Scholastik

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Die Scholastik (von griech. σχολή, scole, „Muße, Ruhe“ aber auch „Schule“ [1]); meist abgeleitet vom mittellat. scholasticus „Schulmeister“) ist eine wissenschaftliche Denkweise und Methode, die in der mittelalterlichen lateinischsprachigen Gelehrtenwelt entwickelt wurde.

"Scholastik kommt aus dem Griechischen «scole», bedeutet also «Aufmerkung», was irrtümlich übersetzt wurde in «scuola», Schule." (Lit.: GA 109, S. 73)

Scholastik war der Versuch, die christliche Glaubensoffenbarung rational zu untersetzen und in ein theoretisches System zu bringen. Vorstufen entstanden im Hochmittelalter. Im Spätmittelalter wurde diese Methode voll ausgebildet und beherrschte das gesamte höhere Bildungswesen. Noch in der Frühen Neuzeit war sie an Universitäten und Bildungseinrichtungen maßgeblich.

Mit „Scholastik“ wird auch die Epoche, in der diese Methode an den Universitäten herrschte, oder auch die Gesamtheit der mittelalterlichen Philosophie und Theologie (einschließlich der frühmittelalterlichen) bezeichnet. Solcher Sprachgebrauch entspricht jedoch teilweise nicht der historischen Wirklichkeit, denn vor der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend war die Scholastik noch nicht entwickelt worden, und im Spätmittelalter gab es bereits nichtscholastisches Geistesleben, den frühen Humanismus.

Die Begriffe „Scholastik“ und „scholastisch“ werden auch im Zusammenhang mit anderen Epochen verwendet, um damalige Denkweisen zu bezeichnen, die der spätmittelalterlichen Scholastik angeblich oder tatsächlich ähnlich sind. Gelegentlich wird der Begriff sogar auf andere Kulturen angewendet, z. B. auf die indische Philosophiegeschichte.

Definition

Die Scholastik ist nicht auf eine bestimmte philosophische Richtung oder Schule und deren Thesen begrenzt. Es handelt sich vielmehr um eine Methode (siehe unten), deren Anwendung zu unterschiedlichsten Ergebnissen führen konnte und geführt hat. Das einzige, was allen Scholastikern gemeinsam war, ist die Anwendung der scholastischen Methode. Diese war damals die einzige im Universitätsbetrieb als wissenschaftlich akzeptierte Methode. Sie bestand in einer Weiterentwicklung der antiken Dialektik, der Lehre vom richtigen (wissenschaftlich korrekten) Diskutieren. Inhaltlich gingen die Meinungen der Scholastiker zu den diskutierten Fragen teilweise auseinander. Da die Methode vom Wissenschaftsverständnis und der Logik des Aristoteles geprägt war und seine Schriften die wichtigsten Lehrbücher waren, war der Einfluss dieses Philosophen sehr groß. Man kann aber nicht Scholastik mit Aristotelismus gleichsetzen. Es gab unter den Scholastikern auch Platoniker und Aristoteles-Kritiker. Im Prinzip konnte ein Scholastiker jeden Standpunkt vertreten, wenn er ihn nur methodisch sauber begründete. Praktisch wurde erwartet, dass man auf die Lehren bzw. Dogmen der Kirche Rücksicht nahm, was die Mehrheit der Scholastiker auch tat.

Glaube und Wissen

„Man hätte im Mittelalter nicht dasjenige gehabt, was man die Scholastik nennt, was man die Philosophie des Thomas von Aquino, des Albertus Magnus und anderer Scholastiker nennt, wenn diese Philosophie, diese Weltanschauung und alles, was sie sozial in ihrem Gefolge hatte, nicht inspiriert gewesen wäre gerade von dem wichtigsten Kirchengedanken: von demOstergedanken. In der Anschauung des heruntersteigenden Christus, der im Menschen ein zeitweiliges Leben auf Erden führt, der dann durch die Auferstehung geht, war jener seelische Impuls gegeben, der dazu führte, jenes eigentümliche Verhältnis zwischen Glauben und Wissen, zwischen Erkenntnis und Offenbarung zu setzen, das eben das scholastische ist. Daß man aus dem Menschen heraus nur die Erkenntnis der sinnlichen Welt bekommen kann, daß alles, was sich auf die übersinnliche Welt bezieht, durch Offenbarung gewonnen werden muß, das war im wesentlichen durch den Ostergedanken, wie er sich an den Weihnachtsgedanken anschloß, bestimmt.

Und wenn wiederum die heutige naturwissenschaftliche Ideenwelt eigentlich ganz und gar ein Ergebnis der Scholastik ist, wie ich oftmals hier auseinandergesetzt habe, so muß man sagen: Ohne daß es die naturwissenschaftliche Erkenntnis der Gegenwart weiß, ist sie im wesentlichen ein richtiger Siegelabdruck, möchte ich sagen, des Ostergedankens, so wie er geherrscht hat in den älteren Zeiten des Mittelalters, wie er dann abgelähmt worden ist in der menschlichen Geistesentwickelung im späteren Mittelalter und in der neueren Zeit. Schauen wir darauf hin, wie die Naturwissenschaft in Ideen das verwendet, was heute ja populär ist und unsere ganze Kultur beherrscht, sehen wir, wie die Naturwissenschaft ihre Ideen verwendet: sie wendet sie an auf die tote Natur; sie glaubt sich nicht erheben zu können über die tote Natur. Das ist ein Ergebnis jener Inspiration, die angeregt war durch das Hinschauen auf die Grablegung. Und solange man zu der Grablegung hinzufügen konnte die Auferstehung als etwas, zu dem man aufsah, da fügte man auch die Offenbarung über das Übersinnliche zu der bloßen äußeren Sinneserkenntnis hinzu. Als immer mehr und mehr die Anschauung aufkam, die Auferstehung wie ein unerklärliches und daher unberechtigtes Wunder hinzustellen, da ließ man die Offenbarung, also die übersinnliche Welt, weg. Die heutige naturwissenschaftliche Anschauung ist sozusagen bloß inspiriert von der Karfreitagsanschauung, nicht von der Ostersonntagsanschauung.“ (Lit.:GA 223, S. 42f)

Scholastischer Unterricht

Die Scholastik ist – ihrem Ursprung und Wesen nach – aufs engste mit dem Unterricht verknüpft. Dessen Basis waren die vorhandenen Lehrbücher, die meist aus der Antike stammten, zum Teil aber mittelalterliche Werke waren.

Lehrbücher

In der Fakultät der Freien Künste (Artistenfakultät) befasste man sich mit Logik und Grammatik (spekulative Grammatik als Sprachtheorie), Naturwissenschaft, Metaphysik und Ethik. Die wichtigsten Lehrbücher waren die einschlägigen Werke des Aristoteles, also das Organon (seine Schriften zur Logik), Physik, Über den Himmel, Meteorologie, Über die Tiere, Über die Seele, Metaphysik, Nikomachische Ethik usw. In der Theologischen Fakultät studierte man außer der Bibel vor allem die Sentenzen des Petrus Lombardus; es wurde von jedem Theologen erwartet, die Sentenzen zu kommentieren. In der Medizinischen Fakultät wurden in erster Linie die Werke Galens, ibn Sinas (Avicennas) Canon medicinae und Schriften des Isaak ben Salomon Israeli (Isaak Judaeus) dem Unterricht zugrunde gelegt. Bei den Juristen waren die Grundlagenwerke das Corpus iuris civilis (römisches Recht) und das Corpus iuris canonici (Kirchenrecht).

Aufgabenstellung

Die erste und grundlegende Aufgabe war, den Inhalt der Lehrbücher verständlich zu machen, also zu erläutern, was dort gemeint war, und mögliche Unklarheiten und Missverständnisse zu beseitigen. Besonders bei den Werken des Aristoteles war das dringend nötig, denn in den damals vorliegenden lateinischen Übersetzungen waren sie schwer verständlich und bedurften daher der Kommentierung. Dann sollte bewiesen werden, dass der Inhalt des Lehrbuchs gut begründet und in sich widerspruchsfrei war und auch keine Widersprüche zu evidenten Tatsachen oder zu anderen anerkannten Lehrbüchern vorlagen. Im nächsten Schritt ging es darum, Fragen zu stellen und selbständig zu lösen, die sich aus der Lektüre des Lehrbuchs ergaben. Eine weitere Stufe war, das Lehrbuch nur noch als Stichwortgeber für Fragen aller Art zu nehmen, die man interessant fand. Dabei bot sich dem Scholastiker Gelegenheit, seine eigene Philosophie ausführlich darzulegen.

Lehrveranstaltungen

Der scholastische Unterricht bestand aus Vorlesung (lectio) und Disputationen. Die Abhaltung dieser Lehrveranstaltungen stand ausschließlich den Magistern zu. Die regelmäßig in allen Fakultäten unter der Leitung eines einzelnen Magisters stattfindenden Disputationen dienten der Erörterung und Klärung von Fragen (Quaestionen) zu bestimmten vorher bekanntgegebenen Themen (Quaestiones disputatae, Quaestiones ordinariae). Zweimal im Jahr fand die Disputatio de quolibet statt, eine (manchmal mehrtägige) strukturierte Diskussionsveranstaltung über beliebige Probleme, d. h. über alles, was geeignet war, Thema einer wissenschaftlichen Debatte zu sein. Die wesentlichen Argumente und die Ergebnisse der Disputationen wurden schriftlich festgehalten und veröffentlicht.

Kommentarwesen

Da man von den Lehrbüchern ausging, deren gründliche Kenntnis und richtiges Verständnis vorrangiges Ziel war, war die scholastische Wissenschaft in erster Linie kommentierend. Ein sehr großer Teil der Werke der scholastischen Gelehrten bestand aus Kommentaren zu den Lehrbüchern. Die einfachste Art der Kommentierung waren Glossen: Man trug im Lehrbuch zwischen den Zeilen oder am Rand Worterklärungen und sonstige, manchmal ausführliche Erläuterungen und Hinweise ein. Die nächste Stufe waren texterklärende, paraphrasierende Kommentare, die den Aufbau des Lehrbuchs darlegten, seine Gedankengänge in systematisch gegliederter Form präsentierten und seinen Inhalt in anderen Worten wiedergaben. Dann gab es „Quaestionenkommentare“, die Fragen zum Lehrbuch und deren Diskussion und schließliche Klärung mit der Beweisführung und Widerlegung von Gegenargumenten enthielten. Diese Kommentartypen (es gab auch Mischformen) entsprachen den Gattungen der Lehrveranstaltungen: der einfache textauslegende Kommentar entsprach der Vorlesung, der Quaestionenkommentar der Disputation.

Summen

Die Summen dienten der umfassenden, systematischen handbuchartigen Darstellung großer Wissensgebiete, etwa der Grammatik, der Logik oder gar der gesamten Theologie. Schon um 1146 hatte der Grammatiker Petrus Helie die Summa super Priscianum verfasst, eine zusammenfassende Darstellung der Lehren des antiken Grammatikers Priscian, die für die spekulative Grammatik (Sprachtheorie) der Scholastik richtungweisend wurde. Petrus Hispanus schrieb die Summulae logicales, ein sehr populäres Logik-Lehrbuch, das bis ins 18. Jahrhundert hinein oft aufgelegt wurde. Unter den Summen der Theologie erzielte diejenigen des Thomas von Aquin die stärkste Nachwirkung (Summa contra gentiles und Summa theologica). Auch bei den Juristen wurden große Teilbereiche des Stoffs in Summen dargestellt. Insbesondere die Dekretisten (Kirchenrechtler, die das Decretum Gratiani studierten und auslegten), traten als Verfasser von Summen hervor, die bei ihnen zum Teil auch Kommentarcharakter hatten.

Methode

Ein scholastischer Kommentar zu einem Lehrbuch begann meist mit Fragen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftssystematik. Wenn es z. B. um die Seelenlehre ging, also um die maßgebliche Schrift des Aristoteles De anima (Über die Seele), wurde zuerst gefragt: Kann es überhaupt eine Wissenschaft von der Seele geben? Was genau soll der Gegenstand dieser Wissenschaft sein? Inwiefern ist dieser Gegenstand geeignet, wissenschaftlich untersucht zu werden? Wie zuverlässig können Aussagen sein, die über die Seele gemacht werden? Ist die Wissenschaft von der Seele eine Naturwissenschaft? Wo ist diese Wissenschaft in das hierarchische System der Wissenschaften einzuordnen? Dann wandte man sich konkreten Einzelheiten zu, z. B.: Ist die Seele eine Substanz? Woraus besteht sie? Welcher Art sind die Wechselwirkungen zwischen ihr und dem Körper? Mit welchen Fähigkeiten ist sie ausgestattet? Ist die Seele eine Einheit, oder sind ihre Teile eigenständige Seelen, nämlich eine vegetative, die Stoffwechsel und Wachstum steuert, eine sensitive, die für Wahrnehmungen und Gefühle zuständig ist, und eine intellektive (Vernunft)? Wie verhält sich das bei Pflanzen und Tieren?

Argumentationsstruktur

Grundlegend war das Prinzip des Dialogs zwischen zwei Vertretern gegensätzlicher Auffassungen, aus dem sich die Lösung des gestellten Problems ergab, indem der eine den anderen widerlegte. Dieses Prinzip kam in der Disputation und im Quaestionenkommentar zur Geltung. Dabei wurde normalerweise nach einem festen Schema verfahren. Zuerst wurde die Frage vorgelegt: Es wird gefragt, ob … Dann wurden die Argumente erst der einen, dann der anderen Seite aufgezählt. Die Argumente waren im Sinne des aristotelischen Syllogismus strukturiert, wobei der Obersatz propositio maior und der Untersatz propositio minor genannt wurde. Dann wurde die Frage im einen oder anderen Sinne entschieden (conclusio oder solutio) und die Begründung für die Entscheidung gegeben. Anschließend folgte die Widerlegung der einzelnen Argumente der unterlegenen Seite. Widerlegt wurde entweder durch Bestreitung einer Prämisse (per interemptionem) oder durch Bestreitung ihrer Anwendbarkeit auf den vorliegenden Fall.

Deduktives Prinzip

Das typisch Scholastische war ein nahezu grenzenloses Vertrauen in die Macht und Zuverlässigkeit der Deduktion, des Schließens vom Allgemeinen auf das Besondere. Man nahm an, dass die fehlerfrei durchgeführte Deduktion zur Erkenntnis von allem vernunftmäßig Erkennbaren und zur Beseitigung aller Zweifel führen kann. Voraussetzung war die korrekte Anwendung der Regeln des Aristoteles, besonders seiner Lehre von den Trugschlüssen. Man ging von bestimmten allgemeinen Grundsätzen aus, von deren Richtigkeit man überzeugt war, und begann dann zu folgern, um ein Phänomen zu erklären oder eine These zu beweisen.

Der Grundsatz, den man im Syllogismus als Obersatz nahm, stammte sehr oft von Aristoteles. Solche Grundsätze waren z. B. Die Natur macht nichts vergeblich; alles, was sie erzeugt, hat einen Sinn und Zweck oder: Die Natur erzeugt immer das Beste, was sie hervorbringen kann. Weitere allgemein akzeptierte Grundsätze waren Der Mensch ist das vornehmste Lebewesen und Die Natur kümmert sich um das Höherwertige mehr als um das Geringerwertige. Nun ging es um ein Phänomen, das dem anscheinend widerspricht, beispielsweise dieses: Es gibt beim Menschen (nach Ansicht der Scholastiker) häufiger angeborene Behinderungen und Missbildungen als bei Tieren, und bei Pflanzen kommen gar keine vor. Der Scholastiker will nun zeigen, dass die Grundsätze dennoch stimmen. Die Natur hat wie immer das Beste angestrebt, konnte aber aus bestimmten Gründen, die erklärt werden, gar nichts Besseres erreichen, weil in diesen Einzelfällen bestimmte Voraussetzungen sehr ungünstig waren. Das Resultat war das Beste, was unter solchen Umständen erreichbar war. Gerade weil der Mensch das vornehmste Lebewesen ist, ist er auch das komplexeste und damit störanfälligste. Das Ergebnis war also, dass alle Grundsätze stimmen, und man meinte verstanden zu haben, wie Behinderungen zustande kommen, obwohl die Natur sich auch in diesen Fällen die größte Mühe gibt.

Die Scholastiker waren überzeugt, dass theoretisches Wissen, das aus allgemeinen Grundsätzen logisch sauber hergeleitet wird, das sicherste Wissen ist, das es geben kann. Beobachtungen können falsch oder trügerisch sein oder falsch gedeutet werden, aber eine logisch saubere Folgerung aus einem allgemeingültigen Prinzip ist notwendigerweise irrtumsfrei. Darum mussten Phänomene, die einer solchen Folgerung zu widersprechen schienen, so gedeutet werden, dass sie in den von diesem Prinzip und seinen Konsequenzen gesetzten Rahmen hineinpassten. Dies wurde Bewahrung der Phänomene genannt und spielte besonders in der Physik und Astronomie eine zentrale Rolle. Ergaben sich aus einem allgemein anerkannten Grundsatz Folgerungen, die denen aus einem anderen Grundsatz widersprachen, so bemühte man sich zu zeigen, dass der Widerspruch nur scheinbar existiert und auf einem Missverständnis beruht.

Umgang mit Autoritäten

Bei Widersprüchen zwischen Aussagen anerkannter Autoritäten versuchte man meistens zu zeigen, wie man die Stellen so deuten kann, dass dabei herauskommt, dass beide Aussagen zutreffen. Die Scholastiker verfügten über ausreichende Möglichkeiten, Widersprüche aufzulösen, ohne allgemein anerkannte Lehrsätze aufgeben zu müssen:

  • Es gibt verschiedene Deutungsebenen; manche Aussagen sind nur symbolisch gemeint oder sollen nur einem bestimmten Zweck (etwa einem didaktischen) dienen und sind nicht unbedingt als Tatsachenbehauptungen aufzufassen.
  • Ein Begriff kann je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen haben. Die Frage, ob er an der fraglichen Stelle mehrdeutig oder eindeutig ist, ist für das Verständnis entscheidend.
  • Die meisten Aussagen beanspruchen nicht absolute Gültigkeit (simpliciter), sondern sollen nur in bestimmter Hinsicht und unter bestimmten Voraussetzungen (secundum quid) wahr sein. Ein Lehrsatz kann also durch präzise Begrenzung seines Geltungsbereichs gerettet werden.

Manche Magister bemühten sich aber nicht um harmonisierende Deutungen, sondern widersprachen einzelnen Lehrmeinungen der Autoritäten (sogar des Aristoteles) scharf. In der Dynamik wich man von der aristotelischen Physik ab und entwickelte alternative Ideen (Impetustheorie, innerer Widerstand als bewegungshemmender Faktor).

Gegner der Scholastik

Die Scholastik hatte drei Arten von Gegnern:

  • Konservative Antidialektiker wie Rupert von Deutz, Gerhoh von Reichersberg und Bernhard von Clairvaux, denen die ganze Richtung missfiel. Sie meinten, dass die Anwendung der Methode auf theologische Fragen zu Folgerungen führen konnte, die mit der Lehre der Kirche unvereinbar waren.
  • Humanisten. Prominente Humanisten – darunter Petrarca und Erasmus – griffen die ganze scholastische Wissenschaft mit großer Schärfe an, weil sie steril sei und ihre Fragestellungen und Lösungen nutzlos und belanglos seien. Die Humanisten meinten, dass die Scholastiker Aristoteles nicht verstehen konnten, da sie ihn nur aus mangelhaften Übersetzungen kannten und aus der Perspektive des Averroes betrachteten. Außerdem verabscheuten die Humanisten die Sprache der Scholastiker, das spätmittelalterliche Latein mit seinen vielen scholastischen Fachbegriffen. Sie wollten nur antikes, klassisches Latein gelten lassen.
  • Pioniere des modernen Wissenschaftsverständnisses in der frühen Neuzeit. Die Kritik der konservativen Antidialektiker und der Humanisten konnte der Scholastik wenig anhaben, denn sie hatten keine konstruktiven wissenschaftlichen Alternativen anzubieten. In der frühen Neuzeit entstand aber eine dritte Art von Gegnerschaft, die in einem langen Prozess das Ende der Scholastik herbeigeführt hat. Man wollte sich nicht mehr damit begnügen, Beobachtungen so zu deuten, dass sie mit vorgegebenen Prinzipien und deren Konsequenzen vereinbar waren und sich eine widerspruchsfreie Theorie ergab. Statt dessen begann man empirisch vorzugehen, also dem Erfahrungswissen Vorrang einzuräumen und davon ausgehend nötigenfalls die Prinzipien zu ändern oder aufzugeben. Diese Kritik zielte auf die Hauptschwäche der deduktiven scholastischen Methode, nämlich den Umstand, dass die Ergebnisse der Scholastiker trotz allen Scharfsinns nicht besser sein konnten als die Prämissen, von denen sie ausgingen. Außerdem ersetzte die frühneuzeitliche Naturwissenschaft das qualitätsbezogene Denken der Scholastiker teilweise durch ein quantitätsbezogenes.

Geschichte

Die Periodisierung der Scholastik ist sehr problematisch, weil die Entwicklung kontinuierlich verlaufen ist. Es ist kaum möglich, den einzelnen traditionell angenommenen Phasen (Früh-, Hoch- und Spätscholastik) anhand klar definierter Merkmale hinreichend deutliche Konturen zu geben und sie chronologisch nach inhaltlichen Kriterien einigermaßen sauber abzugrenzen. Das Phänomen Scholastik ist komplex und entzieht sich einfachen schematischen Einteilungsversuchen. Manche Forscher wollen sogar das achte, neunte und zehnte Jahrhundert als „Vorscholastik“ einbeziehen, weil es schon damals Gelehrsamkeit, ein Schulwesen und Interesse an Dialektik gab. Prinzipiell kann man die Scholastik mit Boethius beginnen lassen. Dieser führte als erster Neuplatoniker die wissenschaftlichen Methoden des Aristoteles in seine Philosophie ein. Er war der erste der das Werk des Aristoteles systematisch kommentieren wollte. Dieses Werk kam jedoch nicht zum Abschluß. Für die Scholastik, insbesondere der thomistischen Richtung war Boethius eine der drei grossen Autoritäten neben Augustinus und Pseudo-Dionysios Areopagita. Somit kann man die Zeit von 500 - 800 n. Chr. als Vorscholastik bezeichnen, ähnlich der Epoche der Vorsokratiker im 7. - 5. Jh. v. Chr.

Als Frühscholastik wird das elfte Jahrhundert (oder auch nur dessen zweite Hälfte) und zumindest der Anfang des zwölften betrachtet. Im Lauf des 12. Jahrhunderts soll ein langsamer Übergang zur Hochscholastik stattgefunden haben. Unklar ist auch die inhaltliche Abgrenzung von Hoch- und Spätscholastik; chronologisch soll die Grenze irgendwo im frühen 14. Jahrhundert liegen.

Eine Vorstufe der scholastischen Denkweise begegnet bei Anselm von Canterbury († 1109) in seinem Bestreben, zwingende philosophische Beweisgründe für theologische Aussagen zu finden (Gottesbeweis), und in seiner Verwendung von Dialogen. Petrus Abaelardus († 1142) erläuterte und demonstrierte in seiner Schrift Sic et non einen methodischen Umgang mit Widersprüchen zwischen Autoritäten. Eine entscheidende Rolle spielte die im 2. Viertel des 12. Jahrhunderts begonnene, in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts größtenteils abgeschlossene Übersetzung der Schriften des Aristoteles ins Lateinische. Um 1235 lagen auch die Aristoteleskommentare des Averroes lateinisch vor. Dieses Schrifttum prägte fortan den Universitätsunterricht, und damit begann die scholastische Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Die wesentlichsten Faktoren und Entwicklungen waren:

  • die Ablösung der traditionellen, von den platonisch beeinflussten Ansichten des Kirchenvaters Augustinus geprägten Theologie und Philosophie durch den Aristotelismus. Albertus Magnus († 1280) strebte noch eine Synthese von platonischen und aristotelischen Ideen an, sein Schüler Thomas von Aquin († 1274), der Begründer des Thomismus, beseitigte die platonischen Elemente und sicherte den Sieg eines an die Erfordernisse des katholischen Glaubens angepassten Aristotelismus.
  • Roger Bacon († um 1292) erkannte scharfsinnig die Schwächen des scholastischen Wissenschaftsbetriebs, vor allem seine extreme Theorielastigkeit, und versuchte, durch stärkere Einbeziehung von Erfahrungswissen einen Ausgleich zu schaffen. Mit seinem in die Zukunft weisenden Konzept einer Erfahrungswissenschaft (scientia experimentalis) und einer Fülle kühner, neuartiger Ideen eilte er seinen Zeitgenossen voraus. Er machte sich aber durch seine Neigung zu schroffer, schonungsloser Kritik in weiten Kreisen unbeliebt, und seine Ansätze wurden nicht so aufgegriffen, wie es für eine umfassende Reform der Scholastik erforderlich gewesen wäre.
  • Im Franziskanerorden bildete sich eine Strömung (Franziskanerschule), die zwar die scholastische Methode übernahm, aber den Einfluss des Aristotelismus begrenzen und traditionelle platonisch-augustinische Ideen bewahren wollte, vor allem in der Anthropologie. Führende Vertreter dieser Richtung waren Robert Grosseteste, Alexander von Hales, Bonaventura und schließlich Johannes Duns Scotus († 1308), der Begründer des Scotismus. Franziskaner, insbesondere Scotisten wurden zu den wichtigsten Gegenspielern des Thomismus.
  • Es entstand eine Strömung radikaler Aristoteliker, die den Auffassungen des Aristoteles und des Averroes auch in den Punkten folgte, in denen sie mit der kirchlichen Lehre kaum vereinbar waren (siehe Averroismus). Dies führte wiederholt zu heftigen Reaktionen der kirchlichen Hierarchie, die die Verbreitung solcher Ansichten verbot. Die Averroisten leisteten hartnäckig stillen Widerstand.
  • Wilhelm von Ockham († 1349) wurde zum Vorkämpfer einer revolutionären Auffassung, die vereinzelt schon im 11. Jahrhundert in etwas anderer Form vertreten worden war. Sie radikalisierte die aristotelische Kritik an der Ideenlehre Platons, indem sie den Ideen (Universalien) keinerlei wirkliche Existenz zubilligte (Nominalismus oder nach anderer Terminologie Konzeptualismus). Diese Auffassung war mit der katholischen Trinitätslehre unvereinbar. Der dadurch ausgelöste Universalienstreit zwischen Nominalisten/Konzeptualisten und Universalienrealisten (Platonikern) wurde zu einem Hauptthema der Scholastiker. Zu den führenden Nominalisten/Konzeptualisten zählte Johannes Buridanus. An den Universitäten nannte man später den Nominalismus/Konzeptualismus via moderna im Unterschied zur via antiqua der (teils radikalen, teils gemäßigten) Universalienrealisten. Tatsächlich war der Gegensatz zwischen Nominalisten und Realisten noch weit tiefer als die Gegensätze zwischen Thomisten, Scotisten und anderen nichtnominalistischen Richtungen.

Spätscholastik und Neuscholastik

Auch nach der Blütezeit der mittelalterlichen Scholastik erlebte die Methode mehrfach eine Renaissance. Unter dem Begriff Spätscholastik oder Zweite Scholastik versteht man eine theologisch-juristische Bewegung, die an Thomas von Aquin anknüpft. Sie nahm in Paris ihren Ausgangspunkt und wurde in der spanischen Schule von Salamanca (Francisco de Vitoria, Domingo de Soto) fortgesetzt. In der Spätscholastik wurden zentrale Grundsätze des Völkerrechts sowie des Strafrechts (Strafe) entwickelt.

Unter Neuscholastik versteht man eine Strömung in der katholischen Theologie des 19. bis 21. Jahrhunderts, die an spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Ideen anknüpfte. Dabei spielte der Neuthomismus die weitaus wichtigste Rolle. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Enzyklika Aeterni Patris von Papst Leo XIII., die die herausragende Bedeutung der Scholastik für die katholische Philosophie betonte.

Namhafte Scholastiker

Literatur


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Einzelnachweise

  1. Angel d'Ors: Petrus Hispanus O.P., Auctor Summularum, in: Vivarium 35 (1997), 21-71 beispielweise identifiziert Petrus Hispanus mit einem anderen Dominikaner, nicht mit Johannes XXI. Siehe dazu ausführlicher Joke Spruyt (2001): Peter of Spain