Punkt-Umkreis-Meditation

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Die Punkt-Umkreis-Meditation wurde von Rudolf Steiner in seinem 1924 gehaltenen «Heilpädagogischen Kurs» (GA 317) zusammen mit einer entsprechend Wandtafelzeichnung und dem Meditationsspruch „In mir ist Gott. Ich bin in Gott.“ besprochen. Sie dient dazu, ein tieferes Verständnis für die Morphologie und Metamorphose des dreigliedrigen menschlichen Organismus zu erwecken.

Tafel 12 zu GA 317, Vortrag vom 5. Juli 1924 in Dornach
Tafel 7 zum Vortrag vom 30.6.1924 in Dornach:
Polare Anordnung der Wesensglieder im dreigliedrigen Organismus
Die Anordnung der Wesensglieder im Kopfbereich ist gegensätzlich zur Anordnung im Stoffwechselbereich. Im Nerven-Sinnes-System liegt das Ich ganz innen, dann folgt der Astralleib und die äußere Hülle bilden der Ätherleib und der physische Leib. Im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System ist es genau umgekehrt - da wendet sich das Ich ganz nach außen und der physische Leib bildet den innersten Kern. Das rhythmische System vermittelt zwischen diesen beiden polaren Gegensätzen (Lit.: GA 317, S. 76ff) (Heilpädagogischer Kurs).
Tafel 14 zum Vortrag vom 30.6.1924 in Dornach

„Die Menschen können im allgemeinen auf dem Gebiete der Pädagogik nichts erreichen, weil sie nicht ernsthaftig jemals eine Wahrheit in sich rege gemacht haben. Die besteht darin, daß Sie sich am Abend einleben in das Bewußtsein: In mir ist Gott, in mir ist Gott, oder der Gottesgeist, oder was immer - aber sich dieses nicht bloß theoretisch vorschwätzen, die Meditationen der meisten Menschen bestehen darin, daß sie sich etwas theoretisch vorschwätzen -, und am Morgen so, daß das hineinstrahlt in den ganzen Tag: Ich bin in Gott. - Bedenken Sie nur, wenn Sie diese zwei Vorstellungen, die ganz Empfindung, ja Willensimpulse werden, in sich rege machen, was Sie da eigentlich tun. Sie tun das, daß Sie dieses Bild vor sich haben: In mir ist Gott - und daß am nächsten Morgen Sie dieses Bild vor sich haben: Ich bin in Gott. - Das ist eines und dasselbe, die obere und untere Figur (siehe Tafel 12). Und Sie müssen einfach verstehen: das ist ein Kreis, das ist ein Punkt. Es kommt nur abends nicht heraus, es kommt nur morgens heraus. Morgens müssen Sie denken: das ist ein Kreis, das ist ein Punkt. Sie müssen verstehen, daß ein Kreis ein Punkt, ein Punkt ein Kreis ist, und müssen das ganz innerlich verstehen.

Sehen Sie, damit kommen Sie überhaupt erst an den Menschen heran. Denn wenn Sie sich erinnern an die Zeichnung, die ich Ihnen vom Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen und vom Kopfmenschen gegeben habe[1], bedeutet diese Zeichnung gar nichts anderes als die Ausprägung und Verwirklichung dessen, was jetzt in einer einfachen Weise in einer Meditationsfigur vor Sie hingestellt wird. Im Menschen ist das verwirklicht, daß der Ich-Punkt des Kopfes im Gliedmaßenmenschen zum Kreis wird, der natürlich konfiguriert ist. Und Sie lernen verstehen überhaupt den ganzen Menschen, wenn Sie in dieser Weise an ihn herangehen, wenn Sie versuchen, ihn innerlich zu verstehen. Aber zuerst müssen Sie dieses haben, daß die zwei Figuren, die zwei Vorstellungen ein und dasselbe sind, daß sie gar nicht unterschieden sind voneinander. Nur von außen angesehen sind sie verschieden. Da ist ein gelber Kreis, da ist er auch. Da ist ein blauer Punkt, da ist er auch. Warum? Weil das die schematische Figur des Kopfes ist, weil das die schematische Figur des Leibes ist. Aber wenn der Punkt sich behauptet in den Leib hinein, dann wird er eben zum Rückenmark; wenn der Punkt hier sich hineinbegibt, wird dasjenige, was er sein soll in der Kopforganisation, dann eben Rückenmarkansatz (siehe Tafel 12). Die innere Dynamik der Morphologie ergibt sich Ihnen einfach dadurch. Sie können eine Anatomie, eine Physiologie bekommen, indem Sie von dem ausgehend meditieren. Dann kriegen Sie schon die innere Intuition, inwiefern Ihr Oberkiefer und Ihr Unterkiefer Gliedmaßen sind, inwiefern der Kopf ein ganzer Organismus ist, der aufhockt oben - seine Gliedmaßen sind verkümmert -, in der Verkümmerung sie umbildet zu Kiefern, und Sie bekommen die Anschauung, wie in einem polarischen Gegensatz Zähne stehen und Zehen. Sehen Sie sich nur einmal die Ansätze der Kieferknochen an, so werden Sie die verkümmerte Zehenbildung, die verkümmerte Fuß- und Handbildung darin wahrnehmen.

Aber es darf eben die Meditation, die in solchen Dingen wirkt, nicht die Stimmung haben, meine lieben Freunde: Ich will mich innerlich in ein warmes Nest legen, es soll mir immer warm und wärmer werden -, sondern es muß die Stimmung vorliegen, daß man in die Wirklichkeit untertaucht, daß man die Wirklichkeit ergreift. Andacht zum Kleinen. Ja zum Kleinsten. Es darf nicht das Interesse für dieses Kleine ausgetrieben werden, meine lieben Freunde. Es muß so sein, daß Sie das Ohrläppchen, der abgeschnittene Fingernagel, ein Stück des menschlichen Haares ebenso interessiert, wie Saturn, Sonne, Mond. Denn schließlich ist in einem solchen menschlichen Haar alles andere darinnen, und derjenige, der kahlköpfig wird, verliert ja tatsächlich einen ganzen Kosmos. Es ist tatsächlich so, daß innerlich erschaffen werden kann dasjenige, was äußerlich sichtbar ist, wenn man nur jene Überwindung hat, welche im meditativen Leben eben notwendig ist. Aber diese Überwindung trifft man nie, wenn irgend Spuren von Eitelkeit auftauchen, und die tauchen eben an allen Ecken und Enden auf.“ (Lit.:GA 317, S. 154ff)

„Bedenken Sie doch nur einmal, wenn man heute die Goethesche Metamorphosenlehre ansieht, wie sie durch Goethe hat werden können, der ein gescheiter Mensch war. Sie ist ja eine völlige Abstraktion, wie etwas, das überall Ansätze hat, das aber überall schon dabei stehenbleiben muß, zu zeigen, wie das Blatt in der Blüte lebt, wie sich ein Blütenblatt umwandelt in ein Staubblatt, also eine ganz elementare Metamorphose ins Auge faßt, beim Tier und Menschen dabei stehenbleibt, die Umwandlung der Wirbelknochen in Schädelknochen scheu anzuführen. Überall ist man über das Elementare nicht hinausgegangen. Ich selber war erschüttert, ich sagte mir: Ist denn nicht Goethe aufgegangen - daran krankte ich in den achtziger Jahren -, daß das ganze Gehirn die Umwandelung eines einzigen Gehirnganglions ist? Geistig konnte ich schauen, daß es ihm aufgegangen war. Dann aber fiel mir erst auf seine Zurückhaltung, das auszusagen, was ihm aufgegangen war. Als ich nach Weimar kam, fand ich in einem mit Bleistift geschriebenen Notizbüchlein die Notiz: Das Gehirn ist ein transformiertes Hauptganglion. - Das ist erst in den neunziger Jahren durch meine Bemühungen gedruckt worden. In den neunziger Jahren ist ja plötzlich ein ganz neuer Schriftsteller aufgetreten: Goethe wurde sozusagen der fruchtbarste Schriftsteller am Ende des 19. Jahrhunderts.

[...]

Aber das erlangen Sie als Einsicht, meine lieben Freunde, wenn Sie gerade diese Meditation immer wieder und wieder machen, die ich Ihnen gestern gegeben habe, indem ich Ihnen sagte: Hier ist ein Kreis, hier ist ein Punkt, da ist der Kreis Punkt, da ist der Punkt Kreis und so weiter (siehe Tafel 14). Lassen Sie immer wieder und wiederum in Ihrer Meditation den Punkt in den Kreis hineinschlüpfen, den Punkt zum Kreise sich ausdehnen, und spüren Sie dabei das Entstehen der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation aus der Kopforganisation. Bringen Sie es bis dahin, daß Sie den Kopf empfinden, wenn Sie sich sagen: Der Punkt ist Punkt, der Kreis ist Kreis. - Spüren Sie, daß Sie vom Kopf heruntergleiten zum Stoffwechselsystem, wenn Sie sich sagen: Der Punkt ist Kreis, der Kreis ist Punkt -, das Umgekehrte.“ (S. 173f)

Anmerkungen

  1. vgl. Tafel 7

Literatur

  1. Peter Selg: Die Punkt-Umkreis-Meditation des Heilpädagogischen Kurses – Vom werdenden Ich des Menschen, Ita Wegman Institut, Arlesheim 2013, ISBN 978-3905919356
  2. Rudolf Steiner: Heilpädagogischer Kurs, GA 317 (1995), ISBN 3-7274-3171-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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