Ich-Bewusstsein

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Das Ich-Bewusstsein oder Selbstbewusstsein (eng. self-awareness), also das Wissen und die Erkenntnis des eigenen Ich, kann der Mensch nur auf der Erde entwickeln. Es ist der andere Pol des untrennbar mit ihm verbundenen, nach außen gerichteten Gegenstands-Bewusstseins.

Das Selbstbewusstsein und Abbauprozesse

"Das Selbstbewußtsein, das im «Ich» sich zusammenfaßt, steigt aus dem Bewußtsein auf. Dieses entsteht, wenn das Geistige in den Menschen dadurch eintritt, daß die Kräfte des physischen und des ätherischen Leibes diese abbauen. Im Abbau dieser Leiber wird der Boden geschaffen, auf dem das Bewußtsein sein Leben entfaltet. Dem Abbau muß aber, wenn die Organisation nicht zerstört werden soll, ein Wiederaufbau folgen. So wird, wenn für ein Erleben des Bewußtseins ein Abbau erfolgt ist, genau das Abgebaute wieder aufgebaut werden. In der Wahrnehmung dieses Aufbaues liegt das Erleben des Selbstbewußtseins. Man kann in innerer Anschauung diesen Vorgang verfolgen. Man kann empfinden, wie das Bewußte in das Selbstbewußte dadurch übergeführt wird, daß man aus sich ein Nachbild des bloß Bewußten schafft. Das bloß Bewußte hat sein Bild in dem durch den Abbau gewissermaßen leer Gewordenen des Organismus. Es ist in das Selbstbewußtsein eingezogen, wenn die Leerheit von innen wieder erfüllt worden ist. Das Wesenhafte, das zu dieser Erfüllung fähig ist, wird als «Ich» erlebt." (Lit.: GA 26, S. 19f)

Ich-Bewusstsein und Erdentwicklung

So wie wir das Ich-Bewusstsein heute kennen, war es auf den früheren planetarischen Weltentwicklungsstufen noch nicht vorhanden. Und in der fernen Zukunft, während neuer planetarischer Entwicklungen, wird der Mensch neue, höhere Bewusstseinszustände entfalten können:

"Wir haben auch öfter erwähnt, daß jeder planetarische Zustand eine bestimmte Aufgabe hat. Was hat unsere Erde für eine Aufgabe? Die Aufgabe unserer Erde ist, dem Menschen, wie wir ihn heute Mensch nennen, eben sein Menschendasein möglich zu machen. Alle Wirkungen der Erde sind so, daß durch sie der Mensch eine Ich-Wesenheit wird. Das war in früheren Zuständen, die er mitgemacht hat, nicht der Fall. Der Mensch ist also sozusagen Mensch im heutigen Sinne erst auf der Erde geworden. Eine ähnliche Aufgabe hatten die früheren planetarischen Zustände, die die Erde durchgemacht hat. Andere Wesenheiten sind auf diesen anderen Planeten Mensch geworden, Wesenheiten, die heute eben höher stehen als der Mensch. Sie erinnern sich vielleicht aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», daß ein ägyptischer Weiser dem Griechen Solon einmal eine merkwürdige Andeutung gemacht hat über eine Mysterienwahrheit; daß er ihm gesagt hat, es sei eine wichtige Wahrheit, daß die Götter einstmals Menschen waren. Das gehörte geradezu zu jenen Wahrheiten, die der Mysterienschüler schon im Altertum empfangen mußte, daß die Götter, die heute oben stehen in den geistigen Höhen, nicht immer Götter waren, sondern daß sie hinaufgestiegen sind und daß sie auch einmal Menschen gewesen sind, auch einmal die Menschheitsstufen durchgemacht haben. Natürlich folgt daraus unmittelbar eine gefährliche Wahrheit, die die Mysterienschüler auch daraus ziehen mußten als Konsequenz: daß nämlich die Menschen einmal Götter werden. Und gerade um dieser Konsequenz willen betrachtete man diese Wahrheit als etwas Gefährliches; denn notwendig ist, daß man sich zu gleicher Zeit sagt: Der Mensch kann erst Gott werden, wenn er dazu reif ist; und wenn er sich jemals in einem Augenblick einbildet, den Gott in sich zu finden, bevor er reif dazu ist, so wird er eben nicht ein Gott, sondern ein Tor. — Und dem Menschen stehen daher diese zwei Wege offen: in Geduld seiner, wie es Dionysius nennt, Deifikation entgegenzuleben, seiner Gottwerdung, oder aber sich vorher einzubilden, er sei schon Gott. Der eine Weg führt wirklich zur Vergottung, der andere zur Torheit, zur Narrheit." (Lit.: GA 110, S. 48ff)

Entwicklung des Selbstbewusstsein durch wiederholte Erdenleben

Das Selbstbewusstsein bildet sich dadurch aus, dass der Mensch im Zuge des Reinkarnationsgeschehens wiederholt durch den Tod schreitet und dabei seine irdischen Hüllen abstreift. Das ist ein bewusstseinsbildender Prozess, der sich dadurch zum klaren Selbstbewusstsein steigert, dass der Mensch hier auf Erden die Wirkung des Mysteriums von Golgatha erfährt.

"Nur dadurch, daß der Mensch immer wieder, wenn eine Inkarnation zu Ende geht, durch die Pforte des Todes schreitet und seine Hüllen abstreift, nur dadurch kommt er zum eigentlichen Bewußtsein des Ich. Der Mensch muß lernen, den Tod zu überwinden. Ohne daß der Tod in die Welt getreten wäre, hätte der Mensch nicht das Selbstbewußtsein kennengelernt. So mußte der Tod der große Lehrmeister der physischen Welt werden. Das hängt mit einem großen Ereignis zusammen. Wenn er niemals auf die physische Erde heruntergestiegen wäre, wenn er immer oben in den geistigen Sphären geblieben wäre, hätte der Mensch niemals erfahren können, was das größte Ereignis der Erdenentwickelung ist: das Mysterium von Golgatha.

Das Christus-Ereignis kann nur zwischen Geburt und Tod erfahren werden. Und gerade darin besteht die Größe dieses Ereignisses, daß ein Gott aus Himmelshöhen heruntergestiegen ist und das Schicksal der Menschen geteilt hat. Nur auf der Erde konnte er dieses Mysterium vollziehen. Niemals hätte irgendwo in der geistigen Welt das Mysterium von Golgatha aufgerichtet werden können. Um die Menschen den Sieg über den Tod zu lehren, mußte ein Gott heruntersteigen aus geistigen Höhen, um auf der Erde zu sterben. Und dieses Ereignis, vom Menschen auf Erden verstanden, das ist das Größte, was einfließen kann in die irdische Inkarnation des Menschen. Das ist das Größte, was der Mensch mitnehmen kann, wenn er die physische Erde durch die Pforte des Todes verläßt. Der Mensch könnte niemals die Größe des Christus begreifen, wenn er nicht auf der Erde lernen würde, was der Christus ist. Wenn er das auf der Erde gelernt hat, kann er es bewahren und mitbringen in die geistige Welt." (Lit.: GA 108, S. 111f)

Das Todeserlebnis und das Ich-Bewusstsein nach dem Tod

Nicht nur für die Entwicklung des Selbstbewusstseins auf Erden, sondern auch für das Selbstbewusstsein nach dem Tod ist das Todeserlebnis von entscheidender Bedeutung.

"Würden wir beim Durchgang durch die Todespforte dieses Erlebnis nicht haben können, das wir wissentlich mitmachen, das Weggehen unseres physischen Leibes, so würden wir nach dem Tode niemals ein Ich-Bewußtsein entfalten können! Das Ich-Bewußtsein nach dem Tode wird angeregt durch dieses Erleben des Hinweggehens des physischen Leibes. Für den Toten ist es von größter Bedeutung: Ich sehe meinen physischen Leib von mir hinwegschwinden. - Und das andere: Ich sehe aus diesem Ereignis heraus in mir selber die Empfindung erwachsen: Ich bin ein Ich. - Man kann das paradoxe Wort aussprechen: Könnten wir unseren Tod nicht erleben von der anderen Seite, würden wir nach dem Tode nicht ein Ich-Bewußtsein haben können. - So wahr die Menschenseele, wenn sie durch die Geburt oder auch schon durch die Empfängnis ins Dasein tritt, sich nach und nach dem Gebrauche des physischen Apparates anpaßt und dadurch das Ich-Bewußtsein im Leibe gewinnt, so wahr gewinnt das Menschenwesen das Ich-Bewußtsein nach dem Tode von der anderen Seite des Daseins dadurch, daß es das Abfallen des physischen Leibes von dem Gesamtmenschen erlebt." (Lit.: GA 168, S. 13f)

„Während niemals die unmittelbare Anschauung unserer Geburt vor unserer Seele stehen kann in dem physischen Leben, steht im ganzen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt der Moment des Todes, wenn der Mensch nur hinschaut auf ihn geistig, vor der Seele. Nur müssen wir uns allerdings klar sein, daß dieser Moment des Todes dann von der anderen Seite gesehen wird. Wenn der Tod etwas Schreckhaftes haben kann, so ist es nur deshalb, weil er hier gesehen wird als eine Auflösung gewissermaßen, als ein Ende. Von der anderen Seite, von der geistigen Seite her, wenn zurückgeschaut wird zum Moment des Todes, erscheint der Tod immerfort als der Sieg des Geistes, als das Heraus-sich-Winden des Geistes aus dem Physischen. Da erscheint er als das größte, herrlichste, als das bedeutsamste Ereignis. Und außerdem entzündet sich an diesem Ereignisse dasjenige, was unser Ich-Bewußtsein nach dem Tode ist. Wir haben in der ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nicht nur in ähnlichem, sondern sogar in einem viel höheren Sinne ein Ich-Bewußtsein als hier im physischen Leben. Aber dieses Ich-Bewußtsein würden wir nicht haben, wenn wir nicht immerfort zurückblicken könnten, sehen würden, aber von der anderen Seite, von der geistigen Seite, diesen Moment, in dem wir uns herausgerungen haben mit unserem Geistigen aus dem Physischen. Daß wir ein Ich sind, wissen wir nur dadurch, daß wir wissen: Wir sind gestorben, wir haben unser Geistiges aus unserem Physischen herausgelöst. In dem Augenblicke, wo wir jenseits der Pforte des Todes nicht hinschauen auf den Moment des Todes, da ist es für dieses Ich-Bewußtsein nach dem Tode so, wie es für das physische Ich-Bewußtsein hier im Schlafe ist. Wie man im Schlafe nichts weiß von dem physischen Ich-Bewußtsein, so weiß man nach dem Tode nichts von sich, wenn man nicht vor Augen hat diesen Moment des Sterbens. Man hat ihn als einen der herrlichsten, als einen der erhabensten Augenblicke vor sich.“ (Lit.:GA 168, S. 71f)

„Im Tode löst sich der physische Leib auf in die Erdenmaterie. Das ist nun von Bedeutung. Wenn wir schlafen, dann lebt in uns fortwährend - öfters habe ich das schon erwähnt - die Begierde, wiederum in den physischen Leib zurückzukehren. Diese Begierde beherrscht uns vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wir sehnen uns gewissermaßen wiederum nach dem physischen Leib zurück. Wenn wir diesen im Tode abgelegt haben, dann können wir uns nicht zu ihm zurücksehnen, können uns nicht wieder in ihn hineinpressen. Daraus aber geht für uns hervor, daß wir nunmehr diese Begierde, wieder in den physischen Leib zurückzukehren, nicht entwickeln können. Diese Begierde fällt jetzt weg, die wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen haben. An die Stelle dieser Begierde tritt etwas anderes. An ihre Stelle tritt der in unserem Astralleib und namentlich in unserem Ich auftauchende Gedanke an unseren physischen Leib. Wir schauen unseren physischen Leib jetzt an. Er lebt in unserem Bewußtsein. Er wird ein Inhalt unseres Bewußtseins. Und das Auflösen unseres physischen Leibes in seine Elemente, das bewirkt nun in uns, daß wir das Bewußtsein unseres physischen Leibes durch die Zeit hindurchtragen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verfließt. Dadurch aber wissen wir uns, gleichsam uns erinnernd an unseren physischen Leib, die ganze Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt als ein Ich. Es tritt also an die Stelle des Habens des physischen Leibes das Wissen vom physischen Leibe. Es tritt ein Bewußtseinszustand, eine Bewußtseinserscheinung an die Stelle. Dieses ganze Erfühlen des physischen Leibes, das wir haben von der Geburt bis zum Tode, das wird ersetzt nach dem Tode durch das Bewußtsein von unserem physischen Leib. Und durch dieses Bewußtsein, also durch einen rein geistigen Zustand, hängen wir des weiteren mit dem Erdenleben genügend zusammen.“ (Lit.:GA 163, S. 125)

Entwicklung des Selbstbewusstseins

Das starke Selbstbewusstsein, das den heutigen Menschen kennzeichnet, ist eigentlich erst eine sehr junge Erscheinung unserer irdischen Entwicklung. In alten Zeiten empfand der Mensch viel kollektiver. Dafür aber hatte er gewisse Einblicke in die geistige Welt, die der moderne Mensch nicht mehr hat. Das wird sich in Zukunft ändern. Der Mensch wird mit seinem voll erwachten Ich-Bewusstsein wieder schauend in die geistige Welt eintreten:

"Heute hat der gewöhnliche Mensch vom Morgen bis zum Abend das, was wir das gegenständliche Bewußtsein genannt haben, das ihm die Dinge so zeigt, daß sie ihm als außer ihm selbst stehend erscheinen, mit den Eigenschaften, die seine Sinne ihm zeigen. Dieses Bewußtsein ist nicht das einzige. Allerdings sind für die meisten der heutigen Menschen die ändern Bewußtseinszustände verborgen, hinuntergetaucht in ein unbestimmtes Dunkel, das wir den traumlosen Schlaf nennen, der aber für den Eingeweihten eine ganz bestimmte Bedeutung hat. Für den Eingeweihten, der auch die Welt hinter dieser physischen Erscheinung kennt, gibt es auch vom Einschlafen bis zum Aufwachen einen bewußten Zustand, in dem er allerdings nicht dieselben Dinge, die hier sind, so wahrnimmt, wie sie hier sind, aber er nimmt eine Welt an sich wahr. Wie für den gewöhnlichen Menschen der traumlose Schlaf ein unbewußter Zustand ist, so ist es für den Eingeweihten ein bewußter, in dem er die geistige Welt schaut.

Wenn wir uns klarmachen wollen, wie dieser unbewußte Zustand ein bewußter wird, so müssen wir jenen Zwischenzustand betrachten, den der Mensch ja außerdem kennt, den traumerfüllten Schlaf, der uns die gewöhnlichen, alltäglichen Wahrnehmungen oder die inneren Zustände der Seele in Sinnbildern zeigt. Diese Bildlichkeit, die der Traum zeigt, können Sie aber auch finden, wenn Sie das Bewußtsein des Eingeweihten studieren, wenn er in der geistigen Welt weilt. Er sieht die Dinge in der geistigen Welt in Bildern. Allerdings sind dies nicht so chaotische Bilder, wie sie der Traum Ihnen zeigt. Sie haben mit den Bildern des Traumes nur das gemein, daß sie sich fortwährend verwandeln. Der Tisch und der Stuhl zeigen immer diese Gestalt, so wie sie einmal da sind. Die Pflanzen und Menschen, sofern sie äußere Gegenstände sind, zeigen die Gestalt, die sie einmal haben. Aber je mehr wir ins Reich des Bewußten hinüberkommen, finden wir Verwandlungen. Die Pflanze, die aus dem Keim aufsprießt und Stamm, Blätter, Blüte und Frucht entfaltet, das Tier, das seine Willkür ausdrückt, die menschliche Wesenheit - im Verändern der Gesten und der Physiognomie sehen wir sie in Bewegung. Das alles aber ist etwas Bleibendes gegenüber dem, was ein Mensch in einem höheren Zustande in der Welt des Devachan erlebt. Da sehen wir eine fortwährende Verwandlung. Wer durch die betreffenden Übungen seinen Eintritt in die geistige Welt findet, lernt dort, wie sich die Farbe einer Pflanze wie eine Flamme heraushebt aus der Pflanze. Er lernt erkennen, wie die Farben im freien Raum auf- und absteigende Gebilde sind. Eine richtige Anschauung hat er aber erst, wenn er imstande ist, Farben und Töne für sich zu sehen und sie zu bestimmten Wesenheiten hinzuleiten. Fortwährend sind derartige Wesenheiten um uns. Wenn Sie das Violett dieser Blume herausholen könnten, daß sich das Violett frei hinbewegt im Raum, so haben Sie darin den Ausdruck für das Leben einer geistigen Innenwelt der Pflanze. So wirkt auch die menschliche Aura, und das, was wir Astralkörper nennen. Alle menschlichen Neigungen, Gefühle der Eitelkeit und des Egoismus, drücken sich darin durch ganz bestimmte Farbenströmungen aus, so daß wir sagen können: Inneres seelisches Erleben drückt sich in der menschlichen Aura aus. Die Aura ist niemals still, nichts ist da stationär, wie es hier in der Sinnenwelt Stationäres gibt. Und wenn ein Wesen in der geistigen Welt einen Gefühls- oder Willensimpuls hat, können Sie immer sehen, wie das in ganz bestimmten Veränderungen der Farben und Töne zum Ausdruck kommt. Die ewige Bewegung ist das Wesentliche der höheren Welten.

Natürlich ist das verwirrend für den, der die höheren Welten zum ersten Mal betritt. Das bewirkt aber auch wieder, daß sich in diesen höheren Welten alles, was da vorhanden ist, augenblickgemäß offenbart. Kann der Mensch sein Seelenleben für den, der ihn nur mit physischen Augen betrachten kann, verbergen, so kann er demjenigen, der mit geistigen Augen schauen kann, nichts verbergen. Da liegt alles klar am Tag, so daß Sie sich sagen müssen: Wollen wir einen Menschen, so wie er vor uns steht, mit sinnlichen Augen erforschen, so müssen wir aus dem Äußeren, wie er lächelt oder weint, auf seine Seele schließen. Anders ist es in der höheren Welt. Ein Schluß von dem Äußeren auf das Innere findet dort nicht statt. Das Innere liegt ganz offen da. Wir leben mit dem Wesen der Dinge dort zusammen. Dieses Bewußtsein kann sich in unserer Zeit nur der Eingeweihte aneignen. Nur er kann bewußt in der höheren Welt leben. Er kann dem Bewußtseinszustand vom Aufwachen bis zum Einschlafen einen ändern Zustand hinzufügen, durch den er imstande ist, das Innere zu dem Äußeren hinzuzufügen. So wie er bewußt das Innere der Dinge erleben kann, so konnten dies in gewisser Beziehung in uralter Zeit alle Menschen. Vor ihrem heutigen Bewußtseinszustand hatten die Menschen denjenigen, durch den sie die Dinge von innen sahen.

Wenn wir in urferne Zeiten zurückgehen, kommen wir zu Menschen, die immer weniger von dem haben, was der Mensch heute hat. Der heutige Mensch kann zählen und rechnen. In der Mitte der Atlantis würden Sie Menschen finden, die noch nicht zählen und rechnen konnten, bei denen man von Logik noch nicht reden konnte. In dieser Beziehung kann heute das geringste Schulkind mehr, als irgendein Atlantier gekonnt hat. Aber dafür konnte der Atlantier etwas anderes. Wenn er irgendein Wesen der Natur betrachtete, eine Pflanze zum Beispiel, konnte er ein ganz bestimmtes Gefühl in sich aufsteigen sehen. Für ihn hatte jede Pflanze einen bestimmten Gefühlswert. Während der heutige Mensch in einer gewissen gleichgültigen Weise an den Pflanzen vorbeigeht, stiegen in dem Atlantier lebhafte Empfindungen und Gefühle auf. Ja, wenn wir weit genug zurückgehen, bis in die Zeiten der ersten Atlantier, würden wir finden, daß sie auch noch nicht so lebhafte Farbenvorstellungen hatten wie der heutige Mensch. Wenn ein solcher Atlantier auf ein Veilchen zugegangen wäre, hätte er es nicht so gesehen, wie es hier steht, sondern so, wie wenn hier eine Art Nebelgebilde aufstiege. Ebenso würde er bei einer Rose nicht die rote Farbe auf der Rose selbst gesehen haben, sondern eine rote Aura um die Rose herum, die rote Farbe frei schwebend. Wenn Sie sich jetzt irgendeinen Kristall ansehen, dann sehen Sie ihn, wenn es ein Rubin ist, rot gefärbt. Die ersten Atlantier aber würden bei einem solchen Kristall nicht die Farbe im Kristall gesehen haben. Er wäre ihnen erschienen wie umgeben von einem Strahlenkranz von Farben, und der Rubin würde ihnen gleichsam nur wie eine Art von Einschnitt in diesen Farbenkranz erschienen sein. Wenn Sie sich diesen Zeiten nähern, kommen Sie in eine urferne Vergangenheit, wo der Mensch überhaupt nicht mehr die Umrisse eines ändern Menschen gesehen haben würde, nicht mehr die Umrisse einer Pflanze oder eines Tieres. Wenn er sich einem ändern Menschen näherte, der ihm feindlich gesinnt war, so nahm er vielmehr eine bräunlich-rötliche Farbe wahr. Nahm er eine schöne bläuliche Farbe wahr, so konnte er sich sagen: Dieser Mensch ist mir friedlich gesinnt. - So drückte sich ihm das Innenleben eines Menschen in solchen Farben aus.

Gehen wir noch weiter zurück, dann kommen wir in jene urferne Vergangenheit des alten Lemurien, das zwischen Asien, Australien und Afrika lag. Da war nicht nur das Bewußtsein im Erkennen ein völlig anderes, sondern da war sogar alles, was man Willensimpuls nennen kann, anders. Der Wille wirkte noch magisch, er hatte eine Kraft über die übrigen Gegenstände; er zeigte sich wie eine Naturkraft, die auf die ändern Gegenstände wirkt. Wenn der Lemurier seine Hand über eine Pflanze hielt und seinen Willen hineinversenkte, konnte er durch seinen bloßen Willen diese Pflanze rasch wachsen machen.

Die Kräfte draußen in der Natur sind keine ändern als die im Menschen befindlichen. Dadurch daß der Mensch ein abgeschlossenes Wesen geworden ist, eingeschlossen in eine Haut, sind seine Kräfte immer mehr den Kräften der Natur entfernter, immer unähnlicher geworden. Am unähnlichsten den Kräften der Natur ist das menschliche Denken. Das Kombinieren und Rechnen ist dem, was als solches in der Natur draußen vorhanden ist, am allerfremdesten. Dennoch, wenn Sie weit genug zurückgehen könnten, würden Sie sehen, daß es damals Wesen gegeben hat, die geistigen Vorfahren der Menschheit, welche es für einen - vergleichsweise - großen Unsinn angesehen hätten, zu sagen: Ich fasse einen Begriff von irgendeinem Außending. - Das hätten sie gar nicht sagen können, sondern sie hätten den Begriff gleichsam gesehen, und zwar als Tätigkeit, sogar als Wesenheit gesehen. Wer sich heute von irgendeinem Ding einen Begriff bildet, hat sich vorzustellen, daß dieses Ding ursprünglich von demselben Begriff gebildet worden ist. Sie bekommen eine Vorstellung davon, wenn Sie sich an den Vorgang irgendeines menschlichen Hervorbringens erinnern. Sie können sich einen Begriff von einer fertigen Uhr, dem Mechanismus des Werkes, dem Vorwärtsgang der Zeiger bilden. Sie könnten das niemals, wenn nicht einmal einer vor Ihnen als Uhrmacher dagewesen wäre und vorgedacht hätte, was Sie jetzt nachdenken. Was er hineingelegt hat, denken Sie nach.

Alle Begriffe, die sich der Mensch heute bilden kann, alles was das Denken heute tut, hat in unserer Vergangenheit als Wirklichkeit existiert, die erst in die Dinge hineingelegt wurde. Ein jedes Wesen wird begriffen durch seinen Begriff. Einmal wurde ein jedes Wesen nach diesem Begriff geformt. Es war in der Welt nicht anders, als es heute in der menschlichen Kunst ist: Die Begriffe, die sich der Mensch heute macht, sind ursprünglich in die Dinge hineingelegt. Würden Sie noch weiter zurückgehen, würden Sie sehen, wie diese Menschen niemals hätten sagen können: Ich bilde mir einen Begriff, indem ich die Dinge anschaue -, sondern sie haben wirklich gesehen, was da geschehen ist, wie da der Begriff hineingelegt worden ist. Sie haben gleichsam den Werkmeistern der Dinge zugeschaut.

Da bekommen Sie den Unterschied zwischen dem heutigen Verstande des Menschen und jenem Intellekt der damaligen Zeit, den wir den schöpferischen zu nennen haben. Wenn Sie aber diese Wesen kennenlernen würden, die noch aus eigener Anschauung von dem schöpferischen Verstande gewußt haben, im Gegensatz zu dem heutigen bloß aufnehmenden Verstande, würden Sie finden, daß diese Wesen ganz anders waren. Sie waren noch nicht in einem Menschenleibe verkörpert. Was heute in den menschlichen Hüllen wohnt, war damals noch in dem Schoß der göttlich-geistigen Wesenheiten beschlossen.

Wir sind unmerklich über den Zeitpunkt der Erdenentwickelung hinweggeschritten, der sich uns vergleichsweise so darstellen würde: Unten auf der Erde gab es schon ein physisches Leben, es waren dort unten Wesenheiten, ganz andere, aber ähnlich den heutigen Mineralien, Pflanzen und Tieren, und dann Wesenheiten, die nicht Menschen waren, die aber zwischen den Tieren und Menschen standen und reif waren, die menschliche Seele zu empfangen. Sie waren so weit organisiert, daß sie die menschliche Seele aufnehmen konnten. Nur vergleichsweise kann man sagen, wie man sich das zu denken hat: Unten auf der Erde wandelten die Menschen umher, die eigentlich noch Tiermenschen waren. Stellen Sie sich nun die menschlichen Körper als einzelne Schwämmchen vor und die Seelen als Wassertropfen, die alle zusammen noch zu einer gemeinsamen Wassermasse vereinigt waren; die physische Erde mit dem ganzen Gewimmel von Wesenheiten, gleichsam eingehüllt - wie von der heutigen Lufthülle - von einer seelischen Hülle. In dieser war noch alles ungesondert, wie die Wassertropfen. Und so, wie wenn Sie nun die Wassermasse von den Schwämmchen aufsaugen lassen, wo dann jedes einen einzelnen Tropfen für sich bekommt, so war es in der damaligen Zeit. Was einheitliche Seelensubstanz war, wurde aufgesogen von den einzelnen Menschenleibern, verteilt auf die einzelnen Menschenleiber. Dadurch entstand erst die menschliche Seele. Niemals würde ohne diesen Prozeß die menschliche Substanz sich in viele einzelne Individualitäten getrennt haben.

Damit aber beginnt auch der Prozeß, durch den sich der Mensch allmählich von der Umgebung abtrennt, und dadurch bekommt er auch ein besonderes gegenständliches Bewußtsein. Vorher hatte er das Bewußtsein, welches sich nicht Begriffe bildete, sondern die Seele war selbst noch ganz in der Weltenseele, und sie empfing von der gemeinschaftlichen Weltenseele wie von innen heraus ihre ganze Weisheit. Sie brauchte nicht nach außen zu schauen. Wirklich könnte man sagen, diese gemeinsame Weltenseele konnte noch alles; sie hat nach den gemeinsamen Begriffen alles, was heute auf der Erde ist, gebildet. Diese Begriffe bekamen die Menschen, indem von der gemeinsamen Weltenseele jener Tropfen der Weisheit gegeben wurde. Das ist der Unterschied zwischen dem uralten Wissen, bevor es einmal im Fleische verkörpert war, und dem heutigen Wissen, das entsteht, indem der Mensch sich nach außen richtet.

In dem Augenblick, wo der Mensch nicht mehr mit den Sinnen wahrnimmt, sinkt heute sein Inneres in das unbestimmte Dunkel hinunter, das wir traumlosen Schlaf nennen. Vom Menschen bleibt beim Schlafe der physische Körper und der Ätherkörper liegen, der Astralkörper begibt sich heraus. Was ist es im Menschen, das die äußere Welt wahrnimmt? Der Astralleib nimmt die Farben und Töne wahr. Der Astralleib erlebt eine Lust, wenn er irgend etwas Lustvolles genießt, der Astralleib empfindet den Schmerz als solchen. Dieser Astralleib kann aber heute im Menschen nichts bewirken, wenn er nicht im physischen Leibe darin ist, denn er braucht, um seine Umgebung wahrzunehmen, Augen, Ohren, die ganzen physischen Werkzeuge auch für Lust, Leid, Schmerz, Freude und so weiter. Zwar ist der physische Leib das bloße Werkzeug, aber er ist notwendig für den heutigen Astralleib. Im Augenblick wo der astralische Leib aus dem physischen Leib heraus ist, nimmt er nicht mehr wahr.

Dieser Astralleib ist ganz derselbe, welcher früher in der gemeinsamen, die Erde umgebenden Seelensubstanz darin war. Wenn Sie alle Astralleiber aussondern und zusammensetzen, würden Sie bekommen, was als astrale oder Seelensubstanz die Menschen damals umgeben hat. Wenn man heute alle Menschen, wie sie auf der Erde sind, in Schlaf bringen könnte, so daß also das ganze Menschengeschlecht schlafen würde, und man würde dann alle Astralleiber herausheben und mit der übrigen Substanz mischen, so würde man sehen, wie der traumlose Schlaf vollständig aufhört. Zwar würden die Seelen nicht durch die äußeren Werkzeuge Farben und Töne wahrnehmen, aber an allen diesen Astralleibern würden Farben aufzusteigen beginnen und ringsherum sich fortwährend verwandelnde Farbenbilder schweben, und innerhalb finge es an zu tönen. Das alles würde dann wiederum die Erde umgeben, so wie es in jener Zeit war, bevor die erste Verkörperung irgendeiner Seele stattfand.

Die Verdunkelung jenes uralten Bewußtseinszustandes, die Sie heute aus Ihrem traumlosen Schlaf kennen, ist dadurch eingetreten, daß die gemeinsame astrale Substanz durch die Weltseele in einzelne Teile getrennt wurde und die einzelnen Teile in menschliche Leiber hineinzogen. Noch weiter können Sie gehen. Was heute Nacht ist, was heute für die Menschen in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinkt, war zu einer Zeit, von der wir jetzt sprechen, durchaus lichterfüllt, von Wahrnehmungen der geistigen Welt erfüllt, war durchaus Tag. So daß Sie also jetzt zu einem Zustande der Menschheit geführt sind, wo die ganze Menschheit astral wahrgenommen hat, allerdings nicht in einem physischen Leibe.

Nun stellen Sie sich einmal die Frage: Was hat denn die Menschheit seit jener Zeit eigentlich gewonnen? Was ist denn hinzugekommen zu dem, was sie schon hatte? Was hat sich der Mensch durch die fleischliche Verkörperung erworben? - Er hat sich die Möglichkeit erworben, zu sich «Ich» zu sagen. Das ganze Bewußtsein, so hellseherisch es auch war, war bloß ein mehr oder weniger gesteigertes Traumbewußtsein. Selbstbewußt waren die Menschen noch nicht. Dies hat die Menschheit also gewonnen. Das ist das eigentliche Geschenk Gottes, wovon die religiösen Urkunden, wie die Bibel, berichten: daß in der Zeit, als die Menschheit sich verkörperte, den Menschen das Selbstbewußtsein geschenkt worden ist. Das haben die Menschen früher nicht gekannt, und dieses Selbstbewußtsein wird sich in der gegenwärtigen Menschheit immer mehr steigern. Es ist das, was sich von jener Zeit an, die wir nicht mehr in dumpfem oder hellseherischem Bewußtsein verbringen, geoffenbart hat: das «Ich bin», und das wir mit keinem ändern Namen nennen können, als: «Ich bin der Ich-bin.» Da haben Sie das Jahvewort: «Ich bin, der da war, der da ist und der da sein wird.»

So sind wir zurückgekommen auf eine Zeit, wo dieses Ich-bin-Wort noch ausgelöscht war. Im Menschen war es noch nicht vorhanden. Der Mensch hatte ein Bewußtsein, das ihm eingegossen war, das er sich nicht dadurch erwarb, daß er die äußeren Gegenstände ansah. Wo war ein Ich-bin-Bewußtsein? Dieses Selbstbewußtsein hatten göttliche Wesenheiten. Menschliche Wesenheiten haben es nach der physischen Einverleibung bekommen. Da haben Sie den Unterschied zwischen dem, was man im Christentum den Heiligen Geist nennt und dem Geist an sich. Der Heilige Geist ist derjenige, der oben, vor der Verkörperung, das Selbstbewußtsein hatte, und der Geist an sich ist der, welcher im Menschen das Ich-Bewußtsein hatte. So daß Sie, wenn Sie alle Ich-Bewußtseine zusammenwerfen und damit auch von dem Egoismus trennen würden, den Heiligen Geist wiederum bekommen würden. Nun haben Sie das, wovon wir ausgegangen sind, in die radikalste Form gekleidet. Wir sind zurückgegangen zu einer ganz sonderbaren Art von Lehre. Während heute so gelehrt wird, daß Mensch dem Menschen gegenübertritt und dem Schüler gesagt wird: So sind die Dinge -, war damals nur eines möglich: ein solches Lehren, das zu gleicher Zeit Arbeit, Tun war. Es war ein Ausgießen der Weisheit in die einzelnen Wesen. Nicht von außen kam die Weisheit; von innen floß sie den Menschen zu, ein Vorgang, den heute nur noch der Eingeweihte kennt. Würden Sie nun die Zeiten durchmessen von derjenigen, die ich eben charakterisiert habe, wo es kein Lehren, sondern nur ein Erleuchten von innen heraus gab, bis zu unserer Zeit, so würden Sie eine Zwischenzeit finden, in welcher die Menschen sozusagen halb in dem einen und halb in dem ändern Zustand waren. Das war die Mitte der atlantischen Zeit. Da konnte der Mensch schon bestimmte Umrisse der Dinge erkennen, da konnte er sehen, wie sich nach und nach die Farbe an die Oberfläche der Gegenstände legte, sehen, wie die einzelnen Dinge Eigenschaften bekamen. Aber er sah das nur so, wie wenn alles in einem Farbennebel eingehüllt wäre. Er hörte noch die ganze Welt durchtönt von Tönen, die weise Töne waren, die ihm etwas sagten und ihm Kunde von ändern Wesen brachten. Das alles ging aber noch sehr durcheinander in diesem Zwischenzustand. Das war auch die Zeit, wo eine Lehre begann, die sich allmählich zu der späteren Art und Weise der religiösen Mitteilungen an die Menschen umgestaltet hat.

Wenn wir in die alte atlantische Zeit zurückgehen könnten, würden wir eine große Adeptenschule finden. Daß heute jemand Weisheit in sich aufnehmen kann, ist dadurch möglich, daß die damaligen turanischen Adepten Schüler gehabt haben; ihre Schüler haben wieder andere unterwiesen bis zu unserer Zeit heran, so daß eine direkte Tradition zurückführt bis zu der turanischen Adeptenschule hin. Damals mußte man Rücksicht darauf nehmen, daß die Menschen in einem Zwischenzustande waren, wo sie erst einen Teil der heutigen Wahrnehmungsart hatten. Sie konnten erst in unbestimmten Umrissen die Gegenstände erkennen. Aber sie haben zum Teil auch noch von innen heraus die Wahrheit bekommen können. Bis fünf hätten damals die wenigsten Menschen zählen können. Ohne Selbstbewußtsein ist das nicht möglich. Aber sie konnten aufnehmen, was auf ihr Inneres, auf ihr halb somnambules Bewußtsein reflektiert wurde. Man mußte sie erleuchten, wollte man ihnen die höchste Weisheit beibringen. Aber man mußte sie ihnen bildlich beibringen, und dazu hatten die turanischen Adepten gewisse Methoden. Sie hätten das nicht in der Weise gekonnt, wie man es heute mit einem Vortrag tut. Die Adepten selbst waren der Menschheit weit voraus und haben das alles selbst gewußt, aber die übrige Menschheit war noch außerordentlich primitiv. Man versetzte die Menschen in einen hypnotischen Zustand, um ihnen Weisheit beizubringen. Was heute Unrecht ist, das war dazumal etwas ganz Normales. In eine Art von Schlafzustand wurde der Mensch versetzt, und diesen Schlafzustand benutzte man, um ihn in der folgenden Weise zu erleuchten. Vor der ersten Einkörperung der menschlichen Seele in den Leib gab es keine Nacht, da waren alle Menschen erleuchtet. Da war der traumlose Schlaf gerade das, worin die Menschen Wahrnehmungen hatten. Jetzt hatten sie das schon nicht mehr. Das war verschwunden, und sie hatten dafür die Fähigkeit eingetauscht, daß sie die Gegenstände in allgemeinen Umrissen sahen. So weit an äußeren Wahrnehmungen ein Zufluß da war, so viel war an dem inneren Wahrnehmen verlorengegangen. Aber nun hatte man bei den Adepten gewisse Fähigkeiten ausgebildet. Man hatte das gelernt, was man heute die okkulte Schrift nennt, was man heute auch das okkulte Sprechen nennen würde. Sie alle wissen, daß es sogenannte Mantrams gibt, gewisse Urformein der Gebete, daß in dem Laut der Sprache eine bestimmte Wirkung liegt. So waren auch die ersten Worte des Johannes-Evangeliums beschaffen. Wenn es hier heißt: «Im Urbeginne war das Wort» -, so liegt in dem «Ur», in dem «Beginne» ein bestimmter Wert, der ursprünglich überhaupt in den ersten Worten des Johannes-Evangeliums gelegen hat. Das alles ist aber doch nur schattenhaft gegen das, was damals als Tonzusammensetzung in der Adeptenschule angewendet wurde. Dadurch wurde das ersetzt, was der damalige Mensch an Erleuchtungsfähigkeit verloren hatte. Von dem ändern Menschen, der ein Eingeweihter war, konnte er diese Erleuchtung wieder im hypnotischen Schlaf erhalten, so daß diese Schüler von ihren vorgeschrittenen Mitbrüdern eine Art künstlicher Erleuchtung empfingen, wodurch der Mensch wiederum in jener Welt, die ihn immer umgeben hatte, die Geister am Werke sah, wie vordem, bevor die Menschenseele sich verkörpert hatte. Das erlebten die Schüler der turanischen Zeit, so waren die ersten religiösen Unterweisungen, so wurden ihnen die Weltgesetze beigebracht. Und von jenen Erleuchtungen her empfing man Formeln und Zeichnungen, denn auch durch Zeichnungen konnte man wirken, wenn die Linie eine ganz bestimmte Gesetzmäßigkeit hatte, wirkte sie so, daß sie dem Menschen große Weltengeheimnisse beibringen konnte. Wenn Sie einem Menschen einen Wirbel hinzeichneten, er hätte diesen Wirbel mit seinen offenen Augen nicht gesehen. Wurde ihm dieser Wirbel aber im hypnotischen Schlaf vorgehalten oder auch abgeklopft, dann hätte dies ganz besondere Empfindungen hervorgerufen, zum Beispiel so, wie sich eine Pflanze bis zum Samenkorn entwickelt und aus dem Samenkorn eine neue Pflanze wird. Solche Formeln, solche Linien wurden dann von diesen Adeptenschulen aus überliefert und später durch die verschiedenen Religionsstifter den Völkern gegeben.

Je weiter wir zurückgehen, desto mehr ist das, was als Seele auf die einzelnen Menschen verteilt wurde, eine einheitliche Seele. Dadurch, daß die einzelnen Seelen verteilt und voneinander abgeschlossen wurden, sind sie verschieden geworden. Im Schlaf sind heute noch alle Astralleiber einander ähnlich; am Tage sehen sie ziemlich verschieden aus. So war es auch in diesem hypnotischen Zustande, wo eigentlich die Astralleiber unterrichtet wurden, die dann alle ziemlich gleich waren. Da konnte man allen eine gewisse Urweisheit mitteilen. Als aber dem Menschen diese Fähigkeit, auf eine solche Art Weisheit zu empfangen, abhanden gekommen war, mußte man im alten Indien so lehren, wie der indische Leib es erforderte, in Persien, wie der persische Leib es erforderte, und wiederum anders in Griechenland, in Ägypten und bei den Germanen. Das erforderten die äußeren physischen Leiber nach den verschiedenen Einflüssen, die auf sie ausgeübt wurden. Das hatten die Religions-Urstifter in jene Formen hineingegossen, die uns heute als die ägyptische Hermeslehre überliefert werden, als die Lehre Zarathustras und so weiter.

Aber in allen Grundformen der wirklichen Religionen lebt dasjenige, wodurch sie entstanden sind. Jene Erleuchtung, welche der Mensch früher empfangen hat, ist ja auch etwas ganz anderes, als es heute geschehen kann. Das war eine Mitteilung nicht durch Lehren, sondern durch Leben. Das ist eine viel intimere Art, wie der Schüler da dem Lehrer gegenübersteht. Sie können sich eine Vorstellung davon machen, daß beispielsweise der Wirbel direkt Empfindungen anregte. Heute teilt man Begriffe mit, und die Empfindungen müssen sich erst an den Begriffen entzünden. Aber gerade aus dieser Art der Einwirkung durch das Leben sind die Religionsformeln entstanden. So war gerade die siebengliedrige Natur des Menschen etwas, was in der Adeptenschule der Turanier mitgeteilt worden ist. So aber sind sie im Vaterunser heute noch als Gedanken verborgen. Dieses Vaterunser ist der Ausdruck der siebengliedrigen Menschennatur.

Dem Schüler der turanischen Adepten wurde es dadurch klargemacht, daß man ihm eine Tonskala als Sinnbild für die sieben Glieder des Menschen zu Gehör brachte, vermischt mit bestimmten Farbenvorstellungen und einer Aromaskala. Was in der siebengliedrigen Harmonieskala lag, das stieg in ihm als inneres Erlebnis auf, wozu das, was äußerlich da war, nur ein Mittel darstellte. Das gössen die großen Religionsstifter in gewisse Formeln, und das goß auch der größte von ihnen in das Vaterunser, und ein jeder, der das Vaterunser betet, hat die Wirkung des Vaterunsers.

Das Vaterunser ist ein Gebet, das als solches kein Mantram ist. Es wird seine Bedeutung noch haben, wenn Tausende und aber Tausende von Jahren vorübergegangen sind, denn es ist ein Gedankenmantram. In die Gedanken hineingegossen wurde die Wirkung des Vaterunsers, und ebenso wahr, wie es ist, daß der Mensch ganz gut verdauen kann, ohne daß er sich erst von einem Physiologen sagen läßt, worin die Wirkung des Verdauungsprozesses besteht, ebenso wahr ist es, daß der, der das Vaterunser betet, die Wirkung des Vaterunsers verspürt, auch wenn er sich das nicht sagen läßt. Die Wirkung des Vaterunsers ist da, denn sie liegt in der Gewalt der Gedanken selbst. Allerdings kommt noch eine höhere Erkenntnis hinzu, die dem Vaterunser eine tiefere Bedeutung verleiht, und keiner darf sich dieser verschließen. So ist der Weg, welchen die religiösen Wahrheiten gemacht haben.

Ihre Seelen, die heute in Ihren Leibern leben, lebten einstmals in der gemeinsamen göttlichen Geistsubstanz und wurden dort somnambul erleuchtet. Ohne Ich-Bewußtsein konnten sie wahrnehmen, wie die geistig-göttlichen Kräfte schaffen. Dann wurden die Seelen eingegliedert. Dadurch wurde ihnen diese Wahrnehmung immer mehr verdunkelt und sogar die Möglichkeit genommen, diesen Zustand künstlich hervorzurufen, wie er noch in der turanischen Adeptenschule hergestellt werden konnte. Nur ein Nachklang der Empfindungen, die von Mensch zu Mensch mitgeteilt werden können, sind die religiösen Lehren und Formeln, die aus jener Urweisheit herausgeholt sind, welche die Welt selbst geschaffen hat. Die Weisheit des Alten Testamentes ist wie gesprochen von den Urideen, von der Urweisheit, die den Dingen zugrunde liegt und die Ihre Seele einstmals gehabt hat. In der Zukunft wird es nun so sein, daß die Menschen das, was sie ursprünglich im dumpfen Traumbewußtsein besessen haben, wiederum, aber jetzt in hellem, klarem Bewußtsein, aus der Seele heraus haben werden. Der Mensch wird sein gegenwärtiges helles, klares Bewußtsein haben und dazu die Erleuchtung. Zur Erlangung des Selbstbewußtseins mußte der Mensch die ursprüngliche Hellsichtigkeit aufgeben, und je mehr diese ursprüngliche Hellsichtigkeit heruntergedämpft wurde, desto mehr ging das innere Ich-Bewußtsein auf. Wird das einmal an seinem Gipfel angelangt sein, so wird der Mensch bei seiner letzten Inkarnation angekommen sein, in sich als Frucht seines Lebens die alte Hellsichtigkeit und ein neuerworbenes Element noch dazu.

Immer wieder hört man die Phrase, die Menschen müßten nach und nach in einem Allbewußtsein aufgehen. Das wäre die Erlösung, wenn sie ihr heutiges Bewußtsein verlören und in einem Allbewußtsein aufgingen. So verhält es sich aber nicht. Das Ich-Bewußtsein, das einstmals gar nicht da war, wird noch nach der letzten Verkörperung bestehen. Was sich aus der gemeinsamen geistigen Substanz herausgegliedert hat, wird wieder zusammenfließen. Aber das stellen Sie sich jetzt so vor: Ursprünglich hatten Sie klares Wasser, das ist aufgesogen worden von den vielen Schwämmchen. Während dieser Absonderung wird jedoch alles aufgenommen, was aus der Umgebung aufgenommen werden kann. Jeder Tropfen färbt sich mit einer ganz bestimmten Färbung. Wenn die Schwämmchen wieder ausgedrückt werden, dann bringt ein jedes seine Farbe mit. Das ist eine Mannigfaltigkeit von Farben, schillernd, schöner als es jemals vorher hätte sein können. So bringt ein jeder Mensch, wenn er wieder in das Allgeistige zurückkehrt, seine besondere Färbung mit. Das ist sein individuelles Bewußtsein, das unverlierbar ist. Ein Zusammenklang von allen Bewußtseinen, eine Harmonie wird das Allbewußtsein sein. In Freiheit werden die Wesen, die durch die Menschheit gegangen sind, eine Einheit sein. Sie werden viele bleiben, doch weil sie eine Einheit sein wollen, aber nicht gezwungen werden, eine Einheit zu bilden, daher werden sie eine Einheit sein. Jeder hat sein Bewußtsein erhalten, und alle zusammen bilden durch ihren Willen ein einheitliches Bewußtsein. So müssen wir uns Anfang und Ende unseres heutigen Weltenprozesses vorstellen." (Lit.: GA 96, S. 222ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze, GA 26 (1998), ISBN 3-7274-0260-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt, GA 110 (1981), Dritter Vortrag, Düsseldorf, 13. April 1909, vormittags
  3. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), Berlin, 18. Februar 1907
  4. Rudolf Steiner: Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie, GA 108 (1986), ISBN 3-7274-1081-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung , GA 163 (1986), ISBN 3-7274-1630-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten, GA 168 (1995), ISBN 3-7274-1680-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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