Maria (Mysteriendrama)

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Maria ist die weibliche Protagonistin der Mysteriendramen Rudolf Steiners. In Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, auf dessen Grundlage Steiner seine Dramen geschrieben hat, entspricht ihr die schöne Lilie. Bei den Uraufführungen der vier Mysteriendramen in den Jahren 1910 - 1913 wurde ihre Rolle von Marie Steiner gespielt.

Maria als Geistesschülerin des Benedictus

Maria ist die fortgeschrittenste Geistesschülerin des Geisteslehrers Benedictus und steht in enger geistiger Beziehung zu Johannes Thomasius. Durch ihren hohen geistigen Reifegrad ist sie auserwählt, dass ein höheres geistiges Wesen durch sie wirken kann, um die Weltentwicklung voranzubringen:

"Ich habe in meinem Rosenkreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» darauf aufmerksam gemacht, wie eine menschliche Wesenheit durchgeistet wird in einem bestimmten Zeitpunkt, wenn es notwendig ist für die Weltentwickelung, von einer höheren Wesenheit. Das ist nicht bloß als ein poetisches Bild gemeint, sondern als poetische Repräsentation einer okkulten Wirklichkeit." (Lit.: GA 124, S. 99f)

Im 3. Bild der «Pforte der Einweihung» eröffenet ihr Benedictus:

Als auf dem Pilgerpfad der Seele
Erreicht ich hatte jene Stufe,
Die mir die Würde gab,
Mit meinem Rat zu dienen in den Geistersphären,
Da trat zu mir ein Gotteswesen,
Das niedersteigen sollte in das Erdenreich,
Um eines Menschen Fleischeshülle zu bewohnen.
Es fordert dies das Menschenkarma
An dieser Zeiten Wende.
Ein großer Schritt im Weltengang
Ist möglich nur, wenn Götter
Sich binden an das Menschenlos.
Es können sich entfalten Geistesaugen,
Die keimen sollen in den Menschenseelen,
Erst wenn ein Gott das Samenkorn
Gelegt in eines Menschen Wesenheit.
Es wurde mir nun aufgegeben,
Zu finden jenen Menschen,
Der würdig war, des Gottes Samenkraft
In seine Seele aufzunehmen.
So mußte ich verbinden Himmels-Tat
Mit einem Menschenschicksal.
Mein geistig Auge forschte.
Es fiel auf dich.
Bereitet hatte dich dein Lebenslauf zum Heiles-
In vielen Leben hattest du erworben dir [mittler.
Empfänglichkeit für alles Große,
Das Menschenherzen leben. (Lit.: GA 014, S. 68)

Maria ist durch die Worte Benedictus so tief erschüttert, dass ihr geistig-seelischer Wesenskern in die geistige Welt entrückt wird. Doch in diesem Moment wird ihre verlassene Leibeshülle von einem Widersacherwesen ergriffen, das einen bitteren Fluch gegen Benedictus ausstößt - eine der dramatischsten Szenen in Steiners erstem Mysteriendrama.

"Diejenigen von Ihnen, welche an der Münchener Aufführung des «Rosenkreuzermysteriums» teilgenommen haben, oder es gelesen haben, werden wissen, daß eine der wichtigsten dramatischen Verwicklungen darauf beruht: Der Hierophant macht die Maria darauf aufmerksam, wie sie ihre Mission nur dadurch erfüllen kann, daß in der Tat ein solcher Einfluß einer höheren Wesenheit stattgefunden hat; und bei ihr wird dadurch wirklich so etwas hervorgerufen, was man nennen kann eine Trennung der höheren Glieder von den niederen, so daß die letzteren dann besessen werden können von einem untergeordneten Geist. - Alles, was in dem «Rosenkreuzermysterium» zu finden ist, kann Sie, wenn Sie es auf Ihre Seele wirken lassen und nicht leicht hinnehmen, auf große Geheimnisse der Menschheitsevolution aufmerksam machen." (Lit.: GA 123, S. 95)

Das wird zugleich zu einem schicksalsbestimmenden Erlebnis für Johannes Thomasius, den anderen Protagonisten von Steiners Mysteriendramen:

"Johannes Thomasius muß erleben, daß eine Seele, mit der er, wie sich in der Devachanszene später zeigen wird, karmisch auf eine wunderbare Weise verbunden ist, unmittelbar vor ihm in die geistigen Welten hinaufsteigt. Es ist ein welthistorischer Moment, wo eine solche Seele in die geistigen Welten hinaufsteigt. Es kann natürlich jetzt nicht auf alles hingewiesen werden, was mit einem solchen Moment verbunden ist. Aber es ist eine durchaus reale Tatsache, die jeder, der mit dem okkulten Leben bekannt ist, in ihrer furchtbar gewaltigen, lichtvollen und schattenvollen Gestalt kennt. Und ein solcher kennt auch von ihr, was dann in der physischen Welt geschieht, wenn die Erschütterung eintritt, daß eine Seele in die geistigen Welten unmittelbar, nicht etwa mit gelassenem Gang des eigenen Karma, sondern durch das Weltenkarma herausgefordert, in die geistige Welt verschwindet. Das sind Momente, die für die Evolution der Menschheit wichtig sind. Aber das sind auch diejenigen Momente, in welchen wirkliche, real vorhandene versucherische Mächte, die aus der geistigen Welt ebenso hereinschauen in unsere physische Welt wie die guten Mächte, die Kraft haben, verlassene physische Hüllen zum Schauplatz ihrer Versucherlist und Versucherkraft zu gewinnen. Das sind die Angriffspunkte; da werden sie gleichsam losgelassen. Und dann treten die Verhältnisse auf, in denen sich Maja in der furchtbarsten Weise zeigt. Gegenüber den kleinen Täuschungen des Karma kann der Mensch, der vielleicht nicht weit ist, der Versuchung nicht widerstehen; aber gegenüber den großen Täuschungen des Karma, wenn es etwas vorführt, von dem man auf einer gewissen Entwickelungsstufe auch nicht mehr ganz glauben kann, daß es so sein könnte, schrickt eine Seele zurück, die nicht durch gewisse Abgründe des Lebens gegangen ist. Man kann sich vorstellen, daß manche vielleicht sagen werden, sie hätten es auch ausgehalten, was da im Meditationszimmer vorgegangen ist. Sie sollten aber nur einmal da hingestellt werden! Die Wirklichkeit ist noch etwas ganz anderes als das, was wir denken. In der Wirklichkeit spielen noch andere Kräfte. Wer das nicht glaubt, soll sich nur vorstellen, ob er jemals eine wirkliche Erfahrung gemacht hat von einem Menschenleib, der von seiner Seele verlassen worden ist. Die Menschen kennen nur Menschenleiber, die beseelt sind. Da spielen eben noch andere Kräfte. Und um diesen Kräften standzuhalten, mußte Johannes Thomasius gerade vor diesen Punkt im Weltenkarma hingeführt werden." (Lit.: GA 125, S. 142f)

Frühere Inkarnationen Marias

In den Mysteriendramen finden sich immer wieder Rückblicke auf frühere Inkarnationen Marias, durch die ihr gegenwärtiges Schicksal verständlicher wird.

Christusbote aus den hybernischen Mysterien

Im 7. Bild der «Pforte der Einweihung» werden die Erlebnisse Marias im Geistgebiet geschildert. Die Seherin Theodora, die jetzt erscheint, leitet Johannes Geistesblick zu einer früheren weiblichen Inkarnation zurück, in der er Maria schon in anderer Gestalt begegnet war und sein Schicksal eng mit dem ihren verbunden hatte. Maria, damals in einer männlichen Inkarnation, war, wie sie nun selbst sagt, als Christusbote aus den hybernischen Mysterien zu jenem Stamm gekommen, wo Johannes damals lebte und wo noch die Götter Odin und Baldur verehrt wurden. Johannes fühlte sich damals sofort mächtig von dieser Botschaft angezogen, doch blieb die Kraft, die ihn mit Maria verband, noch beiden unbewusst, woraus manche Schmerzen und Leiden erwuchen. Und doch lag in diesen Leiden zugleich die Kraft, die beide hierher ins Geistgebiet geführt hatte, wo sie einander nun wahrhaft erkennen können. Dass Johannes nun Maria, mit der er schon im irdischen Dasein verbunden ist, auch in ihrem geistigen Wesen erkennt, gibt ihm zugleich den festen Punkt, durch den er sich in der Geisteswelt orientieren kann. Jetzt erkennt Johannes auch jene Worte, die im dritten Bild nur verzerrt durch die vom Geist verlassene Leibeshülle Marias ertönt waren, in ihrem wahren Gehalt. Maria spricht davon, wie beseligend für sie die Worte des Benedictus gewesen waren und wie Benedictus Johannes die Kraft verliehen hatte, ihr bewusst in die Geistersphären zu folgen.

Ein Mönch zur Zeit des Spätmittelalters

In «Die Prüfung der Seele» wird eine weitere Inkarnation Marias geschildert. Sie lebte zur Zeit des Spätmittelalters als Mönch des Dominikanerordens und war als strenger Kirchenmann ein erklärter Gegner des dort beschriebenen Ritterordens. Der Bergwerksmeister Thomas, eine frühere Inkarnation des Johannes Thomasius, war ein glühender Anhänger dieses Mönchs und damit Maria auch in diesem Erdenleben eng verbunden.

Neophyt der ägyptischen Mysterien

Ägyptische Tempelszene in der Inszenierung am Goetheanum 2010 (Foto: Jochen Quast)

In «Der Seelen Erwachen», dem vierten Drama Steiners, wird Marias frühere Inkarnation zur spätägyptischen Zeit gezeigt, wo sie als junger Neophyt in die Mysterien eingeweiht werden soll (8. Bild). Johannes, der zu dieser Zeit als junge Ägypterin inkarniert ist und den Neophyten innig liebt, aber nun nach den Regeln der Mysterien für immer von ihm getrennt werden soll, verfolgt in innerem Traumerleben die Einweihungszeremonie. Durch eine ganz bewusste Versäumnis des Opferweisen, einer früheren Inkarnation des Capesius, misslingt jedoch diese Einweihung nach alter Art, bei der das Ich völlig ausgeschaltet werden soll; nicht von objektiv geistig Erlebtem vermag der Neophyt zu künden, sondern nur von persönlich Erfühltem. Doch so soll es auch nach Meinung des Opferweisen sein, der bereits die heranbrechende neue Zeit, die Griechisch-Lateinische Kultur, von ferne ahnt.

DER NEOPHYT:
Gehorchend eurem strengen Opferworte,
Versenkt' ich mich in dieses Flammenwesen,
Erwartend hoher Weltenworte Tönen.

(Die anwesenden Mysten, mit Ausnahme des Opferweisen,
zeigen bei der Rede des Neophyten einen immer größern
Schrecken.)

Ich fühlte, wie ich mich vom Erdgewicht
Mit Lüfteleichtigkeit befreien konnte. —
Vom Weltenfeuer liebend hingenommen,
Erfühlt' ich mich in Geisteswellenströmen.
Ich sah, wie meine Erdenlebensform
Sich außer mir als andres Wesen hielt. -
Von Seligkeit umhüllt, im Geisteslicht
Mich fühlend, könnt' ich doch die Erdenhülle
Mit Anteil nur betrachten, wunscherfüllt. —
Ihr strahlten Geister hoher Welten Licht —;
Es nahten ihr wie Falter, glitzernd hell,
Die Wesen, die ihr Leben regsam pflegten.
Von dieser Wesen Lichtgeflimmer strahlte
Erfunkelnd Farbenspiel der Leib zurück,
Das glänzend nah, erglimmend fern sich zeigt';
Zuletzt im Raum zerstiebend sich verlor.
Es keimte mir im Geistesseelensein
Der Wunsch, das Erdgewicht versenke mich
In meine Hülle, daß ich Freudesinn
In Lebenswärme fühlend pflegen könne. —
In meine Hülle fröhlich untertauchend,
Empfand ich euren strengen Weckeruf.

DER HÖCHSTE OPFERWEISE (selbst bestürzt zu den
bestürzten Mysten):
Das ist nicht Geist-Erschautes; - irdisch Fühlen -
Entwand dem Mysten sich und stieg als Opfer
In lichte Geisteshöhn, - o Frevel, Frevel —!

DER WORTEBEWAHRER (im Zorne zu dem Opferweisen):
Es wär' nicht möglich, hättet ihr das Amt,
Das euch als Opferweiser anvertraut,
Im Sinne uralt heil'ger Pflicht verwaltet.

DER OPFERWEISE:
Ich tat, was mir als Pflicht aus höhern Reichen
In dieser Feierstunde auferlegt.
Enthalten hab' ich mich, das Wort zu denken,
Das nach der Sitte mir geboten ist
Und das, von meinem Denken aus, hinüber
Zum Neophyten geistig wirken sollte.
So hat der junge Mann nicht fremdes Denken,
Er hat sein eignes Wesen hier verkündet.
Die Wahrheit hat gesiegt. - Ihr mögt mich strafen;
Ich mußte tun, was ihr in Furcht erlebt.
Ich fühle schon die Zeiten nahe kommen,
Die aus dem Gruppengeist das Ich befreien
Und ihm das eigne Denken lösen werden.
Es mag der Jüngling eurem Mystenweg
Sich jetzt entringen -. Spätres Erdesein
Wird ihm die Mystenweise sicher zeigen,
Die ihm von Schicksalsmächten vorgedacht.

DIE MYSTEN:
O Frevel, - der nach Sühne ruft, - nach Strafe -.

(Die Sphinxe beginnen nacheinander zu sprechen als Ahriman
und Lucifer, sie waren bisher reglos wie Bildsäulen; ihr
Sprechen wird nur von dem Opferweisen, dem höchsten
Opferweisen und dem Neophyten gehört; - die andern bleiben
in Aufregung durch das Vorhergehende.)

(Lit.: GA 014, S. 504f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Vier Mysteriendramen, GA 14 (1998), ISBN 3-7274-0140-0 GA 014
  2. Rudolf Steiner: Das Matthäus-Evangelium, GA 123 (1988), ISBN 3-7274-1230-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums, GA 124 (1995), ISBN 3-7274-1240-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie, GA 125 (1992), ISBN 3-7274-1250-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
Steiner big.jpg
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