Nidanas

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Buddhistisches Lebensrad (Bhavacakra), Gemälde aus Bhutan. Die zwölf Nidanas sind im äußersten Kreis dargestellt.

Die Nidanas (von skrt. nidana = Strick, Schlinge), die Zwölfgliedrige Kette des Bedingten Entstehens bzw. die Zwölf Glieder abhängigen Entstehens, sind nach buddhistischer Lehre die zwölf Karmakräfte die den Menschen immer wieder zu einer neuen Geburt ins physische Dasein herabziehen. Sie werden im vierten und äußersten Kreis des buddhistischen Lebensrades dargestellt und sind eng verflochten bzw. überschneiden sich mit den fünf Skandhas, d.h. mit den fünf wesentlichen Faktoren, die den karmisch bedingten Charakter der Persönlichkeit ausmachen.

  1. avidya = Unwissenheit
  2. sanskara = die organisierenden Tendenzen (entspricht dem vierten der Skandhas)
  3. vijnana = Bewußtsein (gleich dem fünften der Skandhas)
  4. nama rupa = Namen und Form (rupa entspricht dem ersten der Skandhas)
  5. shadayadana (Pali salāyatana) = was der Verstand aus der Sache macht; auch als die sechs Sinnestore bezeichnet, umfassend Augen (Sehen), Ohren (Hören), Nase (Riechen), Zunge (Schmecken), Körper (Tasten) und Geist (Denken)
  6. sparsha = Berührung mit dem Dasein
  7. vedana = Gefühl bzw. Empfindung (identisch mit dem zweiten der Skandhas)
  8. trishna = Durst nach Dasein
  9. upadana = Behagen im Dasein
  10. bhava = Geburt zum individuellen Dasein
  11. jati = was zur Geburt gedrängt hat
  12. jaramarana = was von dem Erdendasein befreit; nämlich Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Leid, Betrübnis und Verzweiflung.

Ausführlich wird diese zwölfgliedrige Kette des Bedingten Entstehens im Vinayapitaka (Mahāvagga) von Buddha selbst nach seinem vollkommenen Erwachen dargestellt:

Zu jener Zeit weilte der Erhabene Buddha bei Uruvelā am Ufer des Flusses Nerañjarā am Fuße des Bodhibaumes, zum ersten Male vollkommen erleuchtet. Da saß der Erhabene sieben Tage lang am Fusse des Bodhibaumes mit gekreuzten Beinen, das Glück der Befreiung geniessend. Und der Erhabene überdachte während der ersten Nachtwache in seinem Geiste vorwärts und rückwärts die Kette des bedingten Entstehens:

"Aus dem Nichtwissen entstehen die Geistesregungen, aus den Geistesregungen das Bewusstsein, aus dem Bewusstsein Name und Form, aus Name und Form der sechsfache Sinnenbereich, aus dem sechsfachen Sinnenbereich die Berührung (Bewusstseinseindruck), aus der Berührung die Empfindung, aus der Empfindung der Durst, aus dem Durst das Anhaften (Ergreifen), aus dem Anhaften das Werden (Entstehen), aus dem Werden die Geburt, aus der Geburt Alter, Tod, Kummer, Trauer, Unheil, Mißstimmung und Verzweiflung. So verhält es sich mit dem Ursprung dieser ganzen Masse von Leid. Durch das gänzliche Aufhören und Verschwinden des Nichtwissens nun hören die Geistesregungen auf, durch das Aufhören der Geistesregungen das Bewusstsein, durch das Aufhören des Bewusstseins Name und Form, durch das Aufhören von Name und Form der sechsfache Sinnenbereich, durch das Aufhören des sechsfachen Sinnenbereichs die Berührung, durch das Aufhören der Berührung die Empfindung, durch das Aufhören der Empfindung der Durst, durch das Aufhören des Durstes das Anhaften, durch das Aufhören des Anhaftens der Werdeprozess, durch das Aufhören des Werdeprozesses die Geburt, durch das Aufhören der Geburt Alter, Tod, Kummer, Trauer, Unheil, Mißstimmung und Verzweiflung. So verhält es sich mit dem Aufhören dieser ganzen Masse von Leiden."

Die Nidanas gliedern sich in drei Gruppen, die den seelischen Wesensgliedern des Menschen entsprechen. Die ersten 4 Nidanas haften an der Bewusstseinsseele, die mittleren vier an der Verstandesseele und die letzten vier an der Empfindungsseele. Letztere sind beim Tier ebenso vorhanden wie beim Menschen.

"In der indischen Esoterik unterscheidet man zwölf Kräfte, die den Menschen wieder ins physische Dasein ziehen. Die erste dieser Kräfte ist: Avidya = Unwissenheit. Avidya ist, was uns in das physische Dasein wieder hineinzieht, aus dem einfachen Grunde, weil wir erst dann unsere Mission auf der Erde erfüllt haben, wenn wir alles Wissen herausgezogen haben. Wir haben unsere irdische Mission dagegen nicht vollendet, solange wir noch nicht alles wissen, was wir als Wissen aus dem physischen Dasein herausziehen sollen.

Nach Avidya ist das nächste, was uns zurückzieht, alles, was auf der Erde dadurch enthalten ist, daß wir es selbst gemacht haben und deshalb zu unserer Organisation gehört. Wenn ein Maurer zum Beispiel hier an einem Dom gebaut hat, ist das ein Teil seiner selbst geworden. Die zwei Dinge ziehen sich dann gegenseitig an. Was eine organisierende Tendenz für den Urheber hat, das Werk Leonardo da Vincis ebensogut wie das kleinste Werk hier, bildet ein Organ im Menschen, und daher kommt er wieder zurück. Dies alles zusammen, was der Mensch getan hat, nennt man Sanskara oder organisierende Tendenzen, die den Menschen aufbauen. Das ist es, was ihn als zweites zurückzieht.

Nun kommt das dritte. Bevor der Mensch in irgendeine Inkarnation eingetreten ist, hat er nichts gewußt von einer Außenwelt. Das Selbstbewußtsein hat erst mit der ersten Inkarnation angefangen; vorher war der Mensch nicht selbstbewußt. Er mußte erst die Außendinge auf dem physischen Plan wahrnehmen, ehe er das Selbstbewußtsein entwickeln konnte. So wahr den Menschen das, was er getan hat, zurückzieht auf den physischen Plan, so wahr zieht ihn auch das Wissen von den Dingen zurück. Das Bewußtsein ist eine neue Kraft, die ihn an das bindet, was hier ist. Das ist das dritte, was den Menschen hineinzieht in ein neues Erdenleben. Dieses dritte heißt: Vijnana = Bewußtsein.

Bis dahin sind wir noch sehr intim innerhalb der Menschenseele geblieben. Als viertes tritt nun auf, was dem Bewußtsein von außen entgegentritt, was ohne den Menschen zwar da war, was er aber erst mit seinem Bewußtsein kennengelernt hat. Dies war ohne sein früheres Dasein da, schließt sich aber erst auf, nachdem sein Bewußtsein es aufgeschlossen hat. Es ist die Trennung zwischen Subjekt und Objekt, oder wie der Sanskritist sagt, die Trennung zwischen Name und Form = Namarupa. Dadurch ist der Mensch beim äußeren Objekt angelangt. Das zieht ihn als viertes zurück, zum Beispiel die Erinnerung an ein Wesen, an das er sich geheftet hat.

Das nächste ist, was wir am äußeren Objekt als Vorstellung bilden; zum Beispiel das Bild eines Hundes ist die bloße Vorstellung, die dem Maler aber das Wesentliche ist. Es ist alles, was der Verstand aus der Sache macht: Shadayadana.

Nun geht es noch weiter herunter in das Irdische. Die Vorstellung führt uns zu dem, was wir die Berührung mit dem Dasein nennen = Sparsha. Wer am Objekt hängt, steht auf der Stufe von Namarupa. Wer sich Bilder macht, steht auf der Stufe von Shadayadana. Wer aber unterscheidet zwischen Sympathischem und Unsympathischem, der wird zu dem Schönen lieber kommen als zu dem Unschönen. Dies nennt man die Berührung mit dem Dasein = Sparsha.

Etwas anderes als diese Berührung mit der Außenwelt ist aber noch das, was sich dabei im Inneren regt als das innere Gefühl. Jetzt trete ich selbst in Aktion, verbinde mein Gefühl mit der einen oder anderen Sache. Das ist ein neues Element. Es zieht den Menschen weiter hinein, man nennt es Vedana = das Gefühl.

Durch Vedana entsteht nun wiederum etwas ganz Neues, nämlich der Durst nach Dasein. Die Kräfte, die den Menschen ins Dasein zurückziehen, erwachen immer mehr in ihm selbst. Die oberen Kräfte zwingen mehr oder weniger alle Menschen, sie sind nicht individuell. Zuletzt aber kommen ganz persönliche Kräfte, die ihn wieder in das Irdische hineinziehen. Das ist das achte: Trishna = Durst nach Dasein. Noch subjektiver als der Durst nach Dasein ist etwas, das man nennt: Upadana = Behagen im Dasein. Bei Upadana hat der Mensch etwas mit dem Tier gemeinsam, er empfindet es nur etwas geistiger, und die Aufgabe des Menschen ist es, dieses grobe Seelenelement zu vergeistigen.

Dann kommt das individuelle Dasein selbst, die ganze frühere Inkarnation, wenn er schon einmal da war: Bhava = das individuelle Dasein, die Kraft der ganzen Totalität der vorherigen Inkarnation. Die vorherige Inkarnation zieht ihn hinein in das Dasein.

Damit haben wir eigentlich die Stufen der Nidanas bis zu der Stufe der individuellen Geburt zurückgeführt. Der Esoteriker unterscheidet nun noch zwei Stufen, die über die Zeit des individuellen Daseins hinausgehen. Er unterscheidet da ein Vorstadium, das zur Geburt gedrängt hat, bevor der Mensch jemals inkarniert war. Dies nennt man: Jati = was vor der Geburt zur Geburt gedrängt hat.

Mit dem in die Geburt Gedrängtwerden ist zugleich etwas anderes verbunden. Tatsächlich wird uns mit der Geburt schon der Keim des Verfalls mitgegeben, das Streben, aus der individuellen Geburt wieder herauszukommen. Wir sind interessiert daran, daß dieses unser Erdendasein wieder zerfällt und wir befreit werden, alt werden und sterben können = Jaramarana. Das sind die zwölf Nidanas, die wie Stricke wirken und uns immer wieder ins Dasein zurückziehen. (Nidana bedeutet ja Strick, Schlinge.) Es sind drei Gruppen, die zusammengehören:

erste Gruppe zweite Gruppe dritte Gruppe

Avidya
Sanskara
Vijnana
Namarupa

Shadayadana
Sparsha
Vedana
Trishna

Upadana
Bhava
Jati
Jaramarana

Die Seele hat drei Glieder: Die Bewußtseinsseele als höchstes Glied, dann die Verstandesseele und die Empfindungsseele. Die erste Gruppe der Nidanas von Avidya bis Namarupa haftet an der Bewußtseinsseele; die zweite Gruppe haftet an der Verstandesseele, und die dritte von Upadana bis Jaramarana haftet an der Empfindungsseele. Vijnana ist das Charakteristische für die Bewußtseinsseele; Shadayadana für die Verstandesseele, und die letzteren vier sind verbunden mit der Empfindungsseele. Diese letzten vier sind beim Tier ebenso vorhanden wie beim Menschen." (Lit.: GA 93a, S. 118ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1976)
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Weblinks

  1. 12 Glieder abhängigen Entstehens