Nikomachische Ethik

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Die Nikomachische Ethik ist die bedeutendste der drei erhaltenen ethischen Schriften Aristoteles. Wie auch die Eudemische Ethik und die so genannte „Große Ethik“ wurde sie vermutlich nicht von Aristoteles selbst in der uns erhaltenen Form verfasst, sondern später aus Einzelschriften von seinen Schülern zusammengestellt. Der Name geht auf Aristoteles Sohn Nikomaches zurück, den Aristoteles nach seinem gleichnamigen Vater benannt hatte.

Glückseligkeit

Glückseligkeit (eudaimonía) wird als das höchste Gut angesehen. Das folgt für Aristoteles daraus, dass die Glückseligkeit für sich selbst steht – sie ist nicht, wie andere Güter, lediglich Mittel zum Zweck. Im Gegensatz zu anderen Gütern erstreben wir Glückseligkeit um ihrer selbst willen. Sie ist, wie Aristoteles sagt, „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns.“ (1097 b20)

Doch worin besteht nun die Glückseligkeit? Aristoteles sieht die Glückseligkeit nicht als Zustand, sondern als eine Tätigkeit oder besser ein Tätigsein. Als hervorragendste Tätigkeit betrachtet er diejenige, welche den Menschen ausmacht und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Auf der Suche nach einem Unterscheidungskriterium gelangt Aristoteles zur Vernunft, die nur dem Menschen zu eigen ist.

Dreiteilung der Güter in äußere, körperliche und seelische Güter.

Aristoteles definiert die Glückseligkeit als eine Tätigkeit der Seele gemäß der vollkommenen Tugend (areté). Die vollkommene Glückseligkeit besteht im bios theoretikos, im kontemplativen Leben.

Die Seelenteile

Aristoteles unterteilt die menschliche Seele in einen vernunftlosen und einen vernunftbegabten Teil. Der vernunftlose setzt sich wiederum zusammen aus dem vegetativen Seelenvermögen (z. B. Wachstum, Ernährung), das selbst die Pflanzen besitzen, und einem animalischen, das der Mensch mit den Tieren gemeinsam hat. Dieser animalische Teil, das Begehrende und Strebende, ist von der Vernunft zum Teil steuerbar.

Die Tugenden

Aristoteles teilt die Tugenden in zwei Gattungen ein: Die dianoetischen (verstandesmäßigen) Tugenden entstehen aus Belehrung, die ethischen Tugenden ergeben sich hingegen aus der Gewohnheit. In Analogie zum Beherrschen eines Musikinstruments erwirbt man die Tugenden, indem man sie ausübt.

Die ethischen Tugenden

Sie beziehen sich auf die Leidenschaften und die Handlungen, die aus diesen Leidenschaften herrühren. Die ethischen Tugenden bestehen in der Zähmung und Steuerung des irrationalen, triebhaften Teils der Seele. Dabei postuliert Aristoteles eine Ethik des Maßhaltens. Bei den ethischen Tugenden gilt es, die richtige Mitte (mesotes) zwischen Übermaß und Mangel zu treffen. Am besten lässt sich dies am Beispiel der Tapferkeit verdeutlichen. Die Tapferkeit bewegt sich zwischen den Extremen der Feigheit und der Tollkühnheit – weder die Feigheit ist wünschenswert, noch eine übersteigerte, vernunftlose Tapferkeit, die Aristoteles als Tollkühnheit bezeichnet. Der Tapfere hält hingegen das richtige Maß. Ähnlich verhält es sich für andere ethische Tugenden, Großzügigkeit, Besonnenheit, richtige Ernährungsweise usw...

Die dianoetischen Tugenden

Die dianoetischen Tugenden sind den ethischen übergeordnet, einerseits, da sie sich nur auf den rein rationalen Seelenteil beziehen, andererseits, da nur durch sie die vollkommene Glückseligkeit, das Leben in der reinen Schau der Wahrheit (theoria), der bios theoretikos erreicht werden kann. Wissenschaft (episteme), Kunstfertigkeit (techne), Klugheit (phronesis), Vernunft (nous) und Weisheit (sophia), Verstand (logos).

Lust und Schmerz

Die ethischen Tugenden stehen in engem Zusammenhang mit Lust und Schmerz. Die Hinwendung der Menschen zum Schlechten erklärt Aristoteles damit, dass die Menschen die Lust suchen und den Schmerz fürchten. Diese natürliche Verhaltensweise gilt es durch Erziehung zum Guten zu beeinflussen und zu steuern. Aus diesem Grund rechtfertigt er auch Züchtigungen: „Sie sind eine Art Heilung, und die Heilungen werden naturgemäß durch das Entgegengesetzte vollzogen.“

Doch auch die Ausübung der Tugend ist mit dem Angenehmen und der Lust verbunden. Aristoteles differenziert zwischen verschiedenen Arten der Lust, von denen lediglich manche für den Menschen schädlich sind. Er verurteilt die Lust also nicht prinzipiell.

Auch dem Glückhaben (eutychia) – im Gegensatz zur Glückseligkeit – weist er einen Platz zu. Auch wenn die Glückseligkeit in der Ausübung der Tugend besteht, müssen gewisse äußere Umstände gegeben sein.

Gerechtigkeit

„Die Gerechtigkeit ist also eine Mitte, freilich nicht auf dieselbe Art wie die übrigen Tugenden, sondern weil sie die Mitte schafft. Die Ungerechtigkeit dagegen schafft die Extreme.“ (1133 b 32)

Literatur

Primärquellen

  • Aristoteles: Nikomachische Ethik. Rowohlt, Reinbek 2006 ISBN 3499556510 (Übersetzerin Ursula Wolf)
  • Aristoteles: Nikomachische Ethik. Reclam, Stuttgart 2003 ISBN 3-15-008586-1 (Übersetzer: Franz Dirlmeier)
  • Aristoteles: Nikomachische Ethik. dtv, München 2000 ISBN 3-423-30126-0 (Übersetzer: Olof Gigon)
  • Aristoteles: Nikomachische Ethik. F. Meiner, Hamburg 1985 ISBN 3-7873-0655-2 (Übersetzer: Eugen Rolfes)
  • griechisch-deutsche Ausgabe:
    • Aristoteles: Nikomachische Ethik. Artemis & Winkler, Düsseldorf u.a. 2001 ISBN 3-7608-1725-4

Sekundärliteratur

  • Otfried Höffe (Hrsg.): Nikomachische Ethik. Akademie, Berlin, 1995, ISBN 3-05-002692-8
  • Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles-Lexikon. Stuttgart, 2005 ISBN 3520459019
  • Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie. München, 2002 (Erläuterungen zahlreicher Termini der antiken und auch der aristotelischen Philosophie) ISBN 3406476236
  • Christof Rapp: Aristoteles zur Einführung. Hamburg, 2004, ISBN 3885063468 (Gute deutschsprachige Einführung zu Aristoteles mit sehr guter thematisch gegliederter Bibliografie für Einsteiger)
  • Ursula Wolf: Nikomachische Ethik. Wiss. Buchges., Darmstadt, 2002, ISBN 3-534-14142-3

Weblinks

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