Materialismus

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Der Begriff Materialismus (von lat. materia = Stoff; etymologisch verwandt mit lat. mater = Mutter bzw. matrix = Gebärmutter; siehe auch → Materie) bezeichnet eine philosophische Grundrichtung, die - im Gegensatz zum Idealismus - davon ausgeht, dass Gedanken und Ideen Erscheinungsformen der Materie sind und ist eine der 12 grundlegenden Weltanschauungen, von denen Rudolf Steiner spricht. Im Tierkreis ordnet er dem Materialismus das Zeichen Krebs zu.

Der erkenntnistheoretisch-ontologische Materialismus bildete die Grundlage des von Karl Marx und Friedrich Engels begründeten Dialektischen Materialismus. Umgangssprachlich steht die Bezeichnung Materialismus meist abwertend für eine ethische Lebenshaltung, die einzig auf Besitz und Wohlstand im Rahmen einer reinen Konsumgesellschaft ausgerichtet ist.

Rudolf Steiner über den Materialismus

Rudolf Steiner wandete sich zwar entschieden gegen die einseitige und ausschließliche Berufung auf den Materialismus, die alles Geistige und Seelische negiert, verkannte aber dessen teilweise Berechtigung und Bedeutung keineswegs.

„Der Materialismus ist die Weltanschauung, die den Menschen betrachtet insofern er hervorgegangen ist aus den Substanzen und Kräften dieser Erde. Und wenn auch mancher betont, der Mensch bestehe nicht bloß aus den Substanzen und Kräften dieser Erde, so haben wir doch keine Wissenschaft, die sich mit dem am Menschen beschäftigt, was nicht aus den Substanzen und Kräften dieser Erde kommt. Deshalb ist heute die Behauptung von vielen, die es von ihrem Standpunkt aus gut meinen, daß irgendwie das Ewige in dem Menschen dennoch verstanden werden könne, eine nicht ganz ehrliche. Dieser Materialismus ist ja nicht bloß da zum Widerlegen. Es ist heute schon etwas durchaus Dilettantisches, den Materialismus immer nur widerlegen zu wollen. Die theoretischen Anschauungen, die sich auf den Materialismus berufen, die eine geistige Welt entweder in Zweifel ziehen oder ganz ableugnen, oder wenigstens die Erkenntnis von ihr in Zweifel ziehen oder ableugnen, diese Gesichtspunkte sind ja nicht das, was in erster Linie in Betracht kommt. Sondern was da in erster Linie in Betracht kommt, ist das ungeheuer Imponierende, das Bedeutungsvolle des Materialismus. Was nützt es denn schließlich, wenn die Leute aus irgendeinem Gemütszustande oder aus der religiösen Tradition heraus sagen, das Denken des Menschen, das Fühlen des Menschen, das Wollen des Menschen müsse doch etwas Selbständiges sein außerhalb des Gehirns, und die Wissenschaft der heutigen Zeit kommt dann und trägt - entweder durch das eine oder das andere Mittel, meistens dadurch, daß man an pathologischen Zuständen Gehirnforschung anstellt - Stück für Stück vom Gehirn ab und trägt damit scheinbar auch Stück für Stück die Seele des Menschen ab? Was nützt es weiter, wenn wir aus irgendeinem Gemütszustande oder aus der religiösen Tradition heraus von der Unsterblichkeit des Seelenlebens sprechen - und wenn dieses Seelenleben zum Beispiel erkrankt ist, uns gar nichts anderes einfallen kann, als zunächst an die Heilung des Gehirns oder des Nervensystems überhaupt zu denken? Das alles aber hat uns der Materialismus gebracht. Und viele, die heute den Materialismus widerlegen wollen, wissen eigentlich nicht, was sie tun; denn sie ahnen nicht, welche ungeheuere Bedeutung die Detailkenntnisse haben, die der Materialismus gebracht hat. Und sie ahnen nicht, was für eine Konsequenz für das Ganze der Menschenerkenntnis der Materialismus gebracht hat.“ (Lit.:GA 231, S. 58f)

„Man hat heute die Meinung, wenn man von Materialismus spricht, daß der Materialismus eine falsche Weltanschauung ist, daß er abzulehnen ist, weil er nicht richtig ist. So einfach verhält sich die Sache nicht. Der Mensch ist ein seelisch-geistiges Wesen, er ist ein leiblich-physisches Wesen. Aber das Leiblich-Physische ist ein getreues Abbild des Seelisch-Geistigen, insofern wir leben zwischen Geburt und Tod. Und wenn die Menschen so verphilistert sind in den materialistischen Gedanken, wie das geworden ist im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart hinein, dann wird immer mehr das Leiblich-Physische ein Abdruck dieses Seelisch-Geistigen, das selbst in den materialistischen Impulsen lebt. Dann ist es nicht etwas Falsches, wenn man sagt, das Gehirn denkt, dann wird es richtig. Es werden durch das Fest-darin-Stecken im Materialismus nicht bloß Menschen erzeugt, die schlecht denken über das Leibliche, Seelische und Geistige, sondern es werden materiell denkende und materiell fühlende Menschen erzeugt. Das heißt, der Materialismus bewirkt, daß der Mensch ein Denkautomat wird, daß der Mensch ein Wesen wird, das als physisches Wesen denkt, fühlt und will. Und es ist nicht bloß die Aufgabe der Anthroposophie, an die Stelle einer falschen Weltanschauung eine richtige zu setzen — das ist eine theoretische Forderung—, das Wesen der Anthroposophie heute besteht darin, daß angestrebt wird nicht nur eine andere Idee, sondern eine Tat: das Geistig-Seelische wieder herauszureißen aus dem Leiblich-Physischen, den Menschen heraufzuheben in die Sphäre des Geistig-Seelischen, damit er nicht ein Denk-, Fühl- und Empfindungsautomat sei. Die Menschheit steht heute in der Gefahr — einiges soll auch morgen im Zweigvortrag angedeutet werden —, das Seelisch-Geistige zu verlieren. Denn das, was leiblich-physisch ein Abdruck des Geistig-Seelischen ist, das steht heute, weil viele Menschen so denken, weil das Geistig-Seelische schläft, vor der Gefahr, in die ahrimanische Welt überzugehen, und das Geistig-Seelische wird sich verflüchtigen im Weltall. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen die Gefahr vor sich haben, durch den materialistischen Impuls die Seele zu verlieren. Dies ist eine ernste Sache. Dieser Tatsache steht man gegenüber. Diese Tatsache soll eigentlich heute das Geheimnis, das immer mehr und mehr offenbar werdende Geheimnis werden, aus dem heraus wir überhaupt fruchtbar wirken wollen. Sehen Sie, aus einer Erkenntnis dieser Notwendigkeit eines Hinwendens der Menschheit zu einer spirituellen Betätigung — nicht bloß zu einer Umänderung einer Theorie —, aus dieser Erkenntnis heraus sind solche Dinge entstanden wie die Didaktik und Pädagogik der Waldorfschule. Und aus einem solchen Geiste heraus sollte hier gewirkt werden.“ (Lit.:GA 300a, S. 163f)

Erkenntnistheoretisch-ontologischer Materialismus

Der erkenntnistheoretische Materialismus erklärt die uns umgebende Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse ohne spirituelle oder mystische Elemente, die sich dem reproduzierbaren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn entziehen (beispielsweise ein Schöpfergott).

"Es kann Menschen geben, welche einmal so veranlagt sind, daß es ihnen unmöglich ist, den Weg zum Geiste zu finden. Es wird schwer werden, solchen Menschen das Geistige jemals zu beweisen. Sie bleiben bei dem stehen, wovon sie etwas wissen, wovon etwas zu wissen sie veranlagt sind. Sie bleiben, sagen wir, bei dem stehen, was den grobklotzigsten Eindruck auf sie macht, beim Materiellen. Ein solcher Mensch ist ein Materialist, und seine Weltanschauung ist Materialismus. Man hat nicht nötig, das, was von den Materialisten zur Verteidigung, zum Beweise des Materialismus aufgebracht worden ist, immer töricht zu finden, denn es ist ungeheuer viel Scharfsinniges auf diesem Gebiete geschrieben worden. Was geschrieben worden ist, das gilt zunächst für das materielle Gebiet des Lebens, gilt für die Welt des Materiellen und ihre Gesetze." (Lit.: GA 151, S. 35)

In nicht zu ferner Zukunft, so meinte Steiner schon zu seiner Zeit, wird man geradezu «Impfstoffe gegen den Geist» entwickeln, die dem Menschen eine rein materialistische Denkweise aufzwingen:

"... die Zeit wird kommen, vielleicht gar nicht in so ferner Zukunft, ... wo man sagen wird: Es ist schon krankhaft beim Menschen, wenn er überhaupt an Geist und Seele denkt. Gesund sind nur diejenigen Menschen, die überhaupt nur vom Leibe reden. - Man wird es als ein Krankheitssymptom ansehen, wenn der Mensch sich so entwickelt, daß er auf den Begriff kommen kann: Es gibt einen Geist oder eine Seele. - Das werden kranke Menschen sein. Und man wird finden - da können Sie ganz sicher sein - das entsprechende Arzneimittel, durch das man wirken wird. Damals schaffte man den Geist ab. Die Seele wird man abschaffen durch ein Arzneimittel. Man wird aus einer «gesunden Anschauung» heraus einen Impfstoff finden, durch den der Organismus so bearbeitet wird in möglichst früher Jugend, möglichst gleich bei der Geburt, daß dieser menschliche Leib nicht zu dem Gedanken kommt: Es gibt eine Seele und einen Geist. - So scharf werden sich die beiden Weltanschauungsströmungen gegenübertreten. Die eine wird nachzudenken haben, wie Begriffe und Vorstellungen auszubilden sind, damit sie der realen Wirklichkeit, der Geist- und Seelenwirklichkeit gewachsen sind. Die andern, die Nachfolger der heutigen Materialisten, werden den Impfstoff suchen, der den Körper «gesund» macht, das heißt so macht, daß dieser Körper durch seine Konstitution nicht mehr von solch albernen Dingen redet wie von Seele und Geist, sondern «gesund» redet von den Kräften, die in Maschinen und Chemie leben, die im Weltennebel Planeten und Sonnen konstituieren. Das wird man durch körperliche Prozeduren herbeiführen. Den materialistischen Medizinern wird man es übergeben, die Seelen auszutreiben aus der Menschheit." (Lit.: GA 177, S. 97f)

Geschichte

Die Ursprünge des Materialismus liegen in der griechischen Naturphilosophie, wichtige Vordenker sind u.a. Thales, Anaxagoras, Parmenides, Epikur, vor allem aber Leukipp und Demokrit, die Begründer der Atomtheorie. Die Naturphilosophen suchten natürliche Erklärungen der Wirklichkeit anstelle der mythologischen. Die Naturphilosophie gilt somit auch als Vorläuferin der modernen Wissenschaft.

Als wichtige Vertreter in der europäischen Aufklärung gelten Denis Diderot und Ludwig Feuerbach.

Ein streng mechanistisches Weltbild entwarf der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Laplace. Er behauptete, durch die Kenntnis des gegenwärtigen Zustands eines jeden Teilchens im Universum ließe sich auf Grundlage der bekannten (und absolut erfassbaren) mechanischen Gesetze der Zustand des Universums zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft bestimmen. Der Laplacesche Determinismus hat damit gravierende Auswirkungen auf die Naturphilosophie gehabt, da das Universum in diesem Fall nicht nur vorhersehbar, sondern durch seine Anfangsbedingungen bereits vorherbestimmt sei.

Das mechanistische Weltbild, wie es im Laplaceschen Determinismus Ausdruck fand, ist mit der Entwicklung der Quantenmechanik als unzureichend befunden worden, da aufgrund der Heisenbergschen Unschärferelation Ort und Impuls eines Teilchens niemals hinreichend genau bestimmt werden können. Folglich ist auch die Extrapolation des gegenwärtigen Zustands eines jeden Systems nur bedingt möglich.

In der aktuellen wissenschaftlichen und philosophischen Diskussion über die wesentlichen Bestandteile des Universums lässt sich eine Abkehr vom deterministischen Materialismus erkennen, da zum einen immer kleinere, fundamentalere Bestandteile der Materie entdeckt worden sind, ohne zu wissen, ob diese nun wirklich "elementar" sind, (siehe Atom, Atomkern, Proton, Neutron, Quarks), und zum anderen physikalische Prozesse nie vollständig deterministisch sind und oft auch vom Zufall beeinflusst werden.

Zu den bekanntesten materialistischen Philosophen zählen Karl Marx und Friedrich Engels. Sie verbanden den Materialismus mit der Dialektik, und erklären die Wirklichkeit als Prozess der permanenten Wechselwirkung von Geist und Materie (vgl. Dialektischer Materialismus). Weiters sei hier der Anarchist Michail Bakunin erwähnt, der in seinem Werk "Gott und der Staat" versucht, die Frage zu beantworten, ob Idealisten oder Materialisten im Recht sind.

Umgangssprachliche Verwendung des Begriffs

Umgangssprachlich wird der Begriff auch kritisch im Sinne einer Lebenseinstellung verwendet, die hauptsächlich durch Streben nach materiellem Besitz und Wohlstand charakterisiert sei und Glück mit diesem gleichsetze (Komfort). Personalisiert fand sich diese (von Kritikern zugeschriebene) Einstellung in der Figur des Yuppie in den 80ern.

Während des kalten Krieges wetteiferten Kapitalismus und Sozialismus (u.a.) um die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern, wobei der Sozialismus diesen Wettstreit verlor (lange Schlangen, graue Auslagen in Kaufhäusern).

Kritiker im 20. Jahrhundert wie Teile der 68er-Bewegung (Hippies) oder später die Punks wendeten sich im Westen später gegen einen nach dem Wirtschaftswunder verbreiteten vermeintlichen Materialismus, der durch (übermässigen, passiven) Konsum von Waren und Vernachlässigung ideeller Werte (z.B. Altruismus, Spiritualität, Kreativität) gekennzeichnet sei (Überflussgesellschaft).

Aber auch aus religiöser (z.B. christlicher) Sicht wird eine einseitig materialistisch orientierte Lebensauffassung immer wieder in Frage gestellt.

Auch Erich Fromm kritisiert eine rein materialistische Weltauffassung u.a. in seinem Werk "Haben oder Sein".

Der Soziologe Norbert Bolz beschrieb in seinem konsumistischen Manifest seine Wertschätzung einer materialistischen Lebensauffassung (Konsumismus).

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Der menschliche und der kosmische Gedanke, GA 151 (1990), ISBN 3-7274-1510-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, GA 177 (1999), ISBN 3-7274-1771-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfaßt, GA 231 (1999), ISBN 3-7274-2310-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule 1919 bis 1924, Band I: Ausführliche Einleitung (E. Gabert) / Konferenzen 1919–1921, GA 300a (1995), ISBN 3-7274-3000-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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