Sünde

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Dante und Virgil in der Hölle, William Bouguereau (1850)

Die Sünde (Bibelgriech. ἁμαρτία, hamartia „ein Ziel verfehlen, Verfehlung“, gleichbedeutend mit dem im Alten Testamente gebräuchlichen hebräischen Wort חֵטְא chet „Sünde, Schuld“; lat. peccatum, abgeleitet von der indogerm. Wurzel *ped, „gehen, fallen, straucheln“, vgl. lat. pes, „Fuß“), durch die sich der Mensch karmische Schuld auferlegt, ist eine Folge des luziferisch bedingten Sündenfalls, durch den der Mensch in die sinnliche Welt gestossen und dadurch immer mehr der unmittelbaren Leitung der Götter entzogen wurde. Dem Menschen wurde dadurch einerseits das Tor zur Freiheit geöffnet, durch die er sein Handeln in Gedanken, Worten und Taten aus freiem Entschluss mit dem Willen der geistigen Welt in Einklang bringen und diese dadurch durch seinen individuellen Beitrag bereichern kann, anderseits kann er auch, wenn er, verlockt durch Luzifer und Ahriman, seine egoistischen Begierden auf die sinnliche Welt richtet, sein geistiges Entwicklungsziel verfehlen und dadurch der Sünde verfallen.

Sündenvergebung und Karma

Hauptartikel: Sündenvergebung

Eine begangene Sünde wirkt immer auch auf den Sünder zurück. Er nimmt dadurch seelischen Schaden und lädt Karma auf sich, das später einen Ausgleich fordert, den nur er erbringen kann. Geringfügige Sünden können noch im selben Erdenleben gesühnt oder nach dem Tod im Kamaloka abgestreift werden. Schwerere Verfehlungen können nur in späteren Inkarnationen getilgt werden. Der Mensch wird dadurch in das Reinkarnationgeschehen hineingezwungen, das ihm allerdings auch erst die Möglichkeit eröffnet, schrittweise in wiederholten Erdenleben sein eigenständiges Ich zu entwickeln. Die Sünden haben aber nicht nur individuelle Auswirkungen für den Sünder selbst, sondern sie hinterlassen auch objektive Spuren in der Welt, die durch den Menschen selbst nicht vollständig ausgelöscht werden können. Er bedarf dazu der Hilfe des Christus, der aus Gnade durch seine Opfertat auf Gogatha die "Sünden der Welt", also die objektiven Folgen der menschlichen Verfehlungen, auf sich genommen hat und insbesondere auch die Last der Erbsünde von den Menschen zu nehmen gewillt ist. Das ist der wahre Sinn der Sündenvergebung, die aber den Menschen keineswegs davon enthebt, die karmischen Folgen seines Tuns zu tragen. Würde der Christus die Sünden der Welt nicht auf sich nehmen, wäre zwar am Ende der Erdentwicklung das Karma der Menschen annähernd ausgeglichen, "aber die Erde wäre nicht bereit, sich zum Jupiter hinüberzuentwickeln und die ganze Erdenmenschheit wäre da ohne Wohnplatz..." (Lit.: GA 155, S. 176ff)

Sünden und Laster

Hauptartikel: Laster

Von der Sünde zu unterscheiden sind die Laster. Während die Sünden augenblickliche, einzelne Verfehlungen sind, die im Astralleib wirken, wenn der Mensch einer momentanen Versuchung verfällt, leben die Laster, als dauerhafte, sich regelmäßig immer wieder geltend machende schlechte Angewohnheiten im Ätherleib. Im Ätherleib wirkt auch die Schuld, die der Mensch als Folge der Sünde auf sich lädt. Was der Mensch durch die Sünde in seinem Astralleib zerstört, muss er selbst wieder im Zuge des karmischen Geschehens ausgleichen. Die Schuld, die in seinem Ätherleib sitzt, kann er alleine aber nicht wieder tilgen, sondern dazu bedarf es ebenso der Gnade des Christus, wie das oben schon für die objektiven Folgen unserer Untaten, die sich dem Weltenäther einschreiben, beschrieben wurde. Durch seine Gnade nimmt der Christus auch die Last der Erbsünde, die als Urschuld im Ätherleib jedes Menschen wirkt, von der Menschheit.

Der durch Luzifer dem menschlichen Astralleib eingepflanzte Egoismus ist die gemeinsame Wurzel aller Sünden. Von den beiden Grundkräften der Seelenwelt, Sympathie und Antipathie, überwiegt letztere im Zustand der Sünde, wodurch sich der Mensch von der äußeren Seelenwelt verschließt und egoistisch in sich selbst verschließt. In den Sündenfall des Menschen wurde aber auch die ganze irdische Natur verstrickt und dadurch erst zur festen Materie verdichtet. Materie ist in letzter Konsquenz nichts anderes als konzentrierte Sünde. (Lit.: GA 266c, S. 110ff)

Sündenbewusstsein

Hauptartikel: Sündenbewusstsein

Das Sündenbewusstsein ist ein zentrales Thema aller abrahamitischen Religionen, wird aber im Judentum, Christentum und Islam mit unterschiedlichen Nuancen aufgefasst. Im Judentum und im Islam besteht die Sünde vor allem in der Übertretung konkreter göttlicher Gebote. Die Sünde ist hier eine Verfehlung wider das göttliche Gesetz, die nur durch göttliche Strafe oder göttliche Vergebung getilgt werden kann. Im Christentum ist die Abwendung von Gott die eigentliche Sünde, die durch göttliche Gnade vergeben werden kann, wenn sich der Mensch durch Buße wieder Gott zuwendet. Aus der gemeinsamen Sicht von Judentum und Christentum ist der Mensch, unabhängig von seiner persönlichen Schuld, durch den Sündenfall mit der Erbsünde belastet und damit schon von Geburt an im Zustand der Sünde. Der Islam hingegen weist den Begriff der Erbsünde zurück; jeder Mensch wird unschuldig und rein geboren und bleibt es solange, bis er sich willentlich gegen Gott versündigt.

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Christus und die menschliche Seele, GA 155 (1994)
  2. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band III: 1913 und 1914; 1920 – 1923, GA 266/3 (1998)
  3. Edelgard Vietor: Schuld und Sünde. Erkennen - verwandeln - verzeihen, Urachhaus Vlg, Stuttgart 2002
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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