Retorte

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Eine Retorte
Eine Retorte mit Ofen und Vorlage

Die Retorte (von lat. vas retortum = zurückgedrehtes Gefäß), ist ein schon im Mittelalter verwendetes Destilliergefäß. Sie entstand aus der Verbindung von Cucurbit und Alembic und besteht aus einem in einem Stück hergestellten Kolben mit Destilierhelm und einem aus statischen Gründen zurückgebogenen Abflussrohr und wird meist aus Glas oder Keramik hergestellt. Retorten sind eng verwandt mit dem Alambic und gehörten zu den wichtigsten Gefäßen der Alchemisten.

Aufgrund seiner im Vergleich zu modernen Laborkühlern schwachen Kühlung und geringen Trennleistung wird die Retorte in der heutigen Laborpraxis kaum mehr verwendet. Dennoch gilt die Retorte auch heute gemeinhin als Symbol für etwas künstlich planvoll durch Menschenhand abseits des Naturkreislaufs Hergestelltes, wie es Goethe in Faust II so treffend mit der Erzeugung des Homunkulus durch Fausts Famulus Wagner in der Laboratoriumsszene charakterisiert.

"Nach zwei Seiten hin ergab sich für Goethe das Bild des Wagner. Denn erstens gibt es neben einem «Faust»-Buch auch ein «Wagner»-Buch; und dann gab es wirklich einen merkwürdigen Mann zur Zeit Goethes: Johann Jakob Wagner hieß er. Der sagte, daß man wirklich, wenn man nach bestimmten Methoden Stoffe und so weiter in der Retorte zusammenmische, ein Menschlein bekomme. Aus diesen zwei Wagner-Gestalten, aus der des Wagner-Buches und aus dem Johann Jakob Wagner, schmolz Goethe eine Figur, den Wagner der Dichtung zusammen. Und so entstand die Gestalt jenes Wagner, der vor seiner Retorte steht und die Stoffe zusammenmischt und nun wartet, bis das «artige Menschlein», der Homunkulus, entsteht. Er würde nicht entstehen, so ohne weiteres. Weder in der Retorte des Johann Jakob Wagner noch in der des Goetheschen Wagner würde das entstehen, was ein Mensch ist, oder was mancher modern sich glaubende Wissenschafter als den Menschen denkt, wenn sich nicht in die Vorgänge Mephistopheles einschleichen würde, wenn nicht die geistige Kraft des Mephistopheles im Hintergrunde wirkte. Und so entsteht in der Retorte des Wagner ein rein geistiges Wesen, leuchtend, das aber nun wünscht verkörpert zu werden, dem es nicht an geistigen Eigenschaften fehlt, wohl aber an greifbar Tüchtigem - ein Wesen, das die materialistische Weltanschauung als den Menschen ansieht:" (Lit.: GA 063, S. 374)

HOMUNCULUS in der Phiole zu Wagner.
Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz.
Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!
Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
Das ist die Eigenschaft der Dinge:
Natürlichem genügt das Weltall kaum,
Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.
                                      (Lit.: Goethes Werke)

Wie noch die mittelalterlichen Alchemisten die in der Retorte ablaufenden Prozesse erlebten, schildert Rudolf Steiner am Beispiel der Zersetzung von Oxalsäure zu Kohlendioxid und Ameisensäure ( LaTeX: \mathrm{HOOC{-}COOH \longrightarrow HCOOH + CO_2} ) in Gegenwart von Glycerin sehr anschaulich so:

"Nehmen Sie einen einfachen Versuch, der heute ja von dem Chemiker immer gemacht werden kann. Man nehme eine Retorte - ich will es ganz schematisch erklären -, gebe in die Retorte Oxalsäure hinein, die man aus dem Klee bekommen kann, und vermische diese Oxal-

Tafel 22 aus GA 232, S 194

säure zu gleichen Teilen mit Glyzerin. Dann erhitze man diese Mischung von Glyzerin und Oxalsäure, und man bekommt - wie gesagt, ich zeichne schematisch - die hier weggehende Kohlensäure. Die Kohlensäure geht weg, und was hier übrig bleibt, das ist Ameisensäure. Die Oxalsäure verwandelt sich sozusagen unter Verlust der Kohlensäure in Ameisensäure." (Lit.: GA 232, S. 193f)

Nur so äußerlich erlebten die mittelalterlichen Alchemisten diesen Vorgang allerdings nicht, sondern der Retortenprozess führte sie zu den Elementarwesen, zu den Naturgeistern:

"Man sieht im Grunde genommen, wenn man in diese alchemistischen Laboratorien des achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten Jahrhunderts hineinschaut, in eine tiefe Tragik hinein. Und diese Tragik des Mittelalters, diese Tragik gerade der ernstesten Leute, die wird ja in keinem Geschichtsbuch in der richtigen Weise verzeichnet, denn man sieht nicht so recht in die Seelen hinein.

Alle diese wirklichen Forscher, die in dieser Art den Menschen und das Weltall als Natur an der Retorte suchen, alle diese Menschen sind gesteigerte faustische Naturen in dem älteren Mittelalter, denn sie fühlen eines tief: Wenn wir experimentieren, dann sprechen die Naturgeister zu uns, die Geister der Erde, die Geister des Wassers, die Geister des Feuers, die Geister der Luft. Sie hören wir in ihrem Raunen, in ihrem Lispeln, in ihren eigentümlich verlaufenden, summend beginnenden Lauten, die dann übergehen in Harmonien und Melodien, um in sich zurückzukehren. So daß Melodien ertönen, wenn Naturvorgänge stattfinden. Man hat eine Retorte vor sich; man vertieft sich, wie ich gesagt habe, als frommer Mann in dasjenige, was da vorgeht. Gerade bei diesem Vorgang, wo man die Metamorphose erlebt der Oxalsäure in die Ameisensäure, gerade da erlebt man, wie zunächst, wenn man den Vorgang nun fragt, einem das Naturgeistige antwortet, so daß man das Naturgeistige dann benützen kann für das innere Wesen des Menschen. Da beginnt zunächst die Retorte durch farbige Erscheinungen zu sprechen. Man fühlt, wie die Naturgeister des Irdischen, die Naturgeister des Wäßrigen aus der Oxalsäure aufsteigen, sich geltend machen, wie aber dann das Ganze übergeht in ein summendes Melodiegestalten, Harmonien, die dann wieder in sich zurückkehren. So erlebt man diesen Vorgang, der dann die Ameisensäure und die Kohlensäure ergibt.

Und lebt man sich so hinein in dieses Übergehen des Farbigen in das Tönende, dann lebt man sich auch hinein in dasjenige, was einem der Laboratoriumsvorgang über die große Natur und über den Menschen sagen kann. Dann hat man schon das Gefühl: es offenbaren die Naturdinge und Naturvorgänge noch etwas, was die Götter sprechen, sie sind Bilder des Göttlichen. Und man wendet es innerlich nutzbringend auf den Menschen an. In allen diesen Zeiten war ja noch im hohen Grade Heilkunde zum Beispiel mit dem Wissen der allgemeinen Weltanschauung innig verbunden." (Lit.: GA 232, S. 199f)

Literatur

  1. Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 3, Hamburg 1948 ff, S 210 [1]
  2. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Lebensgut, GA 63 (1986), ISBN 3-7274-0630-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Mysteriengestaltungen, GA 232 (1998), ISBN 3-7274-2321-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

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