Intellectus agens

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Der intellectus agens (lat. „aktive Vernunft, aktiver Intellekt“; griech. νοῦς ποιητικός nous poietikos) ist ein seit der Aristoteles-Rezeption des Mittelalters zentraler Begriff in der Erkenntnistheorie der Scholastik. Es wird damit die „tätige Vernunft“ bezeichnet, die man der bloß „möglichen Vernunft“ (intellectus possibilis; griech. νοῦς παθητικός nous pathetikos) bzw. der „passiven Vernunft“ (intellectus passivus) gegenüberstellt. Diese Unterscheidung bereits seit der griechischen Antike geläufig, wo der passive Intellekt nous dynamei oder nous pathetikos genannt wird. Vor allem Aristoteles thematisierte die damit verbundene Problematik in seinem Buch Über die Seele III, 4 und 5. Der intellectus agens ist entsprechend seinem rein geistigen Wesen unsterblich, während der an den Leib gebundene intellectus possibilis dem Tod verfällt.

„Da in der ganzen Natur für jede Gattung etwas als Stoff besteht (dieser Stoff ist alles Einzelne dem Vermögen nach) und etwas Anderes als Ursache und Wirkendes, indem es Alles bewirkt[1], wie z. B. die Kunst sich zu dem Stoffe verhält, so müssen diese Unterschiede auch in der Seele bestehen. Deshalb ist also die Vernunft theils so beschaffen, dass sie Alles wird, theils so, dass sie Alles bewirkt, gleich einem Sein, wie das Licht; denn auch dieses macht gleichsam die nur dem Vermögen nach seienden Farben zu wirklichen Farben; und diese Vernunft ist trennbar, leidlos, ungemischt und in ihrem Wesen nur Wirklichkeit, da das Wirkende immer geehrter ist als das Leidende, und der Anfang geehrter ist als der Stoff. Das wirkliche Wissen ist dasselbe mit seinem Gegenstande; dagegen ist das Wissen als Vermögen der Zeit nach in dem Einen früher, aber nicht überhaupt; denn die Vernunft ist nicht so, dass sie bald denkt, bald nicht denkt. Getrennt ist die Vernunft, so wie sie an sich ist, und nur diese ist unsterblich und ewig[2]. Wir erinnern uns jedoch dessen nicht, weil dieser Theil der Vernunft leidlos ist; die leidende Vernunft ist aber vergänglich, und ohne diese kann das Denken nicht stattfinden.[3]

Aristoteles: Drei Bücher über die Seele III,5[4]

Den Hintergrund der Unterscheidung bildet die Akt und Potenz-Lehre. So ist für Thomas von Aquin der intellectus possibilis das bloße Vermögen, wodurch der Intellekt grundsätzlich auf alles bezogen ist, was ist, während bei ihm im Begriff des intellectus agens der Aspekt der Aktivität zum Ausdruck kommt, durch den das Vermögen zu erkennen in den Akt übergeführt wird. Diese Tätigkeit vollzieht sich im Akt der menschlichen Abstraktion. Die Sinne liefern zunächst das Bild des Gegenstandes (phantasma), das bereits die „Zutaten“ der inneren Sinne - Gemeinsinn, Gedächtnis, Fähigkeit zur Gestalterfassung (vis cogitativa) - enthält. Die Abstraktion der „Washeit“ (quidditas) vom phantasma vollzieht sich nun in zwei Schritten. Zunächst wird vom Gemeinsinn (sensus communis) ein „Wahrnehmungs-Bild“ (species sensibilis), eine Vorstellung, abstrahiert, aus der dann durch den intellectus agens in einem vertiefenden Akt der Abstraktion das „Wesen“ des Gegenstandes (species intelligibilis) herausgeholt wird. Der intellctus possibilis bildet hier gleichsam den formlosen Stoff, der sich passiv wie Wachs durch die Sinneswahrnehmung formen lässt, und der intellectus agens hebt daraus aktiv die unvergänglichen, wesenhaften Formen, also die Ideen, als Allgemeinbegriffe (universalia) heraus.

Anders hingegen ist es bei der Erkenntnis rein geistiger Dinge, die des Stoffes nicht bedürfen:

„Denn bei den Dingen ohne Stoff ist das Denken und das Gedachte dasselbe; die erkennende Wissenschaft und das so Erkennbare ist dasselbe, und es bleibt nur noch die Ursache, weshalb man nicht immer denkt, zu untersuchen. Dagegen ist in den stofflichen Dingen das einzelne Denkbare nur dem Vermögen nach, und die Vernunft wohnt diesen Dingen nicht inne (denn nur den stofffreien Dingen wohnt die Vernunft dem Vermögen nach inne), aber der Vernunft wohnt das Denkbare inne.“

Aristoteles: Drei Bücher über die Seele III,4[5]

Thomas von Aquin unterschied entsprechend zwischen den universalia ant rem, die bereits vor den Dingen im Geist Gottes vorgebildet sind, den universalia in re, die in den Dingen sind, und den universale post rem, die die menschliche Vernunft aus den Dingen heraushebt.

Siehe auch

Anmerkungen

  1. A. trennt in diesem Kapitel die leidende Vernunft von der thätigen; jene vergleicht er mit dem Stoff, diese mit der Kunst, d. h. mit dem, was den Stoff zu den wirklichen konkreten Dingen gestaltet. Diese Trennung würde für die ganze Seele begründet erscheinen, da A. das Wahrnehmen als ein Leiden dargestellt hat; allein für das Denken allein erscheint sie auffallend, da A. bisher das Denken nur als das Thätige hingestellt hat...
  2. Diese Stelle ist dunkel, und es ist wohl möglich, das diese wie die mehreren bereits behandelten dunkelen Stellen durch das Verderbniss der Handschriften mit verursacht ist und nicht Alles dem A. zur Last gelegt werden darf. Die Identität des wirklichen Wissens mit seinem Gegenstande bezieht sich auf den logos; realistisch ausgedrückt, auf den Inhalt des Gegenstandes, der mit dem Inhalte seiner Vorstellung identisch ist. Das Wissen dem Vermögen nach ist in dem einzelnen Menschen (in dem Einen) vor seinem wirklichen Wissen; allein da die thätige Vernunft für sich besteht, ewig, unsterblich ist, so ist ihr Dasein und ihre Wirksamkeit als Vernunft überhaupt nicht von der Thätigkeit des einzelnen Individuums bedingt, sondern als solche ewige, selbstständige, von den Individuen getrennte Vernunft ist sie immer thätig, und deshalb ist sie als solche immer energeia und niemals dynamei; nur in dem einzelnen Menschen entsteht diese Trennung in Vermögen und Wirklichkeit...
  3. Das Denken der Begriffe kann ohne die bildlichen Vorstellungen des Wahrnehmens und der Einbildungskraft nach A. nicht stattfinden. Dies gehört aber ebenso wie das Erinnern zu der leidenden und vergänglichen Vernunft, und daraus erklärt es sich , dass wir uns des Daseins unserer thätigen Vernunft vor der Zeit, wo sie in diesen Körper eingetreten ist, nicht erinnern. Die thätige Vernunft hat es nur mit den ewigen Wahrheiten; mit dem Wesen der Dinge zu thun; diese stehen aber ansserhalb der Zeit, und es findet bei ihnen kein Entstehen und Vergehen statt. Deshalb ist diese thätige Vernunft immer gegenwärtig, sie steht nicht innerhalb der Zeit und ist deshalb ewig, nicht im Sinne einer unendlichen Zeitdauer, sondern in dem Sinne der Freiheit von aller Zeit. - Diese Gedanken erinnern lebhaft an Spinoza, der ganz dieselbe Auffassung hat. - Plato hatte dem entgegen alles Wissen als Erinnern aufgefasst, wie namentlich in seinem Dialog „Menon" ausgeführt wird...
  4. Aristoteles' drei Bücher über die Seele, Übersetzt und erläutert von J. H. v. Kirchmann, Verlag von L. Heimann, Berlin 1871, S. 166ff
  5. Aristoteles' drei Bücher über die Seele, Übersetzt und erläutert von J. H. v. Kirchmann, Verlag von L. Heimann, Berlin 1871, S. 164f

Literatur

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