Menschenbild

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Das Menschenbild, als Teil des Weltbildes insgesamt, umfasst nach allgemeinen Sprachgebrauch die Vorstellung, die man sich von dem Wesen des Menschen macht. Je nach den wissenschaftlichen, philosophischen, sozialen und religiösen Voraussetzungen, von denen man ausgeht, ist dieses Menschenbild sehr unterschiedlich, oft auch sehr einseitig geprägt. Das heute vorherrschende naturwissenschaftliche Menschenbild baut auf einer umfangreichen Kenntnis der physisch-materiellen Natur der Welt und des Menschen auf. Die Anthroposophie erforscht darüber hinaus auch die übersinnlichen leiblichen, seelischen und geistigen Wesensglieder des Menschen.

„Was ist denn die Grundlage dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft? Betrachten wir die Welt ringsherum. Wir sehen sie sich entwickeln im mineralischen, im pflanzlichen, im tierischen Reiche. Die Naturwissenschaft hat in der neueren Zeit manches hervorgebracht über das, was vorgeht bei der Entwickelung des tierischen, des pflanzlichen und des mineralischen Reiches. Sie wird auch weiterhin manches hervorbringen, was Aufklärung schafft über die Evolution des Mineralischen, des Pflanzlichen, des Tierischen. Über den Menschen hat diese Naturwissenschaft nichts Sonderliches hervorgebracht. Denn gehen Sie wirklich ein auf das, was die Naturwissenschaft über den Menschen aus einer Beschreibung seiner Anatomie, seiner Physiologie und so weiter hervorgebracht hat, so werden Sie finden, daß diese Naturwissenschaft eigentlich nur das vom Menschen betrachtet, was ihn als letztes Glied der Tierreihe erscheinen läßt. Sie tut als Naturwissenschaft ganz recht, aber sie betrachtet eben dadurch nur dasjenige, was ihn als höchstes Glied der Tierreihe, gewissermaßen als vollkommenstes Tier erscheinen läßt. Nichts aber betrachtet diese Naturwissenschaft, was uns den Menschen eigentlich als Menschen erscheinen läßt, was ihn heraushebt aus den anderen ihn umgebenden Reichen des Weltenalls. Unsere Geisteswissenschaft, sie beschäftigt sich wahrhaftig nicht in dilettantischer, sondern in gewissenhaft forschender Weise mit einer Vertiefung desjenigen, was die Naturwissenschaft über das Mineralische, über das Pflanzliche, über das Tierische zu sagen hat. Und würden die Menschen der Gegenwart nur etwas hinhorchen auf das, was Anthroposophie zu sagen hat, dann würden sie nicht meinen, daß diese Anthroposophie eine Sektensache sei, daß sie etwas sei, was durch die Vorliebe einiger «Tanten» gepflegt wird, sondern sie würden sehen, daß sie noch etwas ganz anderes ist, daß sie an Strenge der Wissenschaftlichkeit und des Forschens es voll aufnehmen kann mit den Methoden naturwissenschaftlicher Anschauung, und daß dasjenige, was sie hervorbringt, nur eben reicher ist als das, was die äußere Naturwissenschaft gibt.

Ist es denn nicht eigentlich läppisch, wenn von Seiten der Naturwissenschaft die Anthroposophie bekämpft wird? Die Anthroposophie nimmt ja der Naturwissenschaft gar nichts. Sie stellt sich vor diese Naturwissenschaft hin und sagt: Ja, Ihr habt recht auf dem Gebiete, das Ihr erforscht. - Sie fügt nur dasjenige hinzu, was sie dann erforscht über das mineralische, über das pflanzliche, über das tierische Reich. Und wer hat denn ein Recht, hinwegzuleugnen das, was er selbst noch nicht erforscht hat, wenn man ihm nicht bestreitet, was er erforscht hat! Man kann sich eigentlich keine stärkere Tyrannis denken als diejenige, die da ausgeübt wird gegenüber dem, was man selber nicht erforscht hat und nicht erforschen will. Aber wohin kommt denn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, indem sie in ihrer Methode Mineralisches, Pflanzliches und Tierisches erforscht? Sie kommt dazu, einzusehen, daß das, was man durch die naturwissenschaftliche Methode, was man durch die Beobachtung der äußeren Sinneswelt finden kann, gewiß auf die Erkenntnis des Menschen auch angewendet werden kann, aber nur so, daß es uns dasjenige in Begriffen erklärt, was im Menschen abstirbt: wie der Mensch stirbt, wie er schon anfängt zu sterben, wenn er geboren wird, wie er in absteigender Entwickelung ist. Wollen Sie das begreifen, was bei der Geburt beginnt an Verdorren des Menschen, was beim Tode eben in einem Augenblick zu Ende geht, wollen Sie diese ganze absteigende Entwickelung studieren, dann schauen Sie in die Natur, dann erforschen Sie alle Naturgesetze. Und wenn Sie alle Naturgesetze erforscht haben und sie anwenden auf den Menschen, dann bekommen Sie die Sterbegesetze des Menschen, dann bekommen Sie dasjenige, was am Menschen abstirbt (weiß).

Zeichnung aus GA 198, S. 239

Nun muß demgegenüber gesagt werden, daß in dem Augenblicke, wo das Geborenwerden stattfindet, nicht nur ein Absterben da ist, sondern auch ein Aufsteigen (rot). Diese aufsteigende Entwickelung können Sie nicht finden durch die heutige naturwissenschaftliche Betrachtung, wenn Sie diese auch noch so sehr zum Ideal hin gestaltet haben. Das, was da wiederum belebt wird im Menschen, was immerfort einfach neben diesem Absterben da ist, das läßt sich nicht begreifen aus dem Sinnlichen heraus, das läßt sich nur begreifen aus dem Übersinnlichen heraus. Anthroposophie muß die Erkenntnis des Übersinnlichen hinzufügen zu dem Sinnlichen, damit der Mensch überhaupt begriffen werden könne.“ (Lit.:GA 198, S. 239f)

Menschenbilder im physischen und ätherischen Leib

Rudolf Steiner gebraucht den Ausdruck «Menschenbild» noch in einem weiteren Sinn. Bei jeder Vorstellung, die wir uns bilden, entsteht nämlich ein Menschenbild, ein menschenähnliches Abbild, im physischen und ätherischen Leib. Derartige Menschenbilder sind die Grundlage für das Gedächtnis:

„Stellen wir die Frage: Warum haben wir ein Gedächtnis im physischen Leben? - da müssen wir sagen: Jedesmal, wenn wir eine Vorstellung bilden, wird ein Eindruck auf den physischen Leib gemacht. Dieser Eindruck ist sogar mehr oder weniger menschenähnlich. Jede Vorstellung, die wir uns bilden, macht nicht nur, wie der materialistisch-phantastisch Denkende meint, da oder dort im Gehirn einen Eindruck, sondern auf den ganzen Menschen macht jede Vorstellung einen Eindruck. Und mit Bezug auf eine Art Nachformung des Kopfes und noch sogar des oberen Teiles der Brust des Menschen, liefert wirklich jede Vorstellung, die wir uns bilden, einen Abdruck. Es ist wirklich war: Wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, in der Minute vielleicht hundert Silben, so haben Sie während dieser Minuten rasch hintereinander fünfzig Menschen in sich gebildet, jedoch fünfzig Menschenbilder rasch weggeschafft, das eine wechselt rasch mit dem andern ab. Nun, Sie können sich denken, wie viele solche Menschenbilder Sie in sich gebildet haben, wenn die Stunde der Betrachtung vorüber ist. Diese Menschenbilder sind mehr oder weniger gleich in ihrer äußeren Gestalt, aber doch wiederum ungleich; keines ist dem andern vollständig gleich. Jedes ist von dem andern verschieden, wenn auch eben nur etwas verschieden. Es ist eine kindliche Vorstellung, wenn etwa jemand glauben wollte, daß, wenn er jetzt einen Eindruck der Außenweit hat und sich morgen daran erinnert, dieser Eindruck in irgendeiner Form in ihm gesessen habe. Er hat gar nicht gesessen, sondern ein Bild, das menschenähnlich ist, ist in dem Menschen geblieben. Wirklich, von jedem Eindruck der Außenwelt bleibt ein Bild, das menschenähnlich ist. Und wenn Sie sich morgen wieder an den Eindruck erinnern, dann versetzen Sie Ihre Seele in dieses Menschenbild, das in Ihnen ist. Und der Grund, warum Sie morgen nicht dieses Menschenbild sehen, sondern sich an den Eindruck erinnern, ist der, daß Sie in Ihrem Astralleib lesen. Es ist eine richtige Lesetätigkeit, eine unterbewußte Lesetätigkeit; geradeso wie wenn Sie irgend etwas aufschreiben und später lesen wollen, Sie nicht die Buchstaben beschreiben, sondern das, was die Buchstaben bedeuten, so ist es morgen, wenn Sie sich an das heute Erlebte erinnern. Sie schauen nicht das Bild an, das in Ihnen entstanden ist, das Menschenphantom, das da in Ihnen lebt, sondern Sie deuten es. Sie versetzen sich in der Seele in dieses Menschenphantom, und Ihre Seele erlebt etwas ganz anderes als dieses Menschenphantom. Sie erlebt dasjenige, was sie gestern erlebt hat, noch einmal.“ (Lit.:GA 159, S. 351f)

Traumerlebnisse prägen sich dem Gedächtnis viel schlechter ein und rein geistige Erlebnisse gar nicht.

„Aber vergleichen Sie diese Kraft, die es Ihnen möglich macht, Erlebnisse des physischen Planes im Gedächtnis zu behalten, mit der viel geringeren Kraft, die es Ihnen möglich macht, Traumerlebnisse in der Erinnerung zu bewahren. Bedenken Sie, wieviel leichter Sie einen Traum vergessen als Erlebnisse in der physischen Welt. Man kann zunächst die Frage aufwerfen: Warum vergißt man die Traumerlebnisse leichter als die Erlebnisse der physischen Welt? - Nun, die Beantwortung dieser Frage wird uns zugleich einen wichtigen Gesichtspunkt für die höheren Erkenntnisse ergeben.

Wie werden denn Traumerlebnisse erworben? - Sie werden dadurch erworben, daß wir im physischen Leib nicht ganz drinnen sind. Wenn wir ganz drinnen sind im physischen Leib, träumen wir nicht. Da erleben wir durch die Sinne auf dem physischen Plan und durch den an die Sinne gebundenen Verstand. Wenn wir träumen, müssen wir wenigstens teilweise außerhalb des physischen Leibes sein. Was macht der physische Leib, wenn er durch die Erinnerungskraft arbeitet? Ja, so schwierig es zunächst zu denken ist für den Menschen, so ist es doch wahr: jedesmal, wenn der Mensch ein Erlebnis hat und dieses Erlebnis durch einen Gedanken in der Erinnerung aufbewahrt, dann wird in unserem Ätherleib ein Abdruck, gleichsam eine Art Klischee des Erlebnisses gebildet. Aber- ich habe das schon auseinandergesetzt - nicht so, daß dieser Abdruck etwa das Erlebnis photographisch abbilden würde. Ebensowenig wie der Buchstabe einer Schrift mit dem Laute zu tun hat, ebensowenig hat, was in unserem Leib als Abdruck existiert, ebensowenig hat diese Abbildung mit dem Erlebnis selbst zu tun. Er, der Abdruck, ist nur ein Zeichen. Und dieses Zeichen ist merkwürdigerweise ähnlich der menschlichen Gestalt selber. Und zwar, wenn Sie von der menschlichen Gestalt die oberen Teile nehmen, den Kopf und höchstens noch etwas vom Oberleib und von den Händen, so haben Sie das, was jedesmal im Ätherleibe beobachtet werden kann, wenn sich der Mensch Erinnerung bildet von einem Erlebnis.

Also, wir können sagen: Ich erlebe etwas; das Erlebnis bleibt mir - sei es ein kleines oder ein großes Erlebnis - als Erinnerung. Es bildet sich eben ein Abdruck, ungefähr so (siehe Zeichnung). So etwas entsteht jedesmal in Ihrem Ätherleib, wenn sich eine Erinnerung bildet, und würde es ausgelöscht werden, so würden Sie sich an das Erlebnis nicht mehr erinnern können.

Zeichnung aus GA 162, S. 51

Denken Sie, an wieviele Dinge Sie sich im Leben erinnern! Ebensoviele tausend und abertausend solcher ätherischer Menschenabbilder haben Sie in sich. Ihr Ätherleib, und auch der physische, gestatten wohl, daß so viele verschiedene Bilder da sind. Wenn zwei gleich wären, würde man die Erlebnisse nicht unterscheiden können. Wenn man einen Menschen okkult betrachtet, so findet man in ihm Tausende und aber Tausende solcher Menschenbilder. Aber sie entstehen nicht nur im Ätherleib, sondern von jedem solchen Menschenbild entsteht auch ein feiner Abdruck im physischen Leib, und diese Abdrücke bleiben auch alle erhalten, insofern der Mensch Erinnerungen hat. Also Tausende und aber Tausende solcher Homunkuli sind im Menschen vorhanden.

Sagen wir: Sie hören den heutigen Vortrag. Schon durch Anhören dieses Vortrages werden sich hundert und aber hundert solcher Homunkuli in Ihrer Seele bilden. Die machen auch, wenn Sie sich später erinnern, Eindrücke in Ihren physischen Leib, und diese Eindrücke bleiben auch da.

Wie ist es nun aber beim Träumen? Ja, sehen Sie: beim Traum ist es so, daß wohl der Homunkulus im ätherischen Leibe entsteht, daß er sich aber nicht abdrückt im physischen Leib. Schwach drückt er sich ab, manchmal gar nicht. Dann weiß der Mensch wohl, daß er geträumt hat, aber er kann sich nicht erinnern, was er geträumt hat. Schwach, viel schwächer als irgendein Erlebnis auf dem physischen Plan, drücken sich die Träume ab. Daher ist es so schwer, eine Erinnerung davon zu bewahren.

Die Stärke der Erinnerung hängt also ganz davon ab, wie stark der Eindruck ist, den der Homunkulus des Ätherleibes auf den physischen Leib macht. Dasjenige aber, was der Geistesforscher findet, was er erlebt in der geistigen Welt, das ist zunächst so geartet, daß es überhaupt keinen Eindruck auf den physischen Leib machen kann. Denn wenn ein Erlebnis Eindruck auf den physischen Leib machen kann, dann ist es schon kein rein geistiges Erlebnis mehr; dann ist es schon mit Rücksicht auf den physischen Leib erworben. Das muß gerade das Eigentümliche des geistigen Erlebnisses sein, daß zunächst im physischen Leib überhaupt nichts geschieht, während das Geistige erlebt wird.

Was folgt daraus? Das folgt daraus, was in der Tat der Geistesforscher als sein nächstes Erlebnis aufzufassen hat: daß man für die Ergebnisse der Geistesforschung kein Gedächtnis hat. Die Erlebnisse des Geistesforschers können sich dem Gedächtnisse nicht einprägen. In demselben Moment, in dem sie entstehen, vergehen sie auch.

Darin liegt die Schwierigkeit, von der geistigen Welt etwas zu wissen, solange man in der physischen Welt lebt und mittels seines physischen Leibes allein leben will. Denn da der Mensch schon für Träume ein schlechtes Gedächtnis hat, bei denen noch ein loser Zusammenhang mit dem physischen Leibe vorhanden ist, so wird Ihnen das zeigen, wie begreiflich es sein muß, daß der Mensch für das, was er nun wirklich okkult erlebt, kein Gedächtnis haben kann.“ (Lit.:GA 162, S. 50ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 [GA 159/160] (1980), ISBN 3-7274-1590-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Kunst- und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft, GA 162 (2000), ISBN 3-7274-1620-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Heilfaktoren für den sozialen Organismus, GA 198 (1984), ISBN 3-7274-1980-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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