Raum

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Raum (mhd. rûm „das nicht Ausgefüllte“, „freier Platz“; ahd. rūmi „weit, geräumig“; lat. spatium; hebr. חלל chalal) ist aus geisteswissenschaftlicher Sicht ein Erzeugnis der höchsten Trinität. Diese selbst kann nicht räumlich vorgestellt werden. Die Erschaffung des Raumes geht dem Wirken selbst der höchsten Hierarchien voran; für ihre Tätigkeit darf also der Raum bereits vorausgesetzt werden. Als geistige Wesen sind sie selbst nicht räumlich vorstellbar, aber ihre Wirkungen in unserer Welt sind durchaus räumlich begrenzt, wie die des Menschen. Innerhalb unseres Sonnensystems sind die -> Herrschaftsgebiete der Hierarchien die Planetensphären in aufsteigender Folge bis hin zum Tierkreis.

"Vom Menschen können wir sagen, es lebt sich die Wesenheit dieses Menschen innerhalb des Raumes aus. Den Raum selber muß man sich aber, okkult gedacht, auch als etwas schaffend Erzeugtes vorstellen. Diese Erschaffung liegt vor den Arbeiten und Wirkungen der höchsten Hierarchien; wir werden den Raum also voraussetzen dürfen. Nicht räumlich vorstellen aber dürfen wir uns die höchste Trinität, denn der Raum ist ihr Erzeugnis. Die geistigen Wesenheiten haben wir uns ohne Raum vorzustellen; der Raum ist etwas Geschaffenes. Aber die Wirkungen der Hierarchien in unserer Welt sind räumlich begrenzt, wie die des Menschen. Das, was innerhalb des Raumes sich bewegt, sind die anderen Hierarchien." (Lit.: GA 110, S. 176)

Die Zahl des Raumes ist die Zwölf und bildet einen geeigneten Leitfaden für alles, was im Raum nebeneinander besteht:

"Wir finden uns zurecht, wenn wir die räumlichen Beziehungen von irgend etwas, was auf der Erde geschieht, auf zwölf Dauerpunkte, die im Raume verteilt sind, beziehen. - Diese zwölf Dauerpunkte sind durch die zwölf Tierkreis-Zeichen im Weltenraum angegeben. Das sollten zwölf Grundpunkte sein, auf die alles im Raume bezogen wird. Das liegt aber nicht bloß in einer Willkür der menschlichen Denkweise, sondern diese hat an der Wirklichkeit gelernt und sich dieses Verhältnis, daß man im Raum sich am besten zurechtfindet, wenn man sich auf zwölf Glieder bezieht, als orientierend ausgebildet." (Lit.: GA 113, S. 175f)

Nach geisteswissenschaftlichem Verständnis, darf der Raum nicht als abstrakter Allgemeinbegriff aufgefasst werden, sondern muss konkret auf die Wesenheiten und Kräfte bezogen werden, die ihn gestaltend erfüllen. So darf der Weltenraum in gewissem Sinn für die Bildung unseres Planetensystems bereits vorausgesetzt werden als Schöpfung der höchsten Dreieinigkeit, in der die Hierarchien ihre Tätigkeit entfalten. Aber auf die innere Entwicklung unseres Planetensystems, das sich nach den Angaben Rudolf Steiners durch sieben planetarische Weltentwicklungsstufen hindurch entwickelt, kann der Raumbegriff dennoch nicht von Anfang an angewendet werden. Auf dem alten Saturn, der ersten Verkörperung unseres Planetensystems, trat zwar bereits die Zeit in Erscheinung, aber noch nicht der Raum. Bezüglich unseres Weltensystems entstand der Raum zuerst auf der alten Sonne durch die schenkende Tugend der Geister der Weisheit, aber zunächst nur mit zwei Dimensionen, nämlich als Äußeres und Inneres. (Lit.: GA 132, S. 35f)

Wir werden die Entstehung des Raumes besser verstehen, wenn wir zunächst unser eigenes, in Denken, Fühlen und Wollen gegliedertes Seelenleben betrachten. Es verläuft in der Zeit, nicht im Raum; dennoch läßt sich darin ein Inneres und ein Äußeres unterscheiden. Wenn wir uns etwa in diesem Augebblick einen bestimmten Gedanken bilden, sind wir mit diesem seelisch innig verbunden, er ist für uns ganz und gar ein Inneres. Erinnern wir uns morgen wieder an diesen Gedanken, so fühlen wir uns mit ihm nicht mehr so unmittelbar verbunden, er ist uns bereits ein Äußeres geworden. Der Gegensatz von Innerem und Äußerem ist aber auch für die räumliche Welt grundlegend:

"Nun setzen sich alle Raumesdimensionen in Wahrheit zusammen aus diesen Gegensätzen, so daß Sie überall, wo Sie zunächst eine Raumdimension haben, diese Raumdimension auffassen können als irgendwo ausgehend von einem Punkt; das ist das Innere, und alles übrige ist Äußeres. Für die Fläche ist die Gerade ein Inneres, alles übrige ein Äußeres und so weiter." (Lit.: GA 134, S. 75)

Die Erinnerungen, auf die wir als ein Äußeres zurückblicken, können, je nach dem, wie reich oder weniger reich unser früheres Gedankenleben war, umfangreicher oder weniger umfangreich ausgebildet sein. Damit entstehen aber bereits im Seelenleben deutlich differenzierte, aber noch raumlose Formen, nämlich Gedankenformen, auf die wir in der Erinnerung zurückschauen. Mehrere solcher Erinnerungsformen können aber auch gleichzeitig nebeneinander bestehen - und damit kündigt sich bereits der Raumgedanke an. Freilich ist unsere gedankliche Formkraft und unsere menschliche Willenssubstanz zu schwach, um sich in diesem gleichzeitigen Nebeneinander bereits als räumlich geformte materielle Substanz kundzugeben. Das alles müssen wir uns in kosmische Dimensionen vergrößert denken. Auf dem alten Saturn haben die Throne ihre mächtige Willenssubstanz hingeopfert. Dazu kam nach und nach die geistige Tätigkeit der Geister der Weisheit, der Geister der Bewegung und der Geister der Form. Letztere bilden im kosmischen Maßstab vergleichbare Gedankenformen, wie wir sie eben für das menschliche Seelenleben besprochen haben.

"Wie könnte nun ein Wirken über die Geister der Form hinaus, über das, was diese schaffen als noch nicht räumliche Form, vorgestellt werden? Also, wohlgemerkt, unsere Frage ist jetzt: Wenn nun dieses Wirken weitergeht von Wille, Weisheit, Bewegung, Form, noch weiter über die Form hinaus, was geschieht denn dann? So ist die Frage gestellt. Sehen Sie, wenn nämlich ein Prozeß im Weltenall fortgeschritten ist bis zur Form, die noch ganz im Geistig-Seelischen ist, die noch keine Raumesform ist, wenn der Prozeß fortgeschritten ist bis zu dieser übersinnlichen Form, dann ist der nächste Schritt nur noch möglich dadurch, daß die Form als solche zerbricht. Und das ist nämlich das, was sich dem okkulten Anblick darbietet: Wenn gewisse Formen, die unter dem Einfluß der Geister der Form geschaffen sind, sich bis zu einem gewissen Zustand entwickelt haben, dann zerbrechen die Formen. Und wenn Sie nun ins Auge fassen zerbrochene Formen, etwas, was also dadurch entsteht, daß Formen, die noch übersinnlich sind, zerbrechen, dann haben Sie den Übergang von dem Übersinnlichen in das Sinnliche des Raumes. Und das, was zerbrochene Form ist, das ist Materie. Materie, wo sie im Weltenall auftritt, ist für den Okkultisten nichts anderes als zerbrochene, zerschellte, zerborstene Form. Wenn Sie sich vorstellen könnten, diese Kreide wäre als solche unsichtbar und sie hätte diese eigentümliche parallelepipedische Form, und als solche wäre sie unsichtbar, und jetzt nehmen Sie einen Hammer und schlagen rasch das Stück Kreide an, daß es zerstiebt, daß es in lauter kleine Stücke zerbirst, dann haben Sie die Form zerbrochen. Nehmen Sie an, in diesem Augenblicke, in dem Sie die Form zerbrechen, würde das Unsichtbare sichtbar werden, dann haben Sie ein Bild für die Entstehung der Materie. Materie ist solcher Geist, der sich entwickelt hat bis zur Form und dann zerborsten, zerbrochen, in sich zusammengefallen ist.

Materie ist ein Trümmerhaufen des Geistes. Es ist außerordentlich wichtig, daß man gerade diese Definition ins Auge faßt, daß Materie ein Trümmerhaufen des Geistes ist. Materie ist also in Wirklichkeit Geist, aber zerbrochener Geist." (Lit.: GA 134, S. 72f)

Der Raum aber ist nichts anderes als das, was selbst notwendig mit entsteht, wenn die geistige Form zerbricht und dadurch in das materielle Sein übergeht. Indem auf der alten Sonne die inneren seelischen Formen der vom alten Saturn herübergekommenen mächtigen Wärme-Willens-Substanz zerbrachen, entstand das materielle Luftelement, damit zugleich aber auch der Raum, und der Lichtäther, der diesen Raum mit seinen Kräftestrahlen durchzog. Und derart müssen wir den Raumesgedanken überhaupt konkret fassen, nämlich als notwendig erfüllt mit materieller Substanz und durchstrahlt von ätherischen Kräften. Vom leeren Raum an sich zu sprechen, ist, wie sich auch aus den naturwissenschaftlichen Anschauungen unserer Zeit ergibt, eine wesenlose Abstraktion, die von der Wirklichkeit wegführt.

Im griechischen Tempel ist dieser Raumgedanke, als wesenhaft kräftedurchstrahlter Entität, die sich mit materieller Substanz erfüllt, architektonisch am konsequentesten ausgedrückt:

Concordia-Tempel in Agrigent (5. Jh.v.Chr.)

"Verstehen wird einen solchen Tempel nur derjenige, der ein Gefühl dafür hat, daß im Räume Kräfte walten. Die Griechen hatten ein solches Raumgefühl. Der Mensch, der vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus den Raum studiert, der weiß, daß dieser Raum nicht jene abstrakte Leere ist, von der unsere gewöhnlichen Mathematiker und Physiker träumen, sondern daß er vielmehr sehr differenziert ist. Er ist etwas, was in sich selbst von Linien erfüllt ist, von Kraftlinien hierhin, dorthin, von oben nach unten, von rechts nach links, gerade, runde Linien in allen Richtungen. Man kann den Raum fühlen, gefühlsmäßig durchdringen. Wer ein solches Raumgefühl hat, weiß, warum gewisse alte Maler so wunderbar naturgetreu die frei schwebenden Engelgestalten auf Madonnenbildern malten, er weiß, daß sich diese Engel gegenseitig halten, wie die Weltenkörper im Räume durch ihre Anziehungskraft sich halten. Ganz anders ist es, wenn Sie zum Beispiel das Bild von Böcklin «Pieta» betrachten. Es soll nichts gegen die sonstige Vortrefflichkeit dieses Bildes eingewendet werden, aber wer sich das lebendige Raumgefühl bewahrt hat, der hat die Empfindung, als ob jene merkwürdigen Engelgestalten jeden Augenblick herunterfallen müßten. Die alten Maler hatten noch das Gefühl für den Raum von dem früheren Hellsehertum; in neuerer Zeit ist das verlorengegangen.

Als die Kunst noch okkulte Traditionen hatte, wußte man von solchen gegenseitig sich tragenden Kräften, die im Räume darinnen sind, die da hin- und herströmen. Solche Kräfte fühlten diejenigen, in deren Geist der Gedanke des griechischen Tempels entstanden ist. Sie dachten ihn nicht aus, sondern sie nahmen die Kräfte wahr, die den Raum durchströmten, und gaben das Gesteinsmaterial hinein: was okkult schon da war, füllten sie mit Materie. So ist der griechische Tempel eine materielle Ausgestaltung von Kräften, die im Räume wirken; ein griechischer Tempel ist ein kristallisierter Raumgedanke, im reinsten Sinne des Wortes. Die Folge davon ist etwas sehr Wichtiges. Weil der Grieche die Raumkräfte materiell ausgestaltet hat, hat er den göttlich-geistigen Wesenheiten Gelegenheit gegeben, diese materielle Form zu benutzen. Es ist keine Redensart, sondern Wirklichkeit, daß der Gott in jener Zeit herunterstieg in den griechischen Tempel, um unter den Menschen auf dem physischen Plan zu sein. Wie heute ein Elternpaar die physische Form, das Fleischliche des Kindes zur Verfügung stellt, so daß das Geistige sich auf physischem Plane ausleben kann, so geschah etwas Ähnliches bei dem griechischen Tempel. Da wurde Gelegenheit gegeben, daß göttlich-geistige Wesenheiten herunterströmten und sich verkörperten in dem architektonischen Tempelbau. Das ist das Geheimnis des griechischen Tempels: der Gott war da im Tempel. Wer die griechische Tempelform richtig fühlte, fühlte auch, daß weit und breit kein Mensch zu sein brauchte, und auch nicht im Tempel selbst, und daß der Tempel doch nicht leer war, denn der Gott war wirklich anwesend im Tempel. Der griechische Tempel ist für sich ein Ganzes, weil er die Formen enthält, die den Gott in ihn hineinbannen." (Lit.: GA 105, S. 26)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Welt, Erde und Mensch, GA 105 (1983), Erster Vortrag, Stuttgart, 4. August 1908
  2. Rudolf Steiner: Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt, GA 110 (1981), Düsseldorf, 21. April 1909, abends
  3. Rudolf Steiner: Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi., GA 113 (1982), Neunter Vortrag, München, 31. August 1909
  4. Rudolf Steiner: Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen, GA 132 (1987), Zweiter Vortrag, Berlin, 7. November 1911
  5. Rudolf Steiner: Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes, GA 134 (1990), Vierter Vortrag, Hannover, 30. Dezember 1911
Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

  1. GA 110: Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt - Der gesamte Vortragszyklus online - allerdings ist die Fragenbeantwortung, auf die oben hingewiesen wurde, in dieser Ausgabe nicht enthalten.