Priester

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Priesterin der ägyptischen Göttin Isis mit einem Bronzegefäß. Museo Archaeologico Regionale, Palermo, Sizilien.

Der Priester (griech. πρεσβύτερος, presbyteros, „Ältester“) oder die Priesterin wirkt im weitesten Sinn als Mittler zwischen Gott bzw. den Göttern und den Menschen und übt diese Funktion insbesondere bei kultischen Handlungen aus.

Ursprünglich war das Priestertum dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, das nach der Geschlechtertrennung noch mehr aktive, geistig produktive Schöpferkraft zurückbehalten hatte:

"Was war nun geschehen dadurch, daß das Weibliche sich vom Männlichen abspaltete? In welchem Geschlechte hat sich der Schatten der produktiven geistigen Weisheitskraft mehr erhalten, im männlichen oder im weiblichen? Wir haben gesehen, daß die weibliche Weisheit eigentlich einen männlichen Charakter hat: das ist das Schaffende, das Produktive, die Intuition, das was originell ist, was hervorbringt. Dieselbe göttliche Kraft, die früher befruchtend im Weibe gewirkt hat, um den physischen Menschen hervorzubringen, wirkt nun befruchtend auf die Erkenntnis des göttlichen Wesenskernes im Menschen. Um diesen Vorgang zu fördern, wirken die Religionen durch Wort und Bild.

Das weibliche Wesen wird physisch unfruchtbar, das heißt, es kann keine Nachkommen aus sich heraussetzen wie ehedem. Der männliche, passive Geist ist derjenige, der geistig unfruchtbar ist, aber der Mann ist der, der physisch befruchten kann. Geistig läßt er sich nun befruchten durch alles das, was in der Welt ist. Er wird nun geistig befruchtet, um selbst physisch befruchten zu können. Die ganze Welt dringt zunächst auf ihn ein. Er wird befruchtet geistig, das Weib physisch. Das Weib dagegen ist geistig selbst befruchtend; der Mann wird geistig befruchtet. Dadurch, daß man draußen alles sammelte und kombinierte, wurde die männliche Weisheit befruchtet. So entstand die Männerweisheit, die darauf bedacht war, die weltliche Weisheit zu sammeln. Die war wirklich zunächst nicht vorhanden, wie die früher von oben einströmende. Sie mußte erst gesammelt werden aus der Erkenntnis der physischen Welt. Die weibliche Weisheit dagegen ging faktisch auf die Priesterschaft über. Die Priesterweisheit wurde das Gut, welches ursprünglich von der alten weiblichen Weisheit herstammte. Jehova konnte das menschliche Geschlecht ja nur dadurch erhalten, daß er es in die zwei Geschlechter spaltete. Es entstanden zwei Oppositionen: Freimaurerei und Priesterherrschaft, die symbolisiert sind durch Kain und Abel." (Lit.: GA 093, S. 233f)

Der christliche Priester hat nach Rudolf Steiner folgende grundlegende Aufgabe:

"Der Priester hat zu verfolgen alles dasjenige, was erlebt wird vom Menschen, wenn er aus dem Leibe herauskommt in die andere Welt hinein, die die Welt des Geistes ist. Dadurch wird der Priester immer mehr und mehr bekannt mit demjenigen, was des Menschen Verwandtschaft mit dem Geiste, mit dem Spiritus Sanctus ist, mit dem durchaus Heiligen Geiste. Und sein Weg ist der, die Vermittlung zu übernehmen zwischen dem Geiste und dem Sohne, dem Christus, darinnen die Theologie auszubilden, den Weg zu finden von Christus zum Geiste, vom Geist zum Christus." (Lit.: GA 318, S. 161f)

Jeder Kultus ist dabei ein gemeinsames Handeln mit den Göttern:

"Die Menschenweihehandlung - mit der Transsubstantiation - ist ein Handeln der Menschen in Gemeinschaft mit der göttlich-geistigen Welt. Ohne das Bewußtsein, daß der Mensch gemeinschaftlich mit den Göttern handeln kann, ohne dieses Bewußtsein ist ein priesterliches Wirken überhaupt nicht möglich." (Lit.: GA 346, S. 29)

Das bildet die Grundlage, der von Rudolf Steiner, als Privatmann für die Priester der Christengemeinschaft gestifteten Menschenweihehandlung. Im Zentrum des Priesterwirkens steht dabei die Apokalypse im weitesten Sinn, die Enthüllung des verborgenen Geistigen. Das ist die reale geistige Substanz, aus der er schöpfen muss.

"Aber zu dem, was die Menschenweihehandlung heute ist, wenn sie zelebriert wird, muß von einer anderen Seite her kommen das Durchdrungensein mit dem wahren Inhalt dessen, was Johannes, der durch Christus selbst Eingeweihte, der christlichen Nachwelt hat geben wollen mit der Apokalypse. Es gehört im Grunde genommen beides zusammen: rechter Sinn im Zelebrieren der Menschenweihehandlung und rechter Sinn im innerlichen Sichdurchdringen mit der Substanz der Apokalypse." (Lit.: GA 346, S. 20)

In den alten Mysterien fühlten sich die Priester eins mit dem irdischen Element, weshalb auch der Kultus in Erdhöhlen und Felsentempeln vollzogen wurde. Er erlebte dabei die Transsubstantiation unmittelbar durch die Kräfte der Ernährung im physischen Leib. In einer zweiten Periode fühlte sich der Priester verbunden mit dem wässrigen Element und dem darin wirkenden Ätherleib als Träger der Wachstumskräfte. Rituelle Waschungen und der Gebrauch von geweihtem Wasser spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Tempel lagen nun schon an der Oberfläche der Erde. In der dritten Periode wirkte durch das Luftelement das vom Priester gesprochene und gesungene Kultuswort im Astralleib. Dieses Erleben blieb allerdings schon weitgehend unbewusst.

Die unserer Zeit angemessene Menschenweihehandlung kann nur unmittelbar zum Ich der Menschen sprechen.

"Derjenige, der die Apokalypse des Johannes verfaßt hat, der fühlte sein vollbewußtes Ich eins mit jenem Inhalt, den er niedergelegt hat in der Apokalypse. Das war so, daß gerade aus dem längst verglommenen Opferdienst von Ephesus aus inspirierende Anregung kam für den von Christus Jesus selber sich gesalbt fühlenden Priester, den Verfasser der Apokalypse, so daß er sich fühlte wie in einem fortwährenden Zelebrieren der uralt heiligen Weihehandlung. Er fühlte, wie dieses völlige Erfülltsein des Ich mit dem Sinn der Weihehandlung nun auch ein völliges Erfülltsein mit dem Inhalt des Apokalyptischen war.

So ist die Apokalypse so aus Johannes herausgesprochen, wie eigentlich im gewöhnlichen Bewußtsein einzig das Wörtchen «Ich» herausgesprochen wird aus dem Menschen. Wenn der Mensch «Ich» sagt, spricht er sein Inneres aus in diesen wenigen Lauten. Es kann nichts anderes damit gemeint sein als die eine, individuelle menschliche Wesenheit. Aber dieses eine enthält einen reichen Inhalt. Und ein reicher Inhalt ist der Inhalt der Apokalypse." (Lit.: GA 346, S. 40f)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Tempellegende und die Goldene Legende , GA 93 (1991), ISBN 3-7274-0930-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern, GA 318 (1994), ISBN 3-7274-3181-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, V, GA 346 (2001), ISBN 3-7274-3460-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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