Mysterien

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Triptolemos zwischen Demeter (links), die ihm Ähren reicht, und Persephone (rechts), die ihn segnet (Votivrelief aus Eleusis, ca. 440-430 v. Chr., Athen, Archäologisches Nationalmuseum)

Die Mysterien (von griech. μυστήριον mysterion, das auf μύειν myein „schließen“ zurückgeht) oder Mysterienkulte der nachatlantischen Zeit, die an verschiedenen Mysterienstätten bzw. Mysterienschulen gepflegt wurden, dienten vornehmlich dazu, die folgenden Kulturepochen vorzubereiten. Die Lehren und Riten wurden dabei streng geheim gehalten, sie waren esōterikós (ἐσωτερικός), d.h. „innerlich“, nur „dem inneren Bereich zugehörig“; auf Mysterienverrat stand in der Regel die Todesstrafe.

Die Mysterien als Vorbereitung künftiger Kulturepochen

Eine der Aufgaben der Mysterien bestand darin, durch die Einweihung einzelner geeigneter Geistesschüler Fähigkeiten vorzubereiten, die in späteren Kulturepochen, dann allerdings auf andere Art, viel breiteren Bevölkerungsschichten bereits als natürliche Anlage zur Verfügung stehen sollte.

„Die erste nachatlantische Kulturperiode, die altindische, mußte in ihrem Schoße die urpersische vorbereiten, die urpersische wiederum die ägyptisch-chaldäische und so weiter. Und unsere fünfte nachatlantische Kulturperiode muß die sechste Kulturperiode der nächsten Zeit vorbereiten. Öfter ist es nun gesagt worden, daß es unsere geisteswissenschaftliche Aufgabe ist, durch dasjenige, was wir uns aneignen, nicht nur, was ja ganz recht, aber nicht das einzige ist, Geistesgut für unsere einzelnen Seelen zu gewinnen - das wird uns zugeteilt für das ewige Leben unserer Seele - , aber es ist auch unsere Aufgabe, dasjenige vorzubereiten, was dann die sechste Kulturperiode zu ihrem Inhalte, zu ihrer besonderen äußerlichen Arbeit haben soll. So war es in jeder der einzelnen nachatlantischen Kulturperioden. Und diejenigen Stätten, in welchen immer dasjenige vorbereitet wurde, was für die nächste Kulturperiode das bedeutsame Äußere war, das waren die Mysterienstätten.159“ (Lit.:GA 301)

Die Mysterien als Quelle von Kunst, Wissenschaft und Frömmigkeit

Die Mysterien waren in der Welt des Altertums die Quelle aller Kunst, Wissenschaft und Frömmigkeit, die damals allerdings noch zu einer untrennbaren Einheit verbunden waren.

"Das Mysterium ist die eigentliche Geburtsstätte der Kunst. Die Mysterien waren im astralen Raum wirklich, lebendig. Da hatte man eine Synthesis von Wahrheit, Schönheit und Frömmigkeit. In hohem Maße war das bei den ägyptischen Mysterien und denen in Asien der Fall, auch in den Mysterien Griechenlands, besonders in den Eleusinien. Da sahen die Schüler wirklich, wie sich die geistigen Mächte in die verschiedenen Formen des Daseins herniedersenkten. Es gab damals keine andere Wissenschaft als die, welche man also schaute. Es gab keine andere Frömmigkeit als die, welche in der Seele aufstieg, wenn man in den Mysterien schaute. Auch gab es keine andere Schönheit als die, welche man erblickte, wenn die Götter herabstiegen." (Lit.: GA 96, S. 161f)

Die Mysterien wurden besonders bedeutsam in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, als das natürliche Hellsehen innerhalb der Menschheit mit dem Beginn des Kali-Yuga, des finsteren Zeitalters, bis auf wenige Reste in einem sehr raschen dramatischen Prozess erloschen war. Durch die Mysterienkulte sollte die verlorene unmittelbare Verbindung zu den geistigen Welten durch einen untrennbar mit kultischen Elementen verbundenen geistigen Schulungsweg wieder hergestellt werden.

Die Mysterien waren nicht öffentlich, sondern anfangs nur einem engen Kreis von Eingeweihten und deren Schülern, später auch weiteren Kreisen zugänglich. Die Aufnahme in die Mysterien erfolgte meist nach strengen Initiationsritualen. Die Inhalte der Mysterien wurden streng geheim gehalten; auf Geheimnisverrat stand meist die Todesstrafe.

In der griechisch-lateinischen Zeit waren Mysterienkulte weit verbreitet. In der Zeit ihrer größten Verbreitung nahmen weite Teile der griechischen und später insbesondere auch der gehobenen römischen Bürgerschaft an Mysterienkulten teil. Bekannte Kulte der antiken Welt waren die Mysterien von Eleusis, die samothrakischen Mysterien, der Dionysoskult, die Mysterien von Ephesos, der Kult des Liber Pater in Rom und in Süditalien, der insbesondere unter den römischen Soldaten weit verbreitete Mithraskult, der Kybele- und Attiskult, der Isis- und Osiriskult. Eine besondere Bedeutung kam auch den wenig bekannten Hybernischen Mysterien zu.

Eine knappe und doch zugleich die ausführlichste überlieferte Schilderung der antiken Mysterien gibt Apuleius († um 170 n. Chr.) in seinem Einweihungsroman «Der goldene Esel», in dem er die Initiation des Lucius in den Isis- und Osiriskult schildert:

„Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich betrat Proserpinens Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten; ich schaute die Unter- und Obergötter von Angesicht zu Angesicht und betete sie in der Nähe an.“

Apuleius: Der goldene Esel, XI. Buch[1]

Die Einweihung in den vorchristlichen und christlichen Mysterien

„Der Mensch muß so vorbereitet werden, daß er während des gewöhnlichen Tageslebens jene Übungen macht, die ihm von den Eingeweihtenschulen vorgeschrieben werden, Meditation, Konzentration und so weiter. Diese Übungen sind im Grunde genommen in bezug auf ihre Bedeutung für den Menschen bei allen Einweihungsschulen dieselben. Sie sind nur insofern ein wenig voneinander verschieden, als sie, je weiter wir zurückgehen in die vorchristlichen Einweihungsschulen, mehr darauf gerichtet sind, das Denken, die Denkkräfte zu üben, zu trainieren. Je mehr wir uns den christlichen Zeiten nähern, desto mehr sind sie darauf gerichtet, die Gemütskräfte zu schulen, und je näher wir den neueren Zeiten kommen, desto mehr sehen wir, wie in den sogenannten Rosenkreuzerschulungen, durch die Forderungen und Bedürfnisse der Menschheit bedingt, eine besondere Art der Willenskultur, der Willensübungen eingeführt wird.“ (Lit.:GA 104, S. 53)

„Bei einem Menschen, der solche, sagen wir, okkulte Übungen macht, bei dem zeigt nach und nach der astralische Leib in der Nacht die mannigfaltigsten Veränderungen. Er weist andere Lichterscheinungen auf, er zeigt jene plastische Gliederung der Organe, von der wir schon gesprochen haben; und dann wird das immer deutlicher und deutlicher. Der astralische Leib bekommt nach und nach eine innere Organisation, wie sie der physische Leib in seinen Augen, Ohren und so weiter hat.

Das würde aber noch immer nicht dahin führen, viel zu schauen, insbesondere nicht beim heutigen Menschen. Allerdings, einiges nimmt der Mensch schon wahr, wenn seine inneren Organe eine Weile ausgebildet sind. Dann beginnt er, während des Schlafes ein Bewußtsein zu haben. Geistige Umwelten dämmern heraus aus der sonstigen allgemeinen Finsternis. Was da der Mensch wahrnehmen kann, was namentlich in den älteren Zeiten der Mensch wahrgenommen hat, denn heute ist es schon seltener, das sind wunderbare Bilder pflanzlichen Lebens. Das sind die primitivsten Errungenschaften des Hellsehertums. Wo früher nur die Finsternis der Bewußtlosigkeit war, steigt etwas wie ein traumhaft Lebendiges, aber Wirkliches von einer Art Pflanzengebilde auf. Und vieles von dem, was Ihnen geschildert ist in den Mythologien der alten Völker, ist auf diese Art gesehen worden. Wenn geschildert wird in Sagen, daß Wotan, Wile und We einen Baum am Strande fanden und daß sie daraus den Menschen gebildet haben, so weist das darauf hin, daß es zuerst in einem solchen Bilde geschaut worden ist. In allen Mythologien können Sie diese primitive Art des Schauens, des pflanzlichen Schauens wahrnehmen. Die Schilderung eines solchen Schauens ist auch das Paradies, namentlich mit seinen beiden Bäumen der Erkenntnis und des Lebens; das ist das Ergebnis dieses astralischen Schauens.“ (S. 54)

„Das ist also das Erste. Dann aber mußte in den vorchristlichen Mysterien noch etwas Besonderes eintreten [...]

Es genügt nicht, daß im astralischen Leib die Organe ausgebildet werden. Sie müssen sich abdrucken im Ätherleib. Wie das Petschaft seine Buchstaben abdruckt im Siegellack, so müssen die Organe des astralischen Leibes abgedruckt werden im Ätherleib. Zu diesem Zwecke wurde in alten Einweihungen der einzuweihende Schüler in eine ganz besondere Lage gebracht. Er wurde nämlich dreieinhalb Tage hindurch in einen todähnlichen Zustand gebracht. Wir werden immer mehr erkennen, daß jener Zustand heute nicht mehr durchgeführt werden kann und darf, sondern daß man jetzt andere Mittel der Einweihung hat. Ich schildere jetzt die vorchristliche Einweihung. In dieser wurde der Einzuweihende durch dreieinhalb Tage von dem, der das verstand, in einen todähnlichen Zustand gebracht. Entweder wurde er in eine Art kleinen Gemaches gelegt, in eine Art Grab. Da ruhte er in einem Zustand von Todesschlaf. Oder aber er wurde in einer besonderen Lage an ein Kreuz gebunden mit ausgestreckten Händen, denn das fördert das Eintreten jenes Zustandes, den man erzielen wollte.“ (S. 55f)

„Während jenes todesähnlichen Zustandes nun verließ wenigstens ein Teil des Ätherleibes auch den physischen Leib, so daß also ein Teil des Ätherleibes, der sonst darinnen war, in diesem Zustand sich draußen befand. Man schildert das, wie Sie wissen, in mehr exoterischen Vorträgen dadurch, daß man sagt, der Ätherleib werde herausgezogen. Das ist nicht eigentlich der Fall. Aber diese feinen Unterscheidungen können wir erst jetzt machen. So also haben wir während dieser dreieinhalb Tage, während welcher der Priester-Initiator den Einzuweihenden wohl überwachte, den Menschen in einem Zustande, daß nur sein unterer Teil mit dem Ätherleib vereinigt war. Das ist der Moment, wo sich der astralische Leib mit all dem, was er an Organen in sich ausgebildet hat, abdruckt im Ätherleibe. In diesem Moment tritt die Erleuchtung ein. Wenn der Einzuweihende nach dreieinhalb Tagen erweckt wurde, dann war bei ihm das eingetreten, was man die Erleuchtung nennt, dasjenige, was folgen mußte auf die Reinigung, die bloß in der Ausbildung der Organe des astralischen Leibes besteht. Jetzt war der Schüler ein Wissender in der geistigen Welt. Was er früher gesehen hatte, war nur eine Vorstufe des Schauens. Diese Welt, die aus einer Art von Gebilden bestand, die vorzugsweise Pflanzen nachbildete, sie ergänzte sich jetzt durch wesentlich neue Gebilde.“ (S. 56)

„Der Eingeweihte, der den großen Moment erlebte, wo der astralische Leib in den Ätherleib hineingedruckt wurde1, der bekam zuerst die wichtigsten Gruppenseelen zu schauen. Wenn wir nämlich zurückschauen in die alten Zeiten der Menschheit, so finden wir überall, daß das gegenwärtige Ich sich herausentwickelt hat aus solchem Gruppenbewußtsein, Gruppen-Ich, so daß für den Seher, wenn er zurückschaut, die einzelnen Menschen immer mehr zusammenströmen in die Gruppenseelen. Nun gibt es hauptsächlich vier Typen von Gruppenseelen, vier Urbilder von Gruppenseelen.“ (S. 58)

„Wie steht es nun mit dem, was während des Schlafes herausgerückt ist beim gewöhnlichen Menschen, wie steht es mit dem astralischen Leib und dem Ich? Diese sind ja auch nicht bewußt in der Nacht. Beim gewöhnlichen Menschen wird während des Nachtschlafes nichts innerhalb des astralischen Leibes erfahren. Aber denken Sie jetzt einmal, Sie übten die sieben Stufen der Johannes-Einweihung, diese bedeutungsvollen Momente der christlichen Gemütseinweihung. Dann würde für Sie nicht bloß das auftreten, was bisher geschildert worden ist. Ganz abgesehen davon, daß Sie bei der Berührung des astralischen Leibes mit dem Ätherleibe hellseherische Kraft entwickeln können, würde noch etwas anderes auftreten. Der Mensch wird sich bewußt der seelischen Eigenheiten, der seelisch-menschlichen Eigenschaften der astralischen Welt und der devachanischen Welt, aus der er eigentlich herausgeboren ist seiner Seele nach. Und es tritt zu diesem Bilde ein noch höheres Symbolum, das die ganze Welt zu erfüllen scheint. Zu diesem Symbolum der alten Einweihung tritt für den, der durch die Johannes-Einweihungsstufen geht, etwas hinzu, was am besten durch das erste Siegel dargestellt wird. Als eine hellseherische Erscheinung sieht er den Priesterkönig mit goldenem Gürtel, mit Füßen, die aus Metallguß zu bestehen scheinen, das Haupt bedeckt mit Haaren wie von weißer Wolle, aus dem Munde ein feuriges Schwert flammend und in der Hand die sieben Weltensterne: Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus.

Die Gestalt, die in der Mitte auf dem zweiten Siegelbild ist, war in der alten Einweihung nur als die fünfte der Gruppenseelen angedeutet. Sie ist das, was in der Menschheit der alten Zeit erst in der Keimanlage vorhanden war und erst in der christlichen Einweihung herausgekommen ist als das, was man auch als Menschensohn bezeichnet, der die sieben Sterne beherrscht, wenn er völlig in seiner wahren Gestalt vor dem Menschen auftritt.

So also soll uns durch diese zunächst symbolische Art der Darstellung vor allen Dingen klar sein, daß man dasjenige, was beim heutigen Menschen als Trennung der verschiedenen Glieder auftritt — physischer und Ätherleib auf der einen Seite, astraüscher Leib und Ich auf der anderen —, so behandeln kann, daß beides sozusagen zur Einweihung sein Stück beitragen kann, zunächst durch die Einweihungsform bei der Berührung des astralischen Leibes mit dem Atherleib, wo die vier Gruppenseelen aufleuchten, dann bei der Behandlung des Astralleibes, so daß dieser im besonderen sehend wird. Früher war ein eigentliches Sehen in der übersinnlichen Welt höchstens bis zu einer Art pflanzlicher Durchlebung der Welt gekommen. Durch die christliche Einweihung ist das gegeben, was eine höhere Einweihungsstufe im astralischen Leib bedeutet und was symbolisch angedeutet wird durch das zweite Bild.“ (S. 63f)

Die Verwirklichung der vorchristlichen Mysterien durch das Mysterium von Golgatha

Was sich in den vorchristlichen Mysterien in bildhaft-symbolischer Form vollzog und den Einzuweihenden bis an den Rand des Todes führte, hat sich durch das Erdenleben des Christus mit dem Mysterium von Golgatha als einmalige historische mystische Tatsache mit dem Kreuzestod, der Grablegung, der Höllenfahrt und der Auferstehung Christi verwirklicht. Darauf hat Rudolf Steiner schon in seiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums» (GA 8) nachdrücklich hingewiesen. Entsprechend hatten auch die frühchristlichen, noch griechisch-platonisch geprägten christlichen Kirchenväter vielfach noch eine hohe Wertschätzung für die antiken Mysterien, deren unmittelbare Fortsetzung sie im Christentum sahen. So schreibt etwa Clemens von Alexandria († vor 215/16):

„1. O wie wahrhaft heilig sind die Mysterien, o wie lauter das Licht! Von Fackellicht werde ich umleuchtet, damit ich den Himmel und Gott schauen kann; ich werde heilig dadurch, daß ich in die Mysterien eingeweiht werde; der Herr enthüllt die heiligen Zeichen [er ist Hierophantes] und drückt dem Eingeweihten durch die Erleuchtung sein Siegel auf und übergibt den, der gläubig geworden ist, der Fürsorge des Vaters, damit er für die Ewigkeit bewahrt werde.

2. Dies sind die Bakchosfeste meiner Mysterien; wenn du willst, so lasse auch du dich einweihen! Und mit den Engeln wirst du den Reigen um den "ungeschaffenen und unvergänglichen“[2] und wahrhaft einzigen Gott tanzen, wobei der Logos Gottes in unsere Loblieder miteinstimmt. Dieser ewige Jesus, der eine Hohepriester des einen Gottes, der zugleich auch Vater ist, bittet für die Menschen und ruft ihnen zu: "Hört es, unzählige Scharen!“,[3] vielmehr ihr Menschen alle, soweit ihr verständig seid, Barbaren sowohl als Griechen;[4] das ganze Geschlecht der Menschen rufe ich, deren Schöpfer ich bin durch den Willen des Vaters.“

Clemens von Alexandrien: Mahnrede an die Heiden (Protrepticus) 12, 120 [1]

Dass auch das Urchristentum selbst Mysteriencharakter hatte, wird schon aus den Briefen des Paulus deutlich, wo es - verbunden mit einem Verweis auf das Alte Testament - heißt:

„6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes (griech. Θεοῦ σοφία Theo-sophie !), die im Geheimnis (griech. μυστηρίῳ mysterio) verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3 LUT): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. 11 Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes. 12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. 13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. 14 Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. 15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. 16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jes 40,13 LUT) Wir aber haben Christi Sinn.“

1 Kor 2,6-16 LUT

Das von Paulus angeführte Zitat aus Jes 64,3 LUT verweist ganz deutlich auf die Erkenntnisstufen der Imagination (Auge), Inspiration (Ohr) und Intuition (Herz).

Kampf gegen die Mysterien in Rom

Als später das abstrakte römische Denken die Oberhand gewann, wurden die antiken Mysterien nach und nach zurückgedrängt und zunehmend auch der Mysteriencharakter des Christentums geleugnet.

"Der Geist des Begrifflichen war eingezogen im Römertum, der Geist der Abstraktion; zwar noch nicht so wie in der späteren Zeit, aber weil er erst in seinen elementaren Formen war, wurde er, ich möchte sagen, um so energischer festgehalten.

Und so sehen wir denn, als das 4. nachchristliche Jahrhundert beginnt, auf dem Boden von Italien eine Art von Schule, welche den Kampf gegen das alte Initiationsprinzip aufnimmt, welche überhaupt den Kampf aufnimmt gegen das Präparieren des einzelnen Menschen zur Initiation hin. Eine Schule sehen wir entstehen, welche alles das sammelt und sorgfaltig registriert, was von den alten Initiationen überliefert ist. Diese Schule, die aus dem 3. in das 4. Jahrhundert noch herüberwächst, geht darauf aus, das römische Wesen selber zu verewigen, an die Stelle des unmittelbaren individuellen Strebens jedes einzelnen Menschen die historische Tradition zu setzen. Und in dieses römische Prinzip wächst nun das Christentum hinein. Verwischt werden sollte gerade von dieser Schule, die am Ausgangspunkte jenes Christentums steht, das erst etwa im 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt, verwischt werden sollte namentlich alles, was man innerhalb der alten Initiation immerhin noch hat finden können über das Wohnen des Christus in der Persönlichkeit des Jesus.

In dieser römischen Schule hatte man den Grundsatz: So etwas, wie es Ammonius Sakkas gelehrt hat, wie es Jamblichos gelehrt hat, darf nicht auf die Nachwelt kommen. - Geradeso wie man dazumal im breitesten Umfange darangegangen ist, die alten Tempel zu zerstören, die alten Altäre auszumerzen, zu vernichten, was vom alten Heidentum übriggeblieben war, so ging man in einer gewissen Weise geistig daran, alles, was die Auffindungsprinzipien der höheren Welt waren, auszulöschen. Und so setzte man, um ein Beispiel herauszugreifen, an die Stelle dessen, was man noch von Jamblichos und Ammonius Sakkas gewußt hatte: daß der einzelne Mensch sich hinaufentwickeln kann, um zu begreifen, wie der Christus im Leibe des Jesus Platz nimmt -, an die Stelle dessen setzte man das Dogma von der einen göttlichen Natur oder den zwei Naturen in der Persönlichkeit des Christus. Das Dogma sollte voll bewahrt werden, und die Einsicht, die Einsichtsmöglichkeit sollte verschüttet werden. Innerhalb des alten Rom ging die Umwandlung der alten Weisheitswege in die Dogmatik vor sich. Und man bemühte sich, alle Nachrichten, alles, was an das Alte erinnerte, möglichst zu zerstören, so daß von solchen Leuten wie Ammonius Sakkas, wie Jamblichos, nur die Namen geblieben sind. Von zahlreichen anderen, die als Weisheitslehrer in den südlichen Gegenden Europas waren, sind nicht einmal die Namen geblieben. So wie all die Altäre gestürzt worden sind, wie all die Tempel ausgerottet, bis auf den Boden verbrannt worden sind, so ist auch alte Weisheit ausgetilgt worden, so daß die Menschen heute nicht einmal ahnen, was in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha noch im Süden Europas an Weisheit gelebt hat." (Lit.: GA 213, S. 202)

"Nun trat als Ereignis dieses ein: Die römische Welt, nach der sich als am weitesten nach Westen der christliche Impuls fortschob, war in ihrer geistigen Auffassung durchsetzt von der Neigung, von dem Hang für das Abstrakte und dafür, das, was Anschauungen waren, in abstrakte Begriffe zu bringen. Diese römische Welt war aber eigentlich, während das Christentum sich nach und nach gegen Westen schob, am Zugrundegehen, in Fäulnis. Und die nordischen Völker drangen vom Osten Europas herüber gegen Westen und gegen Süden vor. Nun ist es ein Eigentümliches, daß, wahrend auf der einen Seite das römische Wesen in Fäulnis übergeht und die frischen Völker vom Norden herankommen, sich jenes Kollegium bildet auf der italienischen Halbinsel, von dem ich schon in diesen Zeiten hier gesprochen habe, das eigentlich sich zur Aufgabe setzte, alle Ereignisse dazu zu benützen, um die alten Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten und nur diejenigen Schriften auf die Nachwelt kommen zu lassen, die diesem Kollegium bequem waren.

Über diesen Vorgang berichtet ja die Geschichte eigentlich gar nichts, und dennoch ist es ein realer Vorgang. Würde eine geschichtliche Darstellung davon vorhanden sein, so würde man eben einfach hinweisen auf jenes Kollegium, das sich als ein Erbe des römischen Pontifexkollegiums in Italien gebildet hat, das gründlich aufgeräumt hat mit allem, was ihm nicht genehm war, und das andere modifiziert und der Nachwelt übergeben hat. Geradeso wie man in Rom in bezug auf die nationalökonomischen Vorgänge das Testament erfunden hat, um hinauswirken zu lassen über den einzelnen menschlichen Willen dasjenige, über das der Wille verfügt, so entstand in diesem Kollegium der Trieb, das römische Wesen als bloße Erbschaft, eben als bloße Summe von Dogmen fortleben zu lassen in der folgenden Zeit der geschichtlichen Entwickelung durch viele Generationen hindurch. Solange als möglich soll nicht irgendwie Neues in der geistigen Welt erschaut werden, so hat dieses Kollegium gesagt. Das Initiationsprinzip soll mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Was wir jetzt modifizieren, das soll als Schrifttum auf die Nachwelt übergehen." (Lit.: GA 214, S. 15f)

Untergang der Mysterien

"Im Grunde genommen war der Brand von Ephesus der Beginn derjenigen Epoche, in der das Mysterienwesen allmählich in seiner alten Form verschwand. Ich habe erzählt, wie es fortbestanden hat da und dort, grandios zum Beispiel in den Mysterien von Hybernia, wo im Kultus das Mysterium von Golgatha gleichzeitig gefeiert worden ist, während es physisch drüben in Palästina vor sich ging. Man hatte Kenntnis davon nur aus der geistigen Vermittlung zwischen Palästina und Hybernia; nicht durch physische Vermittlung. Aber dennoch, das Mysterienwesen in der physischen Welt ging immer mehr und mehr zurück. Die äußeren Heimstätten, die Begegnungsstätten waren zwischen Göttern und Menschen, verloren immer mehr und mehr ihre Bedeutung. Sie hatten sie fast vollständig verloren im 13., 14. nachchristlichen Jahrhundert. Denn wer den Weg finden wollte, zum Beispiel zum Heiligen Gral, der mußte geistige Wege zu gehen verstehen. Physische Wege war man gegangen in der alten Zeit, vor dem Brande von Ephesus. Geistige Wege mußte man gehen im Mittelalter." (Lit.: GA 260, S. 242f)

Literatur

  1. Edouard Schuré: Die Heiligtümer des Orients: Ägypten, Griechenland, Palästina, Engel & Co; Neudruck nach der Ausgabe von 1912, ISBN 978-3927118027
  2. Woldemar von Uxkull: Die Eleusinischen Mysterien. Eine Rekonstruktion. Mit einer Einleitung: Das Wesen der Einweihungen im Altertum, Edition Geheimes Wissen 2013, ISBN 978-3902881618
  3. Woldemar von Uxkull: Eine Einweihung im alten Ägypten. Nach dem Buch Thot geschildert, Edition Geheimes Wissen 2013, ISBN 978-3902881625
  4. Konrad Dietzfelbringer: Mysterienschulen des Abendlandes: Vom alten Ägypten bis zu den Rosenkreuzern der Neuzeit, Königsdorfer-Verlag, Königsdorf 2010, ISBN 978-3938156162
  5. Diether Lauenstein: "Die Mysterien von Eleusis", Urachhaus 1987, ISBN 978-3878384984
  6. Walter Burkert: Antike Mysterien: Funktionen und Gehalt, 5. Auflage, Verlag C.H.Beck 2013, ISBN 978-3406643682
  7. Bastiaan Baan, Conrad Schaefer (Übers.): Alte und neue Mysterien: Von der Seelenprüfung zur Lebenseinweihung, Urachhaus Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3825176426
  8. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), ISBN 3-7274-0961-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  9. Rudolf Steiner: Die Apokalypse des Johannes, GA 104 (1985), ISBN 3-7274-1040-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 [GA 159/160] (1980), ISBN 3-7274-1590-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  11. Rudolf Steiner: Menschenfragen und Weltenantworten, GA 213 (1987), ISBN 3-7274-2130-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  12. Rudolf Steiner: Das Geheimnis der Trinität, GA 214 (1999), ISBN 3-7274-2140-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  13. Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24, GA 260 (1994), ISBN 3-7274-2602-0 html
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Einzelnachweise

  1. Apuleius: Der goldene Esel, ins Deutsche übertragen von August Rode, S. 113
  2. Platon, Timaios p. 52 A.
  3. Hom. Il. 17, 220.
  4. Vgl. Röm 1,14 EU.