Opfer des Intellekts

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Das Opfer des Intellekts (lat. sacrificium intellectus) besteht in dem bewussten Verzicht auf das Eigendenken, um gerade dadurch für die unmittelbare Inspiration durch die geistige Welt frei zu werden. Damit wird keineswegs, wie man vielleicht meinen könnte, eine unkritische Haltung gefordert, denn die so empfangenen Inspirationen können und müssen in einem zweiten Schritt sehr wohl wach und bewusst mit dem aktiven Denken ergriffen werden, um als wahre geisteswissenschaftliche Erkenntnisse gelten zu können. Um die kosmische Evolution aber überhaupt geisteswissenschaftlich erforschen, d.h. in der sogenannten Akasha-Chronik lesen zu können, bedarf es aber zuerst einer wesentlichen Vorbedingung:

"Um in der Akasha-Chronik lesen zu können, ist es notwendig, daß man seine eigenen Gedanken zur Verfügung stellt diesem Prinzip, dieser Kraft und diesen Wesenheiten, die wir in der theosophischen Sprache die Meister nennen. Denn letzten Endes muß uns der Meister die nötigen Anweisungen geben, um die Akasha-Chronik lesen zu können. Sie ist geschrieben in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten einer jetzt bestehenden oder einer der bestanden habenden Sprachen. Solange man nur die Kraft anwendet, die der Mensch gewöhnlich anwendet beim Denken - und jeder Mensch, der nicht ausdrücklich daraufhin gelernt hat, wendet diese Kraft an -, kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen.

Wenn Sie sich fragen: «Wer denkt?», so werden Sie sich sagen müssen: «Ich denke». Sie verbinden Objekt und Prädikat miteinander, wenn Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst es sind, der die einzelnen Begriffe verbindet, so lange sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik zu lesen. Sie sind nicht imstande zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. Sie müssen aber Ihr Ich ausschalten. Sie müssen verzichten auf jeden eigenen Sinn. Sie müssen lediglich die Vorstellungen hinstellen, um die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Kräfte außerhalb von Ihnen, durch den Geist, herstellen zu lassen.

Es ist also der Verzicht - nicht auf das Denken, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden - notwendig, um in der Akasha-Chronik zu lesen. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von außen Ihre Gedanken zusammenfügen zu lassen zu dem, was Ihnen der universelle Weltengeist über das, was in der Geschichte sich vollzogen hat, zu zeigen vermag. Dann urteilen Sie nicht mehr über die Tatsachen, sondern dann spricht zu Ihnen der universelle Weltengeist selbst. Und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur Verfügung.

Nun muß ich etwas sagen, was vielleicht etwas Vorurteil erweckt. Ich muß sagen, was heute vorbereitend notwendig ist, um zu der Ausschaltung des Ich zu kommen, um in der Akasha-Chronik lesen zu können. Sie wissen, wie es eine heute verachtete Sache ist, was die Mönche im Mittelalter gepflegt haben. Sie haben nämlich gepflegt das «Opfer des Intellekts». Der Mönch hat nicht so gedacht, wie der heutige Forscher denkt. Der Mönch hatte eine bestimmte heilige Wissenschaft, die heilige Theologie. Über den Inhalt hatte man nicht zu entscheiden. Man sprach deshalb davon, daß der Theologe im Mittelalter seinen Verstand dazu zu gebrauchen hat, die gegebenen Offenbarungen zu erklären und zu verteidigen. Das war, wie man sich auch heute dazu stellen mag, eine strenge Schulung in der Hinopferung des Intellektes an einen gegebenen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorzügliches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen.

Dieses Opfer des Intellektes, das der Mönch des Mittelalters brachte, führte zu der Ausschaltung des von dem persönlichen Ich ausgehenden Urteils, es führte ihn dazu, zu lernen, wie man den Intellekt in den Dienst eines Höheren stellt. Bei der Wiederverkörperung kommt dann das, was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Auswirkung und macht ihn zum Genie des Anschauens. Kommt dann das höhere Schauen hinzu, dann kann er die Fähigkeit anwenden auf die Tatsachen, die in der Akasha-Chronik zu lesen sind." (Lit.: GA 92, S. 22ff, Berlin, 1. Juni 1904)

Ähnlich heißt es in einem nur kurze Zeit später gehaltenen Vortrag Rudolf Steiners:

"... Je weiter man auch auf dem Erkenntnisweg vorwärtsdringt, um so mehr wird man sich auch Devotion aneignen müssen; man wird immer devotioneller und devotioneller werden. Aus dieser Devotion fließt dann die Kraft zu den höchsten Erkenntnissen. Wer es dazu bringt, darauf zu verzichten, seine Gedanken zu verbinden, der gelangt zu dem Lesen der Schrift in der Akasha-Chronik. Eines ist aber dabei notwendig: das persönliche Ich so weit ausgeschaltet zu haben, daß es keinen Anspruch darauf macht, die Gedanken selbst zu verbinden.

Es ist gar nicht so leicht, das zu verstehen, denn der Mensch macht darauf Anspruch, das Prädikat mit dem Subjekt zu verbinden. So lange er das aber tut, ist es ihm unmöglich, wirklich okkulte Geschichte zu studieren. Wenn er in Selbstlosigkeit, aber auch in Bewußtheit und Klarheit die Gedanken aufsteigen läßt, dann tritt ein Ereignis ein, welches, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, jeder Okkultist kennt, nämlich das Ereignis, daß sich die Vorstellungen, die Gedanken, die er früher nach seinem persönlichen Standpunkte zu Sätzen, zu Einsichten geformt hat, jetzt durch die geistige Welt selbst formen, so daß nicht er urteilt, sondern in ihm geurteilt wird. Es ist dann so, daß er sich hingeopfert hat, auf daß ein höheres Selbst geistig durch seine Vorstellungen spricht.

Das ist - okkult aufgefaßt - das, was man im Mittelalter das «Opfer des Intellektes» genannt hat. Es bedeutet das Aufgeben meiner eigenen Meinung, meiner eigenen Überzeugung. So lange ich selbst meine Gedanken verbinde, und meine Gedanken nicht höheren Gewalten zur Verfügung stelle, die auf der Tafel des Intellektes dann gleichsam schreiben, so lange kann ich nicht okkulte Geschichte studieren." (Lit.: GA 265, S. 29, Berlin, 25. Juli 1904)

Deutlich zum Ausdruck kommt dieses «Opfer des Intellekts» in künstlerischer Form in dem Gelöbnis der Maria im 3. Bild des dritten Mysteriendrama Rudolf Steiners «Der Hüter der Schwelle», das sie in Gegenwart ihres Geisteslehrers Benedictus vor Luzifer leistet:

Doch wisse, in dem Herzen, das Maria
In dieser Stunde dir entgegenstellt,
Hat Geistesschülerschaft die Kraft belebt,
Von allem Wissen stets die Eigenliebe
Entfernt zu halten. Niemals will ich künftig
Von jener Seligkeit mich finden lassen,
Die Menschen fühlen, wenn Gedanken reifen.
Zum Opferdienst will ich das Herz mir rüsten,
Daß stets mein Geist nur denken kann, um denkend
Des Wissens Früchte Göttern hinzuopfern.
Erkenntnis wird mir dann zum Weihedienst.
                           (Lit.:GA 14, S. 330f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Vier Mysteriendramen, GA 14 (1998), ISBN 3-7274-0140-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die okkulten Wahrheiten alter Mythen und Sagen, GA 92 (1999), ISBN 3-7274-0920-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der esoterischen Schule 1904 - 1914, GA 265 (1987), S 28 ff. (von beiden Vorträgen sind nur mangelhafte Mitschriften erhalten, weshalb sie bisher nur auszugsweise veröffentlicht wurden)
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