anderes dann haben? Es geht uns nicht ab, denn wir haben reichlichen Ersatz dafür nach dem Tode. Statt daß wir uns wie im Leben an unsere Gedanken erinnern, merken wir nach dem Tode, daß diese Gedanken, die wir als Gedächtnisgedanken im Leben hatten, für uns sich nur so ausnehmen wie Erinnerungen. Oh, dieser Gedächtnisschatz während des Lebens, er ist etwas ganz anderes als ein bloßer Gedächtnisschatz! Sind wir aus dem physischen Leibe heraus, dann sehen wir diesen ganzen Gedächtnisschatz als lebendige Gegenwart, dann ist er da. Jeder Gedanke lebt als ein Elementarwesen. Wir wissen jetzt: Du hast gedacht während deines physischen Lebens, dir sind deine Gedanken erschienen. Aber während du in dem Wahne warst, du bildetest dir Gedanken, hast du lauter Elementarwesen geschaffen. Das ist das Neue, was du zum ganzen Kosmos hinzugefügt hast. Jetzt ist etwas da, was in den Geist hinein von dir geboren worden ist, jetzt taucht vor dir auf, was deine Gedanken in Wirklichkeit waren. Man lernt zunächst in unmittelbarer Anschauung erkennen, was Elementarwesen sind, weil man diejenigen Elementarwesen zuerst erkennen lernt, die man selber geschaffen hat. Das ist der bedeutungsvolle Eindruck der ersten Zeit nach dem Tode, daß man das Erinnerungstableau hat. Aber dieses fängt an zu leben, richtig zu leben, und indem es anfängt zu leben, verwandelt es sich in lauter Elementarwesen. Jetzt zeigt es sozusagen sein wahres Antlitz, und darin besteht sein Verschwinden, daß es etwas ganz anderes wird. Wir brauchen, wenn wir zum Beispiel mit sechzig oder achtzig Jahren gestorben sind, jetzt nicht mehr für irgendeinen Gedanken, den wir etwa im zwanzigsten Jahre unseres Lebens gehabt haben, Erinnerungskraft, denn er ist da als lebendiges Elementarwesen, er hat gewartet und wir brauchen uns nicht an ihn zu erinnern. Denn wären wir zum Beispiel in unserem vierzigsten Lebensjahre gestorben, so wäre der Gedanke erst zwanzig Jahre alt - und das sehen wir ihm deutlich an. Diese Elementarwesen sagen uns selber, wie lange es her ist, seit sie sich gebildet haben. Die Zeit wird zum Raum. Sie steht vor uns, indem die lebendigen Wesen ihre eigenen Zeitensignaturen zeigen. Die Zeit wird zur unmittelbaren Gegenwart für diese Verhältnisse.

Wir lernen aus diesen unseren eigenen Elementarwesen, von denen wir im Leben schon umgeben waren, die wir im Tode erblicken, die Natur der elementarischen Welt überhaupt kennen und bereiten uns dadurch vor, auch solche Elementarwesen der Außenwelt zu verstehen im allmählichen Anschauen, die nicht wir geschaffen haben, sondern die ohne uns im geistigen Kosmos vorhanden sind. Durch unsere eigene elementare Schöpfung lernen wir die anderen kennen. Denken Sie sich einmal, wie unendlich verschieden eigentlich dieses Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist von dem irdischen Leben. Das erste, was vorgeht nach der Geburt, ist, daß sich der Mensch noch nicht selber erkennt. Das, was er erlebt als ganz kleines Kind, das erleben die anderen mit ihm. Er ist geboren worden, und die anderen, seine Eltern, schauen dieses Geborene an. Nach dem Tode schaut man sich zunächst allerdings nicht selber an, aber sein Geborenes schaut man als eine Außenwelt an. Das, was draußen ist, was man geboren hat mit dem Augenblick des Todes, das schaut man selber an. So wahr der Mensch, wenn er durch die physische Geburt ins Dasein tritt, eine ihm unverständliche Außenwelt vor sich hat und eigentlich ein Wesen ist, welches nur für die anderen zappelt und weint und auch lacht, so ist man nach dem Tode, nach der Geburt für die geistige Welt, die für die physische Welt der Tod ist, zunächst so, daß man beginnt selber in der Umgebung zu sein, die man sich selber geboren hat, die man sich selber um sich herum aufrichtet, weil man sie geboren hat. Man hat die Welt geboren, während man, wenn man ins Physische geboren wird, von der Welt geboren wird. So ist es mit unseren Gedanken und mit dem, was aus den Gedanken wird mit der Erinnerung, dem Gedächtnisschatz.

Anders ist es mit dem, was unserer Gefühls- und unserer Willenssphäre angehört. Ich habe im ersten der Vorträge hier ausgeführt, daß das, was unserer Gefühls- und unserer Willenssphäre angehört, eigentlich in seiner vollen Wesenheit noch nicht geboren ist in uns, daß Wille und Gefühl in gewisser Beziehung etwas darstellen, was nicht zu seinem vollen Ausgebären kommt. Das zeigt sich insbesondere nach dem Tode, denn Wille und Gefühl, so wie sie den physischen Leib durchdringen, sind noch vorhanden nach dem Tode. So daß der Mensch also nach einiger Zeit, nachdem sich der Willensstern mit den Früchten seines letzten Erdenlebens gefernt hat, in einer Elementarwelt lebt, die seine Umgebung ist, und der er selbst sozusagen den Grundton gibt durch seine umgewandelten Erinnerungen. Es lebt der Mensch so in dieser Welt darinnen, die eigentlich er ist in dem Sinn, wie eben auseinandergesetzt worden ist, daß er weiß: Ja, aber dein Gefühl und dein Wille leben noch in dir, die haben jetzt eine Art von Erinnerung, eine Art von Zusammenhang mit dem letzten Erdenleben. Das dauert durch Jahrzehnte. Wenn wir im Erdenleben stehen zwischen der Geburt und dem Tode, dann genießen wir und leiden wir, dann leben wir in Leidenschaften, entwickeln Willensimpulse dadurch, daß wir die fühlende und wollende Seele in unserem Leibe tragen. Aber niemals ist es so, daß durch den Leib all die Kräfte, die in Gefühl und Willen liegen, wirklich herauskommen können. Wenn man auch das höchste Alter erreicht hat, so stirbt man doch so, daß man hätte noch mehr genießen können, noch mehr leiden können, noch mehr Willensimpulse hätte entwickeln können. Das aber muß erst überwunden werden, was an Möglichkeiten des Fühlens und Wollens noch in der Seele ist. Solange das nicht vollständig überwunden ist, so lange haben wir einen Begierdenzusammenhang mit dem letzten Erdenleben. Wir schauen gleichsam auf dieses letzte Erdenleben zurück. Es ist, wie ich es öfter mit einem trivialen Wort genannt habe, eine Art Abgewöhnen von dem Zusammenhang mit dem physischen Erdenleben. In die Natur dieser Kraft, die man da zu überwinden hat, zu deren Überwindung man eigentlich jahrzehntelang braucht, in die Natur dieser Kraft dringt derjenige, der nur ein wenig wirklicher Geistesforscher wird, sehr bald ein, denn sie offenbart sich eigentlich verhältnismäßig leicht der Geistesforschung.

Wenn wir jeden Tag aus den Erlebnissen des Tages heraus einschlafen, eine Zeit zubringen zwischen dem Einschlafen und dem Erwachen, dann sind wir in unserem Seelisch-Geistigen außerhalb unseres Leibes. Wir kehren zurück, weil wir im Seelisch-Geistigen einen Trieb zu diesem Zurückkehren haben, weil wir wirklich nach unserem Leib begehren. Wir begehren durchaus nach unserem Leib, und wer das Aufwachen bewußt erleben kann, der weiß: Du willst aufwachen und du mußt aufwachen wollen. Es besteht eben eine Anziehungskraft im Geistig-Seelischen nach dem Leibe hin. Diese muß nach und nach abglimmen, muß ganz und gar überwunden werden. Das dauert Jahrzehnte. Es ist die Zeit, in der wir nach und nach unseren Zusammenhang mit dem letzten Erdenleben überwinden. Das macht es, daß wir in bezug auf die Erlebnisse nach dem Tode in der Zeit, die also verfließt, wie ich es eben geschildert habe, eigentlich alles auf dem Umweg durch unser Erdenleben erleben müssen.

Ich bin jetzt in der Lage, nachdem die vorhergehenden Vorträge gehalten worden sind, Ihnen mancherlei Verhältnisse genauer zu schildern als sonst, wo man mehr im Überblick schildern mußte, denn es müssen für die genaue Schilderung immer erst die Begriffe herbeigetragen werden.

Nehmen wir einmal an, wir haben einen Menschen auf der Erde zurückgelassen und sind selber durch die Pforte des Todes gegangen. Wir stehen also in der Zeit darinnen, wo wir uns die Fähigkeit angeeignet haben, in die elementaren Wesenheiten hineinzuschauen und uns selber zu erfühlen, so daß wir wissen: Unsere Erdenfrüchte haben sich gefernt. Aber wir hängen noch zusammen mit unserem letzten Erdenleben. Nehmen wir an, wir haben einen Menschen zurückgelassen, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, den wir sehr lieb gehabt haben. Ja, jetzt nach dem Tode kommen wir allmählich dazu, indem wir uns von unseren eigenen elementaren Schöpfungen aus hineingewöhnen, die elementaren Wesenheiten von anderen zu schauen, jetzt können wir uns hineinfinden, Gedanken anderer als Elementarwesen zu schauen. Das lernen wir allmählich an unseren eigenen Elementarwesen, auch bei den anderen Menschen, die wir zurückgelassen haben, zu sehen, was er denkt, was in seiner Seele an Gedanken lebt; wir sehen es. Denn es drückt sich in den Elementarwesen aus, die uns in mächtigen Imaginationen vor die Seele treten. Wir können also in dieser Beziehung jetzt schon viel mehr Zusammenhang haben mit dem Innerlichen des betreffenden Menschen, als wir mit ihm in der physischen Welt hatten. Denn während wir selber im physischen Leibe waren, konnten wir ja nicht auf das Gedankliche des anderen hinschauen; jetzt können wir es. Aber wir brauchen gleichsam die Gefühlserinnerung - bitte auf das Wort wohl achtzugeben -, die Gefühlserinnerung, den Gefühlszusammenhang mit unserem eigenen letzten Erdenleben. Wir müssen gleichsam so fühlen, wie wir im Leibe gefühlt haben, und dieses Gefühl muß in uns nachklingen, dann belebt sich das Verhältnis, das wir sonst nur wie zu einem Bilde haben würden, als das uns die Gedanken des anderen erscheinen. Einen lebendigen Zusammenhang bekommen wir also auf dem Umwege durch unsere Gefühle. Und so ist es im Grunde genommen mit allem.

Sie sehen, es ist ein Herausarbeiten aus einem Zustand, den man dadurch charakterisieren kann, daß man sagt: Es ist eine Zeit, in der wir die Kräfte noch aus unserem letzten Erdenleben beziehen müssen, um in lebendige Beziehungen zu kommen zu unserer geistigen Umwelt, wir müssen mit diesem Erdenleben noch zusammenhängen. Wir lieben die Seelen, die wir zurückgelassen haben, deren Seeleninhalt uns als Gedanken, als Elementarwesen erscheint, aber wir lieben sie, weil wir selber noch leben von der Liebe, die wir für sie während unseres Erdenlebens entwickelt haben. Es ist ja unangenehm, möchte ich fast sagen, solche Ausdrücke zu gebrauchen, aber einige von Ihnen werden mich verstehen, wenn ich sage: Das Erdenleben - also nicht das Gedankenleben -, das Erdenleben als gefühlter und mit Willensimpuls durchsetzter Seeleninhalt, mit dem wir noch zusammenhängen, das wird wie eine Art elektrischer Umschalter der eigenen Individualität mit dem, was um uns herum geistig uns umwallt. Wie eine Art elektrischer Umschalter: wir nehmen alles wahr auf dem Umweg durch das letzte Erdenleben. Aber nur durch das, was im letzten Erdenleben Fühlen und Wollen war, nehmen wir wahr, was in der geistigen Welt zu uns gehört. Es ist wirklich jetzt so, daß wir uns in der Zeit weiterlebend fühlen, wie eine Art Komet der Zeit. Unser Erdenleben ist noch da wie ein Kern, aber der Kern entwickelt in die nächste Zukunft hinein eine Art von Schweif, den wir durchleben. Wir hängen noch zusammen mit unserem Erdenleben, insoferne dieses erfüllt ist von Gefühl und Wille. In unserem Seeleninnern muß sich herausgebären aus diesem Erleben, wie ich es Ihnen geschildert habe, etwas, was jetzt nicht unmittelbar Gefühl und Wille ist. Denn die Seelenkräfte, die wir hier in der physischen Welt entwickeln, auch die Kraft des Fühlens, wie wir sie eben in der physischen Welt als Gefühlskraft haben, die Kraft des Willens, wie wir sie in der physischen Welt als Willenskraft haben, haben wir in dieser Form dadurch, daß wir eben im physischen Leibe leben. Wenn die Seele nun nicht mehr im physischen Leibe lebt, so muß sie andere Fähigkeiten entwickeln, die während des physischen Lebens nur schlummern, sie muß, während noch der Nachklang von Gefühl und Wille Jahre hindurch in ihr wirkt, aus diesem Zusammenhang das herausreifen, was sie nun für die geistige Welt auch in dieser Beziehung brauchen kann, Kräfte, die ich bezeichnet habe, indem ich sagte, es ist etwas wie ein fühlendes Begehren oder ein begehrendes Fühlen. Von unserem Gefühl und unserem Willen wissen wir, die sitzen in unserer Seele darinnen. Doch von einem solchen Gefühl und Begehren, wie sie in unserer Seele sitzen, da haben wir nach dem Tode im Grunde genommen nichts, die müssen nach und nach abdämmern und abdumpfen; und das tun sie eben nach Jahren. Aber während dieses Abdämmerns und Abdumpfens muß sich von Gefühl und Wille etwas entwickeln, wovon wir nach dem Tode etwas haben.

Unsere Gedanken leben draußen als Elementarwesen. Von einem Gefühl und einem Willen, wie sie in uns lebten, würden wir nichts haben für diese Welt, die wir selber sind und die da draußen ist. Wir müssen nach und nach einen Willen entwickeln - und den entwickeln wir auch -, der von uns ausströmt, der sich wie von uns ergießt und hinwallt und hinwogt dorthin, wo unsere lebendigen Gedanken sind. Diese durchdringt er, weil auf den Wogen des Willens das Gefühl schwimmt, das im physischen Leben nur in uns ist. Auf den Wogen des Willens schwimmt das Gefühl, da draußen wallt und wogt das Meer unseres Willens, und auf diesem schwimmt das Gefühl. Nämlich es schwimmt dann, wenn der Wille heranstößt an ein Gedankenelementarwesen, dann geschieht durch diesen Zusammenstoß des Willens mit den Gedankenelementarwesen ein Aufglimmen des Gefühls, und wir nehmen wahr als eine reale Wirklichkeit der geistigen Welt dieses Zurückgeworfenwerden unseres Willens. Ich will so sagen: Nehmen wir an, in der geistigen Außenwelt sei ein Elementarwesen. Wenn wir uns herausgearbeitet haben aus dem Zustand, den wir zuerst durchmachen müssen, dann brandet unser Wille, der jetzt aus uns herausgeht, zu dem Elementarwesen hin. Da, wo er heranstößt an das Elementarwesen, wird er zurückgeworfen: jetzt kommt er nicht als Wille zurück, jetzt kommt er als Gefühl zurück, welches in diesem Meer des Willens zurückflutet zu uns. Als Gefühl, welches in den Fluten des Willens zu uns zurückkommt, lebt unser eigenes Wesen ausgegossen in den Kosmos. Dadurch werden die Elementarwesen real für uns, dadurch nehmen wir allmählich immer mehr und mehr wahr, was wirklich da draußen an geistiger Außenwelt außer uns vorhanden ist.

Aber noch eine Seelenkraft muß aus uns herauskommen, die noch in viel tieferen Schichten der Seele schlummert als das fühlende Wollen oder wollende Fühlen: die kreative Seelenkraft, die wie ein inneres Seelenlicht ist, die hinausleuchten muß über die geistige Welt, damit wir nicht nur auf den Gefühlswogen, die da zurückkommen in dem Meer unseres Willens, schwimmend schauen die lebend webenden objektiven Gedankenwesen, sondern damit wir auch mit geistigem Licht diese geistige Welt durchleuchtet haben. Kreative geistige Leuchtekraft muß von unserer Seele hinausgehen in die geistige Welt. Die erwacht allmählich. Sehen Sie, meine lieben Freunde, von dem fühlenden Wollen und wollenden Fühlen haben wir, während wir im physischen Leibe leben, wenigstens, ich möchte sagen, das Geschwisterpaar Fühlen und Wollen in uns differenziert. Zu zweien haben wir das, während es eine Einheit ist, wenn wir durch die Pforte des Todes durchgegangen sind. Diese kreative Seelenkraft, die wir wie ein Seelenlicht ausstrahlen in den geistigen Raum hinaus - wenn ich den Ausdruck « Raum» hier gebrauchen darf, denn es ist eigentlich kein Raum, aber man muß diese Verhältnisse in gewisser Weise dadurch zum Verständnis bringen, daß man sich bildlich ausdrückt -, dieses Seelenlicht schlummert tief unten in uns, weil es zusammenhängt mit dem, wovon wir im Leben nichts wissen dürfen und können. Ganz tief unten schlummert in uns während des Lebens im physischen Plan, was dann als Licht wie erlöst ist und dann die geistige Welt erleuchtet und erhellt. Was da von uns ausstrahlt, muß umgewandelt und verwendet werden während unseres physischen Lebens dazu, daß unser Leib wirklich lebt und Bewußtsein in sich bergen kann. Aber ganz unterhalb der Schwelle des Bewußtseins wirkt diese geistige Leuchtekraft in unserem physischen Leib als die Leben und Bewußtsein organisierende Kraft. Wir dürfen sie nicht ins Erdenbewußtsein hereinbringen, sonst würden wir unserem Leibe die Kraft rauben, die ihn durchorganisieren muß. Jetzt, wo wir keinen Leib zu versorgen haben, wird sie geistige Leuchtekraft und durchstrahlt und durchleuchtet und durchhellt und durchglitzert alles - die Worte bedeuten reale Wirklichkeiten.

So arbeiten wir uns allmählich hinein, in der geistigen Welt ebenso zuhaus zu werden, sie als eine Realität zu erleben, wie wir hier die physische Welt als eine Realität erleben. Wir arbeiten uns allmählich hinein, wirklich auch die toten Menschenseelen, insofern sie real leben in der geistigen Welt, als unsere Genossen in der geistigen Welt zu haben. Wir leben unter den Seelen, wie wir hier im physischen Leibe unter Leibern leben. Und indem man immer mehr und mehr vordringt in den eigentlichen inneren Geist der Geisteswissenschaft, wird die Behauptung, die jemand etwa tun wollte, daß wir nach dem Tode nicht mit all den Menschen, mit denen wir gelebt haben, wiederum zusammenkommen würden, diese Behauptung wird für den, der tiefer eindringt in die Sache, so töricht, wie für den physischen Plan die Behauptung töricht wäre, daß, wenn wir durch die Geburt hereintreten in diese Erde, wir keinen Menschen darin rinden. Die Menschen sind eben um uns herum. Genau dasselbe ist es für den Kenner des geistigen Lebens, wie wenn jemand sagen wollte: Das Kind lebt sich in die Welt herein, aber Menschen sieht es nicht. Das ist ein offenbarer Unsinn. Ebenso ist es ein Unsinn, wenn gesagt wird: Wir finden, wenn wir uns in die geistige Welt hineinleben, nicht all die Seelen wieder, mit denen wir in Zusammenhang gestanden haben, und wir finden nicht Wesenheiten der höheren Hierarchien, die wir stufenweise kennenlernen, wie hier auf der Erde die Mineralien, Pflanzen und Tiere. Das aber ist der Unterschied, daß wir hier in der physischen Welt wissen: Indem wir die Dinge sehen, hören, kommt die Möglichkeit, sie zu sehen und zu hören durch die Sinne, von der Außenwelt. In der geistigen Welt, wissen wir, kommt diese Möglichkeit von uns, indem das, was wir Seelenlicht, Seelenleuchte nennen können, von unserer Seele ausstrahlt und die Dinge erhellt, erleuchtet und durchleuchtet.

So leben wir in die Zeit hinein, die man die erste Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt nennen kann. Indem wir in diese Zeit hineinleben, machen wir die zwei Zustände durch, von denen ich auch im öffentlichen Vortrag gesprochen habe, eine Zeit, die eben nach Jahren dauert, in der wir so, wie es geschildert worden ist, durch die Ausstrahlung unserer Seelenleuchtekraft mit der geistigen Welt zusammenhängen, in der wir also das schauen, was an Geistern und Seelen um uns herum ist. Das dämmert dann ab, wir fühlen: Du kannst jetzt immer weniger deine Seelenleuchtekraft entwickeln, du mußt es dämmeriger und immer finsterer werden lassen im geistigen Sinn. Dadurch siehst du immer weniger die geistigen Wesenheiten. Das wird immer mehr und mehr so, daß man abwechselt mit einer Zeit, in der man sich sagt: Da, um dich sind die Wesenheiten, aber du wirst immer einsamer, du hast nur deinen eigenen Seeleninhalt, und dieser Seeleninhalt wird in dem Maße reicher, in dem man aufhört, da draußen die Wesen beleuchten zu können. Es gibt Zeiten der geistigen Geselligkeit und Zeiten der geistigen Einsamkeit, in der ein Nacherleben dessen ist, was man in den Zeiten der geistigen Geselligkeiten erlebt hat, aber alles dann in der Seele: das schwingt ab und wechselt ab. So leben wir uns hinein in die geistige Welt: geistige Geselligkeit - geistige Einsamkeit. In den Zeiten geistiger Einsamkeit, da wissen wir: Was du sonst in der geistigen Welt rings um dich herum erlebt hast, das war ja alles da, von all dem weißt du, aber jetzt sind nur die Nachklänge davon in deinem Inneren. Man könnte sagen: Erinnerungen sind es in den Zeiten geistiger Einsamkeit. Allein, wenn man solche Worte gebraucht, trifft man die Sache nicht richtig. Ich will daher versuchen, es Ihnen noch von einer anderen Seite her zu schildern.

Es ist nicht so, als wenn man in der geistigen Dunkelheit, in der man nichts Geselliges hat, sich erinnern würde an das, was man früher in der geistigen Welt erlebt hat, sondern als wenn man das in jedem Augenblick frisch hervorbringen müßte: es ist ein fortwährendes inneres Schaffen. Aber man weiß: Während da draußen die Außenwelt ist, mußt du mit dir selber sein und schaffen und schaffen. Was du schaffst, ist die Welt, die da draußen dich umbrandet jenseits der Ufer deines eigenen Wesens.

Aber indem man so in der ersten Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt weiterlebt und sich der Mitte der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt nähert, fühlt man das einsame Leben immer reicher werden und die Ausblicke auf die geistige Umgebung gleichsam kürzer und dämmeriger werden, bis die Zeit herankommt in der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die ich versucht habe, in meinem letzten Mysterienspiel «Der Seelen Erwachen» als die Weltenmitternacht darzustellen, wo der Mensch das stärkste Leben in seinem Inneren hat, aber nicht mehr die kreative Seelenkraft, um seine geistige Umgebung zu beleuchten, wo sozusagen unendliche Welten aus unserem Inneren uns innerlich geistig erfüllen können, aber wir von anderem Sein als unserem eigenen Sein nichts wissen können. Das ist die Mitte in den Erlebnissen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt: die Weltenmitternacht.

Nun beginnt die Zeit, in der im Menschen die Sehnsucht zu einer positiven schöpferischen Kraft wird. Denn obzwar wir ein Unendliches als ein inneres Leben haben, erwacht in uns die Sehnsucht, eine Außenwelt wieder zu haben. So verschieden sind die Verhältnisse der geistigen Welt von denen der physischen Welt, daß, während die Sehnsucht in der physischen Welt die passivste Kraft ist - wenn wir etwas haben, nach dem wir uns sehnen, so ist es dieses Etwas, was uns bestimmt -, ist das Gegenteil in der geistigen Welt der Fall. Da wird die Sehnsucht eine schöpferische Kraft, sie verwandelt sich in das, was jetzt als eine neue Art von Seelenlicht uns eine Außenwelt geben kann, eine Außenwelt, die aber doch eine Innenwelt ist, indem sich uns der Blick eröffnet auf unsere früheren Erdeninkarnationen. Die liegen jetzt beleuchtet von dem aus unserer Sehnsucht heraus geborenen Licht, vor uns ausgebreitet. Es gibt im geistigen Kosmos eine Kraft, die aus der Sehnsucht heraus diesen Rückblick uns erleuchten und erleben lassen kann. Dazu ist aber in unserem gegenwärtigen Zeitenzyklus eines notwendig.

Ich habe Ihnen gesagt, in dieser ganzen Zeit der ersten Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wechseln wir ab zwischen Innenleben und Außenleben, zwischen Einsamkeit und geistiger Geselligkeit. Die Verhältnisse der geistigen Welt sind zunächst so, daß jedesmal, wenn wir in dieser geistigen Welt wieder in unsere Einsamkeit zurückkommen, wir in unserer inneren Tätigkeit immer wiederum das vor unsere Seele bringen, was wir in der äußeren Welt durchlebt haben. Dadurch ist ein Bewußtsein vorhanden, das sich ausbreitet wie mit Schwingen der Unendlichkeit über die ganze geistige Welt. Die Schwingen ziehen sich wiederum zusammen in der Einsamkeit.

Aber eines müssen wir uns erhalten, das da vorhanden bleiben muß, gleichgültig, ob wir uns ausbreiten in die große geistige Welt oder uns zurückziehen. Bevor das Mysterium von Golgatha geschah, war es möglich, durch die Kräfte, durch die der Mensch mit den Urzeiten zusammengehangen hat, den festen Ich-Zusammenhalt zu haben, nicht zu verlieren diesen Ich-Zusammenhalt, das heißt, an das verflossene Erdenleben das eine als Erinnerung vollständig deutlich zurückzubehalten: man war auf der Erde in diesem Leben ein Ich. Das muß sich durchdehnen durch die Zeiten der Einsamkeit und der Geselligkeit. Vor dem Mysterium von Golgatha war durch die vererbten Kräfte dafür gesorgt. Jetzt kann dafür nur dadurch gesorgt werden, daß mit dem, was wir als unser Erdengut von uns losgelöst haben, was wir sich fernend empfunden haben gleich beim Verlassen des physischen Leibes, daß mit diesem eine Seelenerfüllung verbunden bleibt, die Seelenerfüllung, die wir dadurch haben können, daß der Christus ausgeflossen ist in die Erdenaura. Dieses Durchdrungensein mit dem Christus-Substantiellen, das ist es, was uns in der Gegenwart bei dem Übergang aus dem physischen Leben in den Tod die Möglichkeit gibt, bis zur Weltenmitternacht hin die Erinnerung an unser Ich zu bewahren trotz allen Ausbreitens in die geistige Welt, trotz allen Zusammenziehens in die Einsamkeit. Bis dahin reicht der Impuls, der von der Christus-Kraft ausgeht, so daß wir uns selber nicht verlieren. Dann aber muß aus der Sehnsucht heraus eine neue geistige Kraft unsere Sehnsucht zu einem neuen Licht anfachen. Diese Kraft ist nur im Geiste, im geistigen Leben vorhanden.

Meine lieben Freunde, es gibt in der physischen Welt die Natur und das diese Natur durchdringende Göttliche, aus dem wir in die physische Welt hineingeboren werden. Es gibt den Christus-Impuls, der in der Erdenaura, das heißt in der Aura der physischen Natur, vorhanden ist. Aber die Kraft, die in der Weltenmitternacht an uns herankommt, um unsere Sehnsucht leuchtend zu machen über unsere ganze Vergangenheit hin, die gibt es nur in der geistigen Welt, die gibt es nur da, wo keine Leiber leben können. Und hat uns der Christus-Impuls bis in die Weltenmitternacht gebracht, und ist die Weltenmitternacht in geistiger Einsamkeit von der Seele erlebt worden, weil das Seelenlicht jetzt nicht erstrahlen kann von uns selber aus, ist Weitenfinsternis eingetreten, hat uns der Christus bis dahin geführt, so tritt jetzt aus der Weltenmitternacht, aus unserer Sehnsucht, ein Geistiges heraus, erschaffend ein neues Weltenlicht, über unsere eigene Wesenheit hin ein Leuchten verbreitend, durch das wir uns neu ergreifen im Weltendasein, durch das wir neu erwachen im Weltendasein. Den Geist der geistigen Welt, der uns erweckt, wir lernen ihn kennen, indem aus der Weltenmitternacht ein neues Licht hervorleuchtet, über unsere verflossene Menschheit erstrahlend. In dem Christus sind wir gestorben - durch den Geist, durch den leiblosen Geist, der mit einem technischen Wort der Heilige Geist genannt wird, das heißt, der ohne den Leib Lebende, denn das ist mit dem Wort «heilig» gemeint, ohne die Schwächen eines im Leibe lebenden Geistes, durch diesen Geist werden wir in unserer Wesenheit wiedererweckt aus der Weltenmitternacht heraus.

Durch den Heiligen Geist werden wir also in der Weltenmitternacht erweckt.


Per spiritum sanctum reviviscimus."
(Lit.: GA 153, S. 144ff)

Die Vorbereitung der neuen Inkarnation

„Wenn der Mensch enträtseln kann, ebenso wie er seine Erinnerungen im Seelenleben enträtseln kann, weil er sie durchlebt hat im irdischen Leben, wenn er ebenso enträtseln kann: Was ist in meinem Gehirn, in meinem Augeninneren, in meinem Lungeninneren enthalten? - dann geht ihm der ganze geistige Kosmos auf, geradeso wie bei den einzelnen Erinnerungsvorstellungen einem irgendeine Erlebnisreihe aufgeht, die man durchgemacht hat. Man ist das verkörperte Weltgedächtnis als Mensch. Das muß man nur ordentlich in Erwägung ziehen, dann wird man verstehen, was es heißt, der Mensch tritt ein, nachdem er nach dem Tode die Zustände durchgemacht hat, die ich bisher geschildert habe, in das Schauen des Menschen selber. Der Mensch ist Geist unter Geistern. Aber dasjenige, was er als seine Welt jetzt erblickt, ist das Wunder der menschlichen Organisation selber als Kosmos, als ganze Welt. Wie hier Berge, Flüsse, Sterne, Wolken unsere Umgebung sind, so ist dann, wenn wir als Geist unter Geistern leben, der Mensch in seiner wunderbaren Organisation unsere Umgebung, unsere Welt. Wir blicken hinaus, wir blicken - wenn ich mich bildhaft ausdrücken darf - in der geistigen Welt links und blicken rechts: wie hier überall Felsen, Flüsse, Berge sind, so ist dort überall Mensch. Der Mensch ist die Welt. Und an dieser Welt, die eigentlich der Mensch ist, sind wir beschäftigt. So wie wir Maschinen bauen, Buchhaltungen anlegen, Röcke machen, Schuhe machen, wie wir hier irgend etwas schreiben auf der Erde, wie wir also dasjenige zusammenweben, was man den Inhalt der Zivilisation, der Kultur nennt, so weben wir dort, aber zusammen mit den Geistern der höheren Hierarchien und mit den entkörperten Menschen, an der Menschheit. Wir weben die Menschheit aus dem Kosmos heraus. Hier auf Erden sind wir fertiger Mensch. Dort legen wir den Geistkeim des Erdenmenschen.

Das ist das große Geheimnis, daß die Himmelsbeschäftigung des Menschen darinnen besteht, den großen Geistkeim für den späteren Erdenmenschen selber zu weben mit den Geistern der höheren Hierarchien zusammen. Und jeder weben wir - aber in riesiger Geistgröße in dem Geistkosmos darinnen - das Gewebe unseres eigenen Erdenmenschen, der wir dann sind, wenn wir wiederum zum Erdenleben heruntersteigen. Unsere Arbeit ist eine mit den Göttern gemeinsam geleistete Arbeit an dem Erdenmenschen.

Wenn wir hier auf Erden von Keim sprechen, so stellen wir uns etwas Kleines vor, das dann groß wird. Wenn wir aber davon sprechen, wie in der geistigen Welt der Keim des physischen Erdenmenschen vorhanden ist, denn der physische Keim, der im Leibe der Mutter gedeiht, ist nur das Abbild dieses Geistkeimes, wenn wir von dem Geistkeim sprechen, so ist der riesig groß, ist der ein Weltenall, und alle andern Menschen sind in dieses Weltenall verflochten. Man könnte sagen: Alle sind an demselben Orte und doch der Zahl nach voneinander verschieden. - Und dann verkleinert er sich immer mehr. Und wir machen das durch in der Zeit, die wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachen, daß wir zuerst als Weltenall groß den Geistkeim des Menschen bilden, der wir werden. Dann wird dieser Geistkeim immer kleiner und kleiner, er involviert seine Wesenheit immer mehr und mehr, und er ist es, der dann im Leibe der Mutter sein Abbild schafft.

Es ist ganz falsch, was in dieser Beziehung die materialistische Physiologie glaubt. Die materialistische Physiologie glaubt, der Mensch mit seiner wunderbaren Gestalt, die ich Ihnen eben versuchte skizzenhaft zu schildern, entstünde aus dem bloßen physischen Menschenkeim. Das ist der reine Unsinn. Denn man glaubt gewöhnlich in dieser materialistischen Physiologie, daß der Eikeim die allerkomplizierteste Materie sei. Und die Chemiker, die physiologischen Chemiker denken darüber nach, wie das Molekül oder das Atom immer komplizierter und komplizierter wird, und der Keim endlich ganz etwas Kompliziertes ist. Das ist ja gar nicht wahr. Der Eikeim ist nämlich chaotische Materie. Wenn Materie Keim wird, so löst sie sich gerade als Materie auf, ist vollständig pulverisiert. Darinnen besteht das Wesen des Keimes - und des Menschenkeimes am allermeisten, des physischen Menschenkeimes -, daß er vollständig pulverisierte Materie ist, die gar nichts mehr für sich will. Dadurch, daß er vollständig pulverisierte Materie ist, die gar nichts mehr für sich will, kann der Geistkeim, der lange vorbereitet ist, in diese Materie seinen Einzug halten. Dazu, zu dieser Pulverisierung, wird gerade die physische Keimmaterie durch die Konzeption fähig gemacht. Die physische Materie wird ganz zerstört, damit der geistige Keim sich in sie senken kann, und die physische Materie das Abbild des geistigen Keimes, der aus dem Kosmos heraus gewoben wird, werden kann.“ (Lit.:GA 226, S. 34ff)

Der Abstieg zur neuen Geburt

"Geendet haben wir bei dem, was ich mir zu benennen erlaubte «die große Weltenmitternachtsstunde des geistigen Daseins zwischen dem Tod und einer neuen Geburt», jene Mitternachtsstunde, wo das menschliche innere Erleben am intensivsten wird und das, was wir geistige Geselligkeit nennen können, das Zusammenhängen mit der geistigen Außenwelt, den niedrigsten Grad erreicht hat, so daß in gewisser Beziehung während dieser Mitternachtsstunde des geistigen Daseins geistige Finsternis um uns ist. Aber gesagt worden ist, daß die Sehnsucht nach Außenwelt wiederum in uns wirkt, und daß diese Sehnsucht durch den Geist, der in geistigen Welten wirkt, aktiv wird, und daß diese Sehnsucht ein neues Seelenlicht aus uns erzeugt, so daß es uns möglich wird, jetzt eine Außenwelt von ganz besonderer Art zu erblicken. Diese Außenwelt, die wir dann erblicken, ist unsere eigene Vergangenheit, wie sie durch frühere Inkarnationen und die Zwischenzeiten zwischen den Toden und den neuen Geburten sich vollzogen hat, und die wir jetzt als eine äußere Welt überschauen, indem wir zurückblicken auf das, was wir aus dem Weltendasein gehabt haben, genossen haben, und auf das, was wir diesem Weltendasein schuldig geblieben sind. Insbesondere tritt uns dann, wenn wir diesen Rückblick in unsere früheren Erlebnisse haben, zweierlei mit großer Intensität entgegen. Wir haben - das zeigt sich uns gleichsam durch ein geistiges Anschauen - dieses und jenes genossen, dieses und jenes ist uns beschert worden an Freude, an Lust des Daseins. Das alles können wir übersehen, was uns jemals geworden ist an Freude, an Lust des Daseins. Aber wir übersehen es so, daß es uns gleichsam in seinem spirituellen Wert erscheint, daß es uns in bezug darauf erscheint, was es aus uns gemacht hat.

Nehmen wir einen konkreten Fall an. Wir blicken zurück auf etwas, was uns als Genuß, als Befriedigung in der verflossenen Zeit in irgendeinem unserer Daseinsleben zuteil geworden ist. Dann fühlen wir: Das ist nicht etwas Vergangenes, es ist zwar in der Zeit zurückliegend, daß du davon den Genuß hattest, aber es ist nicht etwas, was absolut vergangen ist. Es ist etwas, was seine Wirkung in alle Zeiten hinein fortsetzt, so fortsetzt, daß es darauf wartet, was wir daraus machen.

Wenn wir eine Befriedigung, einen Genuß gehabt haben, so fühlen wir in uns - wir erleben es unmittelbar in unserem Seelensein bei diesem Zurückschauen -: Das muß eine Kraft in dir werden, eine Kraft deiner Seele, und diese Kraft deiner Seele, die kannst du in zweierlei Weise in dir wirken lassen. Jetzt in diesem geistigen Dasein nach der Weltenmitternacht, in dem du stehst, hast du diese zweifache Möglichkeit. Die geistige Welt gibt dir einfach Fähigkeiten, eine von diesen Möglichkeiten zur Wirklichkeit zu machen. Du kannst diesen vergangenen Genuß, diese vergangene Befriedigung in dir umwandeln in eine Fähigkeit, so daß du eine gewisse Kraft in deiner Seele entwickelst durch den verflossenen Genuß, die dich zu diesem oder jenem befähigt, wodurch du irgend etwas in der Welt, sei es das Kleinste, sei es das Größte, schaffst, das einen Wert für die Welt hat. Das ist das eine. Das andere ist, daß wir uns sagen können: Nun, den Genuß habe ich gehabt, ich will mit dem Genuß zufrieden sein, ich will den Genuß in meine Seele hereinnehmen und will mich laben daran, daß ich in der Vergangenheit diesen Genuß gehabt habe. Wenn wir mit vielem, was wir genossen haben, was uns befriedigt hat, eine solche Möglichkeit herbeiführen, dann kommt es dazu, daß wir in unserem Inneren eine Kraft schaffen, an der wir nach und nach geistig degenerieren, ersticken. Und das gehört zu dem Wichtigsten, was wir lernen können in der geistigen Welt, daß wir auch durch den Genuß, durch das, wodurch wir befriedigt werden, Schuldner werden des Weltendaseins. Die Aussicht tritt vor unser geistiges Auge, zu ersticken in den Nachwirkungen der Befriedigungen, der Genüsse, wenn wir uns nicht im rechten Zeitpunkt entschließen, aus verflossenen Befriedigungen, aus verflossenen Genüssen Fähigkeiten zu schaffen, die Wertvolles im Leben hervorbringen können. Sie sehen daraus wiederum, wie das Geistige und das, was auf dem physischen Plan geschieht, in Wechselwirkung steht.

Wer sich, im Sinne des vorgestrigen Vertrags, immer mehr und mehr mit den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft durchdringt, bei dem wird diese Geisteswissenschaft in das instinktive Leben seiner Seele übergehen, und er wird gewissermaßen wie die Regung eines inneren Gewissens auch gegenüber den Genüssen, gegenüber den Befriedigungen, die er auf dem physischen Plane hat, die Stimmung entwickeln: Du darfst nicht nur um deiner selbst willen irgendeinen Genuß, eine Freude, eine Lust hinnehmen -, sondern er wird diese Lust durchdringen mit einer Art von Dankbarkeitsgefühl gegenüber dem Weltenall, gegenüber den geistigen Mächten des Weltenalls. Denn er wird wissen, daß er durch jeden Genuß, durch jede Befriedigung ein Schuldner des Weltenalls wird. Am leichtesten und sichersten kommen wir zurecht mit der Umwandlung derjenigen Genüsse und Freuden, welche geistiger Art sind. Solche Genüsse und Lüste, welche nur befriedigt werden können durch die leiblichen Werkzeuge oder überhaupt nur dadurch, daß der Mensch auf dem physischen Plan einen Leib an sich trägt, stehen zwar auch in der angedeuteten Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt als etwas vor uns, was umgewandelt werden muß, wenn wir nicht nach und nach gewissermaßen darin ersticken wollen. Wir fühlen die Notwendigkeit der Umwandlung, aber wir fühlen auch das eine, daß viele Inkarnationen notwendig sein werden, damit wir zwischen diesen Inkarnationen immer wieder in der geistigen Welt sind und endlich die Umwandlung bewirken können. Dann finden wir in der geistigen Welt noch etwas anderes. Wir finden das, daß wir in unserem gegenwärtigen Menschheitszyklus mit solchen Genüssen, mit solchen Freuden, in denen auf dem physischen Plan gleichsam unser Seelisch-Geistiges ganz untergeht, und der Genuß, die Befriedigung einen untermenschlichen, ich will nicht sagen, tierischen Charakter annimmt - denn Freude und Genuß können untermenschlichen Charakter annehmen -, daß wir in der Tat mit solchen Genüssen gewissen Wesenheiten der geistigen Welt unendlichen Schmerz bereiten, die uns erst dann entgegentreten, wenn wir eben in diese geistige Welt eintreten. Und der Anblick dieses Schmerzes, den wir in der geistigen Welt gewissen Wesenheiten bereiten, der ist so ungeheuer bestürzend, bedrückend, unsere Seele mit solchen Kräften durchziehend, daß wir mit dem harmonischen Ausbilden der Zusammenhänge für die nächste Inkarnation keineswegs gut zurechtkommen.

Gegenüber dem, um das andere zu erörtern, was wir auf Erden an Schmerzen, an Leiden erleben, zeigt sich auf dem geistigen Plan, daß auf dem physischen Plane erduldete Schmerzen, erduldetes Leid fortwirken und auf dem geistigen Plan unsere Seele so durchdringen mit Kräften, daß diese Kräfte Willenskräfte werden, daß wir dadurch in der Seele stärker werden und die Möglichkeit haben, diese Stärke in moralische Kraft umzuwandeln, die wir dann wiederum auf den physischen Plan mitbringen können, um nicht nur gewisse Fähigkeiten zu haben, durch die wir Wertvolles schaffen können für die Umwelt, sondern um auch die moralische Kraft zu haben, charaktervoll diese Fähigkeiten auszuleben.

Solche und viele andere Erlebnisse haben wir unmittelbar nach der geistigen Mitternachtsstunde des Daseins. Wir erfühlen, erleben, was wir wert geworden sind durch unser verflossenes Dasein, wir erfühlen, erleben, zu welchen Fähigkeiten wir kommen können in der Zukunft. Nachdem wir dann eine Weile weiterleben in der geistigen Welt, tritt aus dem Dämmerdunkel der geistigen Umgebung heraus eine deutliche Anschauung, jetzt nicht nur unserer eigenen verflossenen Leben, sondern namentlich alles des Menschlichen, was mit diesen Leben verbunden war, und zwar alles desjenigen Menschlichen, das näher mit diesen Leben verbunden war. Menschen treten in geistige Beziehungen zu uns, mit denen wir in früheren Daseinsstufen diese oder jene Beziehung hatten. Nicht als ob früher die Gemeinsamkeit mit diesen Menschen nicht dagewesen wäre - wir erleben uns immer zusammen mit den Menschen, die uns im Leben nahegestanden haben, in der weitaus größten Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt -, aber jetzt tritt, indem wir diese Menschen nach der Mitternachtsstunde des geistigen Daseins wieder treffen, deutlich und klar an diesen Menschen hervor, was wir ihnen schuldig geworden sind, oder was sie uns schuldig geworden sind. Wir erleben jetzt nicht bloß eine Anschauung: so standest du mit diesen Menschen zwischen dieser und jener Zeit - das hatten wir früher auch -, sondern diese Menschen werden für uns der Ausdruck für das, was Ausgleich ist für die früheren Erlebnisse. Wir sehen es den Menschen an, so wie sie uns entgegentreten, durch welche neuen Erlebnisse auf dem physischen Plane wir für Früheres Ausgleich schaffen können, was wir ihnen schuldig geblieben sind oder dergleichen. Wir schauen sozusagen, indem wir den Seelen der Menschen gegenüberstehen, auf die Wirkungen, welche in der Zukunft die Folgen sein werden von Beziehungen, die wir zu den Menschen in der Vergangenheit gehabt haben. Natürlich sieht man das am besten ein, wenn man einen möglichst konkreten Einzelfall nimmt. Nehmen wir also noch einmal an, wir hätten einen Menschen angelogen. Jetzt ist die Zeit, wo die Möglichkeit in der geistigen Welt geboten ist, daß wir durch die unserer Lüge entgegengesetzte Wahrheit gequält werden. Aber dadurch werden wir gequält, daß sich die Beziehung zu dem Menschen, den wir angelogen haben, in der jetzt geschilderten Zeit so verändert, so oft wir den Menschen erblicken -und wir werden ihn genügend oft mit dem geistigen Auge erblicken -, daß er die Ursache wird, daß die der vollbrachten Lüge entgegengesetzte Wahrheit, die uns quält, in uns aufsteigt. Dadurch taucht aus unseren Tiefen die Tendenz herauf: Diesem Menschen mußt du unten auf der Erde wieder begegnen, und du mußt etwas tun, was das Unrecht ausgleicht, das du durch die vollzogene Lüge begangen hast. Denn hier in der geistigen Welt kann das nicht ausgeglichen werden, was durch deine Lüge geschaffen worden ist, da im Kosmos kannst du nur völlige Klarheit gewinnen über die Wirkung einer Lüge. Was auf Erden geschaffen worden ist von dieser Art, das muß auch wiederum auf der Erde ausgeglichen werden. Man weiß, man braucht zum Ausgleich Kräfte in sich selber, die einem nur werden können, wenn man wiederum einen Erdenleib bezieht. Dadurch entsteht in unserer Seele die Tendenz: Du mußt einen Erdenleib beziehen, der die Möglichkeit bietet, eine solche Tat zu vollbringen, wodurch die Unvollkommenheiten ausgeglichen werden, die du auf Erden verursacht hast, sonst wird, wenn du durch den nächsten Tod gegangen bist, dieser Mensch wiederum dir erscheinen und die Qual der Wahrheit hervorrufen. Sie sehen die ganze geistige Technik, wie in der geistigen Welt der Trieb in uns geschaffen wird, einen karmischen Ausgleich für das oder jenes zu schaffen.

Diese Ausgleiche geschehen auch durch andere Voraussetzungen; aber ich müßte natürlich tausend und aber tausend konkrete Fälle aufzählen, wenn ich alles zum Vorschein bringen wollte, was für diese bedeutsame karmische Frage in Betracht kommt. Nehmen wir zum Beispiel den folgenden Fall. Nehmen wir an, wir sind in der Zeit, die auf die Mitternachtsstunde des Daseins folgt, so in der geistigen Welt, daß wir zurückblicken auf gewisse Freuden, die wir gehabt haben, und sagen: Wir können die Wirkungen dieser Erlebnisse in Fähigkeiten umwandeln, die wir dann ausdrücken können, wenn wir wieder verleiblicht sein werden. Ja, dann kann aber folgendes geschehen. Wir können bemerken: Indem du dir jetzt in deiner gegenwärtigen Lage diese verflossenen Erlebnisse umwandelst in Fähigkeiten, da stören dich gewisse Elementarwesen. Das kann so sein. Diese Elementarwesen lassen es nicht dazu kommen, daß du dir diese Fähigkeiten wirklich aneignest. Jetzt kann man sich fragen: Was ist nun zu tun? Wenn ich diesen Elementarwesen willfahre, die da herankommen und die nicht leiden können, daß in mir diese Fähigkeiten entstehen, dann werde ich mir diese Fähigkeiten nicht bilden können. Aber diese Fähigkeiten muß ich mir bilden. Ich weiß, daß ich nur dadurch in der nächsten Inkarnation gewissen Menschen, denen ich Dienste leisten kann, diese Dienste wirklich werde leisten können, wenn ich diese Fähigkeiten habe. Man wird in einem solchen Falle in der Regel so entscheiden, daß man sich diese Fähigkeiten aneignet. Damit aber verletzt man diese Elementarwesen, die da ringsherum sind. Die fühlen sich in einer gewissen Weise durch uns attackiert. Namentlich fühlen sie sich, wenn das geschieht, was gerade gesagt worden ist, daß wir uns gewisse Fähigkeiten aneignen, dadurch so verfinstert in ihrem Dasein, wie wenn ihnen an ihrer eigenen Weisheit etwas genommen wäre. Eine der Folgen, die oft eintritt, ist dann diese, daß, wenn wir wiedergeboren werden, wir einen oder mehrere Menschen auf der Erde besessen finden von diesen Elementarwesen und ihnen besonders feindliche Absichten gegen uns eingegeben finden.

Denken Sie sich, wie tief uns das hineinschauen läßt in das menschliche Erleben, und wie gründlich es uns lehrt, das menschliche Leben zu begreifen, uns wirklich den rechten Instinkt anzueignen, uns richtig zu verhalten auf dem physischen Plan. Das bedingt aber nicht, daß wir etwa immer, wenn wir nun auf dem physischen Plane sind, sagen: Nun ja, ich habe mich dazumal schützen müssen. Dadurch habe ich diese Feinde gegen mich heraufbeschworen, ich muß sie jetzt gewähren lassen. Es kann ja der Fall eintreten, wo es gut ist, sie gewähren zu lassen, es kann aber auch der andere Fall eintreten, daß, wenn wir sie gewähren lassen, diese feindlichen Elementarwesen, die durch diesen oder jenen Menschen wirken, sie durch das, was sie nun auf dem physischen Plan erreichen, sich reichlich Ausgleich schaffen für das, was man ihnen sozusagen durch den eigenen Schutz weggenommen hat; sie gehen über das hinaus, was man ihnen weggenommen hat. Und die Folge davon würde sein, daß man sich ihnen gegenüber nicht retten kann, wenn man wiederum in der entsprechenden Zeit in den Zeitenstrom zwischen dem Tod und einer neuen Geburt eintritt, daß sie einen da in gewisser Weise für gewisse Fähigkeiten totschlagen würden.

Immer komplizierter und komplizierter wird die Welt, wenn wir wirklich Einsicht in sie gewinnen. Aber das kann uns eigentlich im Grunde genommen gar nicht verwundern. Nur einzelne Fälle möchte ich noch aus dem karmischen Zusammenhang zwischen dem Leben auf der Erde und dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hervorheben. So sei der Fall hervorgehoben, daß bei einem Menschen, sagen wir, durch eine Krankheit, der Tod früher eintritt, als er nach einem normalen Menschenleben eintreten würde. Da geht der Mensch so durch die Pforte des Todes durch, daß er durch die Krankheit zum Tode geführt worden ist, daß er aber gewisse Kräfte eigentlich bei sich behält, die er ausgelebt haben würde, wenn er ein normales Menschenleben erreicht hätte. Diese Kräfte, die auf diese Weise gleichsam dem Menschen als Restkräfte verbleiben, die er noch, hätte verbrauchen können, wenn er nicht früher zugrunde gegangen wäre, die bleiben. Und es zeigt sich für die Geistesforschung, wenn man das Leben nach dem Tode untersucht, daß diese Kräfte zu den Willens- und Gefühlskräften des Menschen hinzugeschlagen werden, daß sie diese verstärken, erkraften. So daß ein solcher Mensch in der Lage ist, das, was ihm durch diese Kräfte vor der Mitternachtsstunde des Daseins zugeführt wird, nach der Mitternachtsstunde des Daseins so zu benutzen, daß er ins Erdenleben als ein stärkerer, in seinem Willen charaktervollerer und kraftvollerer Mensch eintritt, als er eingetreten wäre, wenn er nicht einen so frühen Tod gefunden hätte. Daß das aber gerade so sein muß, hängt mit früherem Karma zusammen, und es wäre natürlich die größte Torheit, wenn jemand glauben wollte, daß er durch künstliches Herbeiführen eines frühen Todes das erreichen würde, was geschildert worden ist; dann würde er das nicht erreichen. Was durch dieses künstliche Herbeiführen eines frühen Todes erreicht wird, das finden Sie in meiner «Theosophie» beschrieben, soweit es notwendig ist, Aufschluß darüber zu erhalten. Auch habe ich auf den Fall hingedeutet, wo der Mensch einen frühen Tod durch einen Unglücksfall findet. Wenn er durch einen Unglücksfall herausgerissen wird aus dem Erleben des physischen Planes, für den seine Kräfte noch zugereicht hätten, um ein höheres Alter zu erreichen, so bleibt ihm wiederum ein solcher Rest von Kräften, der ihm jetzt so zugesetzt wird, daß er, wenn die Mitternachtsstunde des Daseins verflossen ist, das, was ihm da zufließt, zu seinen intellektuellen Kräften, zu seinen Erkenntniskräften verwenden kann. Man findet durch die Geistesforschung, daß große Erfinder oftmals gerade solche Menschen sind, die in früheren Inkarnationen durch einen Unglücksfall zugrunde gegangen sind.

Wir sehen an solchen Fällen, daß, wenn wir diese Dinge wirklich verständnisvoll überblicken wollen, wir uns schon damit bekanntmachen müssen, daß eben der Gesichtspunkt in der geistigen Welt wirklich ein anderer wird, als er es in der physischen Welt sein kann. Es wird Ihnen immer mehr und mehr begreiflich werden, daß man, um die geistige Welt zu verstehen, neue Vorstellungen und Begriffe herantragen muß, weil die geistigen W'elten eben etwas ganz anderes sind als die physische Welt. Daher darf sich niemand wundern, wenn zunächst etwas, was von den geistigen Welten geschildert wird, so erscheint, daß, wenn man die Begriffe der physischen Welt auf das Geschilderte anwendet, man die Sache als unbefriedigend empfindet. Zum Beispiel ist es eine Tatsache, die die Geistesforschung in vielen Fällen bekräftigt, daß jemand, der mit materialistischer Gesinnung stirbt und Hinterbliebene zurückläßt, die auch materialistisch gesinnt sind, zunächst in der geistigen Welt eine gewisse Entbehrung erleidet. Wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist ohne spirituelle Gesinnung und zurückblicken will auf seine Leben auf der Erde, so kann er, wenn in deren Seelen gar kein spiritueller Gedanke ist, nicht unmittelbar auf sie hinsehen; er weiß von ihnen nur bis zu dem Zeitpunkte, wo er durch den Tod gegangen ist. Was sie jetzt erleben unten auf der Erde, das kann sein geistiges Auge nicht sehen, weil in ihren Seelen nicht spirituelles Leben ist, denn nur spirituelles Leben wirft Eicht hinauf in die geistigen Welten. Solch ein Mensch muß dann warten, bis ihm selber die Kräfte in der geistigen Welt erwachsen sind, um die Sache ganz klar zu sehen. Um nämlich zu sehen: diese Seelen, die er da unten zurückgelassen hat, die sind materialistisch gesinnt, weil sie von Ahriman befallen sind. Würde man das unmittelbar nach dem Tode gleich erleben, so würde man es nicht ertragen können. Man muß erst hineinwachsen in dieses von Ahriman Besessensein materialistisch gesinnter Seelen, dann kann ein Schauen dieser Seelen beginnen, bis auch sie durch die Pforte des Todes gegangen sind und sich dann selber frei machen in der geistigen Welt von ihrer materialistischen Gesinnung. Dann erlebt man erst später den Zusammenhang mit ihnen.

Es könnte jemand sagen: Ja, aber das sind doch gar keine tröstlichen Verhältnisse, die du da schilderst als nach dem Tode verlaufend. Ja, meine lieben Freunde, das ist eben eine Vorstellung, die auf dem physischen Plan gewonnen ist, wenn wir so sprechen. Das ist keine Vorstellung, die schon von dem Verständnis der spirituellen Welten durchdrungen ist. Der Tote kommt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zu einem Zeitpunkt, wo er sich sagt: Oh, wie trostlos müßte es sein, gleich nach dem Tode diese Seelen zu sehen, wenn man materialistisch gesinnt ist! - Wie ist es für all diese Seelen doch am besten, daß sie diese Prüfungszeit erst durchmachen! Sie würden sich selber verlieren, sie würden das nicht erreichen können, was erreicht werden soll, wenn es nicht so wäre. Der Gesichtspunkt wird eben ein ganz anderer, wenn man die Dinge der Welt von der geistigen Seite her betrachtet, und eine Zeit wird kommen, wo die Menschen notwendig haben werden, schon auf dem physischen Plan wirklich Verständnis zu gewinnen für die Wahrheiten der Geisteswissenschaft.

Darum tritt diese Geisteswissenschaft jetzt in der Welt auf, weil die Menschheitsentwickelung es notwendig macht, daß diese Durchdringung der geistigen Welten und ihrer Daseinsbedingungen in den Seelen immer mehr und mehr, zuerst instinktiv und dann bewußt leben wird. Ich will Ihnen eine reine Äußerlichkeit mitteilen, damit Sie sehen, wie man immer mehr dazu kommen wird, auch das Leben auf dem physischen Plan nur dadurch in seinem wahren Gehalt beurteilen zu können, daß man die Gesetze des geistigen Daseins begreift, eine reine Äußerlichkeit, die aber ungeheuer wichtig ist. Wenn wir auf die Natur hinblicken, so sehen wir das merkwürdige Schauspiel, daß überall nur eine geringe Anzahl von Keimen verwendet wird, um das gleichartige Leben fortzupflanzen, daß aber eine ungeheuer große Anzahl von Keimen zugrunde geht. Wir blicken hin auf das Heer der ungeheuer vielen Fischkeime, die im Meere vorhanden sind. Nur wenige von ihnen werden Fische, die anderen gehen zugrunde. Wir sehen hinaus auf das Feld und sehen die ungeheuer vielen Kornkeime. Nur wenige werden wieder zu Kornpflanzen, die anderen gehen als Getreidekörner zugrunde, indem sie zu menschlicher Nahrung und anderem verwendet werden. Ungeheuer viel mehr muß in der Natur erzeugt werden, als was sozusagen im gleichmäßig fortfließenden Strom des Daseins wirklich Frucht wird und wieder keimt. So ist es gut in der Natur, denn da draußen in der Natur herrscht die Ordnung und Notwendigkeit, daß das, was so abfließt von seinem zu ihm gehörigen, in sich selbst begründeten Strom des Daseins und Fruchtens, verwendet wird, so verwendet wird, daß es dem anderen fortlaufenden Strom des Daseins dient. Die Wesen würden nicht leben können, wenn alle Keime wirklich fruchteten und zu der in ihnen liegenden Entwickelung kämen. Es müssen Keime da sein, welche dazu verwendet werden, daß sozusagen Boden gegründet wird, aus dem die Wesen herauswachsen können. Nur scheinbar, der Maja nach, geht etwas verloren, in Wirklichkeit geht innerhalb des Naturschaffens doch nichts verloren. In dieser Natur waltet der Geist, und daß so scheinbar etwas vom fortlaufenden Strom der Entwickelung verlorengeht, das ist in der Weisheit des Geistes begründet, das ist geistiges Gesetz, und wir müssen diese Sache vom Standpunkt des Geistes ansehen. Dann kommen wir schon darauf, inwiefern auch das seine gute Daseinsberechtigung hat, was scheinbar vom fortlaufenden Strom des Weltgeschehens hinweggeführt wird. Geistgegründet ist dieses; daher kann es auch, insoferne wir geistiges Leben führen, auf dem physischen Plane Geltung haben.

Meine lieben Freunde, nehmen Sie den uns ganz naheliegenden konkreten Fall: Es müssen öffentliche Vorträge gehalten werden über unsere Geisteswissenschaft. Die werden vor einem Publikum gehalten, das eben einfach durch die Veröffentlichungen zusammengetragen wird. Da geht etwas Ähnliches vor wie mit den Getreidekörnern, die nur zum Teil im fortlaufenden Strom des Daseins verwendet werden. Man darf nicht zurückschrecken davor, daß man unter Umständen vor viele, viele Menschen scheinbar ohne Wahl die Ströme des spirituellen Lebens bringen muß, und daß sich dann nur wenige heraussondern und wirklich eintreten in dieses spirituelle Leben, Anthroposophen werden und im fortlaufenden Strome mitgehen. Auf diesem Gebiete ist es noch so, daß diese verstreuten Keime an viele herandringen, welche zum Beispiel nach einem öffentlichen Vortrage weggehen und sagen: Was hat der Kerl da für tollen Unsinn geschwatzt! Unmittelbar angeschaut in bezug auf das äußere Leben, ist das so wie, sagen wir, die Keime, die im Meer als Fischkeime verlorengehen; aber vom Standpunkt einer tieferen Forschung ist es nicht so. Die Seelen, die da gekommen sind durch ihr Karma, die dann fortgehen und sagen: Was hat der Kerl da für tollen Unsinn geschwatzt! - die sind noch nicht reif, die Wahrheit des Geistes zu empfangen, aber notwendig haben es ihre Seelen in der jetzigen Inkarnation, heranschwingen zu fühlen das, was als Kraft in dieser Geisteswissenschaft liegt. Und das bleibt doch in ihren Seelen, sie mögen noch so schimpfen, es bleibt als Kraft in ihren Seelen für ihre nächste Inkarnation, und dann sind die Keime nicht verloren, sie finden Wege. Es unterliegt das Dasein in bezug auf das Geistige den gleichen Gesetzen, ob wir dieses Geistige in der Naturordnung verfolgen oder in dem Fall, den wir als unseren eigenen Fall anführen konnten.

Aber nehmen wir jetzt an, wir wollten die Sache auch auf das äußere materielle Leben übertragen und man wollte sagen: Nun, man macht es im äußeren Leben ebenso. Ja, meine lieben Freunde, das ist es gerade, daß man es macht, was ich jetzt schildern werde, daß wir einer Zukunft entgegenleben, wo sich das immer mehr herausbildet! Man produziert immer mehr und mehr darauf los, man gründet Fabriken, man fragt nicht: Wieviel wird gebraucht? - wie es einmal der Fall war, als es Schneider im Dorf gab, die nur dann einen Anzug machten, wenn er bestellt wurde. Da war es der Konsument, der angab, wieviel erzeugt werden soll, jetzt wird für den Markt produziert, die Waren werden zusammengestapelt, soviel als nur möglich. Die Produktion arbeitet ganz nach dem Prinzip, nach dem die Natur schafft. Die Natur wird in die soziale Ordnung hinein fortgesetzt. Das wird zunächst immer mehr überhandnehmen. Aber hier betreten wir das Feld des Materiellen. Im äußeren Leben hat das geistige Gesetz, weil es eben für die geistige Welt gilt, keine Anwendung, und es entsteht etwas sehr Merkwürdiges. Da wir unter uns sind, können wir ja solche Dinge sagen. Die Welt freilich wird uns heute darin kein Verständnis entgegenbringen.

Es wird also heute für den Markt ohne Rücksicht auf den Konsum produziert, nicht im Sinne dessen, was in meinem Aufsatz «Geisteswissenschaft und soziale Frage» ausgeführt worden ist, sondern man stapelt in den Lagerhäusern und durch die Geldmärkte alles zusammen, was produziert wird, und dann wartet man, wieviel gekauft wird. Diese Tendenz wird immer größer werden, bis sie sich - wenn ich jetzt das Folgende sagen werde, werden Sie finden, warum - in sich selber vernichten wird. Es entsteht dadurch, daß diese Art von Produktion im sozialen Leben eintritt, im sozialen Zusammenhang der Menschen auf der Erde genau dasselbe, was im Organismus entsteht, wenn so ein Karzinom entsteht. Ganz genau dasselbe, eine Krebsbildung, eine Karzinombildung, Kulturkrebs, Kulturkarzinom! So eine Krebsbildung schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt ; er schaut, wie überall furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die große Kultursorge, die auftritt für den, der das Dasein durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt, und was selbst dann, wenn man sonst allen Enthusiasmus für Geisteswissenschaft unterdrücken könnte, wenn man unterdrücken könnte das, was den Mund öffnen kann für die Geisteswissenschaft, einen dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für das, was so stark schon im Anzug ist und was immer stärker und stärker werden wird. Was auf seinem Felde in dem Verbreiten geistiger Wahrheiten in einer Sphäre sein muß, die wie die Natur schafft, das wird zur Krebsbildung, wenn es in der geschilderten Weise in die Kultur eintritt.

Das zu durchschauen und dann Abhilfe zu schaffen wird erst möglich sein, wenn Geisteswissenschaft die Herzen ergreift, die Seelen durchdringt. Und man möchte, wenn man diese Dinge durchschaut, das allerintensivste Feuer haben, um es in seine Worte zu legen, um unsere Zeitgenossen, so viele es verstehen können, aufmerksam zu machen, welcher Zeit wir entgegengehen! Einsehen kann man diese Dinge nur, wenn man sich bekanntmacht mit den verschiedenen Gesichtspunkten, welche existieren, einmal für das eine Feld des Daseins, das andere Mal für das andere. Demjenigen, der in dem Erleben zwischen der Mitternachtsstunde und einer neuen Geburt steht, dem treten diese anderen Gesichtspunkte entgegen, denn aus diesen anderen Gesichtspunkten heraus muß er selber schaffend werden.

Wenn der Mensch die Tendenzen gebildet hat zum Vollzuge des Karmas in bezug auf die ihm nächststehenden Erlebnisse, dann treten die weiteren Erlebnisse, die mehr ferne stehen, vor der Seele auf. Religionsgemeinschaft, andere Gemeinschaften, denen man angehört hat, die erlebt man dann so, daß sie zeigen: Du mußt nun, damit du nicht einseitig wirst, das oder jenes in der folgenden Inkarnation tun. - Kurz, dieses Leben verfließt dann so, daß es zwar auch noch abwechselt zwischen geistiger Geselligkeit und geistiger Einsamkeit, daß es aber wesentlich dahin geht, daß man sich das Urbild für ein neues Erdenleben, rein geistig zunächst, aufbaut.

Lange bevor man zu diesem Erdenleben heruntersteigt, hat man aus der geistigen Welt heraus ein geistig-ätherisches Urbild auferbaut, das die Kräfte in sich trägt, die man geistig-magnetische Kräfte nennen könnte, die einen hinunterziehen zu einem Elternpaar, von dem man fühlt: Es gibt uns die Vererbungsmerkmale, damit wir in einem neuen Erdenleben auftreten können. Ich habe schon angedeutet, daß der normale Zeitpunkt der ist, in dem wir das Gefühl haben: Wir vereinigen uns mit dem, was sich gefernt hat als unsere Lebensfrucht des letzten Erdenlebens. Aber der Mensch kommt nicht immer bis zu diesem. Unser Leben verfließt dann so, daß wir vollständig den Zusammenhang fühlen würden zwischen dem Leiblichen und Geistigen, wenn wir bis zu diesem Zeitpunkt gelangten, aber der Mensch tritt meistens früher ins Dasein. Die meisten Menschen sind geistige Frühgeburten, und es gleicht sich erst später dadurch aus, daß wir solche Erlebnisse haben, in denen wir vollständig harmonisch wieder zusammenfließen mit den Früchten unserer früheren Erdenleben.

Eines aber ist von ganz besonderer Wichtigkeit. Ich habe es gestern dargestellt: Da wo unsere Sehnsucht am größten sein muß nach Außenwelt, weil wir am meisten in die Einsamkeit eingetreten sind, in der Mitternachtsstunde des geistigen Daseins, da ist es dasjenige, was eigentlich nur in den geistigen Welten wallt und wogt und lebt, da ist es der Geist, der an uns herantritt und unsere Sehnsucht in eine Art von Seelenlicht verwandelt. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir den Zusammenhang mit unserem Ich bewahren. Wir müssen gleichsam die eine Erinnerung bewahren: Du warst auf Erden dieses Ich. Dieses Ich muß einem als Erinnerung bleiben. Daß man das kann in unserem Zeitenzyklus, hängt davon ab, daß der Christus die Kraft in die Erdenaura hineingebracht hat, welche sonst nicht aus dem irdischen Leben mitgebracht würde, die Kraft, die uns befähigt, die Erinnerung bis zur Mitternachtsstunde zu bewahren. Es würde zerreißend, sozusagen eine Kluft sein, die unser Dasein zu einem unharmonischen in der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt machen würde, wenn der Christus-Impuls nicht durch die Erdenwelt flösse. Lange bevor die Mitternachtsstunde eintritt, würden wir vergessen, daß wir ein Ich gewesen sind im letzten Leben. Wir würden den Zusammenhang mit der geistigen Welt fühlen, würden aber uns vergessen. Und das ist dadurch bewirkt, daß wir auf Erden eben wirklich unser Ich so stark entwickeln. Daß wir immer mehr und mehr zu diesem Ich-Bewußtsein kommen, das ist notwendig geworden seit dem Mysterium von Golgatha. Aber indem wir auf Erden immer mehr und mehr zu unserem Ich-Bewußtsein kommen, verbrauchen wir die Kräfte, die wir nötig haben nach dem Tode, damit wir wirklich bis zur Mitternachtsstunde des Daseins uns nicht vergessen. Daß wir diese Erinnerung bewahren können, dazu müssen wir in den Christus hinein sterben. So mußte der Christus-Impuls da sein: Er erhält uns bis zur Mitternachtsstunde des Daseins die Möglichkeit, unser Ich nicht zu vergessen.

Dann kommt in der Mitternachtsstunde des Daseins der Geist an uns heran. Nun haben wir die Erinnerung an unser Ich bewahrt. Wenn wir sie hineintragen bis zur Mitternachtsstunde des Daseins, bis dahin, wo der Heilige Geist an uns herankommt und uns den Rückblick und den Zusammenhang mit unserer eigenen inneren Welt wie mit einer äußeren Welt gibt, wenn wir diesen Zusammenhang bewahrt haben, dann kann uns der Geist nunmehr bis zu unserer Wiederverkörperung leiten, die wir dadurch herbeiführen, daß wir unser Urbild in der geistigen Welt bilden. Aber nun geschehen ja die Dinge in der Wirklichkeit nicht so, daß man gewissermaßen nur das Allernotwendigste tut. Denn, wie der Pendel nicht ruhig ist, sondern ausschlägt, um wiederum nach der anderen Seite auszuschlagen, und wie es richtig ist, daß es so geschieht, so ist es auch mit dem Geistesleben. Der Christus-Impuls stattet uns nicht bloß mit solcher Kraft aus, daß wir gerade knapp den Anschluß finden, sondern er gibt uns unter Umständen so viel, daß, wenn der Geist nicht an uns herantreten würde, der Christus-Impuls uns hinüberschnellen könnte. Mit der Erinnerung allerdings würden wir den Anschluß nicht finden können, aber hinüberschnellen würde uns der Christus-Impuls. Das hat seine große Bedeutung, und daß wir einen solchen, das notwendigste Maß überschreitenden Impuls von dem Christus her aufnehmen, das wird dem Menschen immer mehr und mehr nötig sein, indem er sich in die Zukunft hinein entwickelt. Jetzt schon ist es notwendig, daß der Mensch gewissermaßen während seines Erdenlebens nicht nur das Allernotwendigste über den Christus erfährt, sondern daß der Christus-Impuls als mächtiger Impuls in seine Seele sich setzt, so daß er ihn noch hinüberschnellt über die Mitternachtsstunde des Daseins. Denn dadurch verstärkt sich der Impuls des Geistes durch den Impuls des Christus, und wir tragen den Impuls des Geistes stärker durch die zweite Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hindurch, als wir ihn sonst hindurchtragen würden, wenn der Christus-Impuls nicht wäre.

Was uns übrig bleibt von dem Impuls des Christus, das verstärkt den Impuls des Geistes. Der Geist wäre sonst nur für den Geist und er würde aufhören zu wirken, indem wir geboren würden. Indem wir uns mit dem Christus-Impuls durchdringen, verstärkt der Christus-Impuls den Impuls des Heiligen Geistes. Und dadurch kann auch in unsere Seele ein solcher Impuls des Geistes hereingebracht werden, der dann, wenn wir in die irdische Inkarnation eintreten, eine Kraft ist, die wir nicht verbrauchen wie sonst die Kräfte, die wir mitbringen durch die Geburt, in der irdischen Inkarnation. Das habe ich ja betont, daß wir die Kräfte, die wir aus der geistigen Welt heraus bringen, umwandeln zu unserer inneren Organisation. Aber das, was wir auf diese Weise als ein Plus bekommen, als ein Mehr, indem der Christus-Impuls den Geistesimpuls verstärkt, das tragen wir herein ins Dasein, das braucht nun nicht umgewandelt zu werden während des irdischen Erlebens. Immer mehr und mehr Menschen werden für die Erdenentwickelung notwendig sein, je mehr wir der Zukunft entgegengehen, die so etwas von der Durchdringung des Christus-Impulses und des geistigen Impulses hereintragen in das irdische Leben durch ihre Geburt bei einer neuen Inkarnation. Der Geist, er muß stärker wirken, damit er nicht nur wirkt bis zu der Geburt hin und alles aus dem geistigen Leben heraus umgesetzt wird in innere organisierende Kräfte, so daß uns nur das bißchen Bewußtsein bleibt, das uns Erkenntnis lehrt über unsere physische Umgebung und über das, was der Verstand ergreifen kann, der an das Gehirn gebunden ist. Würden wir als Menschen, indem wir uns der Zukunft entgegen entwickeln, nicht nach und nach einen Überschuß an Geist, der auf die geschilderte Weise entsteht, mitbringen, dann würde die Menschheit auf der Erde immer mehr dazu kommen, während des irdischen Lebens nichts mehr davon zu ahnen, daß es einen Geist gibt. Dann würde während des irdischen Lebens nur der ungeistige Geist, Ahriman, herrschen, und die Menschen würden nur wissen können von der sinnlich-physischen Welt, die man mit den Sinnen wahrnimmt, und von dem, was man mit dem Verstande begreifen kann, der an das Gehirn gebunden ist. Alle solche Dinge erleben in einer gewissen Weise doch in der Fortentwickelung der Menschen eine Ausbildung gerade jetzt, wo die Menschheit vor der Gefahr steht, den Heiligen Geist zu verlieren.

Aber sie wird ihn nicht verlieren. Wächter dafür will die Geisteswissenschaft sein, daß die Menschheit diesen Geist nicht verliert, diesen Geist, der in der Mitternachtsstunde des Daseins an die Seele herantritt, um in ihr die Sehnsucht zu beleben, daß sie sich selbst in ihrer Vergangenheit in ihrem ganzen Wert erblicke. Nein, Geisteswissenschaft wird von dem Christus-Impuls immer mehr, immer eindringlicher reden müssen, so daß immer mehr und mehr Geist in immer mehr und mehr Menschen durch die Geburt auch ins physische Dasein hereinkommt, und daß in diesem physischen Dasein immer mehr Menschen erstehen, die fühlen: Ich habe allerdings in mir die Kräfte, die umgewandelt werden müssen in organisierende Kräfte, aber da leuchtet etwas auf in meiner Seele, das nicht umgewandelt zu werden braucht. Der Geist, der nur für die geistigen Welten ist, ich habe etwas von ihm mitgenommen in diese physische Welt, trotzdem ich in meinem Leibe lebe. Der Geist wird es sein, der die Menschen dazu bringt, zu schauen, was in meinem Mysteriendrama «Die Pforte der Einweihung» von der Theodora gesagt wird: Daß Menschen die Äthergestalt des Christus schauen werden. Die Kraft des Geistes, die so in die Leiber hereinkommt, die wird das geistige Auge abgeben, um die geistigen Welten zu sehen und zu verstehen. Zuerst ward man sie verstehen müssen, dann wird man beginnen, sie mit Verständnis zu schauen. Denn das Schauen wird herankommen, weil der Geist die Seelen so ergreift, daß sie diesen Geist hereinbringen werden in die Leiber, und auch in ihren irdischen Inkarnationen wird der Geist aufleuchten: erst bei wenigen, dann bei mehreren wird der Geist aufleuchten. Und können wir auf der einen Seite sagen: Durch den Geist, durch den Heiligen Geist werden wir erweckt in der großen Mitternachtsstunde des Daseins, so müssen wir auf der anderen Seite sagen, hinblickend auf das, was der Geist in der Erdenentwickelung für die Zukunft leistet: Auch im physischen Leib wird das Beste der Seele, das, was den Ausblick gibt in die geistigen Welten, durch den Heiligen Geist immer mehr und mehr auferweckt werden. Auferweckt durch den Heiligen Geist in der Mitternachtsstunde des Daseins, wird der Mensch auch auferweckt werden, wenn er in seinem physischen Leibe lebt, wenn er sich hereinlebt in das physische Dasein. Er wird innerlich erwachen, indem ihn der Geist auferweckt aus dem Schlafe, in dem er sonst befangen wäre mit dem bloßen Anschauen der Sinneswelt und mit dem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist. Schlafen würden die Menschen immer durch die bloße Sinnesanschauung und durch den an das Gehirn gebundenen Verstand. Aber hineinleuchten in diesen Menschenschlaf, der sonst die Menschheit gegen die Zukunft hin immer mehr umdüsternd überkommen würde, hineinleuchten in diesen Schlaf wird der Geist im Menschen auch während des physischen Daseins. Mitten in dem absterbenden geistigen Leben, mitten in dem durch die bloße Sinnesanschauung, durch die Verstandeswelt absterbenden Geistesleben auf dem physischen Plan werden die Menschenseelen auferweckt werden auch im physischen Dasein durch den Heiligen Geist.


Per spiritum sanctum reviviscimus."
(Lit.: GA 153, S. 163ff)

Wirkungen des nachtodlichen Lebens in der nächsten Inkarnation

„Es gibt Menschen, welche den unteren Teil des Rumpfes länger haben als den oberen Teil, also vom unteren Anfang des Rumpfes bis zur Brust länger haben, und dann den oberen Teil, von der Brustmitte bis zum Hals, kürzer haben.

Ist dieser Teil von der Brustmitte bis zum Hals kürzer als der untere Teil des Rumpfes, so hat man es mit einem Menschen zu tun, welcher in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ein solches geistiges Leben durchgemacht hat, daß er sehr schnell den Aufstieg im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bis zu der Mitte durchgemacht hat. Da ist er sehr schnell gegangen. Dann geht er langsam und behaglich herunter zum neuen Erdenleben.

Zeichnung aus GA 236, S. 142

Hat man es aber zu tun mit einem Menschen, dessen oberer Teil vom Hals bis zur Brustmitte länger ist als der untere Teil von der Brustmitte bis zum Ende des Rumpfes, dann hat man es mit einem Menschen zu tun, der langsam, bedächtig bis zur Mitte gegangen ist in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dann schneller hinuntergeht zum Erdenleben. So daß man also in der Physiognomie, ja in den Maßen des menschlichen Mittelkörpers, die Nachwirkung von der Art und Weise hat, wie der Mensch die erste Hälfte des Durchganges vom Tod zu einer neuen Geburt durchmachte gegenüber der zweiten Hälfte. Es ist wirklich das, was am Menschen physisch ist, durchaus ein Abbild desjenigen, was dem Menschen geistig zugrunde liegt. Und das hat nun eine Folge für das Leben. Denn wenn Sie die Menschen nehmen, a mit kurzer Oberbrust und langer Unterbrust, und die Menschen, b mit langer Oberbrust und kurzer Unterbrust - es ist natürlich extrem gezeichnet - , so ist es so: Diese Menschen hier mit langem Unterrumpf und kurzem Oberrumpf, das sind solche, die vom Anfange an zeigen, daß sie sehr schlaf bedürftig sind. Das ist bei den anderen nicht der Fall; die sind weniger schlaf bedürftig. Sie sehen also an einem Menschen, je nachdem er schlafbedürftig ist oder nicht, was sich wiederum in den Maßen seines Mittelleibes ausdrückt, ob er schneller oder langsamer durchgegangen ist durch die erste Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, beziehungsweise schneller oder langsamer durch die zweite Hälfte durchgegangen ist.

Aber das hängt ja wiederum mit dem vorigen Erdenleben zusammen. Ein Mensch, der im vorigen Erdenleben, nicht durch Anlage, sondern mehr durch Erziehung und durch sein Leben, stumpf war für das Leben, nicht so sehr, daß er sich nicht interessiert hat, der aber stumpf war - er konnte eigentlich nichts richtig, er ging nicht darauf aus, die Dinge richtig zu begreifen, er konnte dabei sogar aufmerksam sein, seine Nase überall hineinstecken, aber es blieb bei der Neugierde und bei einer oberflächlichen Erfassung, er blieb stumpf -, ein solcher Mensch hat dann kein Interesse an der ersten Hälfte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Er bekommt erst Interesse, wenn es über die Mitternachtshöhe des Lebens hinausgegangen ist und er heruntersteigt.

Dagegen ein Mensch, der sich angewöhnt, mit seinem Verstande überall einzudringen, auch mit seinem Gemüte überall einzudringen, ein solcher Mensch bekommt großes Interesse für die erste Hälfte, für den Aufstieg, und macht schnell den Abstieg durch. So daß man wieder sagen kann: Wenn einem ein Mensch im Leben entgegentritt, der eine Schlafratte ist, dann ist das zurückzuführen auf ein solches stumpfes Leben im vorigen Erdenleben. Ein Mensch, der regsam ist, der keine Schlafratte ist, der meinetwillen sogar nötig hat, erst irgend etwas zu tun, damit er einschläft - es gibt ja Bücher, nicht wahr, die man als Schlafmittel benützen kann -, also ein Mensch, der das nötig hat, der ist nicht stumpf gewesen, sondern regsam gewesen, mit seinem Verstände, mit seinem Gemüte eindringlich regsam gewesen.“ (Lit.:GA 236, S. 141ff)

Das Leben nach dem Tod aus Sicht der katholischen Kirche

In den Lehren der katholischen Kirche findet die Tatsache der Reinkarnation praktisch keine Berücksichtigung. Das Leben nach dem Tod wird als Zwischenzustand zwischen dem Tod und der Auferstehung beim Jüngsten Gericht verstanden. Inwiefern dieser Zustand als zeitlich aufzufassen ist oder bereits der zeitlosen Ewigkeit angehört, gilt in der neueren Theologie als strittig[1]. In einer offiziellen, von Papst Johannes Paul II. gebilligten Darstellung der Kongregation für die Glaubenslehre aus dem Jahr 1979 wird geschildert „was zwischen dem Tod des Christen und der allgemeinen Auferstehung geschieht.“ Deutlich wird aber auch klargestellt: „Weder die Heiligen Schriften noch die Theologen bieten uns genügend Licht, um das künftige Leben nach dem Tod richtig zu beschreiben.“

„1. Die Kirche glaubt an die Auferstehung der Toten (vgl. das Apostolische Glaubensbekenntnis).

2. Die Kirche versteht diese Auferstehung so, daß sie den ganzen Menschen betrifft; dies ist für die Auserwählten nichts anderes als die Ausweitung der Auferstehung Christi selber auf die Menschen.

3. Die Kirche hält an der Fortdauer und Subsistenz eines geistigen Elementes nach dem Tode fest, das mit Bewußtsein und Willen ausgestattet ist, so daß das "Ich des Menschen" weiterbesteht, wobei es freilich in der Zwischenzeit seiner vollen Körperlichkeit entbehrt. Um dieses Element zu bezeichnen, verwendet die Kirche den Ausdruck "Seele", der durch den Gebrauch in der Heiligen Schrift und in der Tradition sich fest eingebürgert hat. Obwohl sie nicht übersieht, daß dieser Ausdruck in der Heiligen Schrift verschiedene Bedeutungen hat, ist sie doch der Auffassung, daß es keinen stichhaltigen Grund dafür gibt, ihn abzulehnen, zumal ja irgendein sprachlicher Ausdruck zur Stütze des Glaubens der Christen einfach notwendig ist.

[...]

7. Die Kirche glaubt, indem sie am Neuen Testament und an der Überlieferung treu festhält, an die Seligkeit der Gerechten, die einmal bei Christus sein werden. Eben so glaubt sie, daß eine ewige Strafe den Sünder so trifft, daß er der Anschauung Gottes beraubt wird und daß die Auswirkung dieser Strafe das ganze Sein des Sünders erfaßt. Was aber die Auserwählten betrifft, so glaubt sie, daß vor der Anschauung Gottes eine Reinigung stattfinden kann, die jedoch von der Strafe der Verdammten völlig verschieden ist. Das meint die Kirche, wenn sie von Hölle und Fegfeuer spricht.

Wenn man über das Geschick des Menschen nach dem Tode spricht, so muß man sich besonders vor Darstellungsweisen hüten, die sich ausschließlich auf willkürliche Phantasievorstellungen stützen; Übertreibungen in dieser Hinsicht sind nämlich ein nicht geringer Grund für die Schwierigkeiten, denen der christliche Glaube häufig begegnet. Jene Bilder hingegen, welche wir in der Heiligen Schrift verwandt finden, verdienen eine besondere Ehrfurcht. Man muß ihren tieferen Sinn verstehen und die Gefahr vermeiden, sie allzu sehr abzuschwächen, weil das oft die Wirklichkeit selbst verflüchtigt, die in diesen Bildern angedeutet wird.

Weder die Heiligen Schriften noch die Theologen bieten uns genügend Licht, um das künftige Leben nach dem Tod richtig zu beschreiben. Die Christen müssen die beiden folgenden wesentlichen Punkte festhalten: einerseits müssen sie an die grundsätzliche Fortdauer - in der Kraft des Heiligen Geistes - des gegenwärtigen Lebens in Christus im künftigen Leben glauben (denn die Liebe ist das Gesetz des Reiches Gottes, und unsere auf Erden geübte Liebe wird das Maß für unsere Teilhabe an der Herrlichkeit Gottes im Himmel sein); anderseits müssen sie deutlich wissen, daß zwischen dem jetzigen Leben und dem künftigen Leben ein grundlegender Unterschied besteht, denn der Ordnung des Glaubens folgt die Ordnung des vollen Lichtes und wir werden mit Christus sein und Gott schauen (vgl. 1 Joh 3,2 EU); in diesen Verheißungen und in diesen wunderbaren Geheimnissen besteht wesentlich unsere Hoffnung. Wenn unsere Vorstellungskraft nicht bis dort vorzudringen vermag, so gelangt doch unser Herz aus eigenem Antrieb und zuinnerst dorthin.“

Kongregation für die Glaubenslehre: Schreiben zu einigen Fragen der Eschatologie. Rom, 17. Mai 1979

Die wohl umfassendste und bilderreichste Darstellung des nachtodlichen Lebens aus katholischer Sicht gab Dante Alighieri in seiner «Göttlichen Komödie».

Anmerkungen

  1. So vertritt etwa der Theologe Gisbert Greshake die mittlerweile weithin akzeptierte Vorstellung einer unmittelbaren „Auferstehung im Tod“ und stellte sich damit in Gegensatz zu der traditionellen, vor allem von Joseph Kardinal Ratzinger vertretenen Ansicht.

Siehe auch

Literatur

  1. Karl Rahner: Über den ‘Zwischenzustand’. In: Ders.: Schriften zur Theologie XII. Einsiedeln u.a. 1975.
  2. Gisbert Greshake: Stärker als der Tod. Zukunft, Tod, Auferstehung, Himmel, Hölle, Fegfeuer (= Topos-Taschenbücher. Bd. 50). Unveränderter Nachdruck der 5., erweiterten Auflage, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1991, ISBN 3-7867-0562-3.
  3. Joseph Ratzinger: Eschatologie – Tod und ewiges Leben. Neuausgabe. Pustet, Regensburg 2007, ISBN 978-3-7917-2070-8.
  4. Kongregation für die Glaubenslehre: Schreiben zu einigen Fragen der Eschatologie. Rom, 17. Mai 1979 (online verfügbar).
  5. Arie Boogert: Der Weg der Seele nach dem Tod. Unser Leben nach dem Leben, Urachhaus Vlg., Stuttgart 2005
  6. Martin Burckhardt: Die Erlebnisse nach dem Tod. Der nachtodliche Weg des Menschen durch die übersinnliche Welt, Edition Vlg. Die Pforte, Dornach 1996
  7. Rudolf Steiner: Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen, GA 102 (2001), ISBN 3-7274-1020-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, GA 140 (2003), ISBN 3-7274-1400-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  9. Rudolf Steiner: Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen, GA 141 (1997), ISBN 3-7274-1410-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Rudolf Steiner: Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt, GA 153 (1978)
  11. Rudolf Steiner: Menschenschicksale und Völkerschicksale, GA 157 (1981), ISBN 3-7274-1571-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  12. Rudolf Steiner: Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung, GA 161 (1999), ISBN 3-7274-1610-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  13. Rudolf Steiner: Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten, GA 168 (1984), Zweiter Vortrag, Kassel, 18. Februar 1916 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  14. Rudolf Steiner: Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, GA 174b (1994), ISBN 3-7274-1742-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  15. Rudolf Steiner: Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen, GA 178 (1992)
  16. Rudolf Steiner: Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewußtseinsnotwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft., GA 181 (1967), Zehnter Vortrag, 2. April 1918 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  17. Rudolf Steiner: Der Tod als Lebenswandlung, GA 182 (1996), ISBN 3-7274-1820-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  18. Rudolf Steiner: Menschenwesen, Menschenschicksal und Welt-Entwickelung, GA 226 (1988), ISBN 3-7274-2260-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  19. Rudolf Steiner: Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfaßt, GA 231 (1999), ISBN 3-7274-2310-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  20. Zwischen Tod und Wiedergeburt. Texte Rudolf Steiners eingeleitet und ausgewählt von Ernst Schuberth, Fischer TB, Frankfurt a.M. 1988
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