Macht

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Als sozialwissenschaftlicher Begriff bezeichnet Macht einerseits die Fähigkeit, auf das Verhalten und Denken von Personen und sozialen Gruppen einzuwirken, andererseits die Fähigkeit, Ziele zu erreichen, ohne sich äußeren Ansprüchen unterwerfen zu müssen. Diese beiden Sichtweisen werden auch als „Macht über“ und „Macht zu“ bezeichnet. Macht gilt als zentraler Begriff der Sozialwissenschaften und ist als solcher in seinem Bedeutungsumfang umstritten (essentially contested).

Machtverhältnisse beschreiben mehrseitige (Austausch-)Verhältnisse, bei denen oft eine Seite über größere Macht verfügt (zum Beispiel durch Belohnung, Bestrafung, Wissen) und das von anderer Seite akzeptiert wird. Es wird auf Widerspruch verzichtet, nichts gegen die Ausübung der Macht unternommen, oder die andere Seite lässt sich zu Duldung oder Befolgung zwingen.

Macht spielt praktisch in allen Formen des menschlichen Zusammenlebens eine Rolle und bedingt auf unterschiedliche Weise das Entstehen von Sozialstrukturen mit ausdifferenzierten persönlichen, sozialen oder strukturellen Einflusspotenzialen. [1][2][3] Mit Bezug auf die Etymologie von „Macht“ kann der Begriff auch so verstanden werden, dass soziale Macht nur einen – wenn auch sehr bedeutenden – Unterfall eines grundsätzlicheren Machtbegriffs bildet.[4][5]

Für Max Weber ist der Machtbegriff „soziologisch amorph“; er definiert ihn wie folgt: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“[6] Diese unterschiedlichen Machtbasen werden in der Folge in der soziologischen und sozialpsychologischen Theoriebildung immer weiter differenziert.

Etymologie

Im Althochdeutschen, Altslawischen und Gotischen bedeutete das Wort Macht (got.: magan) so viel wie Können, Fähigkeit, Vermögen (z. B. jemand „vermag“ etwas zu tun), signalisiert also Potenzialität. Vergleichbar stammt das lateinische Substantiv für „Macht“, potentia, von dem Verb possum, posse, potui ab, welches heute mit „können“ übersetzt wird.

Macht wird im allgemeinen Sprachgebrauch oftmals dem Wortfeld des Begriffs Herrschaft zugeordnet. Wörter wie Machtapparat, Machtergreifung, Machtwechsel, Machthaber legen dieses Verständnis nahe.

Machtbasen

Die Sozialpsychologen French und Raven haben in einer heute klassischen Studie[7][8] 1959 ein Schema von fünf Kategorien entworfen, welche die verschiedenen Machtbasen bzw. Ressourcen einordnen, auf die sich der oder die Machtinhaber abstützen:

Legitime Macht
Man lässt sich beeinflussen, wenn man der Ansicht ist, der Beeinflussende habe ein Recht dazu, Entscheidungen oder Verhaltensweisen zu beeinflussen. Die legitime Macht bezieht sich z. B. auf die Macht von Vorgesetzten, aufgrund ihrer relativen Position in einer Organisationsstruktur. Legitime Macht ist identisch mit Autorität und ist abhängig von der Überzeugung von Individuen, vom Recht eines Vorgesetzten, seine Stellung innezuhaben und der Akzeptanz des Stelleninhabers. Legitimation kann auch durch Wahl, Rechtsprechung oder andere Verfahren geschaffen werden.
Macht durch Belohnung
Belohnungsmacht hängt von der Fähigkeit des Machtausübenden ab, Belohnungen zu vergeben. Neben materiellen oder finanziellen Belohnungen können auch Aufmerksamkeit, Lob und Zuwendung zur Anwendung kommen. Die Macht durch Belohnung bezieht sich z. B. auf die Möglichkeit von Vorgesetzten, den Mitarbeitenden Vorteile, Wohlstand oder Beförderung zu verschaffen oder ihren Lohn oder Verantwortungsbereich zu vergrößern.
Macht durch Zwang
Macht durch Zwang meint die Ausübung von negativen Einflüssen z. B. durch Degradierung oder Entlassung oder Zurückhaltung von Belohnungen. Der Gehorsam der Abhängigen wird durch den Wunsch nach wertgeschätzten Belohnungen oder die Angst vor deren Versagung erreicht.
Macht durch Identifikation
Diese Form der Macht bezieht sich auf die Fähigkeit des Machtausübenden, bei den Bezugspersonen ein Gefühl der Verbundenheit hervorzurufen. Der Machtausübende beeinflusst Einstellungen der Bezugsperson zur Machtperson (zu sich) selbst und damit die Emotionen sowie Ziele und Absichten der Bezugsperson. Sie basiert auf dem Charisma des Machtinhabers. Die zu beeinflussenden Personen wollen sich mit den persönlichen Eigenschaften und Qualitäten des Machtinhabers identifizieren und gewinnen Befriedigung aus ihrer Akzeptanz als Mitläufer und Nachfolger.
Macht durch Wissen
Hier entsteht Macht durch situationsbezogenes, wertvolles Wissen des Machtausübenden. Diese Macht der Experten beruht auf deren Fähigkeiten oder Erfahrungen. Anders als die anderen Machtbasen ist diese hochspezifisch und auf den speziellen Bereich eingeschränkt, auf welchem der Experte erfahren und qualifiziert ist.

Neben diesen fünf Machtbasen werden auch andere Machtquellen diskutiert:

Macht durch Informationsvorsprung
Nötig sind nur der Zugang zu den Informationen und die Kontrolle über die Kommunikationskanäle. Durch Verbreitung oder Fälschen der Information werden die Informationsempfänger beeinflusst.

Macht bei Rudolf Steiner

„Irgendein Inhalt, den man als Erkenntnisinhalt hat, wird zu einer Machtkraft, wenn man ihn geheim hält. Daher sind diejenigen, die gewisse Lehren geheimhalten wollen, sehr unangenehm berührt, wenn die Dinge popularisiert werden. Das ist geradezu ein Weltgesetz, daß dasjenige, was popularisiert einfach Erkenntnis gibt, Macht gibt, wenn es sekretiert wird.“ (Lit.:GA 202, S. 60)

„Die Menschheit wird für gewisse Dinge in der 5. nachatlantischen Zeit reif, wie sie für andere Dinge in den früheren Perioden reif geworden ist. Eine Sache, für welche die Menschheit reif wird, sie erscheint dem heutigen Menschen ganz besonders paradox, weil ein großer Teil der heutigen öffentlichen Meinung geradezu nach dem Entgegengesetzten hinstrebt, sozusagen die Menschen nach dem Entgegengesetzten hinlenken möchte. Aber das wird nichts helfen. Die geistigen Kräfte, welche der Menschheit, wenn ich so sagen darf, im Laufe der 5. nachatlantischen Periode eingeimpft sind, werden stärker sein, als was gewisse Menschen wollen, oder was im Sinne der öffentlichen Meinung liegt. Eine von diesen Sachen, die sich mit aller Gewalt geltend machen wird, wird die sein, daß möglich werden wird eine gewisse Lenkung der Menschen nach mehr okkulten Grundsätzen, als jemals die Menschen gelenkt worden sind. Es liegt im allgemeinen Charakter der Entwickelung, daß in dieser 5. nachatlantischen Zeit gewisse Machtverhältnisse, gewisse starke Einflußverhältnisse, auf kleine Gruppen von Menschen übergehen müssen, die eine starke Macht haben werden über andere, große Massen. Dem arbeitet ein gewisser Teil der öffentlichen Meinung heute lebhaft entgegen, aber das wird sich trotzdem entwickeln. Es wird sich aus dem Grunde entwickeln, weil ein großer Teil der Menschheit während dieser Zeit einfach aus der inneren Seelenreife heraus, aus den Entwickelungsnotwendigkeiten der Menschheit heraus, gewisse spirituelle Anlagen entwickeln wird, ein gewisses naturgemäßes Hineinschauen in die geistige Welt entwickeln wird. Dieser Teil der Menschheit, der zwar die beste Grundlage abgeben wird für das, was im 6. nachatlantischen Zeitraum, der auf den unsrigen folgt, kommen wird, dieser Teil der Menschheit wird sich aber in diesem 5. Zeitraum, in dem er sich vorbereitet, wenig geneigt zeigen, die Angelegenheiten des physischen Planes stark ins Auge zu fassen. Er wird gewissermaßen geringes Interesse für die Angelegenheiten des physischen Planes zeigen; er wird viel damit beschäftigt sein, das Gemütsleben auf eine höhere Stufe zu bringen, gewisse geistige Angelegenheiten zu ordnen (das Karma zum Beispiel). Dadurch werden andere, die gerade weniger für dieses spirituelle Leben geeignet sind, gewisse Machtverhältnisse an sich reißen können. Das ist etwas, was sich mit einer gewissen Notwendigkeit ergibt.“ (Lit.:GA 178, S. 80f)

Siehe auch

Macht - Artikel in der deutschen Wikipedia

Einzelnachweise

  1. Steven Lukes: Power. A Radical View. Palgrave, London 2005 [1974].
  2. Michel Foucault: Analytik der Macht. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
  3. Hannah Arendt: On Violence. New York, London 1970 (deutsche Ausgabe: Macht und Gewalt. Piper, München 1970, 15. Auflage 2003).
  4. Marco Iorio: Macht und Freiheit. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 32, 2007, S. 299–312.
  5. Marco Iorio: Macht und Metamacht. In: Analyse & Kritik 30, 2008, S. 515–532.
  6. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Kapitel 1, §16.
  7. French and Raven’s Bases of Social Power in a Not-for-Profit Health Care Facility: Perceptions and Satisfaction. Dissertation Abstracts. 59, no. 07A: 2605.
  8. French, J. P. R. Jr. und Raven, B.: The bases of social power. In: D. Cartwright and A. Zander (eds.), Group dynamics. Harper and Row, New York 1960, S. 607–623.

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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