Schule von Chartres

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Die gotische Kathedrale von Chartres in ihrer heutigen Gestalt.

Die Schule von Chartres war etwa ab dem Jahr 1000 für rund 200 Jahre eines der bedeutendsten geistigen Zentren nördlich der Alpen.

Rudolf Steiner charakterisierte das Wesen der Schule von Chartres so:

"Da gab es im elften, namentlich aber im zwölften Jahrhundert, herüberreichend ins dreizehnte Jahrhundert, eine eigentlich wunderbare Schule, in der Lehrer waren, welche durchaus wußten, wie in den vorangehenden Jahrhunderten die Schüler hingeführt wurden zum Erleben des Geistigen. Es war die Schule von Chartres, da war vor allen Dingen hingekommen ein Strahl der noch lebendigen Weisheit des Peter von Compostella, der in Spanien gewirkt hat, der ein lebendig mysterienhaftes Christentum in Spanien pflegte, das noch sprach von der Helferin Christi, der Natur, das noch sprach davon, daß erst dann, wenn diese Natur den Menschen eingeführt hat in die Elemente, in die Planetenwelt, in die Sternenwelt, daß erst dann der Mensch reif wird, die sieben Helferinnen kennenzulernen, als lebendige Göttinnen: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik. Als göttlich-geistige Gestalten, lebendig lernten die Schüler sie kennen. In dieser Schule von Chartres lehrte zum Beispiel Bernhardus Sylvestris, der wie in mächtigen Schilderungen vor den Schülern entstehen ließ dasjenige, was eben alte Weisheit war. Johannes von Chartres, den man auch Johannes von Salisbury nannte, entwickelte da Anschauungen, in denen er sich auseinandersetzte mit dem Aristotelismus. Und mit einer inspirierenden Kraft verpflanzte sich dasjenige, was in der Schule von Chartres gelehrt wurde nach dem Cluniacenser-Orden hin. Und insbesondere war einer da, im zwölften Jahhundert, der eigentlich alle anderen überragte: Alain von Lille oder Alanus ab Insulis". (Lit.: GA 237, S. 94ff)

Vorchristliche Mysterien in Chartres

Chartres ist durch die Kreuzung bedeutender ätherischer Kraftströme ausgezeichnet, wie das in gewissem Grad für jede Kultstätte, hier aber in ganz besonderem Maß gilt. Tatsächlich war schon für die Druiden das inmitten des damaligen Galliens gelegene spätere Chartres eine zentrale Kultstätte, wo die „virgo paritura“ – die Jungfrau, die gebären soll – verehrt wurde. In einer Grotte am Gipfel des Hügels von Chartres soll sich eine Statue der Jungfrau mit dem Kind auf dem Schoß befunden haben. Von den irisch-keltischen Kultstätten sagte ja Rudolf Steiner, dass dort in geistiger Schau das Mysterium von Golgatha miterlebt wurde. Hier in Chartres wurde insbesondere die Christgeburt miterlebt und so war der Boden für die Aufnahme des Christentums bereits vorbereitet. In gewissem Sinn waren die Menschen hier schon Christen, ehe noch das Christentum äußerlich zu ihnen kam – und als es äußerlich kam, konnte es sich bruchlos mit der hier gepflegten Tradition verbinden. So gingen die druidischen Mysterienschulen unmittelbar in die römisch-christlichen Schulen über, mit vorbereitet durch Julius Caesars Gallienfeldzug, der das römische Element hierher brachte.

Die christlichen Kirchen in Chartres

Karl der Kahle weihte 876 in Chartres eine Kirche und stiftete als heilige Reliquie die Tunika, die die Jungfrau Maria bei der Verkündigung von Jesu Geburt durch den Erzengel Gabriel getragen haben soll. Chartres wurde das Zentrum der Marienverehrung in Europa und zog große Pilgerscharen hierher.

Um 1000 wirkte in Chartres der große Fulbertus. Als 1020 die karolingische Kirche durch ein Feuer vernichtet wurde, begann er noch im selben Jahr mit dem romanischen Neubau. 1134 zerstörte ein weiteres Feuer die Vorhalle und einen Turm. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1194 wurde die romanische Kirche durch einen Stadtbrand fast vollständig zerstört. Der Bau der heutigen gotischen Kathedrale begann schon kurz nach 1194 und wurde mit der offizielle Weihe am 24. Oktober 1260 vollendet.

Beginn des «goldenen Zeitalters» unter Fulbertus von Chartres

Mit der von Fulbertus von Chartres (* um 950; † 1028) ganz im platonischen Sinn eigerichteten „Akademie“ begann das goldene Zeitalter der Domschule von Chartres. Seinen Schülern galt er geradezu als der "verehrenswürdige Sokrates".

Fulbertus zeichnete sich vor allem auch durch seine tief innige Verehrung der Heiligen Jungfrau aus. Er erklärte ihren Namen als »maris stella«, Stern des Meeres: so wie der Polarstern die Seeleute sicher durch die stürmische See leitet, so führt der Geistesstern der Maria den Menschen auf seiner Entwicklungsbahn. In seinem berühmten Marien-Sermon erzählt er auch die Legende von Theophilus, der sich dem Teufel verschrieben hat und nur dadurch gerettet werden kann, dass er sich in inbrünstiger Reue an die Jungfrau Maria wendet – das „Ewig-Weibliche“ zieht uns hinan. Das Faustmotiv wird hier ähnlich wie bei Goethe erlebt. Es geht also um die Verwandlung des Astralleibes zum wieder jungfräulich reinen Geistselbst. Nur in der jungfräulich reinen Seele kann das Geisteslicht geboren werden.

Die sieben freien Künste

Hauptartikel: Sieben Freie Künste

Die Umbildung der Seele kann beginnen, wenn die dafür nötigen Bildekräfte frei geworden sind. Daher fängt das Schulalter mit etwa 7 Jahren an, weil nun die grundlegende Bildung des physischen Körpers abgeschlossen ist und ätherische Bildekräfte frei werden, um nun formend in der Seele wirken. Alle Bildung, die die menschliche Seele zur Weisheit führt, beruht letztlich darauf, dass die Ätherkräfte formend die Seele ergreifen. Dazu ist eine geordnete Siebenzahl von Ätherkräften nötig, die in der Schule von Chartres durch die Pflege der „Sieben freien Künste“ entfaltet wurden.

Man stützte sich dabei auf die 7 hauptsächlichen ätherischen Bildekräftesphären, die den Planetensphären entsprechen und die zuerst naturhaft den Körper bilden und dann, wenn sie einmal frei geworden sind, inspirierend in der Seele sich bis zu Imaginationen verdichten. Man musste dazu den ganzen Kosmos im Sinne des geozentrischen Ptolemäischen Systems betrachten, dem eine Einsicht in diese geistige Realität zugrunde liegt. Das entspricht noch ganz den Anschuungen des Verstandesseelenzeitalters.

Damit die Erkenntnis vom Ich ganz bewusst ergriffen werden kann, muss sich erst noch die Bewusstseinsseele und damit das intellektuelle Selbstdenken entfalten. Dieses arbeitet nicht mit den Naturätherkräften, sondern mit jenen völlig neu durch die Tätigkeit des Ichs geschaffenen Herzätherkräften, die durch die Ätherisation des Blutes im Herzen entstehen und in den Kopf hinaufstrahlen. Dazu musste aber das Ptolemäische System zunächst dem kopernikanischen System weichen, dass ganz abstrakt die Sonne in den Mittelpunkt rückt. Die geistigen Inspirationen werden ausgelöscht und weichen zunächst einer bloß äußerlichen Berechnung. Gerade dadurch wird aber die Freiheit im Denken erobert. Und nur wie ein abstrakter Meilenzeiger steht nun die Sonne im Mittelpunkt als noch unverstandener Hinweis auf die sonnenhaften Herz-Michael-Christuskräfte. Nur mit diesem freien Denken kann sich der Michael-Impuls verbinden. Davon hatten die späteren Lehrer von Chartres, namentlich Bernardus Sylvestris und Alanus ab Insulis, bereits eine deutliche Vorahnung. Rudolf Steiner hat darauf sehr klar hingewiesen. Erst durch die Vereinigung des intellektuellen Selbstdenkens mit der inspirierten Gedankenwahrnehmung der geistigen Außenwelt, also des aristotelischen und des platonischen Elements, kann das eigenständige Geistselbst entfaltet werden. Dazu beizutragen, ist wesentliche Aufgabe der Anthroposophie.

Pflege der Tradition

»Zurück zu den Alten« war geradezu das Losungswort der Schule von Chartres. Hier herrschte noch eine lebendige Tradition, die letztlich in den Mysterienschulen der Antike wurzelte. Es war keine Renaissance der Antike, keine Wiedergeburt, sondern ein letzter Nachklang. Nachahmend und nacherlebend galt es, diese lebendige Erinnerung zu pflegen und daraus auch einzelne neue Inspirationen zu schöpfen. So berichtet uns Johannes von Salisbury:

„Es sagte Bernardus von Chartres, wir seien Zwerge, die sich auf die Schultern von Riesen gesetzt haben, auf dass wir mehr als jene und Entfernteres zu sehen vermöchten, nicht etwa durch die Schärfe unseres eigenen Gesichts oder die ragende Größe unseres Körpers, sondern weil wir in die Höhe emporgehoben und hinaufgeführt werden durch die Größe der Riesen ...“

John of Salisbury

Eine Metapher, die viel später auch Isaac Newton gebraucht hat.

Adelard von Bath, der bedeutende Übersetzer arabischer wissenschaftlicher Texte, schildert in seinem Traktat »de eodem et diverso« (»Von Demselben und dem Anderen« - ein Hinweis auf das geistige Urbild und das sinnliche Abbild) wie er zur Meditation die Stille außerhalb Tours aufsuchte, wo nur der Duft der Blumen und das Rauschen der Loire zu ihm drang. Da erschienen ihm zwei Geistgestalten: die Philokosmie mit ihrem Gefolge, nämlich dem Reichtum, der Macht, der Würde, dem Ruhm und der Lust, und die Philosophie umgeben von den sieben freien Künsten. Die Philokosmie will ihn zur sinnlichen Lust verführen, die Philosophie aber zeigt ihm, dass die Seele der Lichtwelt entstammt und dass die 7 freien Künste die in den Leib verstrickte Seele wieder in jene geistige Höhen zu erheben vermag, in der sie vor der Geburt lebte.

Das Eigendenken war in der Schule von Chartres noch unwichtig, ja sogar verpönt, alles war auf die überlieferte Tradition, auf das Studium der „Alten“ gebaut. Berengar von Tours (†1088), ein Schüler des Fulbertus, bei dem der Intellekt schon stark entwickelt war, hielt sich nicht daran und entfachte schon im 11. Jahrhundert einen Abendmahlsstreit, indem er die Transsubstantiation leugnete. Die Kirchengeschichte nennt ihn als Ketzer, der aber stets milde behandelt wurde, weil Papst Gregor VII., der ehemalige Mönch Hildebrand, seine schützende Hand über ihn hielt. Tatsächlich hatte sich schon seit dem 9. Jahrhundert eine sehr materialistische Auffassung der Wandlung durchgesetzt. Schon auf dem Konzil von Konstantinopel (869), das u.a. auch die Lehre von der Trichotomie verworfen hatte („den Geist abgeschafft hatte“, wie sich Rudolf Steiner öfter ausdrückt), war Paschasius Radbertus mit seiner vergröberten Lehre aufgetreten, in die recht ekelhafte „Wundergeschichten“ eingestreut waren, die etwa von der Verwandlung der Hostie in blutiges Fleisch zu berichten wussten. Gegen diese materialistische Auffassung trat Berengar zurecht auf, zugleich war ihm aber auch der Begriff von der geistigen Realität der Wandlung verlorengegangen. Sie verflüchtigte sich für ihn zu einem bloß symbolischen Akt. Er wurde damit geradezu zu einem Vorläufer des Nominalismus, der die geistige Wirklichkeit der (platonischen) Ideen leugnete.

Alanus ab Insulis – Höhepunkt und Ausklang der Schule von Chartres

Über das Leben des Alanus ist ein geheimnisvolles Dunkel gebreitet. Wie man heute annimmt, wurde er um 1128 in Lille (Insulae = Insel) in Flandern geboren und starb um 1203. Keine äußeren Dokumente belegen seine unmittelbare Beziehung zur Schule von Chartres und doch ist sein Schaffen so sehr in deren Geist gehalten, dass man mit Fug und Recht behaupten darf, dass mit ihm die Schule von ihren Höhepunkt erreichte – und sie fand mit ihm, wie Alanus selbst sehr deutlich empfand, auch ihren Abschluss. Ihm war klar, dass sich die ganze Weltanschauung der Menschen ändern und sich zunächst ganz auf den abstrakten Intellekt stützen müsse, ehe man wieder zu einer unmittelbaren spirituellen Erkenntnis zurückkehren könne. Rudolf Steiner spricht darüber in seinen Arnheimer Vorträgen über das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft:

"Da sagte Alanus ab Insulis zu einem engen Kreise seiner eingeweihten Schüler: Wir schauen heute die Welt so an, daß wir noch die Mittelpunktstellung der Erde erkennen, daß wir von der Erde aus alles beurteilen. Wenn man mit dieser irdischen Anschauung, die uns zu unseren Bildern, zu unseren Imaginationen befähigt, die folgenden Jahrhunderte allein befruchten würde, dann würde die Menschheit nicht fortschreiten können. Wir müssen ein Bündnis eingehen mit den Aristotelikern, die in die Menschheit den Intellekt hereinbringen, der dann spiritualisiert werden soll und im 20. Jahrhundert in einer neuen spirituellen Weise unter den Menschen aufleuchten soll. Wenn wir jetzt die Erde als den Mittelpunkt des Kosmos anschauen, wenn wir die Planeten als um die Erde kreisend, wenn wir den ganzen Sternenhimmel, wie er sich zunächst auch für das physische Auge darbietet, so beschreiben, als wenn er sich drehen würde um die Erde, so wird aber doch einer kommen und wird sagen: Stellen wir einmal die Sonne räumlich in den Mittelpunkt des Weltensystems! Dann aber, wenn dieser kommt, der die Sonne räumlich in den Mittelpunkt des Weltalls stellt, dann wird die Weltanschauung veröden. Die Menschen werden dann nur noch die Bahnen der Planeten ausrechnen, werden nur noch die Orte der Himmelskörper angeben. Die Menschen werden von den Himmelskörpern nur sprechen wie von Gasen oder physischen Körpern, die da brennen und brennend leuchten; sie werden nur ganz mathematischmechanisch etwas von dem Sternenhimmel wissen. Aber das, was da als öde Weltanschauung sich ausbreiten wird, das hat doch eines - ein Armseliges , aber eines hat es: Wir schauen von der Erde aus die Welt an; der, der da kommen wird, wird von der Sonne aus die Welt anschauen. Er wird sein wie einer, der nur die "Richtung" angibt, die Richtung auf einen großartig bedeutsamen, mit den wunderbarsten Ereignissen und wunderbarsten Wesenheiten ausgestalteten Weg. Aber er gibt nur die abstrakte Richtung an; damit war auf die kopernikanische Weltanschauung hingedeutet, in ihrer Öde, in ihrer Abstraktheit, aber als Richtung, denn alles das muß zuerst fort, was wir mit unseren Imaginationen vertreten, so sagte Alanus ab Insulis; das muß fort, und gewissermaßen ganz abstrakt muß das Weltbild werden, fast nur wie ein Meilenzeiger auf einem Wege mit wunderbaren Denkmälern. Denn da wird in der geistigen Welt einer sein, der diesen Meilenzeiger, der für die Erneuerung der Welt nichts anderes haben wird als Richtung, nehmen wird, damit er dann, mit dem Intellektualismus zusammen, die neue Spiritualität begründen kann, einer, der nichts wird brauchen können als diesen Meilenzeiger. Das aber wird sein, wie Alanus ab Insulis sagte, Sankt Michael! Für ihn muß das Feld frei werden; er muß den Weg mit neuen Saaten besäen. Dazu muß nichts anderes da sein als Linie, mathematische Linie." (Lit.: GA 240, S. 155ff)

Das Ende der Schule von Chartres - die geistige Finsternis auf Erden um 1250

Kathedrale von Chartres, Gesamtansicht von Süden

Rudolf Steiner hat öfters erwähnt, dass etwa um 1250 das Erdenleben in eine geistige Finsternis getaucht war, wo selbst hohen Eingeweihten der unmittelbare Einblick in die geistige Welt verwehrt war. Gerade diese Zeit war aber höchst bedeutsam für den Übergang von der platonischen zur aristotelischen Geistesströmung:

"Was Alanus ab Insulis in den Zisterzienser-Orden hineingeleitet hat, das ging dann über an die Dominikaner, die namentlich den Intellekt, in Anknüpfung an Aristoteles, pflegten. Aber es gab da eine Zwischenzeit: Im 12. Jahrhundert blühte die Schule von Chartres, und im 13. Jahrhundert begann im Dominikaner-Orden das mächtige Wirken für die Scholastik im Sinne des Aristotelismus. Die, welche als die großen Lehrer der Schule von Chartres durch die Pforte des Todes hinaufgingen in die geistige Welt, sie waren dort noch eine Weile zusammen mit den durch die Geburt herabsteigenden Dominikanern, die dann nach ihrem Herabsteigen hier den Aristotelismus begründeten. Daher müssen wir also hinschauen auf eine Zwischenzeit, wo wie in einem großen himmlischen Konzil die letzten großen Lehrer von Chartres, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen waren, beisammen waren mit denen, die als Dominikaner den Aristotelismus pflegen sollten, bevor diese letzteren heruntergestiegen waren. Da wurde in der geistigen Welt der große "himmlische Vertrag" geschlossen. Die, welche da unter der Führung des Alanus ab Insulis hinaufgekommen waren in die geistige Welt, sie sagten den heruntersteigenden Aristotelikern: Unsere Zeit ist jetzt nicht auf der Erde; wir haben zunächst hier von der geistigen Welt aus zu wirken. Wir können gar nicht in irgendwelche Inkarnationen in der nächsten Zeit auf die Erde herabsteigen. Eure Aufgabe ist es jetzt, den Intellekt zu pflegen im aufgehenden Bewusstseinsseelen-Zeitalter.

Dann kamen sie herunter, die großen Scholastiker, und führten dasjenige aus, was sie mit den letzten großen Platonikern der Schule von Chartres ausgemacht hatten. Manches Bedeutende trug sich da zu. Einer, der als einer der früheren heruntergekommen war, bekam zum Beispiel eine Botschaft durch einen anderen, der noch länger als er in der geistigen Welt bei Alanus ab Insulis geblieben war, das heißt bei derjenigen geistigen Individualität, die früher Alanus ab Insulis war. Der später Herunterkommende brachte diese Botschaft, das heißt, er wirkte zusammen mit dem Älteren, und es begann so auf der Erde die Vorbereitung für das intellektualistische Zeitalter, das ja im Dominikaner-Orden seinen Anfang genommen hat. Gerade der, welcher etwas länger bei Alanus ab Insulis in der geistigen Welt geblieben war, zog zuerst das Zisterzienser-Ordenskleid an und wechselte es erst später mit dem Dominikaner-Kleid. So wirkten also nunmehr auf der Erde diejenigen, die einstmals unter dem Einflüsse desjenigen standen, was bei Aristoteles herausgekommen war, und oben "wachten" gewissermaßen, aber im Zusammenhange mit den auf der Erde wirkenden Aristotelikern, die Platoniker, die in der Schule von Chartres waren. Die geistige Welt ging mit der physischen Welt Hand in Hand. Es war gleichsam wie ein Handreichen der Aristoteliker mit den Platonikern durch das 13., 14., 15. Jahrhundert hin. Und dann waren ja auch schon wieder viele von denen, die heruntergestiegen waren, um in Europa den Aristotelismus einzuleiten, droben bei den anderen.

Aber die weitere Entwicklung ging so vor sich, daß sowohl die, welche in der Schule von Chartres die Führer waren, wie auch die, welche im Dominikaner-Orden die führenden Stellungen hatten, sich an die Spitze derjenigen stellten, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in jenem mächtigen übersinnlichen Kultus, der sich in den angedeuteten Bildern entfaltete, die spätere anthroposophische Strömung vorbereiteten. Es mußten zunächst diejenigen wieder heruntersteigen, die mehr oder weniger als Aristoteliker gewirkt hatten; denn unter dem Einfluß des Intellektualismus war noch nicht die Zeit gekommen, um die Spiritualität neuerdings zu vertiefen. Aber es bestand eine unverbrüchliche Abmachung, die weiter wirkt. Und nach dieser Abmachung muß aus dem, was anthroposophische Bewegung ist, etwas hervorgehen, was seine Vollendung vor dem Ablaufe dieses Jahrhunderts finden muß. Denn über der Anthroposophischen Gesellschaft schwebt ein Schicksal: das Schicksal, daß viele von denjenigen, die heute in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, bis zu dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts wieder herunterkommen müssen auf die Erde, dann aber vereinigt mit jenen auch, die entweder selbst führend waren in der Schule von Chartres oder die Schüler von Chartres waren. So daß vor dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts, wenn die Zivilisation nicht in die völlige Dekadenz kommen soll, auf der Erde die Platoniker von Chartres und die späteren Aristoteliker zusammenwirken müssen." (Lit.: GA 240, S. 155ff)

Von hier gingen die wesentlichen Impulse zu der im Geistigen im 15. Jahrhundert begründeten Michael-Schule und der von Michael Ende des 18. und bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in der geistigen Welt eingerichtete himmlischen Kultus aus, durch den das 1879 beginnende Michael-Zeitalter vorbereitet werden sollte. Die mächtigen kosmischen Imaginationen, in denen dieser himmlische Kultus Michaels lebte, wurden später zum eigentlichen Inhalt der Anthroposophie und spiegeln sich in gedämpfter Form auch in Goethes Märchen wider.

"Die letzten Großen der Schule von Chartres waren eben in der geistigen Welt angekommen. Diejenigen Individualitäten, die die Hochblüte der Scholastik einleiteten, waren noch in der geistigen Welt. Und einer der wichtigsten Ideen-Austausche hinter den Kulissen der menschlichen Entwickelung spielte sich ab im Beginne des dreizehnten Jahrhunderts zwischen denen, die noch den alten schauenden Platonismus hinaufgetragen haben aus der Schule von Chartres in die übersinnliche Welt, und diejenigen, die sich dazu bereiteten, den Aristotelismus herunterzutragen als den großen Übergang für die Herbeiführung einer neuen Spiritualität, die in der Zukunft hereinfluten soll in die Entwickelung der Menschheit. Da kam man überein, indem gerade diese Individualitäten, die aus der Schule von Chartres herstammen, denen sagten, die sich eben anschickten, herunterzusteigen in die sinnlich-physische Welt und den Aristotelismus in der Scholastik als das richtige Element des Zeitalters zu pflegen: Für uns ist zunächst ein Erdenwirken nicht möglich, wir bleiben hier oben. Und so blieben denn, ohne daß sie in maßgeblichen Erdeninkarnationen bisher eintraten, die Geister von Chartres in der übersinnlichen Welt. Aber sie wirkten mächtig mit bei der Gestaltung jener grandiosen Imagination, die gestaltet wurde in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts". (Lit.: GA 237, S. 98f)

Die Schule von Orléans

Um 1200 hatte die Schule von Chartres ihren Gipfelpunkt überschritten und Paris trat als Zentrum der Scholastik immer mehr hervor. In Paris reifte die intellektuelle dialektische Denkmethode heran, während sich manches von dem in Chartres gepflegten Geist noch in der Schule von Orléans bewahrte, worauf auch Rudolf Steiner hingewiesen hat. Diesen Gegensatz von Paris und Orléans greift auch Henri d’Andeli 1230 in seinem bedeutsamen Gedicht »La bataille des VII arts« auf. Der Kampf wogt zwischen Paris und Orléans, zwischen der Dialectica (Logica) und der Grammatica, zwischen der Logik und der Urkraft des Wortes. Am Ende siegt die Logica und die Dialectica muss sich in die Gegend zwischen Orléans und Blois zurückziehen. So werden die Dinge 30 Jahre lang bleiben, schreibt d’Andeli, Nichtigkeit und Hohlheit werden herrschen, dann aber werden neue Menschen kommen, die sich wieder der Grammatik, dem Wort, zuwenden werden.

Literatur

  1. Frank Teichmann: Der Mensch und sein Tempel, Bd. 4: Chartres - Schule und Kathedrale, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 978-3878386889
  2. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge III, GA 237 (1991)
  3. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge VI, GA 240 (1986), Arnheim, 18. Juli 1924


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