Mithras-Einweihung

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Mithras-Fresko im Mithräum von Dura Europos, datiert nach 168 und vor 256 n. Chr.

Die Mithras-Einweihung, die den Kern des Mithraskultes (Mithraismus) bildet, der in der Römerzeit über fast ganz Europa verbreitet war, hat ihre ersten Wurzel in der urpersischen Zeit und darf daher auch als die persische Einweihung bezeichnet werden. Von Persien aus verbreiteten sich der Kult über Kleinasien und Griechenland nach Rom und wurde, besonders seit etwa 70 v. Chr., vor allem durch römische Soldaten nach Palästina und bis hin nach Germanien und Britannien getragen. Der Mithras-Kult diente vornehmlich der Ausbildung und Reinigung der Empfindungsseele. Auf dem Wege der Verinnerlichung sollte die kosmische Ordnung im Herzen nachempfunden und danach das äußere praktische Leben geregelt werden.

Mithras

Kultrelief des Mithras, Rom, 2. Jahrhundert.
Mithras-Relief im Bad des Diocletian, Rom.

Mithras wurde von den Römern als Sonnengottheit verehrt. Der Name Mithras geht auf den persischen Gott Mithra (von awest. Vertrag, Freundschaft) zurück, der weitgehend identisch mit dem indischen Gott Mitra ist. Erste Aufzeichnungen über Mitra in Kleinasien sind durch Tontäfelchen aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. aus Hattuša, der Hauptstadt des Hethiterreiches überliefert, auf denen ein Vertrag zwischen den Hethitern und deren Nachbarvolk, den Mitanni, abgeschlossen wurde, als dessen Schirmherr Mithra genannt wird. Schon früh galt Mithra auch als Schutzpatron der Waffen, Soldaten und Armeen. Die Geste des Handschlags, als Zeichen der Vertragstreue und um kund zu tun, dass man unbewaffnet ist, geht auf die Gebräuche des Mithras-Kultes zurück und wurde später von den Römern in ganz Europa verbreitet.

Obwohl sich der historische Zarathustra schon im 6. vorchristlichen Jahrhundert gegen die orgiastische Verehrung Mithras und gegen die blutigen Stieropfer gewandt hatte, wie es dem Übergang in das Zeitalter der Verstandes- und Gemütsseelen-Kultur entspricht, wurde Mithras von seinen Anhängern oft auch mit dem lichten Ahura Mazdao gleichgesetzt, dem der finstere Ahriman gegenübersteht; tatsächlich ist er ein Vermittler dieser beiden Prinzipien:

"Man weiß nicht, dass der Urperser das Bewusstsein hatte, dass man weder dem Ahriman noch dem Ormuzd allein folgen darf, sondern ihrem Zusammenwirken. Und ihr Zusammenwirken äußert sich in einer solchen Gestalt, wie es der Mithras war." (Lit.: GA 342, S. 160f)

Die persische Mythologie zählt Mithra zu den etwa 28 Izards und sieht ihn als Herrn des Sonnenlichts und auch als einen der drei Totenrichter, die auf der Cinvat-Brücke die Seelen der Toten wägen. Seine Geschwister sind Daena (awest. Gesetz, Religion), die Göttin der religiösen Rituale und überhaupt alles „dessen, was offenbart worden ist”, und Rashnu (auch Rashnu razishta, awest. Rashnu der Gerechteste), der Gott der Gerechtigkeit und Totenrichter wie Mithra selbst.

Als Geburtstag des Mithra feierte man den 25. Dezember, den Abend der Wintersonnenwende nach dem Julianischen Kalender - eine Tradition, die später im Jahre 354 das Christentum übernahm, als das Weihnachtsfest auf dieses Datum festlegte wurde. Tod und Auferstehung des Mithras wurde zur Frühlings-Tagundnachtgleiche gefeiert. Als Träger des Sol Invictus, des unbesiegten Sonnengottes, war ihm der dies solis, der Sonntag, geweiht.

Von den Römern wurde Mithras als Gott der staatlichen Ordnung angesehen und der Mithras-Kult war besonders bei den Legionären sehr beliebt, aber auch andere Staatsdiener, Kaufleute und sogar Sklaven nahmen daran teil. Nur Frauen waren strikt ausgeschlossen.

Die persische Naturgöttin Mitra, die als erste und höchste Mutter galt, war dem Mithras zur Seite gestellt. Sie ist vergleichbar der phönizischen Astarte, der griechischen Aphrodite oder der phrygischen Kybele.

Die Mithras-Legende und ihre symbolische Darstellung

Mithraskultrelief aus dem 2./3. Jahrhundert, gefunden im Rheinland

Die Mythologie schildert, dass Mithra, der von der göttlichen Jungfrau Anahita (mittelpers. mit der ungefähren Bedeutung: jungfräulich rein wie das klare Wasser), die wie Mithra selbst zu den Izeds zählt, in einer Felsenhöhle oder Grotte geboren wurde, vom Vatergott ausgesandt worden war, um die Welt und die Menschen vor ihrem Niedergang zu erretten. Befruchtet wurde Anahita, so sagen manche Überlieferungen, durch den in den Wassern des Sees Hamun bewahrten Samen des Zarathustra. Bei Mithras Geburt waren Hirten und Tiere anwesend. Nach armenischer Tradition kehrt Mithra jedes Jahr in seine Geburtshöhle zurück, um aus ihr neu geboren wieder hervorzutreten.

Meist wird Mithras als Jüngling dargestellt, der die charakteristische phrygische Mütze (ein Vorläufer der christlichen Bischofsmütze, der Mitra) trägt. Die Innenseite seines Mantels ist mit Sternen ausgeschmückt. In manchen Darstellungen ist Mithras auch von den Zeichen des Tierkreises umgeben.

Die Stiertötungsszene

Mithras verfolgt den Stier, den die luziferische Schlange umwindet. Ein Skorpion sticht zugleich in die Hinterbeine des Stiers und ein Hund oder Wolf springt an ihm hoch und beißt ihn. Nach mancher Deutung handelt es sich dabei um den himmlischen Urstier Geush Urvan (awest. Seele des Rindes), der von Ahura Mazda zugleich mit dem Urmenschen Gayomart erschaffen worden war (vgl. dazu auch das Gilgamesch-Epos). Schließlich überwältigt Mithras den Stier und trägt ihn in seine Höhle, wo er ihn durch einen Dolchstoß in die Schulter tötet. Die Abbildungen zeigen, wie er dabei mit einem Bein auf dem Stier kniet, mit dem anderen stützt er sich ab. Die linke Hand reißt den Kopf des Stiers zurück, mit der Rechten sticht er zu. Mithras wendet dabei sein Gesicht vom Stier ab, ähnlich wie Perseus bei der Tötung der Medusa. Aus dem Leib des Stiers sollen alle Tiere und Pflanzen hervorgegangen sein und aus seinem vergossenen Blut regeneriert sich alles Leben auf Erden und alle Menschen sind gesegnet.

Löwenköpfige Menschengestalt, von der Schlange umwunden

Sol Invictus - der unbesiegte Sonnengott

Auf den bildlichen Darstellungen ist oft auch der unbesiegte Sonnengott (Sol Invictus) mit dem Strahlenkranz um das Haupt, ein Rabe, ein Löwe und ein Kelch zu sehen, alles Symbole, die auf einzelne Stufen der Mithras-Einweihung und zugleich auch auf die entsprechenden Sternbilder und Himmelskörper hinweisen. Die Plejaden, das berühmte Siebengestirn, soll am Himmel die Stelle bezeichnen, wo der tödliche Dolch des Mithras in den Stier eindrang.

Die Fackelträger Cautes und Cautopates

Mithrasrelief von Neuenheim, 2. Jhrdt.

Meist sind auch die zwei Fackelträger Cautes und Cautopates dargestellt, denen in der Griechische Mythologie die Zwillinge Kastor und Pollux entsprechen. Cautes richtet die Fackel nach oben, Cautopates abwärts. Die Fackelträger, die mit gekreuzten Beinen abgebildet werden, sind wie Mithras gekleidet. In ihnen spiegelt sich der Gegensatz von Licht und Finsternis, von Leben und Tod, Gut und Böse und von Himmel und Hölle wider, der eine zentrale Stellung in der mithräischen Lehre hatte. Kosmologisch wird Cautes als Bild der Frühlings-Tagundnachtgleiche gedeutet und Cautopates als Symbol der Herbst-Tagundnachtgleiche.

Ahriman

Oft findet sich in den künstlerischen Darstellungen auch noch eine nackte, aufrecht stehende Menschengestalt mit vier Flügeln und brüllendem Löwenkopf, um deren Leib sich spiralförmig eine Schlange windet. Sie wird als Bild Ahrimans gedeutet, des Herrn dieser Erde, der in den Darstellungen auf dem Erdenglobus steht, in der Linken das Zepter als Zeichen der Macht hält und in der Rechten den Schlüssel zur Unterwelt.

Parallelen zum Christentum

In den Legenden gibt es viele Parallelen, aber auch wesentliche Unterschiede zum Christentum. So ist eine Passionsgeschichte des Mithras nicht überliefert; nicht Mithras selbst opfert sich, sondern er opfert den Stier. Allerdings wird berichtet, dass Mithras, bevor er starb, mit 12 seiner Anhänger ein letztes Abendmahl hielt, dann begraben wurde und von den Toten auferstand. Zur Zeit des Weltenendes Frasho-kereti (awest. „Vorwärtsschaffen”, „Wundermachen”), das dem Jüngsten Gerichts der christlichen Anschauung entspricht, werde Mithras wiederkehren, das Böse endgültig überwinden und die Toten zur Auferstehung führen.

Der Mithras-Tempel und die Kulthandlungen

Mithräum unter der Kirche San Clemente in Rom

Die Mithras-Tempel, die Mithräen, waren meist unterirdisch angelegt, in den römischen Städten oft in den Kellerräumen von Privathäusern, oder als künstliche Höhlen in den Fels gehauen und wurden von den Römern als spelunca (lat. Höhle) bezeichnet. Die meist rechteckigen und mit einem Tonnengewölbe versehenen Tempelanlagen sollten an die jungfräuliche Geburt des Mithras in der Felsenhöhle erinnern. Das Deckengewölbe war oft mit Bildern des Sternenhimmels bemalt und hatte gelegentlich auch kleine Öffnungen, durch die Licht hereinfiel. Die Zeremonien fanden nicht öffentlich statt, sondern waren nur ausgewählten Mysterienschülern zugänglich, die zu strenger Geheimhaltung verpflichtet wurden. Die Aufnahme in den Mysterienkreis war mit einem Untertauch-Ritual ähnlich der Taufe verbunden. Da die einzelnen Mithrasgemeinden einen engen Kreis von selten mehr als zwei Dutzend Mitglieder umfassten, war der Kultraum verhältnismäßig klein. Dafür erhöhte sich die Zahl der Tempel in der Blütezeit des Kults immer mehr. Im 3. Jahrhundert soll es alleine in Rom 800 Mithräen gegeben haben.

Der Tempeleingang lag im Westen und im Osten befand sich die Apsis mit dem Altar, zu dem oft sieben Stufen führten, die den 7 Stufen der Mithras-Einweihung entsprachen. Oberhalb des Altars befand sich ein großes Steinrelief, eine Skulptur oder ein Wandgemälde, das die Szene der Stiertötung zeigte.

Ähnlich wie die späteren christlichen Kirchen war der Innenraum des Tempels dreiteilig gegliedert. Der Mittelgang, die cella, wurde zu beiden Seiten von steinernen Podien flankiert, wo das rituelle Abendmahl von Brot und Wasser oder Wein eingenommen wurde und von wo aus die Kultgemeinde die Zeremonien verfolgte, die mit Bekränzungen, Handauflegen, Weihrauchopfern oder der Bestreichung der Zunge mit Honig einhergingen. Auch der Gebrauch von Weihwasser war üblich. Tatsächliche blutige Stieropfer fanden in den dafür viel zu kleinen Tempeln nicht statt.

Als Zeichen seiner Würde trug der höchste Priester, der als Papa bezeichnet wurde, eine rote phrygische Mütze, ein rotes Gewand, einen Ring und einen Hirtenstab.

Die 7 Stufen der Mithras-Einweihung

Ausbildung und Reinigung der Empfindungsseele

Mithras, umgeben von den Zeichen des Tierkreises

Während sich die Eingeweihten der urindischen Zeit noch hellseherisch des Ätherleibes bedienen konnten, war es in der urpersischen Zeit nur mehr möglich, den Astralleib dazu heranzuziehen. Dabei strahlte die damals noch gar nicht eigenständig ausgebildete Empfindungsseele die Wirkungen der luziferischen Versuchung in den Astralleib zurück, die in ihrer Spiegelung von innen her aber als ahrimanische Wirkungen erlebt wurden. Es wurde darum in diesen Mysterien, in denen man den Weg nach innen suchte, und die später die Mithras-Mysterien genannt wurden, besonderer Wert darauf gelegt, die Empfindungsseele auszubilden und zu reinigen (Lit.: GA 113, S 162ff). Auf diesem Wege wurde die geistige Grundlage für die dritte nachatlantische Kulturperiode, für die ägyptisch-chaldäische Kultur, gelegt, die die eigentliche Empfindungsseelenkultur war:

"Der altindische Mensch bediente sich also sozusagen in der Weise, wie sie charakterisiert worden ist, seines Ätherleibes, wenn er sich zu den höchsten Erkenntnissen emporschwingen wollte. Der Perser konnte das nicht mehr; er konnte sich aber des Empfindungsleibes bedienen. Er also erhob sich zu seinen höchsten Erkenntnissen durch den Empfindungsleib. Weil er nicht mehr mit dem Ätherleib schauen konnte, so verhüllte sich die höchste Einheit vor ihm. Mit dem Empfindungsleib konnte er noch hinausblicken und in gewisser Weise astralisch sehen. Das war bei vielen Mitgliedern des persischen Volkes noch der Fall: astralisch zu sehen den Ahura Mazdao und seine Diener, weil man sich des Empfindungsleibes noch bedienen konnte. Nun wissen Sie aus der Darstellung in meiner «Theosophie», daß der Empfindungsleib gebunden ist an die Empfindungsseele. In dem Augenblick, wo also der Angehörige des altpersischen Volkes sich des Empfindungsleibes bediente, war sozusagen die Empfindungsseele dabei; aber er war noch nicht dahin gelangt, sich dieser zu bedienen, denn sie war noch nicht ausgebildet, sie mußte erst ausgebildet werden. Daher war der Angehörige des altpersischen Volkes in einer ganz besonderen Lage. Er bediente sich seines Empfindungsleibes. Da spielt immer die Empfindungsseele hinein. Die mußte er aber erst hinnehmen so, wie sie damals war. Daher mußte er empfinden: Wenn der Empfindungsleib, der jetzt schon ausgebildet ist, sich erhebt zu Ahura Mazdao, dann ist die Empfindungsseele dabei. Die ist aber in einer gewissen Gefahr, und sie wird, wenn sie ihre Empfindungen offenbart, sie geradeso in den Empfindungsleib hineinschicken; sie wird dasjenige, was von alten luziferischen Verführungen da ist, zwar nicht als solche äußern, denn dazu hat sie noch keine Fähigkeiten, aber sie wird ihre Wirkungen in den Empfindungsleib hineinschicken. - So nahm man im alten Persien Hereinwirkungen der Empfindungsseele auf den Empfindungsleib wahr, die gleichsam ein von der Außenwelt hereinleuchtendes Spiegelbild dessen darstellten, was in der Empfindungsseele von alten Zeiten her wirkte. Das ist, von innen gesehen dasjenige, was man die Wirkungen Ahrimans, die Wirkungen des Mephistopheles nennt. Daher fühlte man, man steht zwei Mächten gegenüber. Blickt man auf dasjenige, was der Mensch erlangen kann, wenn er den Blick nach außen richtet, so schaut man zu den Mysterien des Ahura Mazdao, läßt man den Blick in das Innere fallen, dann steht man mit Hilfe des Empfindungsleibes durch dasjenige, was Luzifer bewirkt hatte, vor dem Gegner des Ahura Mazdao, vor Ahriman. Es gab nur eines, welches schützte vor den Anfechtungen der Ahrimangestalt, und das trat zu Tage: wenn man durch die Einweihung der Menschheit voraneilte, wenn man die Empfindungsseele ausbildete. Wenn man diese ausbildete und reinigte, und so der Menschheit vorausschritt, dann ging man den Weg nach innen, einen Weg, der zu etwas anderem führte als zu Ahura Mazdao; dann ging man den Weg zu den lichtvollen Luziferreichen. Und dasjenige, was da die Menschenseele durchdrang auf dem Wege nach innen, das nannte man später den Gott Mithras. Daher sind die persischen Mysterien, die das Innenleben pflegten, die Mithrasmysterien. So haben wir auf der einen Seite den Gott Mithras, wenn der Mensch den Weg nach innen ging; und dasjenige, was er auf dem Wege nach außen traf, waren die Reiche des Ahura Mazdao." (Lit.: GA 113, S. 165f)

Das Herz als Wahrnehmungsorgan

War die Empfindungsseele entsprechend ausgebildet und gereinigt, dann lernte der Mithras-Schüler allmählich durch seine Herzorganisation sehr fein den Einfluss des Jahreslaufes auf sein Stoffwechsel-Gliedmaßen-System mitzuempfinden, das symbolisch durch den Stier dargestellt wurde. Indem der Geistesschüler so durch sein Herz auf sich selber zurückblickte, konnte er den Gang der Sonne durch den Tierkreis studieren und daraus Anweisungen dafür geben, was zu welcher Jahreszeit zu tun war.

"Der Kopf nimmt unterbewußt durch das Herz wahr, was in den physischen Funktionen des Unterleibes und der Brust vorgeht. So wie wir durch das Auge die äußeren Vorgänge in der Sinneswelt wahrnehmen, so ist das Herz des Menschen in Wirklichkeit ein Sinnesorgan mit Bezug auf die angegebenen Funktionen. Der Kopf - namentlich macht es das Kleinhirn - nimmt unterbewußt durch das Herz wahr, wie das Blut sich mit den verarbeiteten Nahrungsmitteln speist, wie die Nieren, die Leber und so weiter funktionieren, was da alles im Organismus vorgeht. Dafür ist für das Obere des Menschen das Herz das Sinnesorgan. Dieses Herz nun als Sinnesorgan zu einer gewissen Bewußtheit heraufzuheben, bildete die Schulung desjenigen, der beim Mithraskult beschäftigt werden sollte. Er mußte eine feine, bewußte Empfindung dafür bekommen, was im menschlichen Organismus in Leber, Nieren, Milz und so weiter vorgeht. Der obere Mensch, der Kopfmensch mußte fein empfinden, was im Brust- und Gliedmaßenmenschen vorgeht. Eine solche Schulung in den älteren Zeiten war nicht eine Verstandesschulung, wie wir sie heute gewohnt sind, sondern eine Schulung des ganzen Menschen, die vorzugsweise auf das Gefühlsvermögen ging. Und wenn dann der Schüler die nötige Reife erlangt hatte, konnte er sagen, so wie wir auf Grund der Wahrnehmung durch äußere Augen sagen, da sind Regenwolken, oder da ist blauer Himmel: Jetzt ist diese Verarbeitungsart in meinem Organismus, jetzt jene Verarbeitungsart.

Es ist tatsächlich das, was im menschlichen Organismus vorgeht, nur für den Abstraktling für das ganze Jahr gleich. Wenn einmal die Wissenschaft wieder zu wirklichen Wahrheiten über diese Dinge vorgedrungen sein wird, dann werden die Menschen erstaunen darüber, wie - wenn auch nicht in jener grobklotzigen Art, wie es durch die heutigen Feininstrumente schon erforscht werden kann - in ganz anderer Art für den Menschen festgestellt werden kann, wie sein Blut anders wird, wie er anders verdaut im Januar als im September, so daß das Herz als Sinnesorgan ein wunderbares Barometer ist für den Jahreslauf im menschlichen Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus. Dafür wurde der Mithrasschüler erzogen, in sich selbst den Jahreslauf durch die Herzorganisation wahrzunehmen, durch die Herzwissenschaft, die ihm den Gang der durch die Verdauung metamorphosierten Speise im Organismus überlieferte und der Aufnahme des Verdauten in das Blut. Und in dem, was da wahrgenommen wurde, zeigte sich eigentlich am Menschen, in der Bewegung des inneren Menschen, der ganze Lauf der äußeren Natur.

Ach, was ist denn unsere abstrakte Wissenschaft, wenn wir noch so genau die Pflanzen und die Pflanzenzellen, die Tiere und die tierischen Gewebe beschreiben, was ist denn diese abstrakte Wissenschaft gegenüber dem, was einmal in einer mehr instinktiven Weise dadurch vorhanden war, daß sich der ganze Mensch zum Erkenntnisorgan machen konnte, daß er wie der Mithrasschüler sein Gefühlsvermögen als Erkenntnisorgan ausbilden konnte. Der Mensch trägt die tierische Natur in sich, und er trägt sie wahrhaftig in einer intensiveren Weise in sich, als man gewöhnlich meint. Und das, was durch ihre Herzwissenschaft die einstigen Mithrasschüler wahrgenommen haben, ließ sich nicht anders darstellen als durch den Stier. Und die Gewalten, die durch den Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen wirken und nur gezähmt werden durch den oberen Menschen, diese Gewalten werden durch alles dasjenige angegeben, was da als Skorpion, als die Schlange figuriert um den Stier herum. Und der eigentliche Mensch in seiner Krüppelhaftigkeit sitzt oben mit der primitiven Macht, indem er mit dem Michael-Schwerte in den Hals des Stieres hineinstößt. Aber was da zu besiegen ist, wie es sich darstellt im Jahreslaufe, das wußte eben nur der, der in dieser Beziehung geschult war.

Und jetzt gewinnt dieses Symbolum erst an Bedeutung. Man kann es mit dem, was der Mensch heute gewöhnlich weiß, noch so viel anschauen oder malerisch darstellen wollen, es kommt nichts dabei heraus. Es kommt erst etwas dabei heraus, wenn man etwas von der Herzwissenschaft der alten Mithrasschüler weiß. Und dann studierte der Mensch aber wirklich, wenn er durch sein Herz sich selber ansah, den Geist des Jahresganges der Sonne durch den Tierkreis. Daher war ganz richtig - und die Erfahrungen macht man auf diese Weise, daß der Mensch als ein höheres Wesen auf seiner niederen Natur reitet um den Menschen herum im Kreise angeordnet der Kosmos, denn das Geistige des Kosmos erfuhr man auf diese Weise. Es ist wirklich so, daß man, je mehr man durch die wieder heraufkommende Geistwissenschaft hineinschaut in das, was ein altes halbbewußtes, traumhaftes, aber doch Hellsehen zutage gefördert hat, vor diesem einen immer größeren Respekt bekommt. Man wird wirklich andächtig gegenüber den alten Kulten, wenn man in sie eindringt und wiederfinden kann, wenn man tiefer in sie hineindringt, wie der Mithraskult zum Beispiel dazu da war, daß der alte Mithraspriester, indem er in den Jahreslauf eindringen konnte, seiner Gemeinde angeben konnte, was an jedem einzelnen Tage des Jahres zu tun war. So war der Mithraskult dazu da, vom Himmel zu erforschen, was auf der Erde zu geschehen hat." (Lit.: GA 223, S. 135ff)

Die 7 Stufen

In der Mithras-Einweihung wurden sieben Stufen unterschieden:

Sol Invictus, Detail aus Mithras-Relief von Neuenheim. Badisches Landesmuseum Karlsruhe.
  1. Als Corax (Rabe) wurde der Eingeweihte des ersten Grades bezeichnet. Er ist ein Bote zwischen der physischen und der astralischen Welt. Das Sinnbild des Raben ist immer wieder in diesem Sinn gebraucht worden. Im Alten Testament wird der Prophet Elias von den Raben versorgt. Raben sind die Boten Wotans, die täglich über das Erdenrund fliegen und ihm berichten, was sie wahrgenommen haben. Auch der Kyffhäuserberg, in dem Barbarossa schläft, wird von Raben umkreist, die ihm Nachricht geben sollen, wenn die Stunde des Erwachens für ihn gekommen ist. Auch Mephistopheles in Goethes Faust-Dichtung sendet zwei Raben als Boten aus.
  2. Als Nymphus (Bräutigam) oder Okkulter wird der zweite Grad bezeichnet. Er darf schon im inneren Heiligtum leben.
  3. Der Miles (Soldat), der Streiter ist der Eingeweihte des dritten Grades; er darf die okkulte Weisheit, die er in sich aufgenommen hat, vor der Welt vertreten. Lohengrin ist ein solcher Streiter.
  4. Leo, der Löwe, ist der vierte Grad der Einweihung. Er ist mit seinem Bewußtsein bis zur Stammesseele aufgestiegen ist. Daher rührt die Bezeichnung in der Bibel: Der Löwe aus dem Stamme Juda.
  5. Der Perses (Perser) ist Eingeweihter des fünften Grades. Er ist mit seinem Bewusstsein bis zur Volksseele aufgestiegen und trägt daher den Namen seines Volkes; in der Mithras-Einweihung heißt er darum Perser, in anderen Völkern entsprechend anders.
  6. Der Heliodromus (Sonnenläufer) oder Sonnenheld, von den Römern Sol invictus (lat. „der unbesiegte Sonnengott“) genannt, ist Eingeweihter des sechsten Grades. Er kann so wenig von seiner Bahn abweichen wie die Sonne selbst.
  7. Der Pater (Vater) ist die siebente Stufe und solchen Eingeweihten vorbehalten, die in ihrem Bewusstsein bis zur Vereinigung mit dem Urgeist gekommen sind.

Diesen sieben Einweihungsstufen wurden auch die sieben Wandelgestirne Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Sonne und Mond zugeordnet, durch deren Sphären die Seele durch die Einweihung oder im Leben nach dem Tod bis in die Tierkreisregion geführt wird.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Kosmogonie, GA 94 (1979), S 261, München, 2. November 1906; für eine ausführlichere Darstellung der Mithras-Mysterien siehe ebd. S 208 ff., Berlin, 5. März 1906
  2. Rudolf Steiner: Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi, GA 113 (1982), Achter Vortrag, München, 30. August 1909
  3. Rudolf Steiner: Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten, GA 223 (1990), Achter Vortrag, Dornach, 30. September 1923
  4. Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, I, GA 342 (1993)
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Weblinks

  1. Mithras - Der Nachthimmel
  2. "Der Mithraskult" - wissenschaftliche Hausarbeit mit Darstellung der Grundzüge und der wichtigsten Theorien zum Kult
  3. Mithraism - Der Mithraskult im Überblick (eng.)