Pleroma

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Als Pleroma (griech. πλήρωμα, „Fülle“) wird nach Rudolf Steiner die Gesamtheit der sechs Elohim bezeichnet, die auf der Sonne geblieben waren, nachdem Jehova aus ihrem Reigen ausgeschieden war und sich mit der Mondensphäre verbunden hatte. Ihr Gesamtbewusstsein ist der Sonnenlogos, das Schöpfungswort (Honover) - darauf deutet der Prolog des Johannes-Evangeliums. Für die Gnostiker umfasst das Pleroma die ganze Fülle der wesenhaften Äonen, die durch Emanation aus der höchsten Gottheit hervorgegangen sind. Für die Valentinianer besteht das Pleroma aus insgesamt 30 Äonen, das sich hierarchisch in eine oberste Achtheit, ein darauf folgende Zehnheit und eine untere Zwölfheit gliedert, aus der sich durch die Schuld der Sophia, dem 30. Äon, die widergeistige materielle Welt abschnürt. Diesem Schema folgt auch die Pistis Sophia. Gnostische Gegenbegriffe zur geistigen Fülle des Pleromas sind Hysterema (griech. ὑστέρημα, „Mangel, Armut, Bedürftigkeit“) und - besonders bei Valentinus - Kenoma (griech. κένωμα, „Leere, leerer Raum“).

Der Prolog des Johannes-Evangeliums

Zu Beginn des Johannes-Evangeliums heißt es:

„Und von seiner Fülle (griech. πληρωματος pleromatos [1]) haben wir alle genommen, Gnade um Gnade.“

Evangelium des Johannes: Joh 1,16 LUT

"Und nun werden bedeutsame Worte gesagt: «Denn aus dessen Fülle haben wir alle entnommen Gnade über Gnade» (1, 16). Viele Menschen gibt es, die sich Christen nennen und die über das Wort «Fülle» hinweglesen, die sich bei diesem Wort nichts besonders Genaues denken. «Pleroma» heißt nach dem Griechischen «die Fülle». Das steht auch im Johannes-Evangelium: «Denn aus dem Pleroma haben wir alle entnommen Gnade über Gnade!» Ich sagte, jedes Wort des Johannes-Evangeliums muß man, wenn man es überhaupt verstehen will, auf die Goldwaage legen. Was ist denn nun Pleroma, die Fülle? Nur der kann es verstehen, der da weiß, daß man in den alten Mysterien von dem Pleroma oder der Fülle als von etwas ganz Bestimmtem gesprochen hat. Denn man hat damals schon die Lehre vertreten, daß, als sich zuerst offenbarten diejenigen geistigen Wesenheiten, die bis zur Göttlichkeit aufgestiegen waren während des alten Mondes, die Elohim, einer sich von ihnen trennte: Einer blieb auf dem Mond und strahlte von dort zurück die Kraft der Liebe, bis die Menschen genügend reif waren für das Licht der übrigen sechs Elohim. So unterschied man Jahve, den Einzelgott, den Rückstrahler und die aus sechs bestehende Fülle der Gottheit, «Pleroma». Da aber mit dem Gesamtbewußtsein des Sonnenlogos der Christus gemeint ist, mußte man, wenn man auf ihn hindeutete, sprechen von der Fülle der Götter. Diese tiefe Wahrheit verbirgt sich dahinter: «Denn aus dem Pleroma haben wir alle entnommen Gnade über Gnade.»" (Lit.: GA 103, S. 78f)

Jahve, die Sonnen-Elohim und die höheren Hierarchien

Die biblische Schöpfunggeschichte beginnt mit der Scheidung von Himmel und Erde. Nach Rudolf Steiner wird damit auf die Trennung von Sonne und Erde hingewiesen. Die Schilderungen des Sechstagewerks beziehen sich allerdings nicht auf äußere physische Ereignisse, sondern auf Geschehnisse in der Seelenwelt. Während sechs Elohim und auch alle höheren Hierarchien auf der Sonne verbleiben und gemeinsam das Pleroma bilden, verbindet sich Jahve mit der Erdensphäre, die zunächst noch die Mondensphäre mit umfasst. Die Gnostiker sehen daher mehrheitlich JHWH als eine niedere, sogar böse Wesenheit an.

"Es waren unter den hohen Wesenheiten solche, die sehr viel eingebüßt hätten, wenn sie mit den niederen Wesen verbunden geblieben wären. Daher sonderten sie sich ab. Sie nahmen aus dem Nebel die feinsten Substanzen heraus und bildeten sich in der Sonne ihren Wohnsitz. Sie bildeten sich dort ihren Himmel; da fanden sie das rechte Tempo ihrer Entwickelung. Wären sie in den geringeren Substanzen geblieben, die sie in der Erde zurückgelassen haben, dann würden sie dadurch ihre Entwickelung nicht haben fortsetzen können. Das wäre eine Hemmung, wie ein Bleigewicht in ihrer Entwickelung gewesen. Wir sehen daraus, wie das, was materiell geschieht, wie die Spaltung der Weltsubstanz, nicht bloß aus physikalischer Ursache geschieht, sondern durch die Kräfte der Wesenheiten, die einen Wohnsitz für ihre Entwickelung notwendig haben; es geschieht, weil sie ihr Weltenhaus bauen müssen. Das müssen wir betonen, daß geistige Ursachen zugrunde liegen.

So ist zurückgeblieben auf der Erde plus Mond der Mensch und mit ihm höhere Wesen der untersten Hierarchie, wie Engel und Erzengel und Wesenheiten, die tiefer standen als er selbst. Nur eine einzige mächtige Wesenheit, die eigentlich schon reif war, mit auf den Schauplatz der Sonne zu wandern, hat sich geopfert und ist mitgegangen mit Erde plus Mond. Es ist die Wesenheit, die später Jahve oder Jehova genannt wurde. Er hat die Sonne verlassen und wurde dann der Leiter der Angelegenheiten auf der Erde plus Mond. So haben wir zwei Wohnplätze: die Sonne mit den erhabensten Wesen, unter der Führung einer besonders hohen, erhabenen Wesenheit, die die Gnostiker zum Beispiel sich vorzustellen versuchten unter dem Namen Pleroma. Wir sollen uns dieses Wesen vorstellen als den Regenten der Sonne. Jahve ist der Leiter der Erde plus Mond. Wir wollen das ganz besonders festhalten, daß die edelsten, erhabensten Geister mit der Sonne herausgegangen sind und die Erde mit dem Monde zurückgelassen haben. Der Mond war noch nicht abgespalten, er war noch in der Erde darinnen. Wie kann man nun diesen kosmischen Vorgang der Abtrennung der Sonne von der Erde empfinden? Man muß vor allen Dingen die Sonne mit ihren Bewohnern empfinden als das Hehrste, Reinste, Erhabenste, was mit der Erde früher in Verbindung gewesen war, und dann muß man empfinden das, was Erde plus Mond ist, als das, was sich dagegen als das Niedere herausgebildet hat. Der Zustand war damals noch niedriger als der unserer heutigen Erde. Diese steht wiederum höher, denn es trat ein späterer Zeitpunkt ein, in dem die Erde sich des Mondes entledigte und mit ihm ihrer gröberen Substanzen, mit denen der Mensch sich nicht weiter hätte entwickeln können. Die Erde mußte den Mond herauswerfen." (Lit.: GA 106, S. 28f)

Das Pleroma der Gnostiker

Der Begriff des Pleroma war besonders für die Gnosis von großer Bedeutung und wurde hier in noch umfassenderem Sinn gebraucht für die Gesamtheit aller geistigen Wesen und Äonen, die der «unbekannte Gott» emaniert hat. Als Gegenbegriff dazu bezeichnet Hysterema (griech. ὑστέρημα, „Mangel, Armut, Bedürftigkeit“) die Mangelhaftigkeit der Welt der äußeren sinnlichen Phänomene; Valentinus verwendet dafür den Begriff Kenoma (griech. κένωμα, „Leere, leerer Raum“).

"Von dem schaffenden Lichte sprechen die Gnostiker, die ägyptischen Mystiker, die Mystiker des Mittelalters. Sie nennen es das Äonenlicht. Es ist ein Licht, welches vom Mystiker aus die Gegenstände um ihn her zu lebendigem Leben erweckt. Das ist das Pleroma der Gnostiker. So fühlt sich der Mystiker in dem Weltenlicht beseligt. Er fühlt sich beseligt verwebt mit diesem Aonenlicht. Da ist er nicht getrennt von der Wesenheit der Dinge; da ist er teilhaftig der unmittelbaren Schöpferkraft. Das ist, was der Mystiker als seine Beseligung in dem schöpferischen Lichte bezeichnet." (Lit.: GA 051, S. 214)

Im nachfolgenden Text identifiziert Steiner den Demiurg mit diesem «unbekannten Gott», der die Quelle alles Seins ist. In den meisten gnostischen Texten wird als Demiurg allerdings nur der untergeordnete, negativ bewertete Schöpfergott bezeichnet, der die äußere Welt der Finsternis bzw. der Materie hervorgebracht hat, also Jahve oder Jaldabaoth.

"Man deutete noch in Griechenland zurück, wenn man nachsann über die ersten Stadien der Weltentwickelung, auf eine ältere Wesenheit, zu deren Begreifen etwas viel Geistigeres im Erkennen nötig war, als im Alten Testamente vorhanden ist, man deutete auf dasjenige Wesen zurück, das eben in Griechenland als der eigentliche Weltschöpfer, als der Demiurgos aufgefaßt worden ist. Der Demiurg war als ein Wesen vorgestellt, vorhanden in Sphären höchster Geistigkeit, vorhanden in solchen Sphären höchster Geistigkeit, in denen noch nichts gedacht zu werden brauchte von irgendeinem materiellen Dasein, das in Verbindung zu bringen ist mit derjenigen Art von Menschheit, als deren Schöpfer dann bibelgemäß Jahve oder Jehova angesehen wird.

Wir haben es also mit einer sehr erhabenen Wesenheit im Demiurg zu tun, mit einer Wesenheit als Weltschöpfer, deren Schöpferkraft im wesentlichen darauf geht, geistige Wesen, wenn ich mich so ausdrücken darf, aus sich hervorzutreiben. Stufenweise, gewissermaßen immer niedriger - der Ausdruck ist gewiß nicht ganz zutreffend, aber wir haben keinen anderen - , stufenweise immer niedriger waren die Wesenheiten, die der Demiurg aus sich hervorgehen ließ; Wesenheiten aber, welche weit entfernt davon gedacht waren, irdischer Geburt oder irdischem Tode zu unterliegen. In Griechenland deutete man auf solche Weise daraufhin, daß man sie Äonen nannte, und man unterschied, ich möchte sagen, Tafel 7 Äonen erster Art, Äonen zweiter Art und so weiter (siehe Schema). Diese Äonen waren diejenigen Wesen, die hervorgegangen waren aus dem Demiurg. Dann war in der Reihe dieser Äonen ein verhältnismäßig untergeordnetes Äonenwesen, also ein Äon untergeordneter Art, Jahve oder Jehova. Und Jahve oder Jehova verband sich - und nun kommt dasjenige, was zum Beispiel in den ersten christlichen Jahrhunderten von den sogenannten Gnostikern vorgetragen worden ist, wo aber immer eine Lücke in ihrem Verständnisse war, was vorgetragen worden ist wie eine Art Erneuerung des biblischen Inhaltes, aber, wie gesagt, es war immer eine Lücke des Verständnisses da -, Jahve oder Jehova, so nahm man an, verband sich mit der Materie. Und aus dieser Verbindung ging der Mensch hervor.

Tafel 7

So daß also die Schöpfung Jahves oder Jehovas darinnen bestand - immer im Sinne dieser Gedanken, die noch bis in die ersten christlichen Jahrhunderte hereinragten -, daß er selbst, als ein Abkömmling niedrigerer Art von den hocherhabeneren Äonen bis hinauf zu dem Demiurg, sich mit der Materie verband und dadurch den Menschen zustande brachte.

Alles das, was sich da gewissermaßen nun erhebt - für die ältere Menschheit durchaus verständlich, für die spätere Menschheit nicht mehr verständlich -, was sich da erhebt auf der Grundlage desjenigen, was uns im Erdenleben sinnlich umgibt, das alles faßte man zusammen unter dem Ausdrucke Pleroma (siehe Schema). Das Pleroma ist also eine Welt, von individualisierten Wesen bevölkert, die sich erhebt über der Welt des Physischen. Gewissermaßen auf der untersten Stufe dieser Welt, dieser Pleroma-Welt, erscheint der durch Jahve oder Jehova ins Dasein gerufene Mensch. Auf der untersten Stufe dieses Pieromas ersteht eine Wesenheit, die eigentlich nicht in dem einzelnen Menschen, auch nicht etwa in einer Völkergruppe, sondern in der ganzen Menschheit lebt, die aber eine Erinnerung hat an die Abstammung vom Pleroma, vom Demiurgen, und wiederum zurückstrebt nach der Geistigkeit. Es ist das die Wesenheit Achamoth, mit der man in Griechenland eben das Hinaufstreben der Menschheit nach dem Geistigen andeutete. So daß also durch Achamoth ein wiederum Zurückstreben zu dem Geistigen vorhanden ist (roter Pfeil). Nun gliederte sich an diese Vorstellungswelt die andere an, daß der Demiurg dem Streben der Achamoth entgegengekommen ist und

Tafel 7

einen sehr frühen Äon herabgeschickt hat, der sich mit dem Menschen Jesus vereinigte, damit das Streben der Achamoth in Erfüllung gehen könne. So daß in dem Menschen Jesus ein Wesen aus der Äon- Entwickelung steckt, das von viel höherer geistiger Wesenheit, von höherer geistiger Art als Jahve oder Jehova gedacht wurde (grüner Pfeil)." (Lit.: GA 225, S. 117ff)

Literatur

  1. Bibel der Häretiker: die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi, eingeleitet, übers. und kommentiert von Gerd Lüdemann und Martina Janßen, Radius Verlag, Stuttgart 1997; ISBN 3-87173-128-5 [2] [3]
  2. Rudolf Steiner: Über Philosophie, Geschichte und Literatur, GA 51 (1983), ISBN 3-7274-0510-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Ägyptische Mythen und Mysterien, GA 106 (1992), ISBN 3-7274-1060-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Drei Perspektiven der Anthroposophie. Kulturphänomene, geisteswissenschaftlich betrachtet., GA 225 (1990), ISBN 3-7274-2252-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

  1. Das Pleroma des Logos - aus Bibel der Häretiker: die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi.