Salutogenese

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Salutogenese (Gesundheitsentstehung, abgeleitet von lat. salus für Gesundheit, Wohlbefinden und -genese von griech. γένεσις, genesis ‚Geburt‘, ‚Ursprung‘ ‚ ‚Entstehung‘) bezeichnet zum einen eine Fragestellung und Sichtweise für die Medizin und zum anderen ein Rahmenkonzept, das sich auf Faktoren und dynamische Wechselwirkungen bezieht, die zur Entstehung (Genese) und Erhaltung von Gesundheit führen.[1] Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923–1994) prägte den Ausdruck in den 1970er Jahren als komplementären Begriff zu Pathogenese. Nach dem Salutogenese-Modell ist Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen. Salutogenese beschreibt insbesondere die psychischen Voraussetzungen der für alle lebendigen Organismen essentiellen Prozesse der Selbstheilung und Regeneration.

Entstehung des Modells

Aaron Antonovsky wertete 1970 eine Erhebung über die Anpassungsfähigkeit von Frauen verschiedener ethnischer Gruppen an die Menopause aus. Eine Gruppe war 1939 zwischen 16 und 25 Jahre alt und hatte sich zu dieser Zeit in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager befunden. Ihr psychischer und körperlicher Gesundheitszustand wurde mit der einer Kontrollgruppe verglichen. Der Anteil der in ihrer Gesundheit nicht beeinträchtigten Frauen betrug in der Kontrollgruppe 51 % im Vergleich zu 29 % der KZ-Überlebenden. Nicht der Unterschied an sich, sondern die Tatsache, dass in der Gruppe der KZ-Überlebenden 29 % der Frauen trotz der unvorstellbaren Qualen eines Lagerlebens mit anschließendem Flüchtlingsdasein als (körperlich und psychisch) ‚gesund’ beurteilt wurden, war für ihn ein unerwartetes Ergebnis.

Diese Beobachtung führte ihn zu der Frage, welche Eigenschaften und Ressourcen diesen Menschen geholfen hatten, unter den Bedingungen der KZ-Haft sowie in den Jahren danach ihre (körperliche und psychische) Gesundheit zu erhalten − allgemein: Wie entsteht Gesundheit? So brachte Antonovsky die Frage nach der Entstehung von Gesundheit in die Wissenschaft ein − im Gegensatz, aber auch in Ergänzung zur pathogenetischen Fragestellung der traditionellen Medizin. Antonovsky entwickelte die Salutogenese als ein Konzept der Entstehung von Gesundheit.[2]

Antonovsky postulierte die Existenz generalisierter Widerstandsressourcen, welche in Situationen aller Art zur Unterstützung der Bewältigung von Stressoren und das durch sie hervorgerufene Spannungserleben eingesetzt werden können. Dabei sei es allen generalisierten Widerstandsressourcen gemeinsam, dass sie Stressoren (Stressfaktoren) eine „Bedeutung“ erteilten.[3]

Ins Zentrum seiner Antwort auf die Frage „Wie entsteht Gesundheit?“ stellt Antonovsky einen sense of coherence (SOC), einen „Sinn für Kohärenz“, ein „Kohärenzgefühl“.

„Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß eine Person ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens darauf hat, dass

  • die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
  • die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen zu begegnen, die diese Stimuli stellen;
  • diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“
Aaron Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. 1997, S. 36

Dementsprechend wird das Kohärenzgefühl nach Antonovsky von drei Komponenten gebildet, jeweils als (subjektive) Empfindungen: erstens der Verstehbarkeit, zweitens der Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit, drittens dem Gefühl von Bedeutsamkeit bzw. Sinnhaftigkeit. Um dieses Kohärenzgefühl zu messen, hat er einen „Fragebogen zur Lebensorientierung“ mit 29 Items entwickelt, der nach der Ausprägung dieser drei Komponenten fragt.[4]

Gesundheit und Krankheit sind für Antonovsky sowohl von Subjektivität geprägte Erlebnisse als auch von objektiven Faktoren bedingte Zustände, deren Ausprägung auf Gesundheits-Krankheits-Kontinuen gedacht werden kann. Bei jedem Menschen können wir gesunde und kranke Aspekte feststellen, solange er lebt. „Ganz gesunde Menschen gibt es nicht – es gibt nur nicht ganz gründlich untersuchte“ bzw. kann man auch bei einem Sterbenskranken noch gesunde Anteile finden, was besonders wichtig im Sinne der Salutogenese ist. Jeder bewegt sich auf einem Kontinuum und ist damit nicht entweder gesund oder krank, sondern immer im Prozess von sowohl gesund als auch krank.

Antonovsky betont, dass Gesundheit ein mehrdimensionales Geschehen ist und stark mit den sozialen und kulturellen Kontexten verbunden ist. Allerdings meint er, dass seine Messung des SOC und der Zusammenhang zur Gesundheit unabhängig von Kultur und Geschlecht sei.

Aktueller Stand der Entwicklung des Konzepts

Ein Sinn für Kohärenz (sense of coherence)

Der englische Begriff sense of coherence (SOC), den Antonovsky als „Kohärenzkonzept“ ins Zentrum seines Salutogenesekonzeptes gestellt hat, hat zwei unterschiedliche Bedeutungsinhalte: 1. einen Sinn für Kohärenz (Stimmigkeit, Zusammenhalt) und 2. ein Gefühl von Kohärenz. In den meisten deutschen Übersetzungen wird nur der zweite Aspekt, das „Kohärenzgefühl“ bearbeitet. Aufgrund neurophysiologischer Erkenntnisse (Grawe 2004 u. a.) können wir davon ausgehen, dass bei Menschen (wie auch bei vielen oder allen Tieren) ein Sinn, eine neurobiologisch zentrale Empfindungsfähigkeit für aufbauende Kohärenz (stimmige Verbundenheit, innen oder z. B. auch im sozialen System) angeboren ist.

Diese Empfindungsfähigkeit ist sozusagen das innere Messinstrument, das uns differenziert Auskunft gibt, ob und wie unser Bedürfnis nach verträglicher materieller (Luft, Temperatur usw.) und menschlicher Umgebung, nach Angenommensein, nach Zugehörigkeit befriedigt wird oder nicht. Wenn wir von unseren nächsten Mitmenschen positive Resonanz auf unser Dasein erhalten, wenn also unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit befriedigt wird, dann entsteht ein Kohärenzgefühl (Zugehörigkeitsgefühl, erfüllende aufbauende Bindung, ein tiefes Vertrauen).[5]

Grawe (2004) geht von einem übergeordneten Grundbedürfnis nach Stimmigkeit (er nennt es Konsistenz und Kongruenz) aus, was das gleiche meint wie das übergeordnete Streben nach Kohärenz als Basisstreben der Salutogenese. Dabei sind der Sinn für Kohärenz und das Kohärenzgefühl verschieden und sie hängen zusammen. Der Sinn für Kohärenz ist angeboren, das Kohärenzgefühl entsteht durch Beziehungen, durch zwischenmenschliche Kommunikation.[6] Deshalb ist Kommunikation im sehr weiten Sinne das entscheidende Instrument zur Anregung bzw. Erzeugung von Kohärenzgefühl (siehe auch Grundlagen einer systemischen Kohärenzregulation).[7]

Salutogenese und Pathogenese

Salutogenese als Wissenschaft von der Entstehung von Gesundheit und Pathogenese als Wissenschaft von der Entstehung von Krankheit ergänzen sich. Die zugrunde liegenden Fragestellungen orientieren den Fragenden allerdings in zwei unterschiedliche Richtungen: Die pathogenetisch Orientierten schauen auf die Krankheiten, ihre Ursachen und die Gefahren, die es zu vermeiden oder zu bekämpfen gilt. Die salutogenetisch Orientierten blicken auf attraktive Gesundheitsziele, die sie erreichen wollen und wozu sie möglichst viele Ressourcen erschließen wollen. Diese unterschiedliche Orientierung kann in der Praxis zu sehr unterschiedlichen Folgen führen. Beispielsweise wird man bei vielen modernen chronischen Zivilisationserkrankungen wie Übergewicht, Diabetes mellitus u. a. nach attraktiven Zielen und helfenden Ressourcen suchen, die den Menschen mehr Freude und Erfolg bringen (als z. B. Fastfood und Süßigkeiten): für Kinder beispielsweise Gruppenspiele mit Freude an Bewegung, wertschätzende Kommunikation und Förderung der individuellen Fähigkeiten. Dies ist in der Gesundheitsförderung als „Empowerment“-Strategie bekannt. Hier sind große Ähnlichkeiten auch zur Stärkung der „Resilienz“ und den anderen nahestehenden Begrifflichkeiten. Es ist ein Unterschied zu dem, was von der Medizin lange Zeit weithin als Prävention unternommen wurde, um einzelne Krankheiten wie Herzinfarkt zu verhindern, wie z. B. Vermeiden von fett- und salzreicher Nahrung und Bewegungsmangel. Der Arzt Eckart Schiffer kennzeichnet Salutogenese als „Schatzsuche“ im Unterschied zur „Fehlerfahndung“ der herrschenden (pathogenetisch orientierten) Denkrichtung der Medizin und auch Pädagogik.[8]

Salutogenese und Hirnforschung

Die pathogenetische und salutogenetische Sichtweise können sich im Sinne von Antonovsky ergänzen. Die Wechselbeziehung von Salutogenese und Pathogenese können wir heute unter Zuhilfenahme der Hirnforschung genauer beschreiben als Antonovsky es explizit formuliert hat: die Grundlage des Lebens ist die gesunde Entwicklung, die Salutogenese. Diese wird durch Krankheiten bzw. deren Vermeidung ergänzt bzw. ermöglicht.

In der Selbstregulation des Menschen und anderer Lebewesen finden wir diese beiden Aspekte des Lebens in den neuropsychischen motivationalen Systemen zur Annäherung und Vermeidung wieder. Das Annäherungssystem genannte Schaltsystem im Gehirn, das eng mit dem Lustzentrum (Nucleus accumbens) verschaltet ist, stimmt uns bei attraktiven Zielen positiv und motiviert zu aufbauendem Verhalten.[9] Dieses wird aktiviert durch eine salutogenetische Orientierung. Als ebenso lebensnotwendige Ergänzung gibt es das sogenannte Abwendungs- oder Vermeidungssystem. Es steuert das Verhalten, wenn es darum geht, Gefahren wie Gesundheitsrisiken und Krankheiten zu vermeiden oder zu bekämpfen. Das Vermeidungssystem ist eng mit dem Angstzentrum im Gehirn (Amygdala) verschaltet.

Eine gesunde Entwicklung wird durch ein gutes Zusammenspiel dieser beiden neuropsychischen Systeme ermöglicht und hergestellt. Analog ist also auch ein synergetisches Zusammenspiel von salutogenetischer und pathogenetischer Orientierung eine Möglichkeit, um gesunde Entwicklung, Salutogenese (die Entstehung von Gesundheit) optimal zu fördern.[10][11]

Kriterien salutogenetischer Orientierung

Seit 2003 wurden Qualitätskriterien für salutogenetisch orientierte Arbeit in Qualitätszirkeln, zunächst an der Uni Göttingen (insbesondere in der Kooperation mit O. Bahrs) und Witten-Herdecke (P. Matthiessen), dann auch im Zentrum für Salutogenese in Bad Gandersheim diskutiert und erarbeitet. Kurz gesagt, bedeutet eine salutogenetische Orientierung eine Ausrichtung auf attraktive Gesundheitsziele und Erschließen bzw. Schaffen hilfreicher Ressourcen.

Differenzierter werden sieben Merkmale genannt.[12] Salutogenetische Orientierung bedeutet, dass die Menschen bzw. Methoden

  1. sich an Stimmigkeit, aufbauender Kohärenz, Verbundenheit orientieren;
  2. sich auf Gesundheit (attraktive Ziele, Vorstellungen) ausrichten;
  3. sich auf Ressourcen ausrichten;
  4. das Subjekt und Subjektive (Selbstwahrnehmung, subjektive Theorien, Eigenaktivität usw.) wertschätzen;
  5. Aufmerksamkeit für systemische Selbstorganisation und -regulation (auch Selbstheilungsvermögen) haben (individuell und kontexbezogen: sozial, kulturell, global);
  6. dynamisch sowohl prozess- als auch lösungsorientiert denken (bzw. durchdacht sind) und auf Entwicklung und Evolution achten;
  7. mehrere Möglichkeiten einschließen: z. B. sowohl salutogenetisch als auch pathogenetisch.
Salutogenetischer Fokus Pathogenetische Ergänzung
1. Stimmigkeit – Kohärenz Problem – Unstimmigkeit
2. Attraktive Gesundheitsziele Vermeidungsziele
3. Ressourcen Defizite
4. Subjekt und Subjektives Norm
5. Systemische Selbstregulation – Kontextbezug Isolierende Analyse – Ursache im Kleinen
6. Entwicklung und Evolution Zustand bzw. Entropie
7. Mehrere Möglichkeiten: sowohl – als auch Eine Möglichkeit: entweder – oder

Ausweitung auf soziale Gruppen

Das Konzept der Salutogenese wurde durch Antonovsky und andere Forscher auf die Familie und ihre sozialen Interaktionen ausgeweitet. Aaron Antonowsky und Talma Sourani weisen eine Korrelation des Familien-Kohärenzgefühls mit allgemeiner Zufriedenheit auf, ohne eine direkte Kausalität zu postulieren, und sie deuten das Maß an Kohärenz als möglichen Hinweis auf die Fähigkeit von Familien, mit Stressoren und Konflikten umzugehen.[13] Doris Bender und Friedrich Lösel zeigten auf, dass die Erfahrungen in der Beziehung auch auf das Kohärenzgefühl zurückwirken können.[14] Walter Schmidt spricht von der Herausforderung an partnerschaftlich orientierte Paare, Elternschaft und Erwerbsarbeit so zu gestalten, „dass die auftretenden Konflikte strukturiert, vorhersehbar und erklärbar gemacht werden[,] Ressourcen entdeckt und verfügbar gemacht werden, diesen Konflikten zu begegnen[, und] die Konfliktbewältigung – oder zumindest Konfliktverringerung – als Herausforderung gesehen wird, die Anstrengung und Engagement lohnt“. Schmidt hebt des Weiteren die Stärkung generalisierter Widerstandsressourcen in Anwendung des Salutogenese-Ansatzes als Lösungsansatz hervor.[15]

Die Dynamik gesunder Entwicklung: Wie entsteht Gesundheit?

Schon Antonovsky schrieb, dass das Salutogenese-Konzept dann zu weiterer Blüte kommen werde, wenn es mehr Klarheit über die Gesetzmäßigkeiten gebe, wie aus Chaos Ordnung entsteht, wie also aus der scheinbar chaotischen Unendlichkeit biochemischer Möglichkeiten und Vorgänge die so hohe dynamische und komplexe Regulation unseres Organismus entsteht. Der Arzt Theodor Dierk Petzold hat diese Gedanken in seinen Büchern weiter ausgeführt: ‚Gesund’ ist kein fixer Zustand, sondern ein ständiger Vorgang, eine ständige Entwicklung eines Menschen auf einen attraktiven Idealzustand von ‚Gesundheit’ hin. Wenn wir unsere eigene Unvollkommenheit mit allen Unannehmlichkeiten, wie Leiden oder auch Behinderungen, bedingungslos annehmen, können wir erkennen, dass wir langfristig alle nach der gleichen Vollkommenheit streben – jeder auf seinem ganz individuellen, einzigartigen, oft chaotischen Weg. Dieses innere Bild vom Idealzustand von ‚vollkommenem körperlichen, seelisch-geistigen Wohlbefinden’ (Definition der WHO) nennen wir in Anlehnung an die Chaostheorie ‚Attraktor’. Wir fühlen uns gesund, wenn wir uns diesem inneren Attraktor nahe bzw. auf dem Weg in seine Richtung fühlen.[16] Dabei bewegen wir uns jeweils in mehr oder weniger konstruktiver Kohärenz und Resonanz zu unseren äußeren mehrdimensionalen Zusammenhängen: unserer physischen Umwelt, unseren Mitmenschen und unserer Kultur und auch unserem globalen Kontext, wie uns heute immer mehr bewusst wird.

Arbeit an der Fragestellung der Salutogenese

Besonders wird in sechs Gruppen explizit an dem Thema der Salutogenese seit Jahren gearbeitet:

  1. In den seit 1995 jährlichen „Wartburggesprächen“ um W. Schüffel (emeritierter Leiter der Uni-Klinik für Psychosomatik in Marburg), aus denen das 1998 erschienene Handbuch der Salutogenese entstanden ist. Hier wird besonders die Verbindung der Salutogenese zur Balint-Arbeit, Philosophie und auch Psychoanalyse gepflegt.
  2. In der anthroposophischen Medizin und Pädagogik um Michaela Glöckler (Dornach/Schweiz) und P. Matthiessen (Witten-Herdecke). In der Anthroposophie wird eine salutogenetische Orientierung mit der anthroposophischen Medizin und der Waldorf-Pädagogik verbunden.
  3. In dem Dachverband Salutogenese (ehemals ‚Akademie für patientenzentrierte Medizin APAM e.V.’) bzw. der Universität Göttingen werden um Ottomar Bahrs (Medizin. Psychologie und Soziologie Uni Göttingen; Gesellschaft für medizinische Kommunikation www.gemeko.de) Konzepte zur Forschung zur salutogenetischen Orientierung in der allgemeinmedizinischen Praxis in Kooperationen entwickelt. Der Vorstand vom Dachverband Salutgogenese e.V. (Th. D. Petzold; O. Bahrs) gibt auch die erste Zeitschrift für Salutogenese ‚Der Mensch’ heraus.
  4. Im ‚Zentrum für Salutogenese’ mit einem jährlichen Symposium für Salutogenese seit 2005 um Th. D. Petzold (Arzt für Allgemeinmedizin, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover) geht es vor allem um eine Weiterentwicklung des Salutogenesekonzeptes sowohl theoretisch als auch praktisch (‚Salutogene Kommunikation SalKom’). Es sind aus den Symposien bislang vier thematische Sammelbände zur Salutogenese entstanden.
  5. In der GesundheitsAkademie in Bielefeld um E. Göpel (Hochschule Magdeburg-Stendal, Vorsitzender der ‚Hochschulen für Gesundheit e.V.’), Alexa Franke (Universität Dortmund; HEDE-Training) und Günther Hölling (Patienten-Beratungsstellen) sind besonders salutogenetisch orientierte Konzepte zur Gesundheitsförderung ausgearbeitet. An der Hochschule Magdeburg findet jährlich eine Sommerakademie zur Gesundheitsförderung statt.
  6. In der ‚Thematic Group on Salutogenesis’ des IUHPE (International Union for Health Promotion and Education) um Monica Eriksson in Helsinki, die besonders den internationalen Forschungsstand und Metastudien mit dem SOC-Fragebogen und ähnlichen erfasst.

Kritik und Diskussion der Forschung

Antonovsky sah das Kohärenzgefühl (sense of coherence) als Gesundheitsressource an, die vor allem in der frühen Kindheit erworben wird und nach dem 30. Lebensjahr nicht mehr positiv beeinflusst werden könne. Inzwischen sind sich in diesem Punkt alle Experten einig, dass es auch im fortgeschrittenen Alter immer veränderbar bleibt – wenn auch schwieriger.

Kritisch zu sehen ist eventuell der Fragebogen zum SOC, der bisher wenn überhaupt nur sehr schwache Korrelationen des Kohärenzgefühls zu körperlicher Gesundheit gezeigt hat, wohl aber zu psychosomatischen Erkrankungen (vgl. Bengel J (2001): Was erhält den Menschen gesund? Bonn: BZgA). Es gibt in Deutschland eine zunehmende Zahl von Forschungen zu diesem Thema, die aber von ihrer wissenschaftlichen Qualität her noch in den Kinderschuhen stecken. Es taucht immer wieder die Frage auf, welche Forschungsdesigns mit welchen Fragebögen für die salutogenetische Frage taugen. Das Problem besteht immer wieder in der Messbarmachung (Operationalisierung) von psychischen und sozialen subjektiven Empfindungen. Unterschiedliche Begriffe können das gleiche Phänomen meinen genauso wie gleiche Begriffe von den Befragten unterschiedlich verstanden werden. So sind die von Antonovsky gewählten Begriffe von ‚Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit’ in unseren Bedeutungssystemen sehr unterschiedlich belegt, wie die Literatur zu diesen Themen zeigt. Es besteht noch keine einheitlich operationalisierte Definition dieser Begriffe, die aufzeigt, wie sie in einem dynamischen Modell der Entstehung von Gesundheit zusammenwirken.

Eine klare Abgrenzung des Kohärenzgefühls von anderen inhaltlich verwandten Konstrukten ist sicher schwierig, aber ist sie überhaupt erwünscht? Oder sollte man die phänomenologischen Übereinstimmungen sehen und dann über die am meisten geeigneten Begriffe entscheiden. Dazu gehören: Kontrollüberzeugung, Selbstwirksamkeitserwartung, Optimismus, Hardiness und Resilienz. In der Beurteilung der Konstrukte sollte man primär mehr auf die beschriebenen und erforschten Phänomene schauen und erst dann nach den Begriffen. So könnten auch andere Forschungen, die nicht unter dem Begriff der Salutogenese und dem Konzept von Antonovsky durchgeführt wurden, wohl aber die Fragestellung nach der Entstehung von Gesundheit behandeln, mehr in Betracht gezogen oder/und neu entwickelt werden.

Literatur

  • Aaron Antonovsky, Alexa Franke: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. dgvt-Verlag, Tübingen 1997, ISBN 3-87159-136-X.
  • Jürgen Bengel, Regine Strittmatter, Hildegard Willmann: Was erhält Menschen gesund? Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 1998, ISBN 3-933191-10-6. (Erweiterte Neuauflage 2001 - Volltext)
  • R. Lorenz: Salutogenese - Grundwissen für Psychologen, Mediziner, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler. Reinhardt, München 2004, ISBN 3-497-01697-7.
  • T. D. Petzold: Praxisbuch Salutogenese - warum Gesundheit ansteckend ist. Südwest, München 2010, ISBN 978-3-517-08637-8.
  • W. Schüffel, U. Brucks, R. Johnen (Hrsg.): Handbuch der Salutogenese. Ullstein Medical, Wiesbaden 1998, ISBN 3-86126-167-7.
  • H. Wydler, P. Kolip, T. Abel (Hrsg.): Salutogenese und Kohärenzgefühl - Grundlagen, Empirie und Praxis eines gesundheitswissenschaftlichen Konzeptes. Juventa, Weinheim/ München 2000, ISBN 3-7799-1414-X.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Salutogenese. In: DTV-Lexikon. München 2006.
  2. F. Schliehe, H. Schäfer, R. Buschmann-Steinhage, S. Döll: Aktiv Gesundheit fördern. Verband Deutscher Rentenversicherungsträger, 2000.
  3. Aaron Antonovsky: Die salutogenetische Perspektive: Zu einer neuen Sicht von Gesundheit und Krankheit. In: Meducs. 2, S. 52. Zitiert nach: Christina Krause, Rüdiger-Felix Lorenz: Was Kindern Halt gibt. Salutogenese in der Erziehung. Vandenhoeck & Ruprecht, 2009, ISBN 978-3-525-40423-2, S. 42: „Und weiter erläutert Antonovsky: »Das gemeinsame an allen generalisierten Widerstandsressouren sei, so schlug ich vor, den unzähligen uns ständig treffenden Stressoren eine Bedeutung zu erteilen.«“
  4. S. Singer, E. Brähler: Die "Sense of Coherence-Scale". Testhandbuch zur deutschen Version. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007.
  5. C. Krause, R. F. Lorenz, N. Lehmann, T. D. Petzold (Hrsg.): Verbunden gesunden - Zugehörigkeitsgefühl und Salutogenese. Verlag Gesunde Entwicklung, Bad Gandersheim 2007.
  6. T. D. Petzold (Hrsg.): Kommunikation mit Zukunft - Salutogenese und Resonanz. Verlag Gesunde Entwicklung, Bad Gandersheim 2011.
  7. T. D. Petzold: Grundlagen einer systemischen Kohärenzregulation - Dynamische und systemische Aspekte einer salutogenetisch orientierten Meta-Theorie für Gesundheitsberufe. 2011. PDF
  8. E. Schiffer: Wie Gesundheit entsteht - Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Beltz, Weinheim 2001.
  9. K. Grawe: Neuropsychotherapie. Hogrefe, Göttingen 2004.
  10. T. D. Petzold (Hrsg.): Lust und Leistung und Salutogenese. Verlag Gesunde Entwicklung, Bad Gandersheim 2010.
  11. T. D. Petzold: Praxisbuch Salutogenese - warum Gesundheit ansteckend ist. Südwest Verlag, München 2010.
  12. salutogenese-zentrum.de
  13. Aaron Antonovsky, Talma Sourani: Family sense of coherence and family adaptation. S. 167.–180. In: Aaron Antonovsy (Hrsg.): The sociology of health and health-care in Israel. In: Studies of Israeli Society. Volume V, 1990.
  14. Doris Bender, Friedrich Lösel: Kohärenzsinn und andere Persönlichkeitsmerkmale als protektive Faktoren der Ehestabilität. zitiert nach J. Grau, H.-W. Bierhoff (Hrsg.): Sozialpsychologie der Partnerschaft. Springer Verlag, Berlin/ Heidelberg 2003, S. 410–424, wiederum zitiert nach: Walter Schmidt: Balance zwischen Beruf und Familie. Ko-evolution zu effizienter und familienbewusster Führung. In: Dissertationsschrift zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophisch-Pädagogischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt. 2009. Abgerufen am 1. Januar 2011. (PDF; 3,3 MB) S. 170.
  15. Walter Schmidt: Balance zwischen Beruf und Familie. Ko-evolution zu effizienter und familienbewusster Führung. In: Dissertationsschrift zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophisch-Pädagogischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt. 2009. Abgerufen am 1. Januar 2011. (PDF; 3,3 MB) S. 128 ff.
  16. T. D. Petzold: Gesundheit ist ansteckend! Heilungsphasen und innere Bilder. Verlag Gesunde Entwicklung, Bad Gandersheim 2000; T. D. Petzold: Praxisbuch Salutogenese - Warum Gesundheit ansteckend ist. Südwest-Verlag, München 2010.
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