Göttliche Komödie/Purgatorio

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Büste Dantes

Purgatorio

Siehe auch: Inferno und Paradiso

Das Purgatorio entspricht aus anthroposophischer Sicht dem Kamaloka bzw. dem Fegefeuer. Es ist der Ort der Reinigung von allen Begierden, die den Menschen im egoistischen Sinn an das irdische Dasein binden. In der Göttlichen Komödie erfolgt diese Läuterung auf dem Läuterungsberg, der sich auf einer Insel im südlichen Meer fast bis zur Mondsphäre erhebt. Die Insel liegt genau gegenüber von Jerusalem, wo sich nach der Überlieferung der Eingang zur Hölle in der Schlucht Gehinnom befindet, die im Süden der Jerusalemer Altstadt liegt und vom Fuß des Berges Zion in östlicher Richtung bis zum Kidrontal reicht.

Übersicht

Dante schaut auf den Läuterungsberg. Gemälde von Agnolo Bronzino (1530)
Ankunft der Engelsbarke. Kupferstich von Bartolomeo Pinelli (1825)
William Blake: Lucia trägt Dante bis zum Eingang des Fegefeuers, Purgatorio 9,55
Domenico di Michelino, La Divina Commedia di Dante (Dante Alighieri und die drei Reiche: Hölle, Fegfeuer und Paradies). 1465 Fresko in der Kuppel der Kirche Santa Maria del Fiore in Florenz. Dante hält sein Epos «Die Göttliche Komödie» in der linken Hand. Mit der Rechten weist er auf eine Prozession von Sündern zur Hölle, hinter ihm das Purgatorium und eine historische Ansicht der Stadt Florenz um 1465.
1        Venus, der Morgenstern; Cato, Hüter des Läuterungsberges.
2        Ankunft der Engelbarke; Casella, der Sänger.
3       Die unter kirchlichem Bann Gestorbenen; Manfred.
4, 5   Diejenigen die die Buße verschoben haben bis an ihr Lebensende.
6      Sordello; Bußrede über das zerrissene Italien.
7      Tal der Fürsten.
8      Erste Nacht; die zwei Engel; die Schlange der Versuchung.
9      Dantes Traum. Er wird im Schlaf zu der Petruspforte gebracht.
        Der Engel mit dem Schwerte ritzt die 7 P's (die 7 Todsünden) auf Dantes Stirn.
10    Der erste Kreis Hochmut, gute Vorbilder der Demut.
11    Die schwer büßenden Hochmütigen beten das Vaterunser.
12    Vorbilder von bestraftem Hochmut; das erste P. wird getilgt.
13    Zweiter Kreis Neid. Den Neidischen sind die Augen zugenäht.
14    Die Neidischen; warnende Stimmen in der Luft.
15    Übergang zum dritten Kreis Zorn Vision Dantes;
       Vorbilder des Sanftmutes.
16    Dichte Finsternis. Marco Lombardo über den Einfluß der Sterne
        auf die menschliche Seele. Freier Wille.
17    Übergang zum vierten Kreis. Trägheit des Herzens.
        Worte Virgils über natürliche und geistige Liebe
18    Fortsetzung des Gesprächs über Liebe und freien Willen
19    Traum von der Sirene Fünfter Kreis Geiz.
20    Dante verflucht die Habsucht;
       Frage nach dem kommenden Erlöser (Veltro) Erdbeben.
21    Erklärung des Erdbebens:
       eine erlöste Seele darf eingehen in den Himmel; Statius.
22    Sechster Kreis Gier.
23    Forese Donati.
24    Gespräch über die Dichtkunst mit Buonagiunta.
25    Statius' Belehrung über Körper und Seele;
       die Flammen des siebenten Kreises Wollust.
26    Gespräch mit Guinicelli und Arnaut (Troubadour)
        Dante spricht den Letzteren an in der provencalischen Sprache.
27    Dante schreitet durch die Flammen.
       Krönung durch Virgil mit der Kaiserkrone
       und mit der päpstlichen Mitra.
28    Das irdische Paradies; Matelda; Lethe und Eunoe.
29    Allegorischer Festzug.
30    Beatrice auf dem Wagen vom Greifen gezogen.
       Virgil ist verschwunden. Beatrices Strafrede.
31    Dantes Erniedrigung. Untertauchung in der Lethe.
       Dante schaut Beatrices Antlitz.
32    Der Paradiesesbaum. Apokalyptische Bilder.
       Riese (Französischer König) und Hure (Papsttum).
33    Beatrices Prophetie des DXV Trunk aus der Eunoe.
       Aufstieg zum Himmel (Paradiso).

Inhalt

Der Strand rund um den Läuterungsberg

Dem grausen Höllenmeer entronnen, finden sich Dante und Vergil am Strand jener weit im südlichen Meer gelegenen Insel wieder, auf der sich der Läuterungsberg so mächtig erhebt, dass der suchende Blick nicht bis zu seiner Spitze reicht. Dante ruft die heiligen Musen an, insbesondere Kalliope, die Muse der epischen Dichtung, ihm Kraft zu geben, von jenem zweiten Reich zu singen, wo Läuterung den Menschen zur Verpflichtung wird, um Himmelshöhn sich würdig zu erweisen. Am saphirblau schimmernden Himmel steht im Osten das Liebesgestirn der Venus im Sternbild der Fische. Gegen Süden gewendet erblickt Dante ein Kreuz, gebildet aus vier Sternen, die die klassischen platonischen Kardinaltugenden repräsentieren: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Im Norden sinkt der Große Bär gerade unter den Horizont.

Cato als Hüter des Läuterungsbergs

Ein ehrfurchtgebietender Greis mit langem Bart und Silberhaar erscheint und spricht die Wanderer an. Es ist Cato der Jüngere (Marcus Porcius Cato Uticensis, 95-46 v.Chr.), der im Mittelalter als Verteidiger der römischen Freiheit gegen Cäsar galt. Um diesem nicht in die Hände zu fallen, hatte er in Utica Selbstmord begangen. Ob seiner ehrenvollen Haltung wurde er bei der Höllenfahrt Christi am Karsamstag aus dem Inferno befreit. Vergil überbringt ihm die Liebesgrüße von dessen Gattin Marzia, die wie Vergil selbst und viele andere reine, aber ungetaufte Seelen den ersten Höllenkreis, die Vorhölle, bewohnt. Dann erzählt Vergil, wie er Dante auf höchsten Auftrag durch die jenseitigen Reiche bis hin zum irdischen Paradies zu führen habe, das auf dem Gipfel des Läuterungsberges liegt, von wo aus Dante von Beatrice bis zu den höchsten himmlischen Höhen geleitet würde. Cato befiehlt Vergil, Dante mit reinster Binsenborte zu gürten und dafür zu sorgen, dass dieser sich das Antlitz gründlich wasche, um allen Schmutz der niederen Welten loszuwerden. So geschieht es auch und Cato entfernt sich.

Ankunft der Engelsbarke

Die Sonne steigt und im frühen Licht regt sich Mars. Jerusalem und der Läuterungsberg liegen antipodisch; geht in Jerusalem die Sonne unter, so geht sie hier auf. Schon naht die Engelsbarke, mit der die Seelen der Toten, die zur Läuterung und nicht zu ewiger Verdammnis bestimmt sind, von der Tibermündung zum Purgatorio gebracht werden. Gemeinsam singen sie „Als Israel gezogen aus Ägypten...“ (Psalm 114). Der Engel des Herrn, vor dem Dante und Vergil ehrfürchtig auf die Knie sinken, steht am Heck.

Gustave Doré: Die Ankunft der Engelsbarke, (Purgatorio 2, 16-51)

16 So sah ich jetzt ein Licht – o säh’ ich’s mehr! –[1]
Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitt’s auf des Meeres glattem Spiegel her.
19 Als ich von ihm die Augen abgezogen
Ein wenig hatt’ und zu dem Führer sprach,
Schien’s heller dann und größer ob den Wogen.
22 Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach[2]
Ein weißer Glanz hervor, und bald erkannte,
Ich andres Weiß auch unten nach und nach.
25 Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
Indem der Flügel erstes Weiß erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:
28 „O eile jetzt, o eile, hinzuknie’n!
Sieh, Gottes Engel! Falte deine Hände!
Nun siehst du Solche Gottes Wink vollziehen.[3]
31 Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.
Nicht Segel, Ruder nicht – sein Flügelpaar
Braucht er zur Fahrt an’s ferneste Gelände.
34 Sieh, wie’s gen Himmel strebt so schön und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar.“
37 Und wieder naht er sich indeß und wieder
In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich’s nieder.
40 Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drückt’ es kaum die Spur den Fluten ein.
43 Voll Seligkeit stand er vor meinen Sinnen,
Am Hintertheil des Schiff’s, der Steuermann,
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.
46Als aus Aegypten Israel entrann,“[4]
Die Schaar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimm’gen Sanges an.
49 Er macht’ auf sie des heil’gen Kreuzes Zeichen,[5]
Drauf warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.
                                       (Purgatorio 2, 16-51)

Die Seelen betreten den weiten Strand und befragen Vergil nach dem weiteren Weg, doch dieser muss bekennen, dass er selbst noch völlig fremd in diesem Reich ist. Staunend erkennen die Seelen, dass Dante noch zu den Lebenden zählt. Unter ihnen ist auch Dantes Jugendfreund Casella, der dessen Kanzonen vertont hat. Sie wollen einander umarmen, was aber an der Körperlosigkeit der Seele scheitert. Casella entfernt sich lächelnd, Dante folgt ihm und bittet ihn, noch zum Gespräch zu verweilen. Casella berichtet, dass er jetzt erst angekommen sei, weil ihm der Engel mehrmals die Überfahrt verweigert hatte – doch das sei aus gerechtem Willen geschehen. Seit drei Monaten aber habe der Engel jeden mitgenommen, der hierher wollte – und so auch ihn. Dann beginnt Casella lieblich einen Vers Dantes zu singen, der alle, auch Vergil, bezaubert. Da erschallt die Stimme Catos und mahnt zur Eile. Verstört eilen die Seelen zum Berg. Dante und Vergil folgen ihnen.

Vorpurgatorium

Sie nähern sich der Steilwand. Zu seiner Linken sieht Dante Seelen, die sich so träge bewegen, als ob sie niemals etwas dränge. Hier harren die unter kirchlichem Bann Gestorbenen ihrer Läuterung. Zögernd und mit gesenktem Kopf trippeln die Seelen näher und sind höchst erstaunt, dass Dantes Schatten auf die Erde bis hin zur Wand geworfen wird. Aus der Geisterschar löst sich einer mit blonden Haaren. Auf seiner Stirn klafft eine Wunde. Als Dante ihn nicht erkennt, zeigt er diesem auch seine tiefe Brustverletzung. Es ist König Manfred von Sizilien (1232-1266), der natürliche und später legitimierte Sohn Kaiser Friedrichs II. Wegen seines ausschweifenden Lebenswandels wurde er exkommuniziert und fiel 1266 in der Schlacht von Benevent. Er muss das Dreißigfache der Zeit seiner Exkommunikation im Vorpurgatorium ausharren.

Der weitere Aufstieg führt durch einen engen Felskamin. Schließlich erreichen Dante und Vergil einen Hang mit leichter Schräge. Dante staunt noch immer darüber, dass die Sonne von links aufgegangen ist. Vergil belehrt ihn ausführlich über die Lage des Läuterungsberges auf der südlichen Hemisphäre.

Eine nahe Stimme höhnt. Es ist Belaqua, ein wegen seiner Faulheit stadtbekannter florentinischer Musikinstrumentenbauer und Zeitgenosse Dantes. Belaqua erklärt, warum sich die Seelen hier so träge bewegen. Jene, die, wie er selbst, ihre Reue bis zum Lebensende hinausgeschoben haben, müssen hier im Vorpurgatorium so lange ausharren, wie ihr irdisches Leben währte, ehe sie zum Aufstieg auf den Läuterungsberg zugelassen würden. Jede Eile sei hier vergebens.

Vergil drängt weiter, da die Sonne schon zum Mittag steigt. Das „Miserere“ (Psalm 51) singend nahen weitere Seele. Auch sie staunen über Dantes Schatten und bitten ihn, nach seiner Rückkehr in die Erdenwelt von ihren Leiden zu künden. Darunter ist auch Pia di Tolomei aus Siena, die von ihrem Gatten Nello da Pannocchieschi, weil er sie der Untreue verdächtigte, 1295 in einem seiner Schlösser auf geheimnisvolle Weise getötet wurde. Fürbitten der noch Lebenden können das Los der Leidenden erleichtern. Dante ist darüber verwundert, da Vergil in seiner Äneis beschrieben hatte, dass auch Bitten den Urteilspruch über die Seelen nicht ändern könnten. Doch das habe sich seit Christi Erdenleben geändert, erwidert Vergil; weitere Auskunft darüber könne aber später erst Beatrice geben.

Sordello und Dantes Strafrede über Italien

Während sich der aus Mantua stammende Dichter Sordello (um 1200-1270) nähert, hält Dante seine große Strafrede über die Zwietracht in Italien. Als sich Vergil zu erkennen gibt, wird er von Sordello freudig und ehrfürchtig begrüßt. Vergil berichtet von der Reise durch das Inferno und fragt Sordello, wie man am raschesten auf den Berg aufsteigen könne. Da schon der Abend dämmert und in der Nacht der Aufstieg unmöglich ist, führt Sordello die Wanderer zu einem tief in den Berg eingeschnittenen Tal, wo zahlreiche Herrscher das Unglück ihrer Völker beklagen. Zu ihnen zählen Rudolf I. von Habsburg und Přemysl Ottokar II. von Böhmen, der Rudolf unterlegen und 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld gefallen war. Auch sehen sie Heinrich VII. (1278/79-1313), der die kaiserliche Oberhoheit in Italien wiederherzustellen versuchte und auf den Dante so große Hoffnungen gesetzt hatte.

Die zwei grünen Engel vertreiben den Widersacher

Zwei grün wie frisches Laub gekleidete Engel mit grünen Flügeln und roten Flammenschwertern fahren aus der Höhe nieder. Dante sieht sich erschreckt und wachsam um und erblickt Nino Visconti, der Richter in Gallura in Sardinien gewesen war. Als Dante von seiner Höllenfahrt berichtet, weckt Nino fassungslos erstaunt Currado Malaspina. Am Südhimmel ist indessen das Dreigestirn aufgegangen, das für die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung steht; das morgendliche Viergestirn der Kardinaltugenden ist bereits untergangen. In diesem Moment erscheint der Widersacher in Gestalt einer Schlange, die sich durch Gras und Blumen windet. Wie Falken stürzen die grünen Engel auf ihn nieder und vertreiben ihn.

Die Pforte des Purgatoriums

Es wird Nacht. Dante versinkt im Schlaf. Im Morgentraum erlebt Dante, wie er von Lucia durch die Feuersphäre zur Pforte des eigentlichen Purgatoriums getragen wird. Schreckensbleich durchzittert wie von Frost erwacht er. Vergil beruhigt ihn und steigt den Berg hinan. Dante folgt ihm zum Tor, zu dem drei verschiedenfarbige Stufen hinaufführen. Darüber, auf höchster Schwelle, sitzt mit blankem Schwert und versteinerter Miene ein Engel als Pförtner. Die erste Stufe aus strahlend weißem Marmor spiegelt Dantes Ebenbild. Sie steht für die Selbsterkenntnis und das Bekenntnis der Sünden. Die zweite Stufe zeigt dunkle Farbgestalten, der Länge wie der Breite nach gespalten. Sie repräsentiert die Liebe, die nach erfolgter Lossprechung zur Sühne und zu guten Werken drängt. Die dritte Stufe drückt schwer auf jene, scheint aus Porphyr, wie rote Feuergüsse, wie Blut, entsprudelnd einer offenen Vene. Sie ist das Symbol des unvergänglichen Erlösungswerks Christi und der unveränderlichen Festigkeit des Bußsakraments Darauf ruhen die beiden Füße des Gottesengels, der auf der Schwelle sitzt, die aus Diamant gefügt ist. Demütig fällt Dante nieder und schlägt sich dreimal an die Brust. Der Engel ritzt mit seinem Schwert sieben „P“ (von lat. peccatum „Sünde“) in Dantes Stirn. Sie stehen für die sieben Hauptlaster, fälschlich oft auch als die sieben Todsünden (peccatum mortiferum) bezeichnet. Diese sind aber keine Sünden im eigentlichen Sinn, denn Sünden sind augenblickliche, einzelne Verfehlungen, die im Emotionalen (Astralleib) wirken, wenn der Mensch einer momentanen Versuchung verfällt, während die Laster als dauerhafte, sich regelmäßig immer wieder geltend machende schlechte Angewohnheiten tief unterbewusst in den Lebenskräften (Ätherleib) leben. Die sieben Hauptlaster, von denen sich Dante auf den folgenden sieben Terrassen des Läuterungsberges befreien muss, sind, geordnet nach abnehmender Schwere:

Hochmut (Superbia), Neid (Invidia), Zorn (Ira), Trägheit des Herzens (Acedia), Geiz (Avaritia), Gier (gemeint ist hier die Schlemmerei; Gula) und Wollust (Luxuria).

Mit dem goldenen und silbernen Schlüssel Petri öffnet der Engel das Tor und Dante und Vergil beginnen ihren Aufstieg.

1. Kreis: Hochmut - Demut

Dante und Vergil betreten den ersten Kreis des Purgatoriums, wo dem Hochmut vielfache Bilder der Demut entgegengehalten werden. Mühsam durchdringen die Wanderer eine Felsenschlucht mit zwei Seitenwänden wie Wellen, welche kommen oder fliehen. Sie kommen nur langsam weiter, bis sie endlich unbeschwert im Freien auf dem Band stehen, das den Berg umwindet. Ein Kranz von weißen, lebendig wirkenden Marmorbildern schmückt die steile Felswand des Berges mit Szenen der Demut. Beglückt sieht Dante zunächst den Engel der Verkündigung mit Maria. Ein weiteres Relief zeigt die Legende von Kaiser Trajan und der klagenden Witwe. Trajan (98-117 n.Chr.) galt als der beste und edelste römische Kaiser und soll nach der Legende durch die Gebete von Papst Gregor I. dem Großen (590-604) ins Paradiso eingelassen worden sein, nachdem ihm eine zweite, christliche, irdische Inkarnation ermöglicht wurde (siehe Paradiso 20). Dann sehen sie Büßer, die gebückt gehen, als wären sie mit schweren Steinen beladen und das Vaterunser beten. Umberto Aldobrandesco, ehemals Graf von Santafiore, ein stolzer toskanischer Raubritter, der sich durch seinen unerträglichen Hochmut dem Volk von Siena so verhasst machte, dass er in Campagnatico, einem Ort der Maremma, zuletzt ermordet wurde, weist ihnen den weiteren Weg. Vergil deutet auf den Boden, wo Skulpturen mit Beispielen bestraften Hochmuts zu sehen sind. Dante sieht die hellste aller Kreaturen – Luzifer – die, ausgestoßen, vom Himmel wie ein Blitz herniederstürzte und Arachne, die bereits als halbe Spinne im Netz hängt. Sie hatte sich damit gebrüstet, besser weben zu können als Pallas Athene und war zur Strafe in eine Spinne verwandelt worden – ein Bild für das lebendige Gedankenweben, das zum bloß intellektuellen (ahrimanischen) Spintisieren verkommen kann.

Ein Engel kommt, weiß gekleidet, mit weit gestreckter Arme Federndichte, und löscht mit einer Schwinge ein „P“ von Dantes Stirn. Indes sie nach oben steigen erklingen „Beati pauperes!“ – Gesänge („Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich“ Mt 5,3). Beim Aufstieg zu den anderen Simsen wird Dante weitere Seligpreisungen aus der Bergpredigt hören. Dante fühlt sich von der Erdenschwere so sehr befreit, dass ihm das Steigen nun ganz leichtfällt. Erstaunt betastet Dante seine Stirn und wendet sich zu Vergil, der schmunzelnd zusieht und ihn aufklärt, dass der gute Wille mit jedem gelöschten P immer stärker hervortrete und der Aufstieg immer leichter werde, je mehr sich der Mensch durch die Läuterung der himmlischen Höhe verwandt mache.

2. Kreis: Neid

Dante und Vergil erreichen den zweiten Kreis, wo sich die Neidischen läutern müssen. Geister kommen von allen Seiten auf die beiden zugeflogen, und laden sie zum Liebesmahl. Dann naht eine weinende Bettlerschar im Bußgewand. Jeder ist an des Nachbarn Schulter gelehnt und alle pressen sich an das Felsgemäuer. Ihre Augenlieder sind mit Eisendrähten zugenäht. Sapia aus Siena bereut den Hass auf ihre Heimatstadt und beschreibt ihr Verhalten in der Schlacht von Colle di Valdelsa (1269). Guido del Duca beklagt gemeinsam mit Rinier de Calboli den moralischen und politischen Verfall der Toskana und der Romagna. Dante gibt über seine Herkunft aus Florenz nur sehr ausweichend und umständlich verschlüsselt Auskunft. Plötzlich ertönt eine schrille Geisterstimme und mit schrecklich surrender Stimme, die sich zum Donnerknallen steigert, hört man Aglauros, die Tochter des Athenerkönigs Kekrops, die nach der Erzählung des Ovid ihrer Schwester Herse die Liebe des Hermes neidete, der sie deswegen versteinerte.

3. Kreis: Zorn

Als Dante und Vergil zum dritten Kreis aufzusteigen beginnen, wo der Zorn besänftigt wird, blendet Dante die starke Helligkeit eines Engels, der das zweite „P“ von seiner Stirn löscht. Vergil versichert Dante, dass er später, nach vollzogener Läuterung, das helle Licht nicht nur leicht ertragen, sondern freudig begrüßen werde. Von unten erklingt das „Beati sunt misericordes!“ („Selig sind die Barmherzigen!“ Mt 5,7). Dante setzt sich und wird plötzlich von einem Traum fortgerissen, der ihm Bilder der Sanftmut zeigt. Er sieht, wie Maria den 12-jährigen Jesusknaben im Tempel wiederfindet und erlebt die Steinigung des Heiligen Stefan (Apg. 7, 55), der zum Herrn fleht, er möge seinen Peinigern vergeben. Es wird Abend. Dichter Rauch behindert die Sicht, lähmt den Atem und ätzt die Haut. Stimmen, die zum Gotteslamm um Frieden flehen, singen das „Agnus Dei“.

Marco Lombardo über den Einfluss der Sterne auf das menschliche Schicksal

Marco Lombardo, ein edler Venezianer, geübter Hofmann und Freund Dantes nähert sich und ist höchst erstaunt Dante hier in seiner vollen leiblichen Gestalt anzutreffen. Dann spricht er über den Einfluss der Sterne auf die menschliche Seele, wie aber doch die Entscheidung zwischen Gut und Böse allein im freien Willen des Menschen läge.

67 Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse
Der Himmel selber Schuld an Allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.
70 Wär’s also, sprich, wo wäre nur ein Schein[6]
Von freiem Willen? wie entspräch’s dem Rechte,
Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein?
73 Anstoß leih’n eurer Regung Sternenmächte;[7]
Nicht jeglicher; jedoch auch dies gesetzt.
So ward Erkenntniß euch für’s Gut’ und Schlechte
76 Und freier Wille, der, wenn er auch jetzt
Zuerst nur mühsam mit den Sternen streitet,
Vom Kampf gestählt, gewißlich siegt zuletzt.
79 Und seid ihr frei, so ist das, was euch leitet,
Bess’re Natur und größre Kraft – ein Geist,
Dem keine Hindrung mehr ein Stern bereitet.
82 Drum, wenn die Welt mit sich der Irrthum reißt,
In euch nur liegt der Grund, liegt in euch Allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist: –
                                       (Purgatorio 16, 67-84)

Ähnliches hatte schon Thomas von Aquin in seiner Summe der Theologie vertreten:

„Die meisten Menschen folgen der Sinnlichkeit, auf welche die Himmelskörper Einfluß haben. Wenige sind weise, so daß sie den Leidenschaften widerstehen. Deshalb können die Astrologen in vielen Fällen Wahres vorhersagen, zumal wenn das Vorhersagen Allgemeines betrifft. Für ganz einzelne Handlungen jedoch können sie es nicht, weil jeder Mensch im einzelnen Falle der Leidenschaft widerstehen kann. Deshalb sagen auch die Astronomen selber, „der Weise beherrsche die Sterne,“ insoweit er nämlich seinen Leidenschaften widersteht.“

Thomas von Aquin: Summe der Theologie I, 115, 4

4. Kreis: Trägheit des Herzens

Ehe sie den vierten Kreis erreichen, wo die Trägheit überwunden werden muss, wird Dante wieder von der Helligkeit des Engels geblendet, der das dritte „P“ von seiner Stirne wischt, während zugleich „O selig, die den Frieden weitertragen!“ erklingt. Erschrocken bemerkt Dante, dass er zu lahmen, ja zu hinken beginnt und muss sich setzen.

Vergil über die natürliche und die geistige Liebe

Vergil spricht nun über die natürliche und über die geistige Liebe und ihren Zusammenhang mit der freien Willenskraft und erklärt so den Aufbau des Läuterungsberges. Die natürliche Liebe kann nicht irren; die geistige kann durch den Gegenstand irren und führt dann im Verhältnis zum Nächsten zu Hochmut, Neid und Zorn (1. – 3. Kreis); die geistige Liebe kann aber auch durch das falsche Ausmaß irren und führt dann zu Trägheit, Geiz, Schlemmerei und Wollust (4. – 7. Kreis).

Die hässliche Sirene

Schlaf beginnt Dante allmählich zu umfangen, aus dem er aber plötzlich durch rasendes Gedränge herausgerissen wird. Zwei Stimmen rufen wie aus qualgedrückten Lungen und geißeln die Trägheit durch Beispiele beherzter Tätigkeit. Schnell verschwinden die Schattengestalten wieder und Dante schließt schlaftrunken die Augen. Im Traum erscheint ihm die liebliche Sirene als die hässlichste aller Frauen. Sie lallt, schielt, hat krumme Beine, ist bleich und ihre die Arme tragen Krallenklauen - ein Sinnbild für die Laster des Geizes, der Schlemmerei und der Wollust, die auf den folgenden Kreisen des Läuterungsberges überwunden werden müssen. Eine gute Frau tritt an Dantes Seite. Sie steht für die die Klugheit, die den rechten Gebrauch der irdischen Güter lehrt. Entschlossen packt sie die Sirene und zerreißt ihre Kleider; der üble Dunst ihres Körpers bringt Dante zur Besinnung. Vergil drängt Dante weiter. Ein Engel mit offenen Flügeln empfängt sie. Er weist aufwärts und umfächelt Dante mit seinen Schwingen. Das vierte „P“ wird von Dantes Stirn gelöscht.

5. Kreis: Geiz - Verschwendung

Bald erreichen die Wanderer den fünften Kreis, wo die Geizigen gefesselt mit dem Rücken nach oben am Boden liegen. Eine dieser Seelen ist Papst Hadrian IV., der 1276 nach seinem nur etwa einmonatigen Pontifikat gestorben war und beklagt, wie sein Drang zum Guten im Habsuchtstaumel untergegangen sei. Dante kniet sich zu ihm nieder und verflucht die Habsucht. Dann fragt er nach dem kommenden Veltro, der die Wölfin – das Sinnbild des Geizes und der Gier – vertreiben werde. Die Zahl des Veltro - DXV (515) – ertönt ähnlich wie schon im ersten Gesang des Infernos. Da erscheint Hugo Capet, der Begründer des Kapetinger-Geschlechts, das die Karolinger abgelöst hatte und beklagt die unersättliche Besitzgier seines eigenen Geschlechts. Insbesondere geißelt er den gegenwärtigen französischen König Philipp IV. den Schönen, der die Päpste ins Exil nach Avignon gezwungen hatte und 1307 aus seiner Begierde nach Gold den Untergang des Templerordens eingeleitet hatte.

Erdbeben - Statius

Während Dante und Vergil weiterziehen, erschüttert ein schweres Erdbeben den ganzen Berg. Ein Schatten kommt auf sie zu und gibt sich als der römische Dichter Publius Papinius Statius (um 40-96) zu erkennen. Er erklärt, dass der Berg nur dann und im vollen Einklang mit der himmlischen Ordnung erbebe, wenn eine Seele zum weiteren Aufstieg reif geworden sei. Er selbst habe 500 Jahre in den unteren Bereichen ausgeharrt, um nun, und zwar aus eigenem freiem Willen, höherzusteigen. Dann erzählt er von seinen eigenen Dichtungen und wieviel er dem Vorbild Vergils zu danken habe. Dante hört ihm schmunzelnd zu und stellt im dann seinen Begleiter vor. Ehrfürchtig sinkt Statius sinkt zu Vergils Füßen und schließt sich dann den Jenseitswanderern an.

6. Kreis: Gier

Ein Engel löscht das fünfte „P“ von Dantes Stirn und weist sie zum sechsten Kreis, wo die Schlemmer für ihre Gier büßen. Statius berichtet indessen, dass er nicht des Geizes wegen solange im unteren Kreis ausharren musste, sondern wegen seiner Verschwendungssucht. Diese beiden spiegelbildlichen Laster müssen im gleichen Kreis getilgt werden. Aus Mitgefühl mit den unter Domitian verfolgten Christen sei er schließlich selbst in aller Stille zum Christentum übergetreten. Dante folgt den beiden Dichtern, die weiter miteinander sprechen und lauscht ihren Worten. Schließlich kommen sie zum Baum des Lebens, der sich nach unten zu verjüngt, genau umgekehrt wie bei einer Fichte. Seine Früchte riechen lieblich. Von oben tränkt ein klarer Wasserfall den Baum, aus dem eine Stimme ertönt und davor warnt, von diesen Früchten zu essen. Ausgemergelte Gestalten mit bleichen Wangen und finsteren Augenhöhlen eilen vorüber. Einer der Schatten starrt Dante an. Es ist Forese Donati, ein florentinischer Dichter, hemmungsloser Schlemmer und Freund Dantes. Dante ist erstaunt, ihn schon hier zu finden, da er die Schlemmerei erst in seiner Todesstunde bereut hatte und demnach noch lange Zeit im Vorpurgatorium harren müsste, bevor ihm die eigentliche Läuterung ermöglicht würde. Das sei nur den Tränen und frommen Bitten seiner treuen Gattin Nella zu verdanken, gesteht Forese. Dann entfernt er sich eilig, da hier die Stunden teuer seien. Dante kommt mit Vergil und Statius zu einem Baum, der ein Ableger des Baums der Erkenntnis ist. Viele Seelen umlagern ihn, die vergeblich seine Früchte zu erlangen suchen. Eine warnende Stimme erklingt aus dem Apfelbaum und drängt sie zum Weitergehen. Schließlich kommen sie zum Wächterengel, dessen Erscheinung Dante blendet und das sechste „P“ von seiner Stirne löscht.

Statius über die irdischen und die jenseitigen Leiber

Siehe auch: Der Leib der Toten

Während des Aufstieg in den siebenten Kreis, wo die Wollüstigen büßen, belehrt Statius nun Dante über die Entstehung des Leibes und der Seele und über das Wesen der jenseitigen Schattenleiber und warum diese auch hier noch Hunger und Durst fühlen. Es sei die Seele, die schon im Erdenleben den Leib forme, und diese Formkraft ginge auch nach dem Tode, wenn Lachesis den Lebensfaden versponnen hat, nicht verloren. Zwar sei hier der Leib nicht aus dichten Stoffen, sondern aus Luft gewoben und darum völlig durchsichtig, doch blieben die sinnlichen Begierden und Leidenschaften auch hier noch bis zu ihrer vollständigen Läuterung mit voller Kraft erhalten.

7. Kreis: Wollust

Sie erreichen schließlich den siebenten Kreis, wo sie sich wie üblich nach rechts wenden. Die Wollüstigen büßen hier im Feuer. Der Wind bläst nach oben, das Feuer schont so die Außenkante. Die Büßer singen den Hymnus „Clementiae Summae Deus“ („O Gott der höchsten Milde …“), in dem um die Befreiung von der bösen Lust gebeten wird. Dann erkling lautstark mit „Non cognosco virum“ die bekannten Worte Marias bei der Verkündigung (Lk 1,34): „Wie soll das zugehen, sintemal ich von keinem Manne weiß.“ Wieder staunen die Seelen über Dantes dichte körperliche Erscheinung. Guido Guinizelli, der Begründer des «Süßen Neuen Stils», spricht Dante diesbezüglich an. Von allen Seiten drängen sich zur Buße die Schatten verschiedenen oder gleichen Geschlechts eng zusammen, sich zu küssen, und huschen weiter, satt von diesem Gruß. Dann beginnen sie laut „Sodom und Gomorrha!“ zu schreien und verdammen alle Sünden der Wollust. Außerhalb der Flammen naht ein Engel mit den Worten „Beati mundo corde“ („Selig, die reinen Herzens sind.“ Mt 5,8) und fordert die Wanderer auf, die Feuerwand zu durchschreiten. Starr vor Schauer bleibt Dante stehen. Erst als ihm Vergil erzürnt klarmacht, dass nur der Weg durch die Flammen zu Beatrice führt, tritt Dante mit Statius und Vergil ein. Die Stimme des Engels ertönt aus dem hellen Licht: „O benedicti Patris mei, venite!“ („Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters.“ Mt 25,34).

Sie steigen durch die tiefe Felsenrinne gen Osten aufwärts und legen sich dann ermattet nieder. Über ihnen wölbt sich der Himmel mit den Sternen. Die Venus steht im Osten. Dante versinkt in Schlaf. Im Traum sieht er auf einer weiten Wiese ein schönes Weib beim Blumenpflücken. Es ist Lea, die Schwester der Rahel, die hier als Symbol des tätigen Lebens (vita activa) erscheint (Rahel steht für das beschauliche Leben, vita contemplativa). Mit wohligem Empfinden erwacht Dante und Vergil führt in die letzten Stufen hinauf und verabschiedet sich mit den Worten: „Zu deinem eignen Herrn darf ich dich krönen.“ - ganz allein sein eigener freier Wille muss von nun an Dante weiterführen.

Das irdische Paradies

Dante betritt nun den Wald des irdischen Paradieses und sieht jenseits des Lethestroms die blumenpflückende Matelda. Sie war, äußerlich gesehen, wahrscheinlich eine Freundin Beatrices, die Dante einst zu Beatrice führte. Matelda entspricht aber im tieferen Sinn der Göttin Natura, die in noch viel umfangreicherer Form von den großen Lehrern der Schule von Chartres und zuletzt noch von Dantes Lehrer Brunetto Latini im „Tesoretto“ besungen wurde, und ist eng verbunden mit den aus dem Weltenäther strömenden Lebenskräften und auch mit dem Lebensleib (Ätherleib) des Menschen, der der eigentliche Gedächtnis-Träger ist. Der Lethestrom löscht die Erinnerung an die Verfehlungen des Erdenlebens und macht das Bewusstsein frei für das reine geistige Erleben, das dann durch den Trunk aus der Eunoe, der anderen Seite der Lethe, geweckt wird. In der Göttin Natura lebte in christlich erneuerter Form der Persephone-Mythos fort. Der Lebensleib wurde von Rudolf Steiner auch als Liebeleib bezeichnet. Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine lebendig-belebende lebensspendende Kraft. Matelda ist daher hier auch ein Symbol für die christliche Liebe. Matelda kommt näher, bis sie nur mehr der kaum drei Schritte breite Lethestrom trennt, den aber Dante jetzt noch nicht überschreiten kann. Matelda klärt Dante darüber auf, dass hier die Lüfte von der ersten Drehung des Himmels bewegt werden und wie die Bäume den Lüften ihre Samen mitgeben und so grünendes Leben dem Erdental spenden. Aus Gottes Willen entspringt eine Quelle, die zwei Arme speist, die den Paradieseswald umrunden. Auf dieser Seite fließt die Lethe, auf der anderen Eunoe.

Der allegorische Triumphzug der Kirche

Als sie am Rand des Baches flussaufwärts weiterschreiten, durchleuchten Lichter wie Blitze den Wald und süße Melodien erklingen. Es naht der allegorische Triumphzug der Kirche. Vornweg erscheinen sieben goldene Leuchter, vom hellen Hosianna-Ruf begleitet. Die sieben Leuchter entsprechen den sieben Geistern Gottes (Off 1,4, Off 3,1, Off 4,5 und Off 5,6) oder auch den sieben Gaben des Heiligen Geistes bzw. den sieben Freien Künsten (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie). Die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind aus katholischer Sicht: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Flammen in sieben regenbogenfarbigen Streifen folgen in Zweierreihe vierundzwanzig Greise, bekrönt mit weißen Lilienkränzen. Es sind die 24 Ältesten aus der Offenbarung des Johannes und entsprechen zugleich auch den 24 Büchern des Alten Testaments. Die Lilienkränze sind ein Symbol der Reinheit und des Glaubens an den kommenden Erlöser. Es folgen die vier Evangelisten-Tiere (Stier, Löwe, Adler, Mensch) mit je sechs Flügeln, die Augen tragen. Zwischen den Tieren wir Wagen auf zwei Rädern von einem Greif gezogen, der den Körper eines fleischfarbenen Löwen und dem Kopf eines goldenen Adlers hat. Er ist ein Symbol für den Christus; der goldene Adlerteil repräsentiert seine göttliche, der fleischfarbene Löwenteil seine menschliche Natur. Vor dem rechten Rad tanzen drei Frauen; die erste rot, die zweite wie aus edelstem Smaragd, die dritte weiß wie der Neuschnee. Sie stehen für die christlichen Tugenden: Liebe, Hoffnung und Glaube. Auf der linken Seite tanzen vier Frauen in schönstem Purpurkleid. Es sind die vier Kardinaltugenden: Gerechtigkeit, Starkmut, Besonnenheit (Mäßigung) und Klugheit (sie hat drei Augen, mit denen sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überschaut). Ihnen folgen zwei Ergraute als Symbole für die Apostelgeschichte und für die Paulusbriefe, dann vier Demutsvolle, die auf die Briefe der Apostel Petrus, Johannes, Jakobus und Judas Thaddäus hinweisen und ein Greis für die Offenbarung des Johannes. Um ihr Haupt ist ein Kranz von roten Rosen wie auch anderen roten Blüten gewunden ist. Zusammen repräsentieren sie das Neue Testament. Die roten Rosen und die anderen roten Blüten stehen für die Liebe.

Beatrice

Dantes Begegnung mit Beatrice im Garten Eden, Dante Gabriel Rossetti (1859)

Als endlich das Gespann anhält, ertönt ein Donnerschlag. Das Nordgestirn, der kleine Bär mit seinen sieben Sternen, steht still. Eine Engelsstimme singt dreimal: „O steig vom Libanon zum Tale, du meine Braut!“ Die Seligen schlüpfen aus dem Schoß der Erde und singen: „Benedictus es, qui venis“ („Gelobet seist du, der du kommst.“). Dann streuen sie Lilien nach allen Seiten und singen dabei: „O manibus nunc date lilia plenis!“ („O spendet nun mit vollen Händen Lilien.“).

Mit weißem Schleier erscheint auf dem Wagen inmitten der Blumenwolke Beatrice, olivenzweigumschlungen; unter dem grünen Mantel ist ihr rotes Kleid erkennbar (das sind die Farben der drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe). Ohne sie noch zu erkennen, ist Dante von ihrer Tugendkraft überwältigt und will sich wie üblich zu Vergil wenden. Betroffen bemerkt er erst jetzt, dass sein verehrter Meister entschwunden ist. Gebieterisch, mit strenger Stimme gibt sich Beatrice zu erkennen, legt aber den Schleier noch nicht ab. Sie zählt, zu den Seligen gewendet, schonungslos alle Vergehen Dantes auf. Betroffen versagt Dante die Stimme, nur ein schwaches „Ja“ entringt sich seiner Kehle. Ungeduldig setzt Beatrice ihre strenge Strafpredigt fort. Dante ist von Reue ergriffen. Matelda tritt zu ihm und taucht ihn bis zum Mund ins Wasser der Lethe. Die Seligen singen. Matelda drückt Dantes Kopf unters Wasser und er nimmt einen tiefen Schluck. Dann führt sie ihn in den Reigen der vier Schönen, der Kardinaltugenden, die ihn zum Wagen mit dem Greif geleiten. Der Greif, leuchtend als ob ein Spiegel Sonnenglut verschickt, verwandelt sich beständig – ein Urbild, welches kaum sich rührte, jedoch sein eignes Abbild ständig wechselt. Als die drei christlichen Tugenden Beatrice bitten, sie möge Dante den ersehnten heiligen Anblick gewähren, legt sie ihren Schleier ab.

Der Triumphzug setzt sich wieder in Bewegung; Dante folgt mit Statius dem Wagen Beatrices. Sie kommen zum entblätternden Baum der Erkenntnis, wo Beatrice vom Wagen steigt. Alle murmeln klagend „Adam“. Der Greif bindet die Deichsel des Wagens an den Stamm des Baums der Erkenntnis. Der Baum blüht auf, ringsum bedeckt mit lilafarbenen Sprossen. Dante versinkt in Schlaf. Erwachend erlebt er, wie einst die Apostel Jakobus, Petrus und Johannes, die Verklärung Christi. Matelda tritt zu ihm. Der Triumphzug mit dem Greifen hat sich mittlerweile zum Himmel erhoben. Da stößt mit rasender Bewegung ein Adler, der Vogel Jupiters und Symbol der römischen Kaiser, unter deren Herrschaft die Christenverfolgungen stattfanden, auf den Baum herab, knickt Blüten und Blätter und zernagt die Rinde. Mit aller Kraft reißt er am Wagen, der wie ein Schiff auf sturmbewegter See hin- und hergeworfen wird. Ein Fuchs, als Symbol für die Irrlehren, beschleicht den Wagen, begierig nach bester Speise um sich spähend, doch Beatrice verjagt ihn. Wieder stürzt der Adler auf den Wagen nieder und lässt gar viele Federn vom Gefieder.

Plötzlich scheint die Erde aufzubrechen und ein Drache dringt hervor, der mit seinem Stachelschwanz den Wagen durchsticht und zerbricht. Die Reste des heiligen Fahrzeugs werden von Unkraut überwuchert. Dann verwandelt sich der Wagen zu einem Ungeheuer mit sieben Köpfen (Off 17,1-18), drei vorn, wie Stierhörner, und vier, sich aus den Kanten reckend. Die sieben Hörner entsprechen hier den sieben Hauptlastern: Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei und Wollust. Darauf sitzt mit entblößten Brüsten eine ausgelassene Dirne, die mit einem Riesen buhlt. Nachdem sich beide heftig küssen, hebt er die Peitsche, schlägt sie und reißt den Wagen vom Baum los und verschwindet mit ihm im Wald.

Die sieben Tugenden, Matelda, Statius und Dante folgen Beatrice, die sich vom Baum der Erkenntnis entfernt und das Kommen des Veltro», des DXV (515), prophezeit, der die Erlösung bringen werde.

Die Gemeinschaft wandert weiter und erreicht schließlich Quelle der vier Paradiesesströme: Pischon, Gihon, Hiddekel (Tigris) und Perat (Euphrat). Matelda führt Dante und Statius zu Eunoe. Das Bad und der Trunk aus Eunoe (vermutlich abgeleitet von griech. εὐ, eu, „schön, gut“ und νοεῖν, noeín, „denken“, also „schön bzw. gut denken“ „das Geistige vernehmen“) erneuert Dantes Erinnerung an alle seine guten Taten. Es ist der „Gedächtnistrank“ der Eingeweihten. Damit ist Dante bereit und rein zum Aufstieg nach den Sternen.

Einzelne Motive

Jedem Einweihungsweg muss eine gründliche Läuterung, eine Katharsis, vorangehen, durch die sich der Mensch von jenen seelischen Schwerekräften befreit, die ihn an das nur irdische Dasein fesseln. Dante macht diese Reinigung beim Aufstieg auf den Läuterungsberg durch. Auf sieben Stufen wird die Seele von den 7 Hauptsünden befreit.

Anschließend an die Läuterung muss Dante die für jede Einweihung typischen Proben bestehen, wie sie Rudolf Steiner auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» schildert:

Feuerprobe

William Blake: Dante betritt das Feuer
William Blake: Beatrice spricht zu Dante
Siehe auch: Feuerprobe

Ein strahlende Engel lädt Dante ein, die Flammenwand zu durchschreiten. Dante muss die Feuerprobe bestehen. Das geistige Feuer "verbrennt" den Schleier der sinnlichen Welt und die geistigen Urbilder der äußeren Welt leuchten für den imaginativen Blick auf. Das ist eben nur möglich, wenn zuvor auch die letzten Reste der sinnlichen Begierde abgestreift wurden – denn eben diese webt den Sinnesschleier.

Man muss aber auch verstehen lernen, was man sieht. Zur Imagination tritt die Inspiration hinzu. Man lernt die Stimmen der geistigen Welt zu vernehmen. Angesichts der lodernden Feuerwand vernimmt Dante die Worte des Engels:

7 Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
„Beglückt, die reines Herzens sind!“ – und mehr[8]
Als menschlich war sein Ton, der mächt’ge, frohe.
10 Drauf: „Weiter nicht, ihr Heil’gen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!“
13 Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört’ ich mich zum schwersten Tod verdammen.
16 Ich sank auf die gefalt’nen Hände vor,[9]
Ins Feuer schauend, – wen ich brennen sehen,
Deß Bild stieg itzt vor meinem Geist empor.
                                   (Purgatorio 27,7-18)

Die Inspiration zu erleben, ist gleichbedeutend damit, dass man lernt die okkulte Schrift zu lesen. Das ist gleichsam die Gebärdensprache der geistigen Welt. Es sind keine ausgedachten Symbole, sondern diese geistige Schrift entspricht genau den Kräften, die in der geistigen Welt wirksam sind. In dieser geistigen Zeichensprache kann man die geistige Welt viel unmittelbarer erfassen und beschrieben als in sinnlichen Gleichnissen – das ganze imaginative Erleben, das bis dahin ein bildhaftes, aber sinnlich-bildhaftes Erleben war, ändert und vertieft sich dadurch.

Das irdische Paradies

"Als nächstes Gebiet zwischen Fegefeuer und Himmel kommt Dante in den Garten Eden. Dort werden wir in die Anschauungsweise eingeführt, die die eigentlich christliche ist: wie der Ursprung der Kirche im Geistigen ruht. Wer im Sinne des Mittelalters verstehen will, wie die Kirche sein soll, muß sich hinauforganisieren dahin, ihr Urbild im Jenseits zu sehen. Das führt Dante im Hinblick auf die Weltanschauung des Dionysius Areopagita von den himmlischen Hierarchien aus. Eine Stufenfolge gibt es da, die Dionysius bezeichnet: Engel, Erzengel, Urkräfte, Gewalten, Mächte, Herrschaften, Throne, Cherubim, Seraphim. Die Stufenfolge der weltlichen Hierarchie der Kirche sollte ein Abbild dieser himmlischen Hierarchien sein. Das stellt Dante im Garten Eden dar, wo uns die Hierarchien symbolisch entgegentreten." (Lit.: GA 097, S. 34)

Nachdem Dante durch das Feuer geschritten ist, trifft er zunächst auf Matelda. Matelda entspricht der Göttin Natura, die in noch viel umfangreicherer Form von den großen Lehrern der Schule von Chartres besungen wurde, und ist eng verbunden mit den aus dem Weltenäther strömenden Lebenskräften und auch mit dem Ätherleib des Menschen, der der eigentliche Gedächtnis-Träger ist. Sie steht darum auch in enger Beziehung zum Ätherleib des Menschen, wohingegen Beatrice, die Dante durch das Paradiso führt, mit dem geläuterten und zum Geistselbst verwandelten Astralleib zusammenhängt, der in der christlichen esoterischen Terminologie auch als Jungfrau Sophia bezeichnet wird. In der Göttin Natura lebte in christlich erneuerter Form der Persephone-Mythos fort.

"Dann übernimmt Beatrice die Führung. In der Seele unterscheiden wir ein weibliches Element, das innere Seelenwesen, und ein männliches Element, das Geistige im Universum, das die Seele befruchtet. Die weibliche Seele zieht uns hinan. Die mittelalterlichen Alchimisten nannten das Weibliche im Menschen das «Lilium». Darum spricht auch Goethe in seinem Märchen von der «schönen Lilie». Beatrice ist wirklich im Sinne der Danteschen Denkweise so dargestellt, daß er in ihr das Gebäude der scholastischen Theologie zum Ausdruck bringen kann." (Lit.: GA 097, S. 34f)

Beatrice erscheint, zunächst noch verschleiert, auf einem Siegeswagen der von einem Greif gezogen wird. Sie trägt einen weißen Schleier und einen Kranz aus einem Olivenzweig und um das Kleid, das wie Feuer scheint, hat sie einen grünen Mantel umgeschlagen. Sie gibt sich als Beatrice zu erkennen und richtet mahnende Worte an Dante. Ehe er aus dem Fluss der Lethe trinken dürfe, müsse er noch vollkommene Reue zeigen:

142 Nicht wär’s, wie sich’s nach ew’gem Rath gebührt,
Wenn er durch Lethe ging’ und sie genösse,
Und nicht vorher, bußfertig und gerührt
145 In Reuezähren seine Schuld ergösse.“
                            (Purgatorio 30,142-145)

Dann erst darf ihn Matelda mit den Wassern der Lethe tränken. Der Trunk des Vergessens aus den Fluten der Lethe befreit Dante von den leidvollen Erinnerungen an seine Sünden im vorangegangenen Erdenleben (31. Gesang). Dann trinkt er aus der Eunoë (33. Gesang), die ihm das geistige Leben, das ihm im irdischen Dasein wie erstorben schien, neu belebt, wie es auch der dritte Teil des Rosenkreuzerspruches andeutet: „Per spiritum sanctum reviviscimus“ (Durch den Heiligen Geist werden wir neu belebt).

Wasserprobe

Durch diese Probe muss sich beweisen, ob man sich, wenn die Stütze der äußeren sinnlichen Welt weggefallen ist, frei und sicher in der geistigen Welt bewegen kann. Dazu gehört sichere eigenständige Urteilskraft im Denken, Selbstbeherrschung im Empfinden und Initiativkraft im Wollen (man nimmt freiwillig ernste Verpflichtungen auf sich, zu denen es keinen äußeren Anstoß gibt). Nur so kann man von der Sinneswelt, die einen sicher trägt, zum bewussten Erleben der unaufhaltsam strömenden Ätherwelt übertreten. Man betritt dann wie Dante die ätherische Welt des "irdischen Paradieses" und man lernt wie er die beiden Ströme Lethe und Eunoë kennen. Man tritt in jenen paradiesischen Zustand über, in dem der Mensch war, ehe er sich in dichten stofflichen Leibern verkörperte – und in den er künftig in verwandelter Form wieder übertreten wird.

Luftprobe

Hier muss man nun absolute Geistesgegenwart entwickeln. Es darf kein Zögern und kein Zweifeln mehr geben. Man muss sich ganz sicher und fest auf sich selbst stützen. Man agiert nun ganz selbstständig aus seinem höheren Selbst. Man darf sich nicht verlieren. Das heißt aber auch, dass man seine geistigen Fähigkeiten jederzeit ganz präzise einschätzen muss. Man muss nicht im absoluten Sinne vollkommen sein, dazu bedarf es noch eines weiten Weges – aber man muss sich ganz schonungslos seines eigenen Wertes und auch seines Unwertes bewusst werden. Man muss – um bei Dantes Bild zu bleiben – die Strafpredigt Beatrices über sich ergehen lassen.

Der Trunk des Vergessens

Sandro Botticelli: Beatrice am Lethefluss
Cristobal Rojas: Dante und Beatrice am Lethe-Fluss (1889)

Hat man diese Proben bestanden, darf man in den Strom der Lethe tauchen und aus ihren Fluten trinken. Die Erinnerung an alte Schuld, die hier nur mehr hemmend wäre, wird ausgelöscht. Überhaupt wird das ganze herkömmliche Gedächtnis beiseite gestellt – es darf sich keine Erinnerung, nichts im Leben Erfahrenes oder Erlerntes, störend in die geistige Erkenntnis einmischen, die nur mehr aus der unmittelbaren Geistesgegenwart schöpfen darf.

Der Gedächtnistrank

Noch ein zweiter «Trank» wird dem Eingeweihten gereicht – der Gedächtnistrank. Durch ihn sind ihm die höheren Geheimnisse und vor allem auch das genaue Bewusstsein für das Maß der eigenen Kräfte ständig lebendig gegenwärtig. Dazu würde das gewöhnliche Gedächtnis nicht ausreichen. Man ist jetzt unmittelbar mit den geistigen Welten verbunden und handelt aus ihrem lebendigen Anschauen. Man muss darüber nicht mehr nachdenken, das Handeln aus dem Geistigen heraus ist einem zur zweiten Natur geworden.

Der Leib der Toten

Je weiter Dante den Läuterungsberg hinansteigt, desto mehr wird ihm zur Frage, wieso die Toten überhaupt als geschlossene Gestalt erscheinen können. Angesichts derer, die für ihre Gier hier zur Buße magern müssen fragt er:

20                ... Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?
                                       (Purgatorio 25,20-21)

Von Statius (Publius Papinius Statius, ca. 45 - 96 n. Chr.), dem römischen Dichter, wird er nun über das Verhältnis von Seele und Leib und über die Bildung der menschlichen Gestalt belehrt:

37 Das reinste Blut, das von den Adern nie[10]
Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die über den Bedarf Natur verlieh,
40 Empfängt im Herzen wunderbarer Weise
Die Bildungskraft für menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,
43 Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
Den man nicht nennt, von wo’s zu ander’m Blute[11]
46 Daß beides zum Gebild zusammenfluthe,[12]
Ist leidend dies, und thätig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte.
49 Drin angelangt, beginnt’s sein Wirken dort;
Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.
52 Es wird die Seel’ aus thät’ger Kräfte Streben,[13]
Wie die der Pflanze, die nur still’ schon steht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.
55 Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,
Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die thät’ge Kraft, was sie gesä’t.
58 Wie nun des Herzens Zeugungskräfte walten,
Wird ausgedehnt die Frucht, geschwellt, entwirrt,
So, daß die Glieder sämmtlich sich gestalten.
61 Doch, Sohn, wie nun das Thier zum Menschen wird,
Noch siehst du’s nicht, und dies ist eine Lehre,
Worin ein Weiserer als du, geirrt.[14]
64 Er war der Meinung, von der Seele wäre
Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die Aeußerung der letztern uns erkläre.
67 Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgethan,
Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn,
70 Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
Zu ihr der Schöpfer sich, und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke,
73 Daß er, was thätig dort ist, an sich reißt,
Und mit ihm sich vereint zu Einer Seele,
Die lebt und fühlt und in sich selber kreist.
76 Und daß dir’s nicht an hellerm Lichte fehle,
So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermähle.
79 Gebricht es dann der Lachesis an Lein,[15]
Dann trägt im Keim sie aus des Leibes Hülle
Des Menschlichen und Göttlichen Verein;
82 Und wenn die andern Kräfte stumm und stille,
Bleibt, schärfer als vorher, in Macht und That
Erinnerung jetzt, Verstandeskraft und Wille.
85 Und ohne Säumen fällt sie am Gestad’,
Dem oder jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.
88 Ist sie nun am bestimmten Orte wieder,
So strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
Und wirkt, wie einst, durch die lebend’gen Glieder.
91 Und wie die Luft, vom Regen feucht und schwer,
Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen
Im Wiederglanz vom Sonnen-Feuermeer;
94 So jetzt die Lüfte, so die Seel’ umwogen,
Worein die Bildungskraft ein Bildniß prägt,
Sobald die Seel’ an jenen Strand gezogen.
97 Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
Wo irgend hin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt.
100 Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr
Auch jeder Sinn mit Inbegriff vom Sehen.
103 Und daher sprechen, daher lachen wir,
Und daher weinen wir die bittern Zähren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier.
106 Der Schatten drückt sich’s aus, je wie Begehren
Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram;
Dies mag dir, was du angestaunt, erklären.“
                                  (Purgatorium 25,37-108)

In der Blutswärme lebt die Willenskraft des Ich. Mit dem Blut strömen die Bildekräfte, die die menschliche Gestalt formen. Das geistige Feuer, die innige Seelenwärme, die strömende ätherische Wärme und die äußere Wärme durchdringen sich so sehr, dass Leib, Seele und Geist nahezu untrennbar ineinander verschlungen werden. Wären die Hüllenglieder des Menschen nicht durch den Sündenfall und seine Folgen korrumpiert, würden wir die Formkräfte, die die menschliche Gestalt bilden, unmittelbar in das geistige Dasein mitnehmen. Durch den Einfluss der luziferischen und ahrimanischen Widersacher haben sich aber immer mehr Kräfte der Finsternis und Kälte unseren Wesensglieder einverwoben. Sie können nicht in das höhere geistige Dasein mitgehen und müssen ausgeschieden werden.

Noch feiner gesponnen sind die Leiber der Seligen im Paradiso. In der Mondsphäre sieht Dante verwundert die Seelen wie bloße Spiegelbilder, wie Gesichter, die sich im Wasser spiegeln, was Dante mit der Täuschung des Narziss vergleicht, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Die Leiber sind hier aus Licht gewoben und werden aufsteigend von Planetensphäre zu Planetensphäre immer feiner und strahlender. Sie erscheinen nicht mehr so dicht wie die Luftleiber der Büßer im Purgatorio oder gar wie die noch gröberen Leiber im Inferno.

Anmerkungen

  1. [16. Der Leser wird in der hohen poet. Schönheit der folgenden Stelle, 16 bis zum Schluß, gleich einen Beweis des in der Vorbemerkung Gesagten erkennen.]
  2. 22. Der hellste Glanz ist der des Angesichts, und dieser wird zuerst erkennbar, dann zeigt sich das lichte Weiß der beiden Flügel und zuletzt das des Gewandes.
  3. [30. – Engel, statt, wie in der Hölle, Teufel.]
  4. 46. Der Anfang des schönen 114ten Psalmen, welchen die Leser nachsehen mögen. Sie werden leicht erkennen, wie herrlich dieser Psalm [209] auf die Seelen angewandt ist, welche, gerettet aus der Sclaverei der Erde, der Freiheit zuziehen.
  5. 49. Der christliche Glaube und die christliche Sittenlehre sind es, die uns am sichersten zur moralischen Freiheit leiten. Auf sie verweiset der Engel die Seelen, indem er auf sie das Zeichen des Kreuzes macht.
  6. [70–72. Die göttliche Gerechtigkeit fordert die Willensfreiheit des Menschen, welche kein willenloser Einfluß der Gestirne beschränken darf. – Der Dichter zeigt sich mit diesem Gedanken und seiner folgenden Ausführung nicht nur als ein großer Gelehrter, sondern auch als ein wahrhaft denkender und aufgeklärter Forscher.]
  7. [73–81. Denn nicht einmal den Anstoß aller unserer Seelenregungen geben die Gestirne. Und immer bleibt dem Menschen die klare Selbstentscheidung, wodurch er sich zum Bundesgenossen einer „höheren Natur und Kraft“, der göttlichen Gnade machen kann, welche seinen Geist für ewig über die unbewußte Macht der Sterne stellt. („Die Freiheit in Christo“.)]
  8. [8. Passender Gesang beim Austritt aus dem siebenten Kreise und damit aus dem Fegefeuer überhaupt.]
  9. 16. Durch obige Verse wird zugleich das Vorbeugen des Oberleibes und das Vorstrecken der gefalteten Hände höchst plastisch ausgedrückt, eine Geberde der Angst und der ablehnenden Bitte.
  10. 37 ff. Die Zeugungskraft wird, nach der Theorie des Dichters, im Herzen dem reinsten vollkommensten Blute mitgetheilt, dessen der Körper nicht, wie des andern Bluts, zu seiner eigenen Erhaltung bedarf, das vielmehr unvermischt mit dem andern, durch den weitern Kreislauf noch mehr verkocht (digesto), durch die Adern den dazu bestimmten Behältern, welche die Scham zu nennen verbietet, zugeführt wird.
  11. [44. „Zum andern Blute.“ Auch das weibliche Ei ist ein Extract aus dem Blut.]
  12. 46. Thätig wird das männliche Blut durch die im Herzen empfangene Bildungskraft.
  13. [52 ff. Die Grundtendenz der Dante’schen Darlegung ist: eine Zersplitterung der Seele in eine bloße Mehrheit von Kräften – („die dreifache Seele“ Fegf. 4. 1 ff.) abzuweisen und der Seele ihre Einheit, ihre stufenweise, einheitliche Voll-Entwicklung mit ihrem göttlichen Ursprung und ewigen substanziellen Geistesgehalt zu retten. Dies geschieht durch eine Verschmelzung des Traduzianismus und Creatinismus. –: Der Mensch hat allerdings zuerst ein rein vegetatives Leben, V. 53. Aber während die Pflanze dabei stehen bleibt, so entfaltet sich das Leben des Ungeborenen jetzt erst recht weiter zur Bewegung und Empfindung, V. 54 ff. (sensitive oder Thierseele, V. 61). Der Uebergang von Einem zum Anderen geschieht durch den Zustand des Pflanzenthiers als Mittelglied V. 56 (Meerschwamm). Endlich, nach erfolger Entwickelung der menschlichen Gestalt (V. 58 ff.), vereint sich, durch einen unmittelbaren Schöpferact Gottes, der Geist von oben, wie die Sonne sich dem Rebensaft vermählt, mit dem Gegebenen zur vollkommenen (nach Parad. 32, 64 jedesmal individuell bestimmten) Menschenseele – rationelle oder intellective Seele – deren Hauptfunction das Kreisen in sich selber, das persönliche Selbstbewußtsein, ist, V. 61, 72–78. – Bis auf das Letzte, was der Philosophie, beziehungsweise dem Glauben angehört, finden wir also den Dichter, mit der Scholastik, schon ganz in Uebereinstimmung mit der neueren Physiologie.]
  14. [63. Polemik gegen Averrhoës, den großen, arabischen Erklärer des Aristoteles, der aus des Letzteren Schriften eine, der Auffassung Dante’s entgegenstehende Ansicht entwickelt hatte, welche schon merkwürdige Aehnlichkeit mit gewissen, modernen Anschauungen hat. Nemlich die, daß dem Menschen Vernunft und Geist („intellectus possibilis“ „il possibile intelletto“) nur dadurch werde, daß ein „universeller Intellect“ auf Lebensdauer mit dem Kind eine, an kein besonderes Organ gebundene und daher mit dem Tod erlöschende, Verbindung eingehe. Es gebe also keine persönliche Unsterblichkeit. – An dieser Polemik schließt sich dann eben die weitere Entwicklung Dante’s in Betreff des Todes und des Zustandes nach dem Tod in V. 79 –108 wie folgt:]
  15. [79–108. Nicht eine Auflösung ins Nichts ist der Tod, wenn die Parze „des Leins entbehrt“ d. h. den Lebensfaden abschneidet. Sondern die (solchergestalt entstandene) Seele löst sich nun vom Fleisch, „den Verein von Göttlichem und Menschlichem im Keime mit sich nehmend,“ V. 79–81. Indem nemlich jetzt die niederen Kräfte („die Accidenzien des Körpers“) ohne das Organ des Leibes verstummt und latent in ihr sind, treten die ihr eigenen Accidenzien, nemlich Intellect, Wille und Gedächtniß, um so schärfer hervor, da diese ohne ein fleischliches Medium viel besser wirken können V. 82–84 (cfr. Paulus, 1 Cor. 13, 12 „erkennen, wie ich erkannt bin“) Nachdem nun die Seele, gemäß Gottes Richterspruch V. 31, an einem der beiden Ufer des Acheron oder des Tiber niedergesunken und von dort wieder an dem [340] ihr beschiedenen Orte der Hölle oder des Fegefeuers angekommen ist, so erfaßt sie, die ihr eigene Bildungskraft ausstrahlend, die umgebende Luft, um derselben, wie einst den irdischen Stoffen des Erdenleibs, ihr Bildniß einzuprägen, V. 85–96. Dies ist der Schattenleib, welcher also die bewegliche Form des geschiedenen Geistes und das Organ der, in ihm nun aufs Neue hervortretenden, niederen und höheren Accidenzien ist. Daher ihm jeder Sinn, sogar Sehen und Gesehenwerden, und Begehren, Wollen, Erinnern, Lust und Schmerz zu äußern gegeben ist, nach Maßgabe der in ihm waltenden Seelenkraft V. 97–108. Mit diesem Satze ist Dante an dem in V. 20 ff. postulirten Ende seiner Darlegung. Im Uebrigen weiß der Leser aus früheren Stellen, daß der Schattenleib nur ein intermistischer ist und am jüngsten Gericht alle Seelen ihren Erdenleib in verklärter oder ewig finsterer Gestalt wieder anziehen werden.]


Literatur

  1. Giovanni Boccaccio, Otto von Taube (Übers.): Das Leben Dantes, Insel Verlag, Leipzig 1909 [1]
  2. Giovanni Boccaccio: Das Leben Dantes, Übertragen von Edmund Theodor Kauer, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin
  3. Robert L. John: Dante, Springer-Verlag, Wien 1946, ISBN 978-3-211-80023-2
  4. Arthur Schult: Dantes Divina Commedia als Zeugnis der Tempelritter-Esoterik, Turm-Verlag, Bietigheim 1979, ISBN 978-3799901840
  5. Joseph P. Strelka: Dante und die Templergnosis, A. Francke Verlag, Tübingen 2012, ISBN 978-3772084430
  6. Al-Ma'arri, Gregor Schoeler (Übers.): Paradies und Hölle. Die Jenseitsreise aus dem „Sendschreiben über die Vergebung“, Verlag C.H. Beck 2002, ISBN 978-3406484469
  7. Muhyiddin Ibn Arabi, Franz Langmayr (Übers.), Wolfgang Herrmann (Übers.): Reise zum Herrn der Macht: Meine Reise verlief nur in mir selbst, Chalice Verlag 2008, ISBN 978-3905272734
  8. Milena Rampoldi: Vergleich zwischen der Anschauung des Paradieses in Abu l-'Ala al-Ma'arri und Dante Alighieri, epubli GmbH 2014, ISBN 978-3844281422
  9. Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Übersetzung von Hans Werner Sokop in Original-Terzinen mit Erläuterungen. 100 Bilder von Fritz Karl Wachtmann., Akad. Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2014, ISBN 978-3-201-01994-1
  10. Leonardo Olschki, Bernd Payer (Übers.): Der Mythos vom Filz, University of California, Berkeley und Los Angeles 1949
  11. Willem Frederik Veltman: Dantes Weltmission, J. Ch. Mellinger Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 9783880690066
  12. Rudolf Steiner: Metamorphosen des Seelenlebens - Pfade der Seelenerlebnisse, Zweiter Teil, GA 59 (1984), Berlin, 12. Mai 1910, Die Mission der Kunst, siehe auch TB 603 (1983), S 175 ff.
  13. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), Berlin, Ostermontag, 16. April 1906
  14. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97 (1998), ISBN 3-7274-0970-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  15. Rudolf Steiner: Mitteleuropa zwischen Ost und West, GA 174a (1982), ISBN 3-7274-1741-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  16. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Sechster Band, GA 240 (1986), Arnheim, 18. Juli 1924
  17. Rudolf Steiner: Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentums, GA 349 (1980), ISBN 3-7274-3490-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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