Selbsterlösung

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Durch die großen Religionsgemeinschaften, namentlich die röm.-kath. Kirche, wie auch die evangelische Kirche gibt es immer wieder Anklagen gegen die Anthroposophie, diese würde eine Selbsterlösung ihrer Anhänger betreiben, die nicht von der Gnade Gottes abhinge. Daraus läßt sich auch der Vorwurf eines Heilsegoismus ableiten. So formuliert Bernhard Grom als Kritik: "Steiner vertritt ein Leistungs- und Vergeltungsdenken, das sich mit Jesu Botschaft von Gottes Barmherzigkeit und Gnade nicht vereinbaren läßt." (Lit.: Bernhard Grom, S. 165).

„Bedenken Sie nur, in wieviel Herzen und Seelen heute (1919) das Bewußtsein vorhanden ist, daß sie sich am liebsten überlassen möchten demjenigen, was Christus oder sonst irgendeine geistige Macht mit ihnen tut. Das ist sogar ein Vorwurf, den man sehr häufig der Anthroposophie machen hört, daß die Anthroposophie nicht großen Wert darauf legt, daß die Menschen, wie man sagt, erlöst werden durch den Christus, sondern durch sich selbst. Die Menschen möchten geführt sein, möchten geleitet sein, möchten eigentlich (in einem geistigen Infantilismus), daß der Fatalismus richtig sei. Und wieviel hat man reden hören in den letzten Unglücksjahren davon, da oder dort, daß die Leute gesagt haben: Ja, warum hilft der Gott oder der Christus nicht dieser oder jener Volksgemeinschaft? Man müßte doch glauben, daß eine göttliche Gerechtigkeit vorhanden sei. – Die Menschen möchten, daß diese göttliche Gerechtigkeit eben wie ein Fatum verhängt würde. Sie möchten nicht kommen zum wirklichen inneren Durchkraftetsein von dem Impuls der Freiheit. Eine Zivilisation, welche diesen Impuls der Freiheit nicht zu pflegen in der Lage ist, schwächt den Menschen und verurteilt sich zum Niedergang.“ (Lit.:GA 191, S. 70f)

Nur im apologetischen Sinne ist der häufig gemachte Vorwurf gegen den vermeintlichen Ansatz der Selbsterlösung durch Anthroposophie, durch evangelische und katholische Theologen, an die Adresse der Anthroposophen, zu verstehen. Denn die Höherentwicklung des Geistes der jeweiligen Individualität, im Rahmen der Erfahrung aus Reinkarnation und Karma, ist ein essentielles Merkmal der Anthroposophie. Gerhard Wehr schreibt: "Die Entschlüsselung der spirituellen Tiefendimension der neutestamentlichen Botschaft steht jedoch niemals unter dem Gesetz beliebiger Machbarkeit, sondern im Zeichen der unverfügbaren Gnade." (Lit.: Gerhard Wehr, S. 285).

„Meine lieben Freunde! Man muß wahrhaftig eigentlich recht wenig christlichen Sinn haben, wenn man das Christentum so interpretiert, wie es viele machen, die da glauben, sich echte Christen nennen zu dürfen, und die andere, zum Beispiel anthroposophische Christen, verketzern. Man muß dazu wenig christlichen Sinn haben. Es darf ja vielleicht die Frage erlaubt sein: Ist es denn wirklich christlich, zu denken, daß ich alles tun darf und der Christus eigentlich nur in die Welt gekommen ist, um mir das alles abzunehmen, um mir meine Sünde zu vergeben, so daß ich mit meinem Karma, mit meiner Sünde nichts mehr zu tun habe? Ich glaube, es ist ein anderes Wort anwendbar auf eine solche Denkweise als das Wort «christlich»; vielleicht wäre das Wort «bequem» besser als das Wort «christlich». Bequem wäre es ja allerdings, wenn man bloß zu bereuen hätte, und ausgelöscht wäre dadurch für sein ganzes späteres Karma alles das, was man in der Welt verbrochen hat. Nein, aus dem Karma ist es nicht ausgelöscht, aber davon kann es ausgelöscht werden, wohin wir wegen der menschlichen Schwäche, durch die luziferische Verführung, nicht selbst dringen können: von der Erdenentwickelung. Und das tut der Christus. Dieses Leid wird uns genommen mit der Sündenerlösung: daß wir für ewige Zeiten der ganzen Erdenentwickelung eine objektive Schuld zugefügt haben.“ (Lit.:GA 155, S. 190)

Siehe auch

Literatur

  • Rudolf Steiner: Christus und die menschliche Seele, GA 155 (1994), ISBN 3-7274-1550-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, GA 191 (1983) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Erzbistum Köln (Hg.): Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Eine Orientierungshilfe für Katholiken, Faltblatt, Köln 2009
  • Bernhard Grom: Anthroposophie und Christentum, Kösel Vlg., München 1989, S. 165
  • Klaus Bannach: Anthroposophie: Geheimwissenschaft?. In: Klaus Bannach/Kurt Rommel (Hg.): Religiöse Strömungen unserer Zeit. Eine Einführung und Orientierung, Quell Vlg., Stuttgart 1991, S. 133 - 138
  • Gerhard Wehr: Esoterisches Christentum. Aspekte - Impulse - Konsequenzen, Klett Vlg., Stuttgart 1975, S. 285