Parzival

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Wolfram, Parzival 1,1ff (Prolog) – Ist zwiffel hertzen noch gebur... (Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, fol. 6r)

Parzival ist der Titelheld des vermutlich im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts vollendeten gleichnamigen Versromans von Wolfram von Eschenbach und schildert mit engem Bezug zur Artuslegende die Suche nach dem Heiligen Gral. Eschenbachs Hauptquelle bildete die etwa 20 Jahre früher geschriebene, aber unvollendet gebliebene Gralserzählung Li Contes del Graal ou Le roman de Perceval des Chrétien de Troyes. Eschenbach erweiterte die Erzählung vielfach, insbesonders um die Vorgeschichte von Parzivals Vater Gahmuret und um Parzivals Zusammentreffen mit seinem dunklen Halbbruder Feirefiz am Ende der Erzählung. Richard Wagner verarbeitete den Stoff sehr eindringlich und eigenständig in seinem 1882 uraufgeführten Bühnenweihfestspiel Parsifal.

Inhaltsübersicht

"Parzival ist der Sohn eines abenteuernden Ritters und seiner Mutter Herzeleide. Der Ritter ist schon weggezogen, bevor Parzival geboren wurde. Die Mutter erleidet Schmerzen und Qualen schon vor der Geburt, Sie will ihren Sohn vor alledem bewahren, womit er in Berührung kommen kann etwa durch Rittertugend und dadurch, daß er im Ritterdienste seine Kräfte entfaltet. Sie zieht ihn so auf, daß er nichts von allem erfährt, was in der äußeren Welt vorkommt, was dem Menschen durch die Einflüsse der äußeren Welt gegeben werden kann. In der Einsamkeit der Natur, nur eben diesen Eindrücken der Natur überlassen, soll Parzival heranwachsen. Nichts wissen soll er von dem, was unter den Rittern und den anderen Menschen vorgeht. Es wird auch gesagt, daß er nichts weiß von dem, was in der äußeren Welt über diese oder jene religiösen Vorstellungen gesagt wird. Einzig und allein das erfährt er von der Mutter, daß es einen Gott gibt, daß ein Gott hinter allem steht. Er will Gott dienen. Aber mehr weiß er nicht, als daß er Gott dienen kann. Alles andere wird ihm vorenthalten. Aber der Drang zum Rittertum ist so stark, daß er dazu getrieben wird, die Mutter eines Tages zu verlassen und hinauszuziehen, um das kennenzulernen, wonach es ihn treibt. Und dann wird er nach mancherlei Irrfahrten nach der Burg des Heiligen Grals geführt.

Was er dort erlebt, ist uns am besten - das heißt am besten entsprechend dem, was wir aus der geisteswissenschaftlichen Urkunde heraus gewinnen können - bei Chrestien de Troyes geschildert, der auch eine Quelle war für Wolfram von Eschenbach. Wir erfahren, daß Parzival einst auf seinen Wanderungen in eine waldige Gegend kam, am Meeresrande, wo zwei Männer fischten. Und auf die Frage, die er ihnen stellte, wiesen sie ihn nach der Burg des Fischerkönigs. Er kam an die Burg, trat ein, und es wurde ihm der Anblick, daß er einen Mann fand, krank und schwach, der auf einem Ruhebette lag. Dieser gab ihm ein Schwert, das Schwert seiner Nichte. Und der Anblick bot sich ihm weiter, daß ein Knappe hereintrat mit einer Lanze, von der Blut heruntertroff, bis zu den Händen des Knappen. Dann trat herein eine Jungfrau mit einer goldenen Schale, aus der ein solches Licht leuchtete, das alle anderen Lichter des Saales überstrahlte. Dann wurde ein Mahl aufgetragen. Bei jedem Gange wurde diese Schale vorübergetragen und in das Nebenzimmer gebracht. Und der dort liegende Vater des Fischerkönigs wurde durch das, was in dieser Schale war, gestärkt.

Das alles war dem Parzival wunderbar vorgekommen, allein er hatte früher auf seinen Wanderungen durch einen Ritter den Rat erhalten, nicht viel zu fragen. Daher fragte er auch jetzt nicht nach dem, was er sah; er wollte erst am nächsten Morgen fragen. Aber als er aufwachte, da war das ganze Schloß leer. Er rief, niemand kam. Er glaubte, die Ritter seien auf die Jagd gezogen und wollte ihnen folgen. Auf dem Schloßhofe fand er sein Pferd gesattelt. Er ritt hinaus, mußte aber schnell über die Zugbrücke reiten; das Pferd hatte einen Sprung machen müssen, weil die Zugbrücke gleich hinter ihm heraufgezogen wurde. Aber nichts fand er von den Rittern.

Aber es ist uns ja bekannt, worauf es ankommt: daß Parzival nicht gefragt hat. Trotzdem das Wunderbarste vor seine Seele getreten ist, hat er zu fragen versäumt. Und er muß es immer wieder hören, daß es mit dem, was zu seiner Sendung gehört, etwas zu tun hat, daß er hätte fragen müssen, daß gewissermaßen seine Mission zusammengehangen hat mit dem Fragen nach dem Wunderbaren, das ihm entgegengetreten ist. Er hat nicht gefragt! Erkennen ließ man ihn, daß er eine Art Unheil dadurch herbeigeführt hat, daß er nicht gefragt hat.

Wie steht hier Parzival vor uns? So steht er vor uns, daß wir uns sagen: In ihm haben wir eine Persönlichkeit, die abseits erzogen worden ist von der Kultur der äußeren Welt, die nichts hat wissen sollen von der Kultur der äußeren Welt, die zu den Wundern des Heiligen Grals hat geführt werden sollen, damit sie nach diesen Wundern fragt, aber fragt mit jungfräulicher, nicht durch die übrige Kultur beeinflußter Seele." (Lit.: GA 148, S. 162f)

Die zunächst versäumte Frage des Parzival

Siehe auch: Fragen

„Bei den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war es so, daß sie wie Kinder heranwuchsen: sie lernten gehen, sprechen, und sie lernten selbstverständlich, solange die elementaren Kräfte im Sinne des alten Hellsehens noch da waren, auch hellsehen. Sie lernten es wie etwas, was sich ergab im Umgange mit der Menschheit, so wie es sich ergab im Umgange mit der Menschheit, daß man durch die Organisation des Kehlkopfes das Sprechen lernte. Man blieb aber nicht beim Sprechenlernen stehen, sondern schritt vor zu dem elementaren Hellsehen. Dieses elementare Hellsehen war gebunden an die gewöhnliche menschliche Organisation so, wie die menschliche Organisation drinnenstand in der physischen Welt; es mußte also notwendigerweise das Hellsehen auch den Charakter der menschlichen Organisation annehmen. Ein Mensch, der ein Wüstling war, konnte nicht eine reine Natur in sein Hellsehen hineinschieben; ein reiner Mensch konnte seine reine Natur auch in sein Hellsehen hineinschieben. Das ist ganz natürlich, denn es war das Hellsehen an die unmittelbare menschliche Organisation gebunden.

Eine notwendige Folge davon war, daß ein gewisses Geheimnis - das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen der geistigen Welt und der physischen Erdenwelt -, das vor dem Herabstieg des Christus Jesus bestand, nicht für diese gewöhnliche menschheitliche Organisation enthüllt werden durfte. Es mußte die menschheitliche Organisation erst umgestaltet, erst reif gemacht werden. Der Jüngling von Sais durfte nicht ohne weiteres, von außen kommend, das Bild der Isis sehen. Mit dem vierten nachatlantischen Zeiträume, in welchen das Mysterium von Golgatha hineinfiel, war das alte Hellsehen verschwunden. Eine neue Organisation der Menschenseele trat auf, eine Organisation der Menschenseele, die überhaupt abgeschlossen bleiben muß von der geistigen Welt, wenn sie nicht fragt, wenn sie nicht den Trieb hat, der in der Frage liegt. Dieselben schädlichen Kräfte, die in alten Zeiten an die Menschenseele herangetreten sind, können nicht an sie herantreten, wenn man gerade nach dem Geheimnis fragt, das das Geheimnis des Heiligen Grales ist. Denn in diesem Geheimnisse birgt sich das, was seit dem Mysterium von Golgatha in die Aura der Erde jetzt ausgeflossen ist. Was früher nicht in sie ausgeflossen war, was jetzt als das Geheimnis des Grales in die Erdenaura ausgeflossen ist, bliebe einem doch immer verschlossen, wenn man nicht fragt. Man muß fragen, was aber nichts anderes heißt als: man muß den Trieb haben, dasjenige, was ohnedies in der Seele lebt, wirklich zu entfalten.

Vor dem Mysterium von Golgatha war es nicht in der Seele, denn der Christus war nicht in der Erdenaura. Vor dem Mysterium von Golgatha würde jemand ohne weiteres, wenn er nur das Bild der Isis im rechten Sinne geschaut und ihr Geheimnis ergründet hatte, durch das, was in ihm noch an alten hellseherischen Kräften vorhanden war, seine ganze Menschennatur da hineingelegt haben, und er würde es dann so erkannt haben.

In der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha wird eine Seele, die zum Fragen kommt, im rechten Sinne zum Fragen kommen, und sie wird auch im rechten Sinne das neue Isis-Mysterium empfinden können. Daher ist es so, daß es heute ankommt auf das richtige Fragen, das heißt auf das richtige Sich-Stellen zu dem, was als spirituelle Weltanschauung verkündet werden kann. Kommt ein Mensch bloß aus der Stimmung des Urteilens, dann kann er alle Bücher und alle Zyklen und alles lesen - er erfährt gar nichts, denn ihm fehlt die Parzival-Stimmung. Kommt jemand mit der Fragestimmung, dann wird er noch etwas ganz anderes erfahren, als was bloß in den Worten liegt. Er wird die Worte fruchtbar mit den Quellkräften in seiner eigenen Seele erleben. Daß uns das, was uns spirituell verkündet ist, zu einem solchen inneren Erleben werde, das ist es, worauf es ankommt.“ (Lit.:GA 148, S. 169f)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium, GA 148 (1992), ISBN 3-7274-1480-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Christus und die geistige Welt. Von der Suche nach dem heiligen Gral, GA 149 (2004), ISBN 3-7274-1490-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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