Mysterien

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Die Mysterien oder Mysterienkulte der nachatlantischen Zeit, die an verschiedenen Mysterienstätten bzw. Mysterienschulen gepflegt wurden, dienten vornehmlich dazu, die folgenden Kulturepochen vorzubereiten.

"Die erste nachatlantische Kulturperiode, die altindische, mußte in ihrem Schoße die urpersische vorbereiten, die urpersische wiederum die ägyptisch-chaldäische und so weiter. Und unsere fünfte nachatlantische Kulturperiode muß die sechste Kulturperiode der nächsten Zeit vorbereiten. Öfter ist es nun gesagt worden, daß es unsere geisteswissenschaftliche Aufgabe ist, durch dasjenige, was wir uns aneignen, nicht nur, was ja ganz recht, aber nicht das einzige ist, Geistesgut für unsere einzelnen Seelen zu gewinnen - das wird uns zugeteilt für das ewige Leben unserer Seele - , aber es ist auch unsere Aufgabe, dasjenige vorzubereiten, was dann die sechste Kulturperiode zu ihrem Inhalte, zu ihrer besonderen äußerlichen Arbeit haben soll. So war es in jeder der einzelnen nachatlantischen Kulturperioden. Und diejenigen Stätten, in welchen immer dasjenige vorbereitet wurde, was für die nächste Kulturperiode das bedeutsame Äußere war, das waren die Mysterienstätten." (Lit.: GA 159, S. 301)

Die Mysterien als Quelle von Kunst, Wissenschaft und Frömmigkeit

Die Mysterien waren in der Welt des Altertums die Quelle aller Kunst, Wissenschaft und Frömmigkeit, die damals allerdings noch zu einer untrennbaren Einheit verbunden waren.

"Das Mysterium ist die eigentliche Geburtsstätte der Kunst. Die Mysterien waren im astralen Raum wirklich, lebendig. Da hatte man eine Synthesis von Wahrheit, Schönheit und Frömmigkeit. In hohem Maße war das bei den ägyptischen Mysterien und denen in Asien der Fall, auch in den Mysterien Griechenlands, besonders in den Eleusinien. Da sahen die Schüler wirklich, wie sich die geistigen Mächte in die verschiedenen Formen des Daseins herniedersenkten. Es gab damals keine andere Wissenschaft als die, welche man also schaute. Es gab keine andere Frömmigkeit als die, welche in der Seele aufstieg, wenn man in den Mysterien schaute. Auch gab es keine andere Schönheit als die, welche man erblickte, wenn die Götter herabstiegen." (Lit.: GA 96, S. 161f)

Die Mysterien wurden besonders bedeutsam in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, als das natürliche Hellsehen innerhalb der Menschheit mit dem Beginn des Kali-Yuga, des finsteren Zeitalters, bis auf wenige Reste in einem sehr raschen dramatischen Prozess erloschen war. Durch die Mysterienkulte sollte die verlorene unmittelbare Verbindung zu den geistigen Welten durch einen untrennbar mit kultischen Elementen verbundenen geistigen Schulungsweg wieder hergestellt werden.

Die Mysterien waren nicht öffentlich, sondern anfangs nur einem engen Kreis von Eingeweihten und deren Schülern, später auch weiteren Kreisen zugänglich. Die Aufnahme in die Mysterien erfolgte meist nach strengen Initiationsritualen. Die Inhalte der Mysterien wurden streng geheim gehalten; auf Geheimnisverrat stand meist die Todesstrafe.

In der griechisch-lateinischen Zeit waren Mysterienkulte weit verbreitet. In der Zeit ihrer größten Verbreitung nahmen weite Teile der griechischen und später insbesondere auch der gehobenen römischen Bürgerschaft an Mysterienkulten teil. Bekannte Kulte der antiken Welt waren die Mysterien von Eleusis, die samothrakischen Mysterien, der Dionysoskult, die Mysterien von Ephesos, der Kult des Liber Pater in Rom und in Süditalien, der insbesondere unter den römischen Soldaten weit verbreitete Mithraskult, der Kybele- und Attiskult, der Isis- und Osiriskult. Eine besondere Bedeutung kam auch den wenig bekannten Hybernischen Mysterien zu.

Kampf gegen die Mysterien in Rom

"Der Geist des Begrifflichen war eingezogen im Römertum, der Geist der Abstraktion; zwar noch nicht so wie in der späteren Zeit, aber weil er erst in seinen elementaren Formen war, wurde er, ich möchte sagen, um so energischer festgehalten.

Und so sehen wir denn, als das 4. nachchristliche Jahrhundert beginnt, auf dem Boden von Italien eine Art von Schule, welche den Kampf gegen das alte Initiationsprinzip aufnimmt, welche überhaupt den Kampf aufnimmt gegen das Präparieren des einzelnen Menschen zur Initiation hin. Eine Schule sehen wir entstehen, welche alles das sammelt und sorgfaltig registriert, was von den alten Initiationen überliefert ist. Diese Schule, die aus dem 3. in das 4. Jahrhundert noch herüberwächst, geht darauf aus, das römische Wesen selber zu verewigen, an die Stelle des unmittelbaren individuellen Strebens jedes einzelnen Menschen die historische Tradition zu setzen. Und in dieses römische Prinzip wächst nun das Christentum hinein. Verwischt werden sollte gerade von dieser Schule, die am Ausgangspunkte jenes Christentums steht, das erst etwa im 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt, verwischt werden sollte namentlich alles, was man innerhalb der alten Initiation immerhin noch hat finden können über das Wohnen des Christus in der Persönlichkeit des Jesus.

In dieser römischen Schule hatte man den Grundsatz: So etwas, wie es Ammonius Sakkas gelehrt hat, wie es Jamblichos gelehrt hat, darf nicht auf die Nachwelt kommen. - Geradeso wie man dazumal im breitesten Umfange darangegangen ist, die alten Tempel zu zerstören, die alten Altäre auszumerzen, zu vernichten, was vom alten Heidentum übriggeblieben war, so ging man in einer gewissen Weise geistig daran, alles, was die Auffindungsprinzipien der höheren Welt waren, auszulöschen. Und so setzte man, um ein Beispiel herauszugreifen, an die Stelle dessen, was man noch von Jamblichos und Ammonius Sakkas gewußt hatte: daß der einzelne Mensch sich hinaufentwickeln kann, um zu begreifen, wie der Christus im Leibe des Jesus Platz nimmt -, an die Stelle dessen setzte man das Dogma von der einen göttlichen Natur oder den zwei Naturen in der Persönlichkeit des Christus. Das Dogma sollte voll bewahrt werden, und die Einsicht, die Einsichtsmöglichkeit sollte verschüttet werden. Innerhalb des alten Rom ging die Umwandlung der alten Weisheitswege in die Dogmatik vor sich. Und man bemühte sich, alle Nachrichten, alles, was an das Alte erinnerte, möglichst zu zerstören, so daß von solchen Leuten wie Ammonius Sakkas, wie Jamblichos, nur die Namen geblieben sind. Von zahlreichen anderen, die als Weisheitslehrer in den südlichen Gegenden Europas waren, sind nicht einmal die Namen geblieben. So wie all die Altäre gestürzt worden sind, wie all die Tempel ausgerottet, bis auf den Boden verbrannt worden sind, so ist auch alte Weisheit ausgetilgt worden, so daß die Menschen heute nicht einmal ahnen, was in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha noch im Süden Europas an Weisheit gelebt hat." (Lit.: GA 213, S. 202)

"Nun trat als Ereignis dieses ein: Die römische Welt, nach der sich als am weitesten nach Westen der christliche Impuls fortschob, war in ihrer geistigen Auffassung durchsetzt von der Neigung, von dem Hang für das Abstrakte und dafür, das, was Anschauungen waren, in abstrakte Begriffe zu bringen. Diese römische Welt war aber eigentlich, während das Christentum sich nach und nach gegen Westen schob, am Zugrundegehen, in Fäulnis. Und die nordischen Völker drangen vom Osten Europas herüber gegen Westen und gegen Süden vor. Nun ist es ein Eigentümliches, daß, wahrend auf der einen Seite das römische Wesen in Fäulnis übergeht und die frischen Völker vom Norden herankommen, sich jenes Kollegium bildet auf der italienischen Halbinsel, von dem ich schon in diesen Zeiten hier gesprochen habe, das eigentlich sich zur Aufgabe setzte, alle Ereignisse dazu zu benützen, um die alten Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten und nur diejenigen Schriften auf die Nachwelt kommen zu lassen, die diesem Kollegium bequem waren.

Über diesen Vorgang berichtet ja die Geschichte eigentlich gar nichts, und dennoch ist es ein realer Vorgang. Würde eine geschichtliche Darstellung davon vorhanden sein, so würde man eben einfach hinweisen auf jenes Kollegium, das sich als ein Erbe des römischen Pontifexkollegiums in Italien gebildet hat, das gründlich aufgeräumt hat mit allem, was ihm nicht genehm war, und das andere modifiziert und der Nachwelt übergeben hat. Geradeso wie man in Rom in bezug auf die nationalökonomischen Vorgänge das Testament erfunden hat, um hinauswirken zu lassen über den einzelnen menschlichen Willen dasjenige, über das der Wille verfügt, so entstand in diesem Kollegium der Trieb, das römische Wesen als bloße Erbschaft, eben als bloße Summe von Dogmen fortleben zu lassen in der folgenden Zeit der geschichtlichen Entwickelung durch viele Generationen hindurch. Solange als möglich soll nicht irgendwie Neues in der geistigen Welt erschaut werden, so hat dieses Kollegium gesagt. Das Initiationsprinzip soll mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Was wir jetzt modifizieren, das soll als Schrifttum auf die Nachwelt übergehen." (Lit.: GA 214, S. 15f)

Untergang der Mysterien

"Im Grunde genommen war der Brand von Ephesus der Beginn derjenigen Epoche, in der das Mysterienwesen allmählich in seiner alten Form verschwand. Ich habe erzählt, wie es fortbestanden hat da und dort, grandios zum Beispiel in den Mysterien von Hybernia, wo im Kultus das Mysterium von Golgatha gleichzeitig gefeiert worden ist, während es physisch drüben in Palästina vor sich ging. Man hatte Kenntnis davon nur aus der geistigen Vermittlung zwischen Palästina und Hybernia; nicht durch physische Vermittlung. Aber dennoch, das Mysterienwesen in der physischen Welt ging immer mehr und mehr zurück. Die äußeren Heimstätten, die Begegnungsstätten waren zwischen Göttern und Menschen, verloren immer mehr und mehr ihre Bedeutung. Sie hatten sie fast vollständig verloren im 13., 14. nachchristlichen Jahrhundert. Denn wer den Weg finden wollte, zum Beispiel zum Heiligen Gral, der mußte geistige Wege zu gehen verstehen. Physische Wege war man gegangen in der alten Zeit, vor dem Brande von Ephesus. Geistige Wege mußte man gehen im Mittelalter." (Lit.: GA 260, S. 242f)

Literatur

  1. Edouard Schuré: Die Heiligtümer des Orients: Ägypten, Griechenland, Palästina, Engel & Co; Neudruck nach der Ausgabe von 1912, ISBN 978-3927118027
  2. Konrad Dietzfelbringer: Mysterienschulen des Abendlandes: Vom alten Ägypten bis zu den Rosenkreuzern der Neuzeit, Königsdorfer-Verlag, Königsdorf 2010, ISBN 978-3938156162
  3. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), ISBN 3-7274-0961-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 [GA 159/160] (1980), ISBN 3-7274-1590-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Menschenfragen und Weltenantworten, GA 213 (1987), ISBN 3-7274-2130-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Das Geheimnis der Trinität, GA 214 (1999), ISBN 3-7274-2140-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24, GA 260 (1994), ISBN 3-7274-2602-0 html
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