Sophia (Gnosis)

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Sophia (griech. Σοφíα „Weisheit“; koptisch τcοφια tsophia; hebr. חכמה Chochmah) ist in der Gnosis ein weiblicher Aspekt der Gottheit und oft auch als Weltseele das makrokosmische Analogon der menschlichen Seele bzw. die Gruppenseele der Menschheit. Sie wird auch dem (hier weiblich gedachten) Heiligen Geist gleichgesetzt. Vielfach erscheint sie als unterste der von der Gottheit emanierten Äonen, die in ihrer Gesamtheit das Pleroma bilden, und als Ursache für die Erschaffung der materiellen Welt. Oft wird auch zwischen einem höheren und niederen Aspekt der Sophia unterschieden. Die niedere oder untere Sophia, die außerhalb des Pleromas weilt, wird bei den Valentinianern dann auch als Achamoth (griech. Ἀχαμώθ) bezeichnet. Manchmal wird sie auch Prunikos (griech. Προύνικος) genannt, was nach Epiphanius von Salamis so viel wie „Dirne“ oder „die Lüsterne“ bedeuten soll[1] - diese Wortbedeutung gilt aber nicht als gesichert.

Als Jungfrau Sophia wird in der christlichen Esoterik der von niederen sinnlichen Begierden gereinigete und zum Geistselbst erhöhte Astralleib bezeichnet, entsprechend der Isis in vorchristlicher Zeit. Im esoterischen Christentum wurde die Mutter Jesu stets als «Jungfrau Sophia» bezeichnet, so auch von Johannes, dem Evangelisten; nur exoterisch nennt er sie die «Mutter des Jesus».

Achamoth

Achamoth, die untere Sophia der Valentinianer, geht hervor aus der Leidenschaft (griech. πάθος, páthos, lat. passio, Leiden) und der Enthymesis (griech. ἐνθύμησις „Hineinfühlung, Beherzigung[2], Anregung“), wörtlich die Einfühlung in den eigenen Thymos (griech. θυμός „Lebenskraft“), d.h. in die eigene leiblich mitbedingte Gemütsverfassung, und die Anregung, die daraus entsteht; im weiteren Sinn die Erwägung oder Überlegung als Ergebnis einer gefühlsgetragenen Urteilsbildung, die weniger auf den logischen Wahrheitswert als auf den ästhetisch-moralischen Wert abzielt. Der römischer Kaiser Konstantin der Große deutete Enthymesis als den „zur Materie gehörenden begreifenden Gedanken“.[3] In der spätmittelalterlichen Mystik wir der Begriff Enthymesis auch verwendet, um das Wesen der Begierde zu bezeichnen. Die Enthymesis bezieht sich also auf den zwischen urteilsfähigem Gefühl und blinder Emotion schwankenden Gemütsanteil der Verstandes- und Gemütsseele.

Die Leidenschaft und Überlegung der Sophia zielt aber auf die Erkenntnis des «unbekannten Gottes». Nur der Nous, der Erstgeborene dieses Urvaters, vermag den göttlichen Ursprung unmittelbar zu schauen. Allen anderen Äonen ist diese Schau verwehrt - und das umso mehr, je weiter entfernt sie von der göttlichen Quelle sind. Umso stärker wird aber auch die Begierde, den unendlichen, unfassbaren Urvater zu erkennen.

„Ihren Urvater nun kann nach ihrer Lehre nur der von ihm erzeugte Erstgeborne, der Nous, erkennen, allen andern bleibt er unsichtbar und unfaßbar. Nur der Nous erfreute sich nach ihnen der Anschauung des Vaters und ergötzte sich in der Betrachtung seiner unermesslichen Größe. Auch den übrigen Äonen gedachte er, die Größe, das Wesen, die Ewigkeit, Unbegrenztheit und Unfassbarkeit des Vaters mitzuteilen, aber nach dem Ratschluß des Vaters hielt die Sige ihn zurück, da sie diese alle zum Nachdenken führen wollte und zu dem Verlangen, ihren oben erwähnten Urvater aufzusuchen. Und so im stillen strebten denn die übrigen Äonen danach, den Urheber ihres Samens zu sehen und die anfangslose Wurzel zu erforschen.“

Irenäus von Lyon: Contra Haereses I 2,1 [2]

Am stärksten wurde die Sophia von diesem leidenschaftlichen Verlangen ergriffen - und zwar ohne die liebende Umarmung ihres Gatten Theletos. Wegen der Tiefe des Abgrundes und der Unergründlichkeit des Vaters wäre sie beinahe von seiner Süßigkeit verschlungen und in die allgemeine Substanz aufgelöst worden. Doch da trat ihr der Horos (griech. Ορος „Grenze, Grenzpfahl“), eine einzigartige Gestalt der valentinianischen Gnosis, entgegen und konnte sie zuletzt überzeugen, dass der Vater unfassbar ist.

„Den weitesten Sprung aber tat der letzte und jüngste Sprößling der Zwölfheit, der von dem Menschen und der Kirche erzeugte Äon, die Sophia, und geriet in leidenschaftliche Erregung ohne die Umarmung ihres Gemahls Theletos. Die Erregung nahm ihren Ausgang bei dem Nous und der Aletheia, sprang aber über, sich danebenwendend, auf die Sophia unter dem Vorwand der Liebe, in Wirklichkeit aus Tollheit, da sie mit dem vollkommenen Vater nicht solche Gemeinschaft besaß wie der Nous, und sie ist nichts anders als das Suchen nach dem Vater, indem sie seine Größe erfassen wollte. Dann aber konnte sie es nicht, weil sie an Unmögliches sich gemacht hatte, und geriet wegen der Tiefe des Abgrundes und der Unergründlichkeit des Vaters und Zärtlichkeit gegen ihn in große Not, und weil sie immer weiter vorwärts strebte, so wäre sie von seiner Süßigkeit schließlich wohl verschlungen und in die allgemeine Substanz aufgelöst worden, wenn sie nicht auf eine Kraft gestoßen wäre, die das Weltall befestigt und außerhalb der unaussprechlichen Größe bewacht. Diese Kraft nennen sie Horos. Von ihr ist sie angehalten und befestigt, und mit Mühe bekehrt und überzeugt worden, daß der Vater unfaßbar ist. So hat sie denn abgelegt ihre frühere Begierde samt der aus dem furchtbaren Staunen entsprossenen Erregung.“

Irenäus von Lyon: Contra Haereses I 2,2 [3]

Durch den Fall der Sophia bzw. durch die Ausscheidung der unteren Sophia, der Achamoth, aus dem Pleroma entsteht eine Welt der Finsternis und des Chaos. Weil die Sophia ohne die liebende Umarmung ihres Gatten von der leidenschaftlichen Erregung ergriffen worden war, brachte sie eine formlose, ungestaltete Fehlgeburt hervor - und daraus entstand die Materie.

„Einige von ihnen erklären die Erregung und Bekehrung der Sophia auf mythische Art. Da sie nach etwas Unmöglichem und Unerreichbarem trachtete, so gebar sie ein formloses Wesen, wie es eben ohne Mann ein weibliches Wesen hervorzubringen vermochte. Wie sie dies nun erblickte, ist sie zuerst wegen des unvollkommenen Geschöpfes betrübt gewesen, dann aber in Furcht geraten, daß es nicht einmal das Sein vollkommen besitze. Dann ist sie in die äußerste Verlegenheit geraten, indem sie nach der Ursache suchte und auf welche Weise sie das Geschöpf verbergen könne. Nun dachte sie über ihre Gefühle nach und kam zur Umkehr und versuchte zum Vater zurückzukehren, aber nach einer gewissen Strecke wurde sie schwach und bat demütig den Vater, indem auch die übrigen Äonen, in Sonderheit Nous, mit ihren Bitten sich vereinigten. Von hier, aus der Unwissenheit, dem Leid und der Angst hat die Materie ihren Uranfang genommen.“

Irenäus von Lyon: Contra Haereses I 2,3 [4]

Rudolf Steiner führt dazu aus in Anlehnung an die spätgnostische «Pistis Sophia», die viele valentinianische Elemente enthält:

"Das Pleroma ist also eine Welt, von individualisierten Wesen bevölkert, die sich erhebt über der Welt des Physischen. Gewissermaßen auf der untersten Stufe dieser Welt, dieser Pleroma-Welt, erscheint der durch Jahve oder Jehova ins Dasein gerufene Mensch. Auf der untersten Stufe dieses Pleromas ersteht eine Wesenheit, die eigentlich nicht in dem einzelnen Menschen, auch nicht etwa in einer Völkergruppe, sondern in der ganzen Menschheit lebt, die aber eine Erinnerung hat an die Abstammung vom Pleroma, vom Demiurgen, und wiederum zurückstrebt nach der Geistigkeit. Es ist das die Wesenheit Achamoth, mit der man in Griechenland eben das Hinaufstreben der Menschheit nach dem Geistigen andeutete. So daß also durch Achamoth ein wiederum Zurückstreben zu dem Geistigen vorhanden ist (roter Pfeil). Nun gliederte sich an diese Vorstellungswelt die andere an, daß der Demiurg dem Streben der Achamoth entgegengekommen ist und

Tafel 7

einen sehr frühen Äon herabgeschickt hat, der sich mit dem Menschen Jesus vereinigte, damit das Streben der Achamoth in Erfüllung gehen könne. So daß in dem Menschen Jesus ein Wesen aus der Äon-Entwickelung steckt, das von viel höherer geistiger Wesenheit, von höherer geistiger Art als Jahve oder Jehova gedacht wurde (grüner Pfeil)." (Lit.: GA 225, S. 119f)

Im vorstehenden Text identifiziert Rudolf Steiner den Demiurg mit dem «unbekannten Gott», der die Quelle alles Seins ist. In den meisten gnostischen Texten wird als Demiurg allerdings nur der untergeordnete, negativ bewertete Schöpfergott bezeichnet, der die äußere Welt der Finsternis bzw. der Materie hervorgebracht hat, also Jahve oder Jaldabaoth, der der Sohn der Sophia ist.

In dem ebenfalls valentinianischen Philippusevangelium wird die obere Sophia als „Echamot“ bezeichnet, die untere als „Echmot“:

„Eine Sache ist Echamot, und eine andere Sache ist Echmot. Echamot ist die Sophia schlechthin. Echmot aber ist die Sophia des Todes, das ist die Sophia des Todes, das ist die, die den Tod kennt, die man die, kleine Sophia` nennt.“

Philippusevangelium: Spruch 39

Prunikos

Die genaue Bedeutung des Namens Prunikos (griech. Προύνικος) ist unbekannt. Origenes berichtet in seiner Schrift Gegen Celsus:

„"Prunikos" aber ist ein Name, den die Valentinianer nach ihrer eigenen verkehrten Weisheit einer Art von Weisheit geben, als deren Sinnbild sie das zwölf Jahre lang blutflüssige Weib[4] ansehen wollen. Von diesem hat Celsus, der zugleich alle Lehren der Griechen und Barbaren und Häretiker durcheinandermengt, etwas falsch gehört und deshalb gesagt:" eine aus einer gewissen Jungfrau Prunikos fließende Kraft".
Die "lebende Seele" aber bildet vielleicht eine Geheimlehre bei einem Teile der Valentianer und bezieht sich auf den von ihnen so genannten "psychischen Weltschöpfer"; oder vielleicht ist dieser Ausdruck nicht übel von einigen gewählt, um zum Unterschiede von einer toten Seele damit die "lebende Seele" dessen zu bezeichnen, welcher erlöst wird. Von einem "Himmel, der geschlachtet" oder von einer "Erde die mit einem Schwerte geschlachtet wird", und von "vielen, die geschlachtet werden, auf dass sie leben", weiß ich nichts; es ist nicht unwahrscheinlich, dass Celsus diese Dinge auf eigene Faust vorgebracht hat.“

Origenes: Contra Celsum VI,35 [5]

Anmerkungen

  1. Epiphanius: Panarion XXV 48
  2. Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover 81913 (Nachdruck Darmstadt 1998), Band 1, Sp. 2426. [1]
  3. Heinrich Kraft: Kaiser Konstantins religiöse Entwicklung. Mohr, Tübingen 1955, S. 110 (Google books).
  4. vgl. Mt 9,20 EU u. Par

Literatur

  1. Konrad Dietzfelbringer: Erlösung durch Erkenntnis - Die Gnosis, Königsdorfer-Verlag, Königsdorf 2008, ISBN 978-3938156124
  2. Rudolf Steiner: Drei Perspektiven der Anthroposophie. Kulturphänomene, geisteswissenschaftlich betrachtet., GA 225 (1990), ISBN 3-7274-2252-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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