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Göttin Natura
Die Göttin Natura wurde bis zum Ende des Mittelalters besungen, namentlich von den Vertretern der Schule von Chartres, etwa in «De mundi universitate» von Bernardus Silvestris oder in «De planctu naturae» und im «Anticlaudianus» des Alanus ab Insulis und auch noch bei Brunetto Latini und in Dantes «Divina Commedia». In ihr lebte in christlich erneuerter Form der Persephone-Mythos fort. Erst als das Bewusstseinsseelenzeitalter mit der auf bloß äußere Beobachtung gerichteten Naturwissenschaft heraufdämmerte, geriet sie in Vergessenheit.
"In dem Augenblicke, wo der Mensch das sieht, was er mit dem Teil seines Wesens erlebt, der schläft, in dem Augenblicke steht er vor dem, was man ungefähr bis in das 15. Jahrhundert herein in Wirklichkeit die Natur genannt hat. Das hat man die Natur genannt, was da der Mensch erlebt. Die Griechen nannten dasselbe, was man im Mittelalter die Natur nannte, Proserpina, Persephone. Natürlich beschrieb man die Mysterien der Persephone anders in Griechenland, anders im Mittelalter. Aber Sie können sich überzeugen, daß das Mittelalter diese Dinge kannte, wenn Sie solche Beschreibungen der Natur und ihrer Geheimnisse lesen, wie Sie sie bei Bernardus Silvestris finden. Da beginnt, in dem Werke «De mundi universitate» von Bernardus Silvestris, die Schilderung der Erlebnisse, die der Mensch hat, wenn er für den Teil erwacht, der den Kosmos mitmacht, der sonst verschlafen wird.
Insbesondere großartig sind diese Dinge geschildert bei A.lanus ab Insulis, aus dem Gebiete heraus, das wir öfter erwähnten; denn mit der «Insel» ist bei Alanus ab Insulis Irland gemeint, Hyberrda. Sie finden in seinem Werke «De planctu naturae» und in seinem «Anticlaudianus » parallelisiert den Proserpinamythus und dasjenige, was er über die Natur zu sagen hat. Und Sie finden, daß alles wiederum aufersteht bei dem großen Lehrer des Dante, den ich einmal hier angeführt habe, bei Brumtto Latini. Sie finden die Lehren des Brunetto Latini übergegangen in Dantes eigene Anschauungen. Lesen Sie die Partien der «Göttlichen Komödie», in denen Dante schildert die Matelda, die Partie, die wirklich wie ein Ei dem andern dem Proserpinamythus gleicht, was auch schon die äußere Wissenschaft bemerkt hat, so werden Sie sich ein Bewußtsein davon aneignen - aus Bernardus Silvestris, aus Alanus ab Insulis, aus Brunetto Latini und aus Dante können Sie sich ein Bewußtsein aneignen, aus vielem andern auch -, wie bis in die Zeiten, wo die neue Epoche aufgegangen ist, bei den Menschen ein Bewußtsein vorhanden war von jener andern Welt des Zusammenlebens des Menschen als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos.
Man unterschied auf der einen Seite die Natur, das Miterleben des Menschen mit dem Kosmos, was das Mittelalter Natura nannte, was das Altertum Proserpina nannte. Man personifizierte, unterschied dieses wiederum von der Urania, welche ebenso die Himmelssphäre beherrscht, wie die Natur dasjenige beherrscht, was der Mensch miterlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und ein tiefes Geheimnis glaubten diese mittelalterlichen Menschen zu sehen, wenn sie sprachen von der Vermählung der Natur im Menschen mit dem Nus, mit dem Verstande, mit dem Intellekt im Menschen. Und in richtiger und unrichtiger Weise wurde von diesen Menschen versucht, zu erleben im Menschen die Vermählung der Natur mit dem Nus, mit dem Verstande oder Intellekt, als mystische Hochzeit, der gegenüberstand die alchimistische Hochzeit, so wie ich das in dem Aufsatze beschrieben habe, der der erste ist über den Christian Rosenkreutz.
Das sind Dinge, welche gar nicht so unendlich weit hinter uns liegen. Und Dantes eindringliches Werk - das auf der einen Seite mit ebensoviel Erhabenheit, wie auf der andern Seite mit Humor die Welt und den Menschen, die menschlichen Geheimnisse schildert -, es ist wie das Werk, welches aufbewahren wollte dasjenige, was man durch Jahrhunderte und Jahrtausende über den Zusammenhang des Menschen mit dem Makrokosmos gewußt hat. Bei Brunetto Latini findet sich dasselbe, was Dante in seiner Art dichterisch schildert, vom Standpunkte der Initiation, vom Standpunkte der Einweihung geschildert, auch an ein äußeres Ereignis angegliedert." (Lit.: GA 180, S 105ff)
Literatur
- Rudolf Steiner: Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung, GA 180 (1980), ISBN 3-7274-1800-1 [1]
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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