Göttin Natura

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Die Göttin Natura wurde bis zum Ende des Mittelalters besungen, namentlich von den Vertretern der Schule von Chartres, etwa in «De mundi universitate» von Bernardus Silvestris oder in «De planctu naturae» und im «Anticlaudianus» des Alanus ab Insulis und auch noch bei Brunetto Latini und in Dantes «Divina Commedia», wo sie in Gestalt der Matelda in Erscheinung tritt. Als Natura (von lat. nasci „entstehen, geboren werden“) steht sie in enger Beziehung zu den Lebenskräften, zum Weltenäther, der die Natur stets neu belebt. In der Göttin Natura lebte in christlich erneuerter Form der Persephone-Mythos fort. Erst als das Bewusstseinsseelenzeitalter mit der auf bloß äußere Beobachtung gerichteten Naturwissenschaft heraufdämmerte, geriet sie in Vergessenheit.

„Machen wir uns doch klar - ich habe es vor Jahren hier angedeutet[1] -, wie bis ins 7., 8. Jahrhundert, als Nachwirkung der vorchristlichen Einweihung, das Christentum aufgenommen wurde in Stätten, die immerhin als hohe Erkentnisstätten, als die Nachzügler der Mysterien vorhanden waren. Da war es so, daß Menschen, zunächst nicht unterrichtlich, aber durch eine auf das Geistige hin gerichtete Erziehung im Körperlichen und im Geistigen, vorbereitet wurden auf den Moment, wo sie das leise Hinschauen auf die Geistigkeit haben konnten, die in der Menschenumgebung auf Erden sich offenbaren kann. Dann richtete sich ihr Blick hinaus auf die Reiche des Mineralischen, des Pflanzlichen, und alles das, was im tierischen, im menschlichen Reiche lebt. Und dann sahen sie aurisch aufsprießen und wiederum befruchtet werden aus dem Kosmos die geistig-elementaren Wesenheiten, die in allem Natürlichen lebten.

Und dann vor allen Dingen erschien ihnen - wie ein Wesen, das sie ansprachen wie einen anderen Menschen, nur eben wie ein Wesen höherer Art - die «Göttin Natura». Es war das diejenige Göttin, die sie, ich kann nicht sagen leibhaftig, aber seelenhaftig in vollem Glänze vor sich sahen. Man sprach nicht von abstrakten Naturgesetzen, man sprach von der in der Natur überall schöpferischen Kraft der Göttin Natura.

Sie war die Metamorphose der alten Proserpina. Sie war jene schaffende Göttin, mit der sich in einer gewissen Weise derjenige verband, der nach Erkenntnis suchen sollte, die ihm erschien aus jedem Mineral, aus jeder Pflanze, aus jedem Getier, erschien aus den Wolken, erschien aus den Bergen, erschien aus den Quellen. Von dieser Göttin, die abwechselnd in Winter und Sommer oberirdisch und unterirdisch schafft, von dieser Göttin empfanden sie: sie ist die Helferin derjenigen Gottheit, von der die Evangelien sprechen, sie ist die ausführende göttliche Macht.

Und wenn dann ein solcher Mensch, der nach Erkenntnis strebte, in genügender Weise über das Mineralische, Pflanzliche, Tierische unterrichtet war von dieser Göttin, wenn er eingeführt war in die lebendigen Kräfte, dann lernte er durch sie kennen die Natur der vier Elemente: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Und er lernte kennen, wie wogen und weben innerhalb des Mineralischen, Tierischen und Pflanzlichen diese konkret über die Welt sich ergießenden vier Elemente: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Und er fühlte sich selbst hineinverwoben mit seinem ätherischen Leib in das Weben der Erde mit ihrer Schwere, des Wassers mit seiner belebenden Kraft, der Luft mit ihrer empfindungsweckenden Kraft, des Feuers mit seiner Ich-entzündenden Kraft. Da fühlte sich der Mensch hineinverwoben. Das empfand er als das Geschenk des Unterrichtes der Göttin Natura, der Nachfolgerin, der Metamorphose der Proserpina. Und daß die Schüler eine Ahnung bekamen von diesem lebendigen Verkehr mit der gotterfüllten, gottsubstantiierten Natur, hindurchdrangen bis zum Weben und Leben der Elemente, darauf sahen die Lehrer.

Dann, nachdem die Schüler so weit waren, wurden sie eingeführt in das Planetensystem. Und sie lernten, wie in der Kenntnis des Planetensystems sich zugleich die Kenntnis der menschlichen Seele ergibt: Lerne erkennen, wie die Wandelsterne am Himmel wallen, so lernst du erkennen, wie deine eigene Seele in deinem Inneren wirkt und webt und lebt. Das wurde vor die Schüler hingestellt.

Und dann wurden sie herangeführt an dasjenige, was man den «Großen Ozean» nannte. Aber dieser Ozean war das kosmische Meer, das von den Planeten, von den Wandelsternen zu den Ruhesternen, zu den Fixsternen hinausführte.

Dann drangen sie ein in die Geheimnisse des Ich dadurch, daß sie die Geheimnisse der Fixsternwelt kennenlernen konnten.“ (Lit.:GA 237, S. 90ff)

"In dem Augenblicke, wo der Mensch das sieht, was er mit dem Teil seines Wesens erlebt, der schläft, in dem Augenblicke steht er vor dem, was man ungefähr bis in das 15. Jahrhundert herein in Wirklichkeit die Natur genannt hat. Das hat man die Natur genannt, was da der Mensch erlebt. Die Griechen nannten dasselbe, was man im Mittelalter die Natur nannte, Proserpina, Persephone. Natürlich beschrieb man die Mysterien der Persephone anders in Griechenland, anders im Mittelalter. Aber Sie können sich überzeugen, daß das Mittelalter diese Dinge kannte, wenn Sie solche Beschreibungen der Natur und ihrer Geheimnisse lesen, wie Sie sie bei Bernardus Silvestris finden. Da beginnt, in dem Werke «De mundi universitate» von Bernardus Silvestris, die Schilderung der Erlebnisse, die der Mensch hat, wenn er für den Teil erwacht, der den Kosmos mitmacht, der sonst verschlafen wird.

Insbesondere großartig sind diese Dinge geschildert bei Alanus ab Insulis, aus dem Gebiete heraus, das wir öfter erwähnten; denn mit der «Insel» ist bei Alanus ab Insulis Irland gemeint, Hybernia. Sie finden in seinem Werke «De planctu naturae» und in seinem «Anticlaudianus» parallelisiert den Proserpinamythus und dasjenige, was er über die Natur zu sagen hat. Und Sie finden, daß alles wiederum aufersteht bei dem großen Lehrer des Dante, den ich einmal hier angeführt habe, bei Brunetto Latini. Sie finden die Lehren des Brunetto Latini übergegangen in Dantes eigene Anschauungen. Lesen Sie die Partien der «Göttlichen Komödie», in denen Dante schildert die Matelda, die Partie, die wirklich wie ein Ei dem andern dem Proserpinamythus gleicht, was auch schon die äußere Wissenschaft bemerkt hat, so werden Sie sich ein Bewußtsein davon aneignen - aus Bernardus Silvestris, aus Alanus ab Insulis, aus Brunetto Latini und aus Dante können Sie sich ein Bewußtsein aneignen, aus vielem andern auch -, wie bis in die Zeiten, wo die neue Epoche aufgegangen ist, bei den Menschen ein Bewußtsein vorhanden war von jener andern Welt des Zusammenlebens des Menschen als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos.

Man unterschied auf der einen Seite die Natur, das Miterleben des Menschen mit dem Kosmos, was das Mittelalter Natura nannte, was das Altertum Proserpina nannte. Man personifizierte, unterschied dieses wiederum von der Urania, welche ebenso die Himmelssphäre beherrscht, wie die Natur dasjenige beherrscht, was der Mensch miterlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und ein tiefes Geheimnis glaubten diese mittelalterlichen Menschen zu sehen, wenn sie sprachen von der Vermählung der Natur im Menschen mit dem Nus, mit dem Verstande, mit dem Intellekt im Menschen. Und in richtiger und unrichtiger Weise wurde von diesen Menschen versucht, zu erleben im Menschen die Vermählung der Natur mit dem Nus, mit dem Verstande oder Intellekt, als mystische Hochzeit, der gegenüberstand die alchimistische Hochzeit, so wie ich das in dem Aufsatze beschrieben habe, der der erste ist über den Christian Rosenkreutz.

Das sind Dinge, welche gar nicht so unendlich weit hinter uns liegen. Und Dantes eindringliches Werk - das auf der einen Seite mit ebensoviel Erhabenheit, wie auf der andern Seite mit Humor die Welt und den Menschen, die menschlichen Geheimnisse schildert -, es ist wie das Werk, welches aufbewahren wollte dasjenige, was man durch Jahrhunderte und Jahrtausende über den Zusammenhang des Menschen mit dem Makrokosmos gewußt hat. Bei Brunetto Latini findet sich dasselbe, was Dante in seiner Art dichterisch schildert, vom Standpunkte der Initiation, vom Standpunkte der Einweihung geschildert, auch an ein äußeres Ereignis angegliedert." (Lit.: GA 180, S. 105ff)

„Man kann sich schon vorstellen - es ist nicht ein poetisches Bild, das ich vor Sie hinstelle, es ist eine Wirklichkeit, meine sehr verehrten Anwesenden - , man kann sich schon vorstellen die Schule von Chartres, wo heute noch die wunderschöne Kathedrale ist, lehrend Alanus ab Insulis, sprechend zu seinen Schülern von der Natur, etwa sagend: Die Natur - ein Wesen, das wir nicht mehr fassen können, das sich uns entzieht, wenn wir ihm nahen wollen. Die Menschheit hat Kräfte entwickelt, die sie zu anderen Dingen hinführen, die aber nicht mehr fähig sind, so die Natur zu erfassen, wie die Natur in alten Zeiten von den Erkennenden erfaßt worden ist. Denn die Natur war ein mächtig großes Geistwesen, das überall gewirkt hat, da, wo die Steine im Gebirge sich gebildet haben, da, wo die Pflanzen aus dem Erdboden herausgewachsen sind, da, wo die Sterne am Himmel funkelten. Überall webte ein unermeßlich großes Wesen, das sich in der Gestalt eines wunderbaren Weibes darstellt. Das sahen die Alten mit ihrem Schauen. Wir können uns nach den Angaben, welche die Alten gemacht haben, noch Vorstellungen davon bilden, was die Natur war, dieses überall Weben, Wirken, das in allem Umgebenden, in aller Wärme, in allen Lichterscheinungen, in allen Farbenerscheinungen, in allen Lebenserscheinungen lebt und webt. Aber es entschlüpft uns, wenn wir ihm nahen wollen. Denn lebend-webend ist die Göttin Natura in allem. Eine Göttin, ein göttlich-geistiges Wesen, von dem man wußte, man kann es in seiner Wesenheit nur erkennen, wenn man es anschauen kann.

Solche Vorstellungen machte im 12. Jahrhundert noch solch eine Persönlichkeit wie Alanus ab Insulis seinen Schülern in der Schule von Chartres klar. Aber weil man im Nebel sich auflösend diese Göttin Natura sah, mit der Lebendigkeit all dessen, was wir heute als abstrakte, tote Naturgesetze finden, weil sie einem gleich wieder entschlüpfte, deshalb war dieser tragische, traurige Zug auf den Antlitzen dieser Menschen.

Und dann gab es etwa solche Menschen, wie der große Lehrer des Dante war, Brunetto Latini, der durch einen besonderen karmischen Fall, daß er eine Art von Sonnenstich bei einer Wanderung bekommen hat - was viel wichtiger war als der Schmerz, den er über die Vertreibung der Weifen aus seiner Vaterstadt bekommen hatte - , der dadurch, daß sein Bewußtseinszustand infolgedessen ein anderer geworden war, noch wahrnehmen konnte diese Göttin Natura, wie er es in seinem Buche «Tesoretto» beschreibt. Und er schildert ganz anschaulich, in lebendiger Imagination, wie er auf dem Heimweg nach seiner Vaterstadt Florenz durch einen öden Wald kommt, wie er in diesem öden Wald an einen Berg herantritt, auf diesem Berge wirkend sieht die Göttin Natura, wie die Göttin Natura nun ihn aufklärt, was die menschliche Seele im Denken, Fühlen und Wollen ist, wie sie ihn aber auch aufklärt, was die vier Temperamente des Menschen ihrem Wesen nach sind, wie sie ihn auch aufklärt, was die fünf Sinne des Menschen sind.

Das war alles eine wirkliche geistig-seelische Unterweisung, eine Realität, die er durchmachte unter dem Einfluß eines pathologischen Zustandes, als er von Spanien wiederum zurückkehrte nach seiner Vaterstadt Florenz. Und als er das alles durchgemacht hatte, sah er das Weben und Wesen der vier Elemente, Feuer, Erde, Wasser, Luft, sah das Weben und Wesen der Planeten, das Hinausgehen der menschlichen Seele in den Sternenhimmel. Das alles sah er unter dem Einfluß einer Geistlehre, die ihm zukam von der Göttin Natura.“ (Lit.:GA 243, S. 80ff)

Anmerkungen

  1. vgl. GA 187

Literatur

  1. Frank Teichmann: Der Mensch und sein Tempel, Bd. 4: Chartres - Schule und Kathedrale, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 978-3878386889
  2. Rudolf Steiner: Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung, GA 180 (1980), ISBN 3-7274-1800-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Dritter Band, GA 237 (1991), ISBN 3-7274-2370-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Initiaten-Bewußtsein. Die wahren und die falschen Wege der geistigen Forschung., GA 243 (2004), ISBN 3-7274-2430-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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