Rückwärtsdenken

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Rudolf Steiner erwähnt, wenn es darum geht sich in die geistige Welt einzuleben, öfters das Rückwärtsdenken, als eine gute Hilfe:

"Durch dieses Zurück-Vorstellen macht man neben manchem anderen allmählich die Geisteskräfte fähig, in eine der physischen Welt gegenüber verkehrte Welt hineinzukommen. Das ist die geistige Welt. Sie ist gegenüber der physischen Welt verkehrt in vieler Beziehung. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß man nicht einfach abstrakt umkehren darf, was in der physischen Welt ist, aber man muß unter den Kräften, die man ausbildet, auch diejenigen ausbilden, die Rückwärts-Vorstellen anschließen. Was folgt daraus? Daß die Menschen darauf angewiesen sind, wenn sie nicht ganz vertrocknen wollen in der Kultur, wenn sie sich in eine spirituelle Anschauungsweise der Welt hineinfinden wollen, gezwungen sein werden, eine verkehrte Welt vorzustellen. Denn das geistige Bewußtsein beginnt erst da, wo wirklich der Lebensprozeß oder der Sinnesprozeß sich umkehrt, wo der Prozeß rückwärts verläuft. Es werden sich die Menschen also gegen die Zukunft hin dazu bequemen müssen, rückwärts vorzustellen. Dann werden sie in dieses Rückwärts-Vorstellen die geistige Welt hineinkriegen, wie sie jetzt in das Vorwärts-Vorstellen die physische Welt hineinkriegen." (Lit.: GA 170, S. 133)

Der Kraftaufwand, den das Rückwärtsdenken kostet, verstärk die eigene Denkkraft.

"Man kann dann zu anderen Übungen vorrücken, sich vielleicht unterstützen dadurch, daß man, sagen wir, ein Drama vom fünften Akt rückwärts bis zum ersten Akt aufdröselt, daß man Melodien von rückwärts nach vorne innerlich durchempfindet, gewissermaßen geistig-seelisch hört. Und man kann dann dazu kommen, die Erinnerungen des Lebens - das ist jetzt etwas anderes als das geschilderte Tableau - so aufzufassen, daß man wirklich sein Leben vom gegenwärtigen Zeitpunkt, indem man heraufholt aus dem Gedächtnisse, was man durchgemacht hat, in umgekehrter Weise und bildhaft-imaginativ vor die Seele hinzaubert. Indem man solche Übungen macht, reißt man das Denken los von dem äußeren Zeitverlaufe. Die Gewohnheit, die man sich tief eingewurzelt hat, mit dem Denken, mit dem Empfinden, mit dem Fühlen dem äußeren Zeitverlaufe zu folgen, diese Gewohnheit muß überwunden werden. Und durch das kraftvolle Rückwärtsdenken wird man in die Lage versetzt, einer viel größeren, stärkeren Denkkraft sich zu bedienen, als man sie zu dem bloß passiven Denken braucht. Gerade durch dieses Rückwärts denken wird die Denkkraft wesentlich verstärkt." (Lit.: GA 079, S. 124)

Zugleich wird das Gedächtnis gestärkt:

"Wenn Sie es aber systematisch betreiben würden, den umgekehrten Strom des Lebens zu erleben, dann folgen Sie dem Astralstrom. Zum Beispiel, wenn Sie des Abends versuchen, die Dinge in um gekehrter Richtung zu verfolgen, wenn Sie etwa das Vaterunser rückwärts denken. Dann folgen Sie nicht dem gewöhnlichen Ich-strom, der dadurch lebt, daß das Ich den Ätherleib ausfüllt, sondern dem entgegengesetzten Strom. Die Folge ist, daß Sie sich aus der astralischen Strömung Kräfte einverleiben. Das ist eine außer ordentlich gute Übung für die Kräftigung der Erinnerungsfähigkeit, für die Stärkung des Gedächtnisses. " (Lit.: GA 115, S. 232)

Rudolf Steiner führt auch ein Beispiel eines Philosophen auf, der in einen seiner Bücher versuchte sich die Welt rückwerts vorszustellen:

"Kurioserweise ist in der letzten Zeit ein Buch erschienen: Christian von Ehrenfels, «Kosmogonie». Dieses Buch hat als erstes Kapitel: «Die <Reversion>, ein Paradoxon unserer Erkenntnis.» Da entwickelt Ehrenfels auf vielen Seiten, so wie es ein heutiger Philosoph macht, wie es wäre, wenn man probieren würde, die andere Seite, gleichsam die asymmetrische Seite des Weltenverlaufes sich vorzustellen, zurückzudenken. Er kommt wirklich einmal darauf, zurückzudenken, richtig zurückzudenken. Da versucht er, wie er mit diesem Paradoxon fertig werden könnte, und legt sich für besondere Fälle dieses Rückwärtsdenken vor. Eines möchte ich Ihnen als Beispiel für dieses Rückwärtsdenken anführen. Er nimmt zuerst einen nicht rückwärtsgehenden, sondern vorwärtsgehenden Verlauf an: «In der aufrechten Welt löse sich, auf hoher Gebirgswand, infolge Feuchtigkeit und Frost ein Brocken von der kompakten Felsmasse los und verliere bei eintretendem Tauwetter das Gleichgewicht. Er stürzt an der überhängenden Wand herab, schlägt auf Felsgrund auf, zerschellt in viele Stücke. Eines dieser Stücke verfolgen wir, wie es den tieferen Abhang hinabkollert, beim Zusammenstoß mit Steinen noch mehrere Splitter verliert und endlich an einer Erdwelle liegen bleibt. Es hat alsdann seine gesamte kinetische Energie in Form von Erwärmungen der Erd- und Felsstellen, auf die es aufschlug, und der Luft, welche seiner Bewegung Widerstand bot, ausgegeben. - Wie würde nun dieser - gewiß nicht seltene - Vorgang in der verkehrten Welt sich ausnehmen?» «Ein Stein liegt an einer Erdwelle. Plötzlich schießen die anscheinend chaotischen Wärmestöße seines Untergrundes in so seltsamer Weise zusammen, daß sie dem Stein einen starken Schwung nach schräg aufwärts erteilen. Die Luft bereitet ihm keinen Widerstand. Im Gegenteil. Infolge merkwürdiger Wärmetransaktionen aus ihrem eigenen Bestand macht sie ihm freie Bahn, weicht ihm von selbst bei seiner Bewegung nach schräg aufwärts aus und fördert diese Bewegung noch dazu durch kleine, aber zielstrebig sich summierende Wärmestöße. Der Stein prallt bei seiner Bewegung an einen Felsvorsprung. Er verliert aber dadurch weder einen Splitter seines Gefüges, noch einen Teil seiner Bewegungswucht. Im Gegenteil. Zufällig wird ein anderes Steinchen durch gesammelte Wärmestöße der Erde und der Luft im gleichen Moment auch an die Stelle des Anprallens geschleudert, und - siehe da! - Dieses Steinchen wird an unsern Stein - immer durch Wärmestöße - so nahe herangedrückt, und die - anscheinend regellos gebrochenen - Oberflächen dieser Stücke passen so minutiös genau ineinander, daß die Kräfte der Kohäsion in Wirksamkeit treten, das Steinchen an den Stein zu einer kompakten Masse anwächst, und der vergrößerte Brocken nun, gefördert durch anscheinend zielstrebige Wärmestöße aus dem Felsvorsprung, an welchen er anprallte, seinen Weg nach schräg aufwärts mit vergrößerter Geschwindigkeit fortsetzen kann.»" (Lit.: GA 170, S. 135)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992), ISBN 3-7274-1700-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Wirklichkeit der höheren Welten, GA 79 (1988), ISBN 3-7274-0790-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Anthroposophie – Psychosophie – Pneumatosophie, GA 115 (2001), ISBN 3-7274-1150-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992), ISBN 3-7274-1700-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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