Lehrer

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Lehrer haben ganz allgemein die Aufgabe, zu lehren, d.h. andere Menschen dabei zu unterstützen, sich bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben. Diese können auf spezielle, rein äußere Zwecke gerichtet sein, wie in der berufsorientierten Ausbildung, aber auch der allseitigen, zweckfreien Bildung dienen und dadurch zugleich die freie Entfaltung der Individualität des Schülers fördern. Dazu ist vor allem auch Erziehung im Sinne von Charakterbildung nötig, aber nicht nach vorgegebenen moralischen Regeln, sondern als Hilfe, die ganz individuellen charakterlichen Anlagen zu entwickeln. Der Lehrer wird diese Aufgabe am besten erfüllen, wenn er selbst niemals aufhört, seine eigenen Kentnisse, Fähigkeiten und vor allem seine Individualität durch Selbsterziehung weiterzuentwickeln und wenn er genügend Aufmerksamkeit, Selbstlosigkeit und Vorurteilslosigkeit aufbringt, um das Wesen seiner Schüler instinktiv erfassen zu können. Diese Anforderung wird insbesondere der Waldorflehrer an sich stellen.

"Der Lehrende, der Erziehende darf ja nicht zuerst etwas theoretisch lernen und sich dann sagen: Was ich theoretisch gelernt habe, das wende ich jetzt auf das Kind in dieser oder jener Weise an. - Dadurch entfernt er sich von dem Kinde, er nähert sich nicht dem Kinde. Der Lehrer muß das, was er über den Menschen weiß, in eine Art höheren Instinkt hineinbekommen, so daß er in einer gewissen Weise instinktiv jeder Regung des einzelnen individuellen Kindeslebens gegenübersteht. Dadurch unterscheidet sich eben anthroposophische Menschenerkenntnis von jener, die heute üblich ist. Diejenige Menschenerkenntnis, die heute üblich ist, führt höchstens zur Erziehungsroutine, nicht aber zur wirklichen Erziehergesinnung und zur wirklichen Erzieherpraxis. Denn einer wirklichen Erzieherpraxis muß eine solche Menschenerkenntnis zugrunde liegen, die dem Kinde gegenüber in jedem Augenblick instinktiv wird, so daß man aus der ganzen Fülle dessen, was einem am Kinde entgegentritt, dem einzelnen Falle gegenüber weiß, was man zu tun hat." (Lit.: GA 306, S. 32)

"Von der Genialität und Weisheit des Lehrers hängt eigentlich für das Sprechen im Unterrichten das allerwenigste ab. Das allerallerwenigste hängt dabei, ob wir gut Mathematik oder Geographie lehren können, davon ab, ob wir selbst ein guter Mathematiker oder ein guter Geograph sind. Wir können ein ausgezeichneter Geograph, aber ein schlechter Lehrer der Geographie sein und so weiter. Es hängt die Güte beim Lehren, das ja doch zum größten Teil auch im Sprechen besteht, davon ab, was man einmal über die Dinge, die man vorzubringen hat, gefühlt, empfunden hat, und was für Empfindungen wieder angeregt werden dadurch, daß man das Kind vor sich hat. Deshalb läuft zum Beispiel die Pädagogik der Waldorfschule auf Menschenkenntnis hinaus, das heißt auf Kindeskenntnis; nicht auf eine Kindeskenntnis, die durch abstrakte Psychologie vermittelt ist, sondern die auf einem vollmenschlichen Begreifen des Kindes beruht, so weit, daß man es durch das bis zum unmittelbaren liebevollen Hingeben verdichtete Gefühl dazu bringt, das Kind nachzuempfinden. Dann ergibt sich aus dieser Nachempfindung, die man gegenüber dem Kinde hat, und aus dem, was man selber einmal gefühlt und empfunden hat an dem, was man vorzubringen hat, aus alledem ergibt sich ganz instinktiv die Art, wie man zu sprechen oder auch zu hantieren hat.

Es nützt zum Beispiel gar nichts, ein blödes Kind so zu unterrichten, daß man die Weisheit der Welt, die man selber hat, anwendet. Weisheit hilft einem bei einem blöden Kinde nur, wenn man sie gestern gehabt und zur Vorbereitung gebraucht hat. In dem Augenblick, wo man das blöde Kind unterrichtet, muß man die Genialität haben, selber so blöde zu sein wie das Kind, und nur die Geistesgegenwart haben, sich zu erinnern an die Art, wie man gestern weise war bei der Vorbereitung. Man muß mit dem blöden Kind blöde, mit dem nichtsnutzigen Kinde - im Gemüt wenigstens - nichtsnutzig, mit dem braven Kind brav sein können und so weiter. Man muß wirklich als Lehrer - ich hoffe, daß dieses Wort nicht allzustarke Antipathien erweckt, weil es zu stark nach Gedanken oder Willen gerichtet ist - , man muß wirklich eine Art Chamäleon sein, wenn man richtig unterrichten will." (Lit.: GA 339, S. 16f)

"Es gibt im Grunde genommen auf keiner Stufe eine andere Erziehung als Selbsterziehung. Aus tieferen Gründen heraus wird ja das insbesondere durch die Anthroposophie eingesehen, die von wiederholten Erdenleben ein wirklich forschungsgemäßes Bewußtsein hat. Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes. Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muß." (Lit.: GA 306, S. 131)

Im höchsten Sinn steht der Geisteslehrer dem Geistesschüler, der den geistigen Schulungsweg beschreitet, auf dessen Wunsch als Freund mit Rat und Hilfe zur Seite, um seine geistigen Kräfte zu stärken. Geisteslehrer - und in abgeschwächter Form gilt das für jeden Lehrer - ist man durch innere Berufung und durch die eigenen Erfahrungen, die man auf dem Schulungsweg gemacht hat.

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis. Die Erziehung des Kindes und jüngeren Menschen., GA 306 (1989), ISBN 3-7274-3060-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Anthroposophie, soziale Dreigliederung und Redekunst. Orientierungskurs für die öffentliche Wirksamkeit mit besonderem Hinblick auf die Schweiz., GA 339 (1984), ISBN 3-7274-3390-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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