Schule von Athen

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Die Schule von Athen ist der geläufige Titel[1] eines von Raffael im Auftrag von Papst Julius II. von 1510 bis 1511 angefertigten, über 7,70 m breiten Wandfreskos an der Ostwand der Stanza della Segnatura des Vatikans. Sie bildet einen gemeinsamen Bilderzyklus mit den Fresken der anderen drei Wände. Auf der gegenüber liegenden Westwand findet sich die herkömmlich als Disputa del Sacramento bezeichnete Darstellung; die Südwand zeigt die vier Kardinaltugenden und die drei christlichen Tugenden und die nördliche Wand den Parnass.

Die Schule von Athen wird gewöhnlich als panoramaartige Darstellung der Philosophenschulen des antiken Griechenlands angesehen, wobei die beiden zentralen Figuren als Platon (links) und Aristoteles (rechts) gedeutet werden. Dieser sehr einseitigen Auffassung, die dem geistig-künstlerischen Gehalt der Darstellung nicht gerecht wird, hat Rudolf Steiner sehr klar widersprochen.

„Es ist mir möglich gewesen, diese Bilder öfter zu sehen. Sie sind ja in Rom im Vatikan, in den berühmten «Raffaelschen Stanzen». Man sieht dann immer, wie die Leute mit ihren Reisehandbüchern davor stehen und nun nachlesen: das ist Sokrates, das ist Plato, das ist Diogenes und so weiter. Und die Leute sind ungeheuer froh, wenn sie nach dem Baedeker entziffern können, was diese oder jene Gestalt ist, ob es dieser oder jener Bischof oder Kirchenvater ist, ob dies der Paulus oder Petrus, oder dies der Moses ist und so weiter. Aber wie gleichgültig ist das alles doch künstierisch!“ (Lit.:GA 284, S. 127)

Die Schule von Athen

„Wie die Menschen es erlebt hatten, daß sie fortschreiten zu den Gründen der Dinge, das tritt uns in dem Bilde entgegen, das so oft die «Schule von Athen» genannt wird.“ (Lit.:GA 62, S. 314)

„Und nun dieses Bild, das ja bekannt ist, wie Sie wissen, unter dem Namen «Die Schule von Athen», weil man namentlich glaubt, daß die beiden Mittelfiguren Plato und Aristoteles sind. Das einzig Richtige dabei ist, daß sie es ganz gewiß nicht sind. Und es soll hier durchaus nicht - ich habe ja über dieses Bild schon gesprochen - bestanden werden etwa auf anderen Ansichten, die darüber geäußert worden sind; aber Plato und Aristoteles sind die beiden Mittelfiguren ganz gewiß nicht. Gewiß, man wird erkennen allerlei alte Philosophengestalten. Aber auf alles das kommt es nicht an bei diesem Bilde, sondern es kommt darauf an, daß im Gegensatze zu dem, was Inspiration ist, Raffael auch darstellen sollte, was der Mensch durch seine auf das Übersinnliche gerichtete Vernunft erhält - wie er sich da verhält, wenn er seine auf das Übersinnliche gerichtete Vernunft zur Untersuchung der Ursachen der Dinge anwendet. Und die verschiedenen Arten, wie sich der Mensch verhält, sind in den verschiedenen Figuren ausgedrückt. Raffael hat, wie er immer versuchte, dies oder jenes zu verwenden, gewiß so traditionelle alte Philosophenfiguren hineingenommen. Aber darauf kam es ihm nicht an; sondern darauf kommt es an, zu kontrastieren die übersinnliche Inspiration, also das Heruntersenken des Übersinnlichen als Inspiration in den Menschen, und das Erreichen der Erkenntnis der Ursachen der Dinge mit der auf das Übersinnliche gerichteten Vernunft. Die Mittelfiguren sind dann so aufzufassen, daß wir in der einen Gestalt den noch jüngeren Mann haben, der die geringere Lebenserfahrung hat und daher mehr redet wie jemand, der auf den Umkreis der Erde schaut, um aus diesem Umkreise zu ersehen, welches die Ursachen der Dinge sind, neben dem greisenhaften alten Mann, der in sich schon viel verarbeitet hat und der schon das im Irdischen Geschaute auf das Himmlische anzuwenden versteht - neben anderen Gestalten, die zum Teil durch Nachsinnen, zum Teil durch Arithmetisches, Geometrisches und dergleichen, oder durch Enthüllen der Evangelien und so weiter, also des Schrifttums, mit Anwendung der menschlichen Vernunft die Ursachen der Dinge finden wollen. Ich denke, wir können den Gegensatz dieser Bilder so nehmen, daß wir nicht den Unfug treiben, nachzudenken, ob das eine nun Pythagoras, das andere Plato und Aristoteles ist, was ja dem Künstlerischen gegenüber ohnedies nur ein Unfug ist. Es ist viel Scharfsinn verwendet worden auf die Entzifferung der einzelnen Figuren, also auf das Unnötigste, was man diesen Bildern gegenüber sollte. Viel mehr sollte man auf die Verschiedenheit in dem Suchen nach dem, was die menschliche Vernunft erreichen kann, viel mehr sollte man darauf Wert legen.“ (Lit.:GA 292, S. 83f)

„Vor Raffaels Blick mag gestanden haben, was in der Apostelgeschichte steht: Wie einer unter die Athener tritt und sagt - sogar die Gebärde ist dort dargestellt -: Ihr Leute von Athen, ihr habt den Göttern Opfer gebracht in äußeren Zeichen. Es gibt aber eine Erkenntnis jenes Gottes, der in allen Leben lebt und webt. Das ist der Christus, der durch den Tod gegangen und auferstanden ist, und der dadurch den Menschen den Impuls gegeben hat zur Auferstehung. - Die einen hörten nicht zu und die anderen fanden es sonderbar. In Raffaels Gemüt wurde das zu jenem Bilde, das wir heute im Vatikan finden, das den unrichtigen Namen trägt «Die Schule von Athen». In Wirklichkeit zeigt es die Gestalt des Paulus, die Athener belehrend über das Grundwesen des Christentums. Da hat Raffael etwas gegeben, was wie eine Heroldschaft des über den Konfessionen stehenden Christentums erscheint. Wenig ist das verstanden worden bisher, der tiefe Sinn dieses Bildes ist den Menschen noch nicht aufgegangen.“ (Lit.:GA 143, S. 178)

„Vor uns stehen kann das Bild aus der Apostelgeschichte, wo versammelt sind die Athener mit all demjenigen, was auf sie heraufgekommen ist aus alten Zeiten, und wo nun Paulus unter sie tritt und sagt: "Ihr Männer von Athen, ihr habt lange gespochen von dem unbekannten Gott, ihr habt lange angebetet die Gleichnisse der Götter, ihr habt lange in dem die Hauptsache gesehen, was die äusseren Mächte in offenen Opfern verrichten, ich aber will euch sprechen von dem Gott, der in allem Dasein lebt und wirkt und webt, den kein Äusseres vollständig zum Ausdruck bringen kannn, der aber in allem lebt und webt!" Unverständig wandte sich ab das athenische Volk, es verstanden ihn nur wenige, so erzählt die Apostelgeschichte mit ihrer alten Weisheit.

Raffael stand die Szene vor Augen, und er malte sie hin auf die Wand, und wir können selbst in der Apostelgeschichte die Handbewegung des Paulus verfolgen, in der die eine Gestalt, die sonderbarerweise als der· Aristoteles angeaprochen wurde, die aber im Geiste des Raffael als Paulus gelebt hat, steht - von dem Christus sprechend - vor den Athenern: Paulus“ (Lit.: R. Steiner, 6.5.2012)

Anmerkungen

  1. Der Titel «Die Schule von Athen» geht nicht auf Raffael zurück und wurde erstmals 1695 von dem italienischen Kunstsammler und Kunsttheoretiker Giovanni Pietro Bellori genannt.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Ergebnisse der Geistesforschung, GA 62 (1988), ISBN 3-7274-0620-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus, GA 143 (1994), ISBN 3-7274-1430-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchner Kongreß Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen., GA 284 (1993), ISBN 3-7274-2840-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse, GA 292 (2000), ISBN 3-7274-2920-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Logeneinweihung, Vortrag vom 6. Mai 1912, Köln (nicht in GA) pdf
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