Schatten

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Der Schatten (aus ahd. scato) als sinnliches Phänomen ist der dunkle Raum hinter einem von einer Lichtquelle beleuchteten Gegenstand, der auf eine Fläche projiziert als zweidimensionales Abbild des Gegenstandes erscheint. Als Schatten wurden aber auch in der Antike von den Griechen die Seelen der Toten empfunden, da damals das in der Menschheit ursprünglich allgemein verbreitete Hellsehen bereits nahezu abgestorben war. In der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs ist der Schatten ein Archetypus, der für die negativen, ins Unterbewusstsein verdrängten Eigenschaften der Persönlichkeit steht.

Im Schatten wird die Seele des Menschen sichtbar

Tatsächlich besteht ein geisteswissenschaftlich zu fassender innerer Zusammenhang zwischen diesen unterschiedlichen Schatten-Begriffen, denn im Dunkelraum des Schattens wird für das astrale Schauen die Seele des Menschen, oder allgemeiner, sein Astralisches, sichtbar:

"Der Lichtstrahl besteht aus einem physischen und einem astralen Teil. Denken Sie sich nun, daß ein Lichtstrahl irgendwo auffällt. Wenn dies geschieht, dann ist in diesem Lichtstrahl das äußere physische Licht enthalten und zugleich die in dem Lichtstrahl lebenden astralen Wesenheiten. Stellen Sie sich nur einmal so auf, daß Sie den Lichtstrahl aufhalten. Stellen Sie sich so auf, daß die Sonne auf Ihren Rücken scheint. Wenn Sie das tun, halten Sie das physische Licht auf, aber die astralischen Wesenheiten halten Sie nicht auf. Die astralische Wesenheit ist dann vor Ihnen, in Ihrem Schatten. In Ihrem Schatten, der so nach vorn fällt, lebt eine astralische Wesenheit. Und diese astralische Wesenheit, die in dem Schatten lebt, ist nichts anderes als ein Nachbild -, ein Nachbild wovon? Sie ist ein Nachbild des Leibes, und was darin lebt, das formt sich nach der Seele. Das ist eine der Methoden, allmählich die eigene Seele zu sehen. Daher haben primitive Völkerschaften nicht mit Unrecht gesagt, daß im Schatten die Seele lebe. In zahlreichen Sagen können Sie es finden: Im Schatten geht die Seele fort. Für ein astrales Schauen wird die Seele im Schatten erst sichtbar, der Form nach.

Jetzt werden Sie auch ermessen, welche tiefere Bedeutung es hat, wenn Chamisso von Peter Schlemihl als dem Mann ohne Schatten redet. Peter Schlemihl hat mit dem Schatten seine Seele verloren. Lesen Sie mit diesem Gedanken im Hintergrund einmal die Novelle des Chamisso, dann wird Ihnen aufgehen, daß hinter mancher solcher Geschichte noch etwas viel Tieferes steckt." (Lit.: GA 96, S. 134f)

"Wenn das Auge des Sehers sich entwickelt, macht er oft eine eigentümliche Wahrnehmung. Wenn er sich in die Sonne stellt, hält sein Körper das Licht auf. Er wirft einen Schatten. Wenn er nun hineinschaut in diesen Schatten, ist das oftmals der erste Moment, wo er den Geist entdeckt. Der Körper hält das Licht, doch nicht den Geist auf." (Lit.: GA 99, S. 47)

Dass das innere seelische Wesen des Menschen in seinem Schatten (astralisch) sichtbar wird, hat auch Shakespeare geahnt, wenn er in seiner Historie König Richard der Dritte gleich im Auftrittmonolog seinen Erzbösewicht Richard im Anblick seines Schattens seine eigne Mißgestalt erörtern läßt:

Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit,
Weiß keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben,
Als meinen Schatten in der Sonne spähn
Und meine eigne Mißgestalt erörtern;

Zwar ist Richard, lahm und bucklig, also auch äußerlich physisch mißgestaltet, doch worauf Shakespeare eigentlich hinweisen will, ist Richards moralische Mißgestalt.

Die Schatten der Toten

Als Schatten werden auch die im Kamaloka abgeworfenen Astralhüllen der Toten bezeichnet, die dort zurückbelieben müssen, ehe der Mensch im Leben zwischen Tod und neuer Geburt ins Devachan aufsteigen kann:

Im Kamaloka muss der Tote einen großen Teil seiner astralen Hülle abwerfen, ehe er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt ins Devachan aufsteigen kann. Bei Menschen mit hoher Intelligenz, die diese Intelligenz aber zur Befriedigung niederer Begierden einsetzen, kann es vorkommen, dass sich Teile des bereits entwickelten Manas (Geistselbst), mit den abgeworfenen astralen Hüllen oder Schalen verbinden, die dadurch mit einer Art von automatischem Verstand begabt werden. Diese Schalen werden im okkulten Sprachgebrauch Schatten genannt:

"Wenn die Kamalokazeit zu Ende geht, dann hebt sich aus dem Astralleibe alles dasjenige, was höhere Natur ist, heraus. Dann bleibt als eine Art Schale das zurück, wodurch der Mensch nach sinnlichem Genuß gestrebt hat. Und wenn der Mensch den Kamalokaplan verlassen hat, schwimmen diese astralen Menschenschalen auf dem Astralplane herum. Sie lösen sich nach und nach auf. Es ist sehr leicht möglich, daß mediumistische Naturen von diesen astralen Schalen gequält werden können. Dies drückt sich auch schon bei schwach mediumistischen Naturen in einer Weise aus, die ihnen einen sehr unangenehmen Eindruck macht. Es kann vorkommen, daß der Mensch selbst in dem Ich eine so starke Neigung hat zu dem Astralleib, trotzdem er auf der anderen Seite wiederum schon so weit vorgeschritten ist, daß er verhältnismäßig rasch reif wird für das Devachan, so daß mit dieser Schale Teile seines schon entwickelten Manas verbunden bleiben. Nicht so schlimm ist es, wenn der Mensch niedere Begierden entwickelt, solange er noch ein einfacher Mensch ist, aber schlimm ist es, wenn er den hohen Verstand gebraucht, um den niederen Begierden zu frönen. Dann verbindet sich mit den niederen Begierden ein Teil seiner manasischen Natur. Im materialistischen Zeitalter ist das in außerordentlichem Maße der Fall. Bei solchen Menschen bleibt mit der Schale ein Teil des Manas verbunden, und die Schale hat dann automatischen Verstand. Diese Schalen nennt man Schatten. Die mit automatischem Verstand begabten Schatten sind sehr häufig solche, die durch Medien sich äußern. Man kann dadurch der Täuschung ausgesetzt sein, etwas, was bloß Schale von einem Menschen ist, für seine wirkliche Individualität zu halten. Sehr oft ist das, was sich ankündigt nach dem Tode des Menschen, eine solche Schale, die gar nichts mehr mit dem sich fortentwickelnden Ich zu tun hat." (Lit.: GA 93a, S. 155f)

Ahriman und die herumhuschenden Schatten des Denkens

Ahriman ist bestrebt, das auf die sinnliche Welt gerichtete Denken des Menschen vom Werkzeug des physischen Gehirns loszulösen und für sich zu gewinnen. Diese Schatten und Schemen des von Ahriman geraubten Denkens sind für das elementarische Hellsehen als herumhuschende Schatten sichtbar:

"Insoferne nun das menschliche Denken in der Sinneswelt lebt, ist es an das Gehirn gebunden, das der Vernichtung verfallen muß nach der allgemeinen Weltenordnung. Da hat Ahriman zu regulieren diesen Gang des menschlichen Gehirns nach der Vernichtung hin. Wenn er nun sein Gebiet überschreitet, dann bekommt er die Tendenz, die Intention, das Denken abzulösen von seinem sterblichen Instrument, dem Gehirn, es zu verselbständigen; loszureißen das physische Denken, das Denken, das auf die Sinneswelt gerichtet ist, von dem physischen Gehirn, in dessen Vernichtungsstrom dieses Denken sich hineinergießen sollte, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Ahriman hat die Tendenz, wenn er den Menschen hineinläßt als physische Wesen in die Strömung des Todes, loszulösen von dieser Vernichtungsströmung das Denken. Das macht er das ganze Leben hindurch. Für die menschliche Seelenstimmung hat das zunächst, wenn der Mensch nicht praktischer Okkultist geworden ist, nur die Folge, daß er ein grobklotziger Materialist wird und nichts von der geistigen Welt wissen will. Er ist dazu gerade verlockt von Ahriman, den er nur nicht merkt. Für Ahriman steht die Sache aber so, indem es ihm gelingt, dieses Denken loszureißen von seiner als physisches Denken an das Gehirn gebundenen Grundlage, daß Ahriman mit diesem Denken herausschafft in die physische Welt Schatten und Schemen, und diese dann die physische Welt durchsetzen. Mit diesen Schatten und Schemen will sich Ahriman fortwährend ein besonderes ahrimanisches Reich begründen. Immer steht er auf der Lauer, vom menschlichen Denken, wenn dieses Denken hineingehen will in den Strom, in den der Mensch geht, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet, so viel loszureißen, als es nur irgend geht zurückzuhalten das Denken und zu bevölkern die physische Welt mit Schatten und Schemen, die gebildet sind aus dem von seinem Mutterboden losgerissenen physischen menschlichen Denken." (Lit.: GA 147, S. 35f)

Im Schatten werden die geistigen Wirkungen von Sonne und Mond sichtbar

So wie im Schatten des Menschen sein Astralisches dem hellsichtigen Blick sichtbar wird, so wird im Schatten, den die Sonne von einem mineralischen Gegenstand wirft, die Astralaura der Sonne sichtbar. Auch die Mondenwirkungen sind auf diese Weise zu beobachten:

"Je nachdem das Licht verschieden ist, ist der Schatten verschieden. Die alten Menschen haben sich zunächst einmal die Fähigkeit angeeignet, die Unterschiede des Schattens zu bestimmen. Im Schatten drinnen aber sieht man das Geistige. Die Sonnenstrahlen haben nicht nur ein Physisches, sondern sie haben ein Geistiges. Und in den Dolmen hat der Druidenpriester die Geistigkeit der Sonnenstrahlen beobachtet, von der wiederum abgehangen hat, ob man in einem bestimmten Lande besser diese oder jene Pflanze anbaut, denn das hängt von der Geistigkeit ab, die von der Sonne zu der Erde heruntergetragen wird. Und außerdem waren in diesen Schatten außerordentlich gut die Mondenwirkungen zu beobachten." (Lit.: GA 350, S. 267)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1987)
  2. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989)
  3. Rudolf Steiner: Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99 (1985)
  4. Rudolf Steiner: Die Geheimnisse der Schwelle, GA 147 (1997)
  5. Rudolf Steiner: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt man zum Schauen der geistigen Welt?, GA 350 (1991)
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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