Personifikation

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Pompeo Batoni: Die Zeit befiehlt dem Alter, die Schönheit zu zerstören, etwa 1746
Johann Heinrich Füssli: Kriemhild zeigt Hagen das Haupt Gunthers, etwa 1805

Die Personifikation (auch Personifizierung, fictio personae oder Prosopopöie, griech. προσωποποιία prosōpopoiía, von πρόσωπον, prosopon „Gesicht, Miene, Blick, äußere Gestalt, Aussehen“) ist ein in der Kunst und speziell auch in der Rhetorik häufig gebrauchtes Stilmittel, das natürlichen Dingen oder auch zunächst abstrakt scheinenden Begriffen menschliche Gestalt und Stimme verleiht (→ Anthropomorphismus) und dadurch ihren wesenhaften, geistigen Charakter zu betonen sucht. Die Personifikation ergibt sich entweder ganz zwanglos unmittelbar aus dem hellsichtigen Erleben, wie etwa bei den Engelerscheinungen, die in der Bibel geschildert werden, oder entsteht, wie bei der Allegorie, nachträglich aus einer mehr verstandesmäßigen Konstruktion, die einen abstrakten Sachverhalt bildhaft verdeutlichen soll.

Die menschliche Seele wird oft in weiblicher Gestalt personifiziert dargestellt. So heißt es etwa in der unter den Nag-Hammadi-Schriften gefundenen gnostischen «Exegese über die Seele»:

„Die Weisen, die vor uns lebten, gaben der Seele einen weiblichen Namen. Tatsächlich ist sie auch ihrer Natur nach eine Frau. Sie hat ebenso wie andere Frauen einen Mutterschoß.
Solange sie sich allein beim Vater befand, war sie eine Jungfrau und mannweiblich von Gestalt. Aber als sie in einen Körper hinabgefallen und in dieses Leben gekommen war, da geriet sie in die Gewalt vieler Räuber. Und die Frevler warfen sie sich gegenseitig zu und schändeten sie. Die einen mißbrauchten sie gewaltsam, während andere so handelten, daß sie sie überredeten mit einem verführerischen Geschenk. Kurz: Sie wurde geschändet, und sie verlor ihre Jungfräulichkeit.
Und sie trieb Unzucht mit ihrem Körper und gab sich einem jeden hin, weil sie dachte, daß jeder, den sie zu umarmen im Begriff war, ihr rechtmäßiger Ehemann sei. Jedesmal wenn sie sich den frevelhaften und treulosen Ehebrechern hingegeben hatte, damit sie sie mißbrauchen konnten, da seufzte sie schwer und bereute. Aber selbst wenn sie ihr Gesicht von diesen Ehebrechern abwendet, pflegt sie zu anderen zu laufen; und diese zwingen sie, mit ihnen zu leben und ihnen zu dienen auf ihrem Bett, als wären sie ihre Herren. Aus Scham aber wagt sie es nicht mehr, sie zu verlassen. Sie, die Ehebrecher aber täuschen sie eine lange Zeit dadurch, daß sie ihr vorspielen, sie seien treue und wahre Ehemänner, in der Art, als ob sie ihr große Achtung entgegenbrächten. Und nach alledem verlassen sie sie und gehen weg.
Sie aber pflegt eine arme Witwe zu werden, die keine Hilfe hat; sie hat auch keinen, der sie anhört in ihrem Leid; denn sie hatte von ihnen nichts erhalten außer den Schändungen, die sie ihr zugefügt hatten, als sie mit ihr Umgang hatten. Und die Kinder, die sie mit den Ehebrechern hervorgebracht hat, sind stumm und blind und krank.
Aber wenn der Vater, der oben im Himmel ist, sie sucht und auf sie herabblickt und sie seufzen sieht mit ihren Leiden und der Schande und wie sie die Unzucht, die sie getrieben hat, bereut und wie sie beginnt, seinen Namen anzurufen, damit er ihr helfe, wobei sie mit ganzem Herzen ruft und sagt: ,,Rette mich, mein Vater, denn siehe: Ich will dir Rechenschaft ablegen, denn ich habe mein Haus verlassen und und bin aus meinem Jungferngemach geflohen. Hole mich wieder zu dir zurück!``, und wenn er sie sieht, daß sie in diesem Zustand ist, dann wird er sie seines Erbarmens würdig halten; denn zahlreich sind die Schmerzen, die über sie gekommen sind, weil sie ihr Haus verlassen hat.“

Exegese über die Seele: (NHC II,6)

Rudolf Steiner gibt dazu u.a. folgendes Beispiel:

„Nun, wir wissen aus der Sage, daß Brunhilde eine Art Walkürengestalt ist: also wiederum etwas in der menschlichen Seele, und zwar dasjenige, mit dem sich in alten Zeiten durch die hellseherischen Kräfte der Mensch noch vereinigen konnte, das sich aber zurückgezogen hat vom Menschen, unbewußt geworden ist und mit dem sich der Mensch so, wie er gegenwärtig im Verstandeszeitalter lebt, erst nach dem Tod vereinigen kann. Daher die Vereinigung mit der Walküre im Moment des Todes. Die Walküre ist die Personifikation der lebendigen Seelenkräfte, die im gegenwärtigen Menschen sind, jener Seelenkräfte, bis zu denen das alte hellseherische Bewußtsein hinkam, die aber der gegenwärtige Mensch erst erlebt, wenn er durch die Pforte des Todes tritt. Da wird er erst mit dieser Seele, die in Brunhilde dargestellt wird, vereint. Weil Kriemhilde noch etwas weiß von der alten Hellseherzeit und den Kräften, welche die Seele durch das alte Hellsehen empfängt, wird sie zu einer Gestalt, deren Zorn geschildert wird, wie in der Ilias der Zorn des Achilles. Das wird uns hinlänglich angedeutet, daß die Menschen, die in alten Zeiten noch mit hellseherischen Kräften begabt waren, nicht kontrollierten mit dem Verstand, nicht den Verstand walten ließen, sondern unmittelbar aus ihren elementarsten, intensivsten Impulsen heraus wirkten. Daher das Persönliche, das unmittelbar Egoistische, sowohl bei Kriemhilde wie bei Achill.“ (Lit.:GA 158, S. 28)

Ein anderes Beispiel ist Beatrice aus Dantes «Göttlicher Komödie»:

„Es ist unsinnig, darüber zu streiten, ob Beatrice nur Symbol war oder die Geliebte des Dante. Darin liegt gar kein Widerspruch. Beatrice war eine wirkliche Persönlichkeit, sie war aber auch der Ausdruck alles Geistigen. Beatrice ist gerade vor dem nicht verlernten inneren Sinn die echte Personifikation der Theologia.“ (Lit.:GA 97, S. 29)

Der kleine Hüter der Schwelle bzw. der Doppelgänger ist eine hellsichtig erlebte, sehr reale bildhafte Personifikation des eigenen negativen Karmas:

„Im Verlauf der Etappe, die man in der christlichen Einweihung die Dornenkrönung nennt, tritt ein furchteinflößendes Phänomen auf, das die Bezeichnung «Hüter der Schwelle» trägt und das man auch die Erscheinung des Doppelgängers nennen könnte. Das geistige Wesen des Menschen, gebildet aus seinen Willensströmungen, seinen Wünschen und seinen Verstandesfähigkeiten, erscheint alsdann dem Eingeweihten als Bild im Traumbewußtsein. Und dieses Bild ist manchmal abstoßend und Schrecken einflößend, denn es ist ein Ergebnis seiner guten und schlechten Eigenschaften und seines Karma; von diesem allem ist es die bildhafte Personifikation auf dem Astralplan. Das ist der schlimme Fährmann im Totenbuch der Ägypter. Der Mensch muß ihn besiegen, um sein höheres Ich zu finden. Der Hüter der Schwelle, ein Phänomen des hellsichtigen Schauens bis in die ältesten Zeiten hinein, ist der eigentliche Ursprung all der Mythen über den Kampf des Helden mit dem Ungeheuer, des Perseus und des Herakles mit der Hydra, des heiligen Georg und des Siegfried mit dem Drachen.

Der vorzeitige Eintritt der Hellsichtigkeit und die plötzliche Erscheinung des Doppelgängers oder des Hüters der Schwelle kann denjenigen, der nicht alle Vorbereitungen befolgt und alle dem Schüler auferlegten Vorsichtsmaßnahmen wahrgenommen hat, zum Wahnsinn führen.“ (Lit.:GA 94, S. 56f)

Echtem geistig-künstlerischen Erleben wird sich der wesenhafte Charakter letztlich des ganzen Kosmos nicht verschließen, während bloß ausgedachte Personifizierungen völlig unkünstlerisch sind. In einem Vortrag über sein Mysteriendrama «Die Pforte der Einweihung» sagt Rudolf Steiner:

„Aber Sie können auch begreifen, daß eine Kunst, die Hand in Hand geht mit Geisteswissenschaft, zuletzt dahin führt, daß für den, der sein Selbst im Kosmos erlebt, der ganze Kosmos zu einer Ich-Wesenheit wird. Dann können wir es auch nicht ertragen, daß ihm irgend etwas entgegentritt im Kosmos, was nicht in Beziehung steht zur Ich-Wesenheit. Die Kunst wird in dieser Beziehung etwas lernen, was sie zum Ich-Prinzip kommen läßt, weil der Christus uns zuerst einmal das Ich gebracht hat. Auf den verschiedensten Gebieten wird sich dieses Ich ausleben.

Aber noch in anderer Weise zeigt sich dieses konkrete Menschliche in der Seele und das Wiederum-Verteiltsein draußen. Wenn einen damals jemand gefragt hat: Welche Person ist Atma, welche ist Buddhi, welche Manas? - Es wäre eine gräßliche Kunst, eine fürchterliche Kunst, wenn man die Darstellung so interpretieren müßte: Diese Gestalt ist eine Personifikation von Manas. - Es gibt theosophische Unarten, die sich bemühen, alles in dieser Richtung auszulegen. Von dem Kunstwerk, das sich so interpretieren lassen müßte, konnte man sagen: Armes Kunstwerk! - Gegenüber Shakespeares Dramen jedenfalls wäre dies grundfalsch und lächerlich.

Solche Dinge sind Kinderkrankheiten der theosophischen Entwickelung. Man wird sie sich schon abgewöhnen. Aber es ist doch notwendig, daß auf diese Dinge auch einmal aufmerksam gemacht wird. Es konnte sogar vorkommen, daß sich jemand daran macht, die neun Glieder der menschlichen Natur in der Neunten Symphonie Beethovens aufzusuchen.“ (Lit.:GA 125, S. 112f)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97 (1998), ISBN 3-7274-0970-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Wege und Ziele des geistigen Menschen. Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft., GA 125 (1992), ISBN 3-7274-1250-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt, GA 158 (1993), ISBN 3-7274-1580-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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