Negative Theologie

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Die negative Theologie ist aus dem Versuch hervorgegangen, den religiösen Glauben mit der Philosophie und der Vernunft zu vereinbaren und darüber auszulegen. Darin gleicht sie der natürlichen Theologie, doch im Gegensatz zu dieser bestreitet die negative Theologie die Möglichkeit zur objektiven Erkenntnis und zum Beweis eines Gottes. Alle Eigenschaften, Benennungen oder Definitionen des Göttlichen werden hier konsequent negiert, so dass das Göttliche ein unvorstellbares und nicht beweisbares "Nichts" jenseits der Welt ist und bleibt. Ihm wird in dieser Weise selbst das Sein abgesprochen.

Die negative Theologie trat schon in der Antike stets im Zusammenhang mit der griechischen Philosophie auf und hier besonders mit dem Neuplatonismus (Dionysius Areopagita). Bedeutendster Vertreter einer negativen Theologie im Mittelalter ist Meister Eckhart, der den personalen dreieinigen Gott zusammen mit allen weltlichen Phänomenen zum unerkennbaren Einen hin transzendiert.


Die antiken Wurzeln der negativen Theologie

Alexandria: Philo, Kirchenväter

Die negative Theologie hat ihre Wurzeln in der von Alexander dem Großen gegründeten ägyptischen Hafenstadt Alexandria, die danach die Hauptstadt des Reiches der griechischen Ptolemäer wurde. In Alexandria lag das geistige Zentrum des östlichen Mittelmeerraumes in den Jahrhunderten um die Zeitenwende mit der ersten Universität im modernen Sinn. In der sogenannten Alexandrinischen Schule kam es zu einer Verschmelzung verschiedener Geistesrichtungen, insbesondere der griechischen Philosophie und dem Judentum unter Anteil weiterer orientalischer Elemente.

Wegweisend war hier zunächst der Jude Philo. Bei dieser Verschmelzung entledigte Philo den alttestamentlichen Gott aller weltlichen Eigenschaften und Bestimmungen. Der eine jüdische Gott wurde bei Philo für die Welt und den Menschen schlechthin unerkennbar und unbestimmbar, was den Beginn einer negativen Theologie markierte. Diese Verschmelzung des griechischen systematischen und kritischen Denkens mit dem jüdischen Glauben an den einen Gott kann darüber hinaus als Geburt der wissenschaftlichen Theologie an sich angesehen werden.

Als Vermittler zu diesem unbestimmbaren Gott zog Philo die griechische Logos-Vorstellung heran und nannte diese weltdurchwaltende Vernunft den Sohn dieses Gottes. Diese das jüdische Gottesbild verändernden Gedanken hatten einen maßgebenden Einfluss auf die kurz danach entstehende christliche Theologie.

Die alexandrinischen Kirchenväter Origenes und Clemens vertraten eine negative christliche Theologie und standen wie Philo dem griechischen Denken sehr nahe. So ist für Origenes Christus nicht nur alleiniger Erlöser, sondern auch Vorbild, d.h. für ihn zeigte sich der göttliche Logos genau wie für Clemens auch in der heidnischen, also griechischen Philosophie und hier besonders bei Platon.

Gnosis

Das Apokryphon des Johannes beinhaltet die Aussagen, daß man über Gott nur negativ sprechen kann, daß Gott jenseits der Zeit und daß seine Existenz unbeweisbar ist.

Gemeinsamkeiten von negativer Theologie und Neuplatonismus

Das letzte große System der griechischen Philosophie war der Neuplatonismus, der ca. 150 Jahre nach Philo ebenfalls in Alexandria und der alexandrinischen Schule seinen Anfang nahm und den Grundgedanken Philos fortführte. Für den Begründer Ammonios Sakkas und dessen Schüler Plotin war das Göttliche das Eine oder Erste, das genau wie bei Philo jenseits aller Bestimmungen und Gegensätze stand. Grundlage war für Plotin zwar weiterhin das Denken der griechischen Philosophie, doch im Unterschied zu der vorangegangenen griechischen Philosophie lag das Höchste für Plotin außerhalb des Denkens und konnte von und in dem begrifflichen Denken in keiner Weise mehr erfasst werden. Dieser Grundgedanke der absoluten Unvorstellbarkeit und Nichtbestimmbarkeit des Höchsten oder Göttlichen in der alexandrinischen Schule bedingt und begründet die negative Theologie.

In diesem Grundgedanken sind negative jüdische bzw. später negative christliche Theologie und philosophischer Neuplatonismus aufs engste miteinander verbunden und enthalten in dieser Unbestimmbarkeit eines Höchsten, Einen gleichzeitig ein mystisches Element. Das mystische Element bedingt sich vor allem durch die Nichtfassbarkeit im begrifflichen Denken und Vorstellen, geht in dieser Nichtfassbarkeit aber noch tiefer. Sie gründet auf einer strikten Trennung der Strukturen von Welt und jenseitigem Einen, wobei dem Einen bei Plotin und später besonders auch bei Meister Eckhart neben den Kategorien Raum und Zeit selbst die des Seins abgesprochen wird. Die weltlichen Phänomene, die Materie und die Welt selbst gelten in Anlehnung an Platons Schatten hier nur noch als aus der Seele oder dem Geist ausquellende Erscheinungen, so dass Plotin in seiner Abhandlung über Ewigkeit und Zeit zu der Aussage gelangt, dass „es außer der Seele keinen anderen Ort für dieses All gibt“. Während in der Neuzeit Immanuel Kant in seinem Idealismus die Erscheinungshaftigkeit der weltlichen Phänomene nur feststellt, ist die geistige Rückkehr in dieses jenseitige Eine das letztendliche Ziel des Neuplatonismus und der mit ihm verbundenen negativen christlichen Theologie, insbesondere später bei Meister Eckhart. Diese Rückkehr kann als dieser Vorgang in oder mit den erscheinungshaften Strukturen der Welt aber weder erreicht noch erkannt werden kann, wodurch sich sowohl das Negative als auch das Mystische in der Konsequenz dieser Theologie ergibt.

Das Ende der negativen Theologie in der Antike

Problematisch war schon damals, dass die negative Theologie dem mehr emotionalen religiösen Verehrungsglauben das Objekt und die Grundlage entzog. Das und die Nähe zu der als heidnisch angesehenen Philosophie war besonders für fundamentalistische Juden und Christen eine Häresie an ihrem jeweiligen vorstellbaren, bildhaften und benennbaren Glauben. Einen der vielen Höhepunkte dieser oft gewalttätigen Auseinandersetzungen in Alexandria stellte die grausame Ermordung der neuplatonischen Philosophin Hypatia durch die Christen dar.

Ein durchgehend prägendes Kennzeichen der negativen Theologie ist die Nähe zur griechischen Philosophie, besonders in dem damaligen Wissenschaftszentrum Alexandria, während die positive christliche Theologie stets mehr vom Wesen des jüdischen Gottesglaubens geprägt ist. Ganz im Gegensatz zur toleranten negativen Theologie, die jedwede Gottesbilder zwar als ein erstes Hilfsmittel akzeptierte, sie letztlich aber restlos alle verleugnete und in Hinsicht auf das wahre Göttliche eben negierte, ist es das Wesen der positiven Theologie, ein ganz bestimmtes Gottesbild als einzig wahr und heilig anzusehen und alle anderen dementsprechend abzuwerten. Als es dann die Vertreter der positiven christlichen Theologie schafften, im Römischen Reich ihren Glauben zur Staatsreligion zu erheben, wurden entsprechend dieser positiven Theologie alle konkurrierenden, gnostischen Richtungen und hier besonders der Neuplatonismus und die mit ihm eng verwandte negative Theologie verfolgt und unterdrückt. Im Jahre 529 n. Chr. schloss Kaiser Justinian schließlich die in Athen seit Platon bestehende Akademie und verbot jeden weiteren Unterricht in griechischer Philosophie.

Taoismus

Da Gott in der negativen Theologie weder Name, Personalität noch vorstellbare Eigenschaften hat, ist Gott der negativen Theologie kaum unterscheidbar von Tao, dem zu Beginn des [Tao Te King] auch alle vorstellbaren Eigenschaften abgesprochen werden.

Die negative Theologie im Mittelalter

Eine neue Blüte durch Meister Eckhart

Trotz Verfolgung und Verbots lebte die negative Theologie auch in der Spätantike und im Mittelalter fort. Das entscheidende Bindeglied zum Mittelalter hin war ein, wohl wegen der widrigen Umstände, unbekannt bleibender Autor, der unter dem Pseudonym Dionysius Areopagita verschiedene Schriften veröffentlichte, in denen er erneut versuchte, das Christentum mit der heidnischen griechischen Philosophie zu verbinden, so wie es schon Philo 500 Jahre zuvor mit dem Judentum getan hatte. Da Dionysius mit einem in der Apostelgeschichte genannten gleichnamigen Athener verwechselt wurde (oder verwechselt werden sollte), wurden seine Schriften im Mittelalter intensiv gelesen und kommentiert. Besonders bei Meister Eckhart gelangte die negative Theologie auf diese Weise zu einer neuen Blüte.

Meister Eckhart erklärt ausdrücklich, dass die Heilige Schrift mit der Philosophie und damit auch dem Naturerkennen übereinstimmt, weil es nur eine einzige „Quelle und Wurzel der Wahrheit“ geben kann. Eckharts Ansatz und Methode ist es daher, genau wie bei Philo und Dionysius, den religiösen Glauben durch die Vernunftgründe der Philosophen auszulegen. In seinen lateinischen Werken sagt Eckhart: „Demgemäß wird also die Hl. Schrift sehr angemessen so erklärt, dass mit ihr übereinstimmt, was die Philosophen über die Natur der Dinge und ihre Eigenschaften geschrieben haben, zumal aus einer Quelle und einer Wurzel der Wahrheit alles hervorgeht, was wahr ist, sei es im Sein, sei es im Erkennen, in der Schrift und in der Natur“ (Meister Eckhart, Lat. Werke III, S. 154-155).

Meister Eckhart überwindet in seiner Theologie dabei die personale, dreieinige Gottesvorstellung hin zu dem unvorstellbaren „einigen Einen“. Auch in seinen Aussagen zum Wesen der Welt wird Eckharts Nähe zum Neuplatonismus deutlich, wie etwa in Predigt 43 (nach der Predigt-Zählung der Diogenes-Ausgabe von J. Quint): „Dort, wo niemals Zeit eindrang, niemals ein Bild hineinleuchtete: im Innersten und im Höchsten der Seele erschafft Gott die ganze Welt“.

In der Sohn-Erkenntnis wird bei Eckhart dieses Eine nur in einem, wie er es in Predigt 57 (Quint) ausdrückt, „nichterkennenden Erkennen“ erfasst, so dass die negative Theologie selbst in der Sohn-Erkenntnis nicht aufgehoben wird, ja das ist gerade der entscheidende Aspekt der Sohn-Erkenntnis. Denn das höchste Eine ist für Meister Eckhart letztlich, wie er es in Predigt 23 (Quint) nennt, „das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden.“

Die Definition der negativen Theologie durch Heinrich Seuse

Meister Eckharts Schüler Heinrich Seuse verweist im I. Abschnitt in seinem „Buch der Wahrheit“ auf den „Kern der Heiligen Schrift“, den er im folgenden II. Abschnitt als eine gleichzeitige Definition der negativen Theologie näher erläutert. Darin heißt es, dass es allen Menschen, die wieder in das Eine geführt werden sollen, nützlich ist, den Ursprung von sich und allen Dingen zu wissen, da dort auch ihr letztes Ziel ist. Dieses nützliche Wissen steht für Seuse als Kern der Heiligen Schrift bei Dionysius, der nach Seuses Aussage dieses Eine unverhüllt geschaut hat.

Das, was dort im einigen Einen geschaut wurde, ist aber nun als Kern dieser negativen Theologie vor allem, dass dieses einige Eine „mit allen Namen letztlich ungenannt bleibt“, wobei der Name immer auch die Natur und die Definition des genannten Dinges ausdrückt. Der Kern der Heiligen Schrift und gleichzeitig die Definition der negativen Theologie ist demnach also, dass in dem unverhüllten Schauen des Einen dieses Eine paradoxerweise gerade nicht erkannt, gewusst und benannt werden kann. Die Natur des genannten einfachen Seins ist, wie es bei Seuse heißt, „endlos, unermesslich und unbegreiflich für alles kreatürliche Denken“, so dass „allen gelehrten Theologen bekannt ist, dass eben dieses Wesen, das keine Weise hat, auch ohne Namen ist“. Weiter sagt Seuse hier als konkrete Definition der negativen Theologie über diesen Kern des christlichen Glaubens:

Und darum sagt Dionysius in dem Buch >Von den göttlichen Namen<, Gott sei ein »Nichtsein« oder ein »Nichts«, und das ist in Bezug auf alles Sein und jedes bestimmte Etwas zu verstehen, das wir ihm nach kreatürlicher Weise zulegen können. Denn »was man ihm in dieser Weise zuschreibt, das ist alles in gewissem Sinn falsch, und seine Verneinung ist wahr«. Und daher könnte man ihn ein »ewiges Nichts« nennen. Andererseits, will man von etwas sprechen, wie erhaben und über alles Verstehen es ist, so muss man ihm irgend einen Namen geben.

Für die negative Theologie sind in dieser Weise alle Aussagen über das jenseitige Eine, Absolute nur austauschbare Hilfsmittel oder Krücken, die als solche der Verehrung nicht wert sind. Letztlich erkennt die negative Theologie keine Aussage über das Göttliche an, geschweige denn ein Dogma. In einer negativen Theologie würden daher alle Widersprüche zwischen und Spaltungen in den Religionen mit einem Schlage behoben. Über etwas, das nicht erkannt, benannt und definiert werden kann, kann auch nicht gestritten werden.

Das erneute Ende der negativen Theologie durch die Inquisition

Doch wie schon in der Antike geriet auch im Mittelalter die negative Theologie in Konflikt mit dem Wesen und Dogmatismus der positiven Theologie. Meister Eckhart wurde als einziger Theologe von Rang des gesamten Mittelalters vor ein Inquisitionsgericht gestellt und verurteilt. Mit diesem Prozess und dem allgemeinen Verbot der Schriften und Gedanken Meister Eckharts fand die negative Theologie im Mittelalter ihr abruptes Ende.

Die Unterschiede der Theologien von Meister Eckhart und Nikolaus von Kues

Nikolaus von Kues, der ca. 100 Jahre nach Eckhart an der Schwelle des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit lebte, sah sich als ein Vertreter der negativen Theologie und wird bis heute so verstanden. Doch hinsichtlich Eckarts Theologieverständnis sind bei Nikolaus von Kues entscheidende Abweichungen feststellbar, die das Besondere der negativen Theologie von Meister Eckhart veranschaulichen. Meister Eckhart kennt entsprechend seines neuplatonischen Weltverständnisses kein Gottesreich in der Zeit als nach dieser Welt, in dem dann auch noch andere weltliche Kategorien wie die der Personalität oder die von gut und böse enthalten sind. Er sagt stattdessen: „Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war“ (Quint 1979, S. 196). Der Theologe Udo Kern stellt den entscheidenden Aspekt der negativen Theologie Eckharts fest, wenn er sagt: „Der Mensch erreicht hier [in der göttlichen Schau] nach Eckhart die beatitudo. Eine in diesem Sinne noch ausstehende qualitätsmäßig noch zu steigernde beatitudo kennt er nicht. Eckhart dechiffriert die endeschatologischen Aussagen ins Präsentisch-Eschatologische“ (Kern 2003, S. 244).

Ganz anders sieht das Nikolaus von Kues. Er spricht in seiner negativen Theologie zwar zunächst auch von der Einheit in Gott als „‚Einer und Alles’ oder ‚Alles in eins’“ (v. Kues, Buch I 2002, S. 97) und sagt: „Im Voraufgehenden wurde erwiesen, dass die Auferstehung der Menschen sich jenseits allen Geschehens, jenseits von Zeit, Quantität, und was sonst der Zeit unterworfen ist, ereignet“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 73). Doch mit der Auferstehung verbindet Nikolaus von Kues nicht wie Eckhart allein die Gottesschau im Hier und Jetzt, die darin das geistige Zunichtewerden alles Weltlichen inklusive Raum und Zeit und besonders des Kreatur-Seins zur Voraussetzung hat, sondern die Auferstehung der menschlichen Kreaturen in der Zeit und dem Sein als Kreatur in unendlich viel Zeit. Nikolaus von Kues sagt: „Der Mensch Christus ist auferstanden; deshalb werden alle Menschen, wenn das gesamte zeitlicher Vergänglichkeit unterliegende Geschehen aufhört, durch ihn auferstehen, um in Ewigkeit unvergänglich zu sein“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 55-57). Weiter heißt es: „Es werden also alle durch Christus auferstehen [‚Gute wie Schlechte’], aber nicht alle wie Christus und in ihm durch die Vereinigung mit ihm, sondern nur diejenigen, die durch Glaube, Hoffnung und Liebe mit Christus vereint sind“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 57), wobei „auch die Strafen der Verdammten gleichfalls alle erdenklichen und beschreibbaren Strafen übersteigen“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 73). Eckhart kennt diese Unterscheidungen im göttlichen Jenseits nicht („keinerlei Unterschied“ Quint 1979, S. 186). Unterscheidungen bedingen kein einheitliches Jenseits mehr, sondern sind praktisch eine Erweiterung der Welt ins Jenseitige. Nikolaus von Kues sagt dann etwas Entscheidendes, das zeigt, dass diese unterschiedlichen negativen Theologieverständnisse nicht theoretische Haarspaltereien, sondern gerade heute von zentraler Bedeutung sind: „Du siehst, wenn ich mich nicht täusche, dass es keine vollkommene, die Menschen zum letzten, heißersehnten Ziel des Friedens führende Religion gibt, die Christus nicht als Mittler und Erlöser, als Gott und Mensch, als Weg, Leben und Wahrheit umfasst“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 57-59). Nikolaus von Kues beklagt in der weiteren Ausführung dieses Satzes die Unstimmigkeit des Glaubens der Sarazenen oder Mohammedaner, die die Gottheit des Menschen Christus leugnen. „Sie sind in der Tat verblendet, weil sie Unmögliches behaupten“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 59). „Mit diesen bekennen die Juden gleicherweise den Messias als größten, vollkommensten und unsterblichen Menschen, dessen Gottheit sie, durch dieselbe teuflische Blindheit gehindert, leugnen“ (v. Kues, Buch III 1999, S. 59).

Meister Eckhart versteht die biblischen Figuren genau wie Philo nur allegorisch als Kräfte der Seele („»Petrus« besagt soviel wie Erkenntnis“, Quint 1979, S. 165). Auch der Sohn steht bei Eckhart nur allegorisch für die höchste (Selbst-) Erkenntnis des göttlichen Urgrundes in der Seele (auch als „Funke“) und damit nahe dem griechischen Logos-Begriff für die Geschaffenheit und Erscheinungshaftigkeit der Welt und des Seins, nicht dagegen für eine reale und absolute göttliche Person, die darin stets mit weiteren Jenseitsvorstellungen und –erwartungen verbunden ist. Wenn der Mensch in der höchsten Erkenntnis sein Kreatur-Sein und die Welt überwindet, ist er bei Eckhart Sohn, wobei gilt: „Wo der Vater seinen Sohn in mir gebiert, da bin ich derselbe Sohn und nicht ein anderer“ (Quint 1979, S. 172). Doch auch dieses relativierte Sohn-Sein wird bei Eckhart noch überstiegen, wenn er sagt: „es will in den einfaltigen Grund, in die stille Wüste, in die nie Unterschiedenheit hineinlugte, weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist“ (Quint 1979, S. 316). Meister Eckhart negiert in seiner negativen Theologie im Gegensatz zu Nikolaus von Kues die christlichen Jenseitsvorstellungen nicht nur auf der begrifflichen Ebene, sondern auch auf der Ebene des Seins, d.h. restlos alle religiösen Vorstellungen sind nicht dogmatisch als real und absolut zu nehmen, sondern als bloße und im Grunde austauschbare Hilfsmittel (im Sinne von Dionysius: „Andererseits, will man von etwas sprechen, wie erhaben und über alles Verstehen es ist, so muss man ihm irgend einen Namen geben“). Bestätigt wird das dadurch, dass Eckhart oft heidnische Meister in einem zustimmenden Sinn zitiert und deren Aussagen manchmal sogar über die der Schrift stellt (Quint 1979, S. 219). Eckharts negative Theologie besitzt bezüglich der von Nikolaus von Kues nicht nur ein anderes Sohn-Verständnis, sondern eine völlig andere Eschatologie. Bei Eckhart geht es um die Erkenntnis des wahren Wesens der Welt, ihres verborgenen Urgrundes und um die Identifikation mit diesem einheitlichen Urgrund, nicht dagegen um die Rettung der Kreaturen und des weltlichen Selbstverständnisses in diesen Urgrund. Dabei wird Eckharts negative Theologie im Gegensatz zu der von Nikolaus von Kues mit dessen realen göttlichen Sohn nicht von der Religionskritik von Kant berührt, sondern besitzt über den Neuplatonismus vielmehr eine gemeinsame Wurzel mit Kants idealistischer Philosophie. In dem Verständnis der negativen Theologie als Folge der widerspruchsfreien Vereinigung der Religion mit der Philosophie und der menschlichen Vernunft, wie es von Philo angestoßen wurde und für die heute statt Platon Kant als wichtigster und entscheidender philosophischer Bezug angesehen werden kann, kann die Theologie von Nikolaus von Kues nicht als Fortgang der antiken und mittelalterlichen negativen Theologie verstanden werden. Es ist nach Kants Religionskritik nicht vernünftig, eine bestimmte göttliche oder metaphysische Vorstellung als real (und darin immer auch „positiv“) zu nehmen, wobei uns das „die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehrt“ (Kant 1787, B 847).

Die Bedeutung einer negativen Theologie in der heutigen Welt

In der modernen, globalisierten Welt prallen die verschiedenen Kulturen und Religionen mit ihren Gottesbildern aufeinander und bilden oftmals das Motiv oder den Hintergrund gewalttätiger Auseinandersetzungen (Schlagwort Kampf der Kulturen). Weder die Philosophie noch die moderne Naturwissenschaft kann dabei eines dieser einander widersprechenden Gottesbilder als wahr bestätigen, um so den religiös geprägten Auseinandersetzungen den Boden zu entziehen. Die negative Theologie bietet hier allein aufgrund ihrer Entstehung in der Alexandrinischen Philosophie, sowie ihrer Nähe zum Neuplatonismus und der damit gegebenen Verwandtschaft zum neuzeitlichen Idealismus noch am ehesten die Chance nicht nur zu einem interreligiösen Dialog, sondern auch einer interdisziplinären Verständigung und Problemlösung. So lehnt etwa Kant in seiner Religionskritik die Gottesvorstellungen und -bilder nicht gänzlich ab. Er sagt aber, dass sie nur dazu geschaffen worden sind, den notwendigen moralischen Gesetzen "Effekt zu geben" (Kant, KRV, B 846). Wenn dagegen die Vorstellungen oder Ideen eines höchsten Wesens als "unmittelbare Kenntnis neuer Gegenstände“ oder als reales Sein verstanden werden, von denen dann umgekehrt die moralischen Gesetze erst abgeleitet werden, so ist das nach Kant "schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft" und muss "die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und vereiteln" (Kant, KRV, B 847). Das Absolute kann für Kant nicht bestimmt werden, obwohl er es selbst hinter den Phänomenen der Welt voraussetzt.

Manche Autoren, die sich in der Bewältigung drängender religiöser Probleme der Gegenwart engagierten, wie besonders der Philosoph Willi Oelmüller in seiner philosophischen Rede von Gott, gehen davon aus, dass die drei abrahamitischen Religionen die aufklärerische Kritik an anthropomorphen Gottesbildern und Gottesvorstellungen durch die gemeinsame Tradition des Bilderverbotes immer schon in sich tragen und vorweggenommen haben - jedenfalls in einem Teil ihrer Überlieferungen. Da dieses Bilderverbot der negativen Theologie zugeordnet werden kann, heißt das, dass eine mit einer neuzeitlichen aufklärerischen Philosophie verbundene negative Theologie auch so verstanden werden kann, dass sie den Religionen nicht schaden, sondern sie vielmehr zu ihren eigentlichen Wurzeln führen würde. Nichts anderes war auch früher schon die Absicht so wichtiger Vertreter der negativen Theologie wie Philo von Alexandria und Meister Eckhart, indem sie einen vorhandenen Glauben mit Philosophie als einem kritischen und logischen Denken zu einer dadurch negativen Theologie verbanden.

Kritik

Die Grenzen einer rein negativen Theologie liegen, wie besonders Karl Rahner betont hat, in ihrer anthropologischen Grundentscheidung. Das Ziel, Gott und Göttliches von raum-zeitlicher und verbal-rationaler Einengung und Besitzbarkeit frei zu halten, steht im unauflösbaren Widerspruch zum Bedürfnis vieler Menschen, das Transzendente gemeinschaftlich, verbal und rituell zu verehren. Negative Theologie, die sich nicht als Korrektiv, sondern absolut versteht, muss dieses Bedürfnis anerkennen und ernst nehmen. Einige Theologen gehen demgegenüber von einem Konzept der Selbstmitteilung des Göttlichen aus. Einigen Kritikern zufolge geschieht dies um den Preis interreligiöser Rechthaberei, der immer wieder konfliktträchtig sei.

Wichtige Werke

  • Plotin: Über Ewigkeit und Zeit, übersetzt von W. Beierwaltes, Frankfurt/M. 1995
  • H. Seuse: Das Buch der Wahrheit, hrsg. von L. Sturlese, R. Blumrich, Hamburg 1993
  • J. Quint: Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate, München 1963 (zuletzt als Diogenes-Taschenbuch, Zürich 1990)
  • Meister Eckhart, Die lateinischen Werke Bd. III, hrsg. und übers. von Karl Christ u.a., Stuttgart 1994, ISBN 3-17-001085-9
  • Nikolaus von Kues: Die belehrte Unwissenheit, Buch 1-3, Hamburg 1999 und 2002

Literatur

  • M. Clauss: Alexandria – Schicksale einer antiken Weltstadt. Stuttgart 2003
  • J. Halfwassen: Plotin und der Neuplatonismus, München 2004
  • P. Deussen: Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen, II. Band, Leipzig 1911
  • I. Kant: Kritik der reinen Vernunft, B = 2. Auflage 1787, zitiert nach der Ausgabe Meiner, Hamburg 1998
  • Udo Kern: „Gottes Sein ist mein Leben“ - Philosophische Brocken bei Meister Eckhart, Berlin 2003

Einzelnachweise


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