Spirituelles Bewusstsein

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Das spirituelle Bewusstsein, auch Intuition (von lat. intuitio = unmittelbare Anschauung, zu lat. intueri = ansehen, betrachten[1][2]) genannt, die unmittelbarste nichtdiskursive Form des Erkennens, ist ein allumfassendes ganzheitliches Bewusstsein, durch das in letzter Konsequenz die geistigen Geschehnisse im ganzen Kosmos miterlebt werden können. Es ist das umgewandelte und mit dem klaren Selbstbewusstsein verbundene Trance-Bewusstsein, das der Mensch auf dem alten Saturn hatte. Voll ausgebildet wird der Mensch es erst auf dem Vulkan haben. Durch geistige Schulung kann das intuitive Bewusstsein schon jetzt in gewissem Grade ausgebildet werden, wenn die Empfindungsseele zur Intuitionsseele umgestaltet wird. Eine Vorstufe dazu bildet das intuitive Denken.

Spirituelles Bewusstsein (bewusstes Allbewusstsein, bewusste formgebende wesenschaffende Intuition)

Keineswegs zu verwechseln ist das, was Rudolf Steiner als Intuition bezeichnet, mit dem halb unbewussten, traumartigen Bauchgefühl, das umgangssprachlich häufig auch als Intuition bezeichnet wird und nur ein letzter Rest einer sehr alten, heute nicht mehr zeitgemäßen Erkenntnisform ist, die sich letztlich auf das in der Frühzeit weit verbreitete Bauchhellsehen gründet. Das von Steiner beschriebene spirituelle Bewusstsein steht demgegenüber bezüglich Klarheit und Bewusstseinsgrad drei Stufen über dem gegenwärtigen wachen Tagesbewusstsein und ist damit die höchste und bewussteste Form der Erkenntnis, die dem Menschen heute - zumindest in seinen ersten Anfängen - zugänglich ist.

Was Intuition bereits auf der Ebene des Denkens bedeutet, hat Rudolf Steiner schon in seiner Philosophie der Freiheit so formuliert:

"Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes." (Lit.: GA 004, S. 146)

Im intuitiven Denken habe der Mensch daher bereits ein rein geistiges Erlebnis:

"Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt." (Lit.: GA 004, S. 181)

"Man kann sehr leicht den Ausdruck Intuition mißverstehen, weil zum Beispiel derjenige, der Phantasie hat, der dichterisches Vermögen hat, die gefühlsmäßigen Empfindungen von der Welt, die er hat, auch schon Intuition nennt. Aber das ist eine dunkle, bloß gefühlte Intuition. Sie ist aber doch verwandt mit demjenigen, was ich Intuition hier nenne. Denn wie der Mensch vollständig hier als Erdenmensch seine sinnliche Wahrnehmung hat, so hat er einen Abglanz der höchsten Art der Erkenntnis der Intuition durch das irdische Gefühl und den irdischen Willen. Er würde sonst kein sittliches Wesen sein können. So daß dasjenige, was sich dunkel, ahnungsvoll für den Menschen im Gewissen kundgibt, ein Abglanz ist, gewissermaßen ein Schattenbild des Höchsten, das nun erst in der wahren Intuition, in der höchsten dem Menschen zunächst als Erdenmenschen möglichen Erkenntnisart erscheint.

Der Mensch hat wirklich als Erdenmensch etwas von dem Untersten, und wiederum ein Schattenbild des Obersten, das erst in der Intuition erreichbar ist. Gerade die mittleren Gebiete fehlen ihm zunächst vollständig als Erdenmenschen. Die muß er sich erwerben: Imagination und Inspiration. Die Intuition in der reinen, lichtvollen Innerlichkeit muß er sich auch erwerben; aber er hat gerade in der sittlichen Empfindung, im Inhalt des sittlichen Gewissens ein irdisches Abbild desjenigen, was dann als Intuition auftritt. So daß man auch sagen kann: Wenn der Mensch als ein Initiierter, Erkennender zu einem wirklichen intuitiven Erkennen der Welt aufsteigt, so wird ihm die Welt, die er sonst nur in Naturgesetzen kennt, so innerlich, so mit ihm verbunden, wie für ihn als Erdenmenschen sonst nur die sittliche Welt ist. Und das ist gerade das Bedeutsame in der Menschenwesenheit auf Erden, daß wir wie mit einem innersten dunklen Erahnen hängen an dem Allerhöchsten, was wiederum nur der entwickelten Erkenntnis in seiner wahren Gestalt zugänglich ist." (Lit.: GA 227, S. 59)

"Von der Inspiration kann der geistige Beobachter zur Intuition aufsteigen. In der Ausdrucksart der Geheimwissenschaft bedeutet dieses Wort in vieler Beziehung das genaue Gegenteil von dem, wofür man es im gewöhnlichen Leben oft anwendet. In letzterem spricht man von Intuition, wenn man einen dunkel als wahr gefühlten Einfall im Auge hat, dem an sich die klare, begriffliche Feststellung noch fehlt. Man sieht darinnen mehr eine Vorstufe der Erkenntnis denn eine solche selbst. Solch ein entsprechender «Einfall» mag - nach dieser Begriffsbestimmung - eine große Wahrheit wie in einem Blitzlicht erleuchten; als Erkenntnis kann er erst gelten, wenn er durch begriffliche Urteile begründet wird. Bisweilen bezeichnet man auch als Intuition etwas, was man als Wahrheit «fühlt», wovon man ganz überzeugt ist, was man aber durch Verstandesurteile nicht belasten will. Menschen, an welche die geheimwissenschaftlichen Erkenntnisse herankommen, sagen gar oft: Das war mir «intuitiv» schon immer klar. Von all dem muß ganz abgesehen werden, wenn man den Ausdruck «Intuition» in seiner hier gemeinten wahren Bedeutung ins Auge fassen will. Intuition ist, in dieser Anwendung, nicht eine Erkenntnis, die an Klarheit hinter der Verstandeserkenntnis zurückbleibt, sondern welche diese weit überragt." (Lit.: GA 012, S. 76f)

"Das Leben der Dinge in der Seele ist nun die Intuition. Es ist eben ganz wörtlich zu nehmen, wenn man von der Intuition sagt: man kriecht durch sie in alle Dinge hinein. - Im gewöhnlichen Leben hat der Mensch nur eine Intuition, das ist diejenige des «Ich» selber. Denn das «Ich» kann auf keine Weise von außen wahrgenommen werden, es kann nur im Innern erlebt werden. Eine einfache Erwägung kann das klarmachen. Es ist dies eine Erwägung, die allerdings von den Psychologen nicht mit der wünschenswerten Schärfe gemacht wird. So unscheinbar sie aber ist: für den, der sie ganz versteht, ist sie von der allerweittragendsten Bedeutung. Sie ist die folgende: Ein jedes Ding der Außenwelt kann von allen Menschen mit demselben Namen genannt werden. Der Tisch kann von allen mit «Tisch», die Tulpe von allen mit «Tulpe», der Herr Müller von allen mit «Herr Müller» angesprochen werden. Aber es gibt ein Wort, das jeder nur zu sich selbst sprechen kann. Dies ist das Wort «Ich». Kein anderer kann zu mir «Ich» sagen, für jeden anderen bin ich ein «Du». Ebenso ist jeder andere für mich ein «Du». Nur er selbst kann zu sich «Ich» sagen. Das rührt davon her, daß man nicht außer, sondern in dem «Ich» lebt. Und so lebt man durch die intuitive Erkenntnis in allen Dingen. Die Wahrnehmung des eigenen «Ich» ist das Vorbild für alle intuitive Erkenntnis. Um so in die Dinge hineinzukommen, muß man allerdings erst aus sich selbst heraustreten. Man muß «selbstlos» werden, um mit dem «Selbst», dem «Ich», einer anderen Wesenheit zu verschmelzen." (Lit.: GA 012, S. 20f)

"Man hat erst dann etwas intuitiv erfaßt, wenn man diesem «Etwas» gegenüber zu der Empfindung gekommen ist: es äußert sich in ihm ein Wesen, das von derselben Art und inneren Geschlossenheit wie das eigene Ich ist." (Lit.: GA 012, S. 78)

Konkreter aus der übersinnlichen Erfahrung gesprochen, ist Intuition das vollkommene Einswerden mit anderen geistigen Wesen, indem man in sie untertaucht bzw. diese in uns untertauchen, ohne dass man dabei aber die eigene Identität verliert. Dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen mir und den anderen geistigen Wesen, man ist gleichsam im Gotte stehend - und doch ist man gerade dann am allermeisten bei sich selbst. Ein Paradoxon, auf das schon Paulus hingedeutet hat mit dem Wort, das Rudolf Steiner meist so zitiert: Nicht ich, sondern der Christus in mir. Meister Eckhart hat es so ausgesprochen:

"Das Auge, durch das ich Gott sehe, das ist das gleiche Auge, mit dem Gott mich sieht. Mein Auge und Gottes Auge das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Empfinden." (Lit.: 1,2)

In der intuitiven Erkenntnis bedient sich der Mensch jener Kräfte, die bis zum Zahnwechsel im siebenten Lebensjahr an der Gestaltung des physischen Leibes arbeiten.

"... die Kräfte, die in der Intuition, in der intuitiven Erkenntnis angewendet werden, sind dieselben Kräfte, mit denen man bis zum siebenten Jahre so wächst, daß dieses Wachsen seinen Ausdruck findet im Zahnwechsel. Diese schlafenden Kräfte, die bis zum siebenten Jahr tätig sind in der Menschennatur, die benützt man in der übersinnlichen Erkenntnis, um zur Intuition zu kommen." (Lit.: GA 191, S. 32)

"Wenn die Übungen für die Intuition gemacht werden, so wirken sie nicht allein auf den Ätherleib, sondern bis in die übersinnlichen Kräfte des physischen Leibes hinein. Man sollte sich allerdings nicht vorstellen, daß auf diese Art Wirkungen im physischen Leibe vor sich gehen, welche der gewöhnlichen Sinnenbeobachtung zugänglich sind. Es sind Wirkungen, welche nur das übersinnliche Erkennen beurteilen kann. Sie haben mit aller äußeren Erkenntnis nichts zu tun. Sie stellen sich ein als Erfolg der Reife des Bewußtseins, wenn dieses in der Intuition Erlebnisse haben kann, trotzdem es alle vorher gekannten äußeren und inneren Erlebnisse aus sich herausgesondert hat. — Nun sind aber die Erfahrungen der Intuition zart, intim und fein; und der physische Menschenleib ist auf der gegenwärtigen Stufe seiner Entwickelung im Verhältnisse zu ihnen grob. Er bietet deshalb ein stark wirkendes Hindernis für den Erfolg der Intuitionsübungen. Werden diese mit Energie und Ausdauer und in der notwendigen inneren Ruhe fortgesetzt, so überwinden sie zuletzt die gewaltigen Hindernisse des physischen Leibes. Der Geistesschüler bemerkt das daran, daß er allmählich gewisse Äußerungen des physischen Leibes, die vorher ganz ohne sein Bewußtsein erfolgten, in seine Gewalt bekommt. Er bemerkt es auch daran, daß er für kurze Zeit das Bedürfnis empfindet, z.B. das Atmen (oder dergleichen) so einzurichten, daß es in eine Art Einklang oder Harmonie mit dem kommt, was in den Übungen oder sonst in der inneren Versenkung die Seele verrichtet. Das Ideal der Entwickelung ist, daß durch den physischen Leib selbst gar keine Übungen, auch nicht solche Atemübungen gemacht würden, sondern daß alles, was mit ihm zu geschehen hat, sich nur als eine Folge der reinen Intuitionsübungen einstellte." (Lit.: GA 013, S. 371f)

Der Intuitionsbegriff der 'Philosophie der Freiheit' (denkende Intuition)

"Im Gegensatz zum Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zunächst auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist für das Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung sind die Quellen unserer Erkenntnis." (S. 95)

"Intuition und Beobachtung sind die Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt." (S. 95)

"Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende, einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied;" (S. 96)

"Die Frage nach dem «Was» einer Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht." (S. 99)

"Ein Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück? Meine Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich im Momente des Wahrnehmens gebildet hat." (S. 106)

"Die Vorstellung ist nichts anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff, der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf diese Wahrnehmung geblieben ist." (S. 107)

"Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff. Sie ist der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende Begriff."

Bei diesen Ausführungen Steiners fällt auf, daß nebeneinander die Wörter 'Begriff' und 'Intuition' verwendet werden, als wären es Synonyme. Aber wenn es für Steiner Synonyme sind, warum sagt er das dann nicht? Und warum wählt er einmal das Wort 'Begriff', dann wieder 'Intuition', aber auch Kombinationen wie 'begriffliche Intuition'? Zudem kommen die Wörter 'Inhalt' und 'Form' vor. Ein Gedankeninhalt tritt zunächst in der Form der Intuition auf.

Als Formmerkmale von Begriffen oder Intuitionen können Erscheinung, Auftreten, Quellcharakter, Bewußtheit, Aktivität, Beweglichkeit, Innerlichkeit, Subjektivtät, Zusammenhang, Einheitlichkeit, Gliedcharakter, Bestimmtheit, Begrenztheit, Intentionalität, Funktionalität, Bezüglichkeit, usw. in Frage kommen, insofern sie nicht dem Gedankeninhalt zuzurechnen sind. Einige dieser Attribute sind in den Zitaten angeführt, andere implizit mitgemeint, oder es ist dies im übrigen Text der 'Philosophie der Freiheit' der Fall. Vgl. auch S. 154, wo von dem "ideellen und folglich allgemeinen Inhalt" einer Intuition gesprochen wird, und S. 153 davon, daß der "Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus" bestimmt werdern kann, ohne Bezug auf eine Wahrnehmung. Seite 166 heißt es jedoch:

"Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich." (S. 166)

Was kann da mit "Intuitionen" anderes gemeint sein als Gedankeninhalte? Wenn man statt 'empfangen' das Wort 'intuieren' verwendete, würde es dann heißen: Aus der Ideenwelt Intuitionen intuieren. Die anfängliche Bestimmung von Intuition als Form, bzw. daß ausschließlich formhaftes Intuition genannt wird, wird von Steiner offenbar nicht durchgängig beibehalten, sondern Intuition kann auch den Inhalt von Gedanken bezeichnen. Dies wird auch durch eine Formulierung auf Seite 191 bestätigt:

"Der freie Geist handelt nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das Denken ausgewählt sind. (S. 191)

Hier könnte man wohl wieder umformulieren zu: Intuitionen, die aus dem Ganzen der Ideenwelt durch Intuition ausgewählt sind. Seite 240 ist dann wieder die Form gemeint:

"Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene Intuition gewinnen."

Auch da könnte man wohl ohne Sinnänderung formulieren: Das Individuum muß seine Intuitionen durch eigene Intuition gewinnen.

In einem Zusatz zur Neuauflage 1918 wird ein weiteres Merkmal der Intuition genannt. Es wird von 'Kräften' der Intuition gesprochen, die eine Vertiefung der Erkenntnis ermöglichen würden:

"Eine Vermehrung oder Andersgestaltung der menschlichen Sinne würde ein anderes Wahrnehmungsbild ergeben, eine Bereicherung oder Andersgestaltung der menschlichen Erfahrung; aber eine wirkliche Erkenntnis müßte auch dieser Erfahrung gegenüber durch die Wechselwirkung von Begriff und Wahrnehmung gewonnen werden. Die Vertiefung der Erkenntnis hängt von den im Denken sich auslebenden Kräften der Intuition (vergleiche Seite 95) ab. Diese Intuition kann in demjenigen Erleben, das im Denken sich ausgestaltet, in tiefere oder weniger tiefe Untergründe der Wirklichkeit tauchen. Durch die Erweiterung des Wahrnehmungsbildes kann dieses Untertauchen Anregungen empfangen und auf diese Art mittelbar gefördert werden." (S. 130f. aus Zusatz für Neuauflage 1918)

Dabei ist fraglich, ob diese 'Kräfte' der Intuition ein anderes Wort für Fähigkeit zu Intuitionen bzw. Intuitionsvermögen sind, von dem andernorts gesprochen wird, oder ob nicht doch noch etwas anderes bezeichnet werden soll.

Was Intuition auf der Ebene des Denkens bedeutet, hat Rudolf Steiner dann weiter so formuliert:

"Wer aber durchschaut, was bezüglich des Denkens vorliegt, der wird erkennen, daß in der Wahrnehmung nur ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß der andere zu ihr gehörige Teil, der sie erst als volle Wirklichkeit erscheinen läßt, in der denkenden Durchsetzung der Wahrnehmung erlebt wird. Er wird in demjenigen, das als Denken im Bewußtsein auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit sehen, sondern eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit. Und von dieser kann er sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird. Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden. (Lit.: GA 004, S. 146) (aus Zusatz für Neuausgabe 1918)

Im Anschluß wird dann gesagt, daß die Wesenheit des Denkens selbst eine intuitive sei. Die Erfassung des intuitiven Wesens des Denkens ist nur durch Intuition möglich.

Im intuitiven Denken habe der Mensch bereits ein rein geistiges Erlebnis:

"Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt." (Lit.: GA 004, S. 181)

Der Intuitionsbegriff gemäß Seite 95ff. der 'Philosophie der Freiheit'

Da offensichtlich im Text der Philosophie der Freiheit der Begriff der Intuition nicht klar definiert ist, und das Wort 'Intuition' in unterschiedlichen Bedeutungen bzw. Kontexten verwendet wird, ist es verständlich, daß Rudolf Steiner in den Zusätzen der Neuauflage nochmals darauf hinweist, wo man im Text nachzusehen hat, um Aufschluß über die Intuition bzw. das intuitive Denken zu erhalten. Zweimal wird ausdrücklich auf die Seite 95, bzw. 95ff. verwiesen. Die eine Stelle befindet sich auf Seite 130f. (Zitat s.o.), die andere ist folgende:

"Die Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv, der Begriff derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vgl. Seite 95 ff.) gegeben wird." (S. 247)

Natürlich müssen auch gerade diese Stellen, in denen nach Seite 95 bzw. 95ff. verwiesen wird, für den Intuitionsbegriff aufschlußreich sein, da es sich auf Seite 130, und Seite 247 wegen des Bezuges sich um den gleichen Gegenstand handeln muß.

In dem obigen Zitat wird nun deutlich zwischen Begriff und Intuition unterschieden. Die Begriffe werden subjektiv durch Intuition gegeben. Weiter heißt es, daß die Begriffe der Intuition erscheinen:

"Unsere geistige Organisation reißt die Wirklichkeit in diese beiden Faktoren auseinander. Der eine Faktor erscheint dem Wahrnehmen, der andere der Intuition." (S.247f.)

Da die Intuition bzw. das intuitive Denken für das Denken in sich selbst ein bewußtes Erleben[3] ermöglichen soll, als 'rein geistiger Vorgang', gilt es für die Bestimmung des Begriffes der 'Intuition' genau festzustellen, wie dieser im Vollzug ein bewußtes Erleben zukommen kann. "Erleben" ist selbst ein erklärungsbedürftiges Wort bzw. unklarer Begriff, das in diesem Zusammenhang so nicht weiterhilft. Die Art der Bewußtheit hat man aber wohl sicher innerhalb eines Begriffsfeldes von Beobachtung, Wahrnehmung, Erfahrung und Erlebnis, es gibt auch andere zugehörige Wörter wie 'gewahren' usw., zu suchen.

Die Art der Intuitionsbewußtheit im Denken muß von präzis bestimmbarer Art sein, und sich von anderen Bewußtseinsarten, etwa einem vagen Erlebnisgefühl, unterscheiden lassen, sonst machte es keinen Sinn, über Intuition so zu sprechen, wie Rudolf Steiner in seiner 'Philosophie der Freiheit'. Das Mittel, den Begriff der Intuition präzis zu fassen, kann aber nur die Intuition selbst sein. "Begriffe werden durch Intuition gegeben".

Die Passage auf Seite 95 ist diese:

"[D]as Denken [zieht] seine Fäden von Wesen zu Wesen. Diese Tätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle. (...) Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen. Im Gegensatz zum Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zunächst auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist für das Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung sind die Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt. Wer nicht die Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen." (S. 95)

Auf Seite 96, sowie 98f. folgt:

"Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende, einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; (...) Außer durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben. (S. 96)

"Man kann in bezug auf dieses Gegebene nur fragen, was es außerhalb der Wahrnehmung, das ist: für das Denken ist. Die Frage nach dem «Was» einer Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht." (S. 98f.)

Auch wenn sich ein präziser Intuitionsbegriff anhand solcher Angaben nicht so leicht gewinnen läßt, entsteht doch der Eindruck, daß es mit dem 'intuitiven' Denken nichts weiter auf sich hat. Es ist keine besondere Art des Denkens, sondern Denken eben. Nichts weiter. Jedes Denken, das alltägliche Denken des Menschen ist intuitives Denken.

Da verwundert es doch etwas, warum so ein Spektakel um die 'Intuition' gemacht wird. Allerdings hat man mit der Feststellung der Gewöhnlichkeit der 'Intuition' und des 'intuitiven Denkens' noch keinen Begriff von ihr. Es ist aber sicher ganz falsch, Intuition irgendwie mit dem Ausnahmezustand in Verbindung zu bringen, von dem im 3. Kapitel die Rede ist. Intuition ist kein Ausnahmezustand.

Das Wort 'Intuition' wird von Steiner allgemein für 'Denken' verwendet. Es soll mit ihm aber wohl der Tätigkeitsaspekt hervorgehoben werden. Zwar verwendet Steiner auch für das Resultat, den Begriffsinhalt, gelegentlich das Wort Intuition, aber das ist nicht unüblich, das Resultat einer Tätigkeit mit dem gleichen Namen zu benennen. Mit der Formulierung, daß die Intuition für das Denken sei, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist, wird eine Unterscheidung gemacht, die ausschließt, daß auch der Gedankeninhalt Intuition sein kann, denn Beobachtung ist kein Inhalt. Entsprechend wäre Intuition kein Inhalt. Sie hat auch keinen Gedankeninhalt, bzw. noch keinen, in dem Stadium, wo sie erst anhebt, einen Begriff zu fassen. Wenn sie den Begriff gefaßt hat, dann hat sie diesen Inhalt. Es gibt in dem Prozeß eine Phase, die einen ähnlichen Charakter wie die auf Wahrnehmungen bezogene Beobachtung hat: Das Suchen nach einem Begriff. Es muß dies nicht ein Begriff für eine Wahrnehmung sein, es kann auch das Suchen nach einem Begriff sein, veranlaßt durch den Inhalt eines anderen Begriffs, also bei einer logischen Folge z.B. Dies geschieht dann innerhalb des Denkens ohne Bezug auf Wahrnehmung. Also auch innerhalb des Denkens selbst kann die Intuition in Beobachtungs-, Such- oder Aufmerksamkeitsstellung sein, oder wie man es nennen will. Es ist aber fraglich, ob man den Beobachtungsbegriff, wie er für die Wahrnehmung gilt, einfach auf die Intuition übertragen kann. Denn wenn man einen Begriffsinhalt "beobachtet", dann ist die Erkenntnis damit abgeschlossen. Die wahrnehmliche Beobachtung hat nicht diese Qualität, für die Erkenntnis von sinnlichen Wahrnehmungen muß erst noch die Intuition hinzu kommen, bzw. sich vollziehen.

"[W]enn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird. Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt". (S. 256)

Diese Formulierung kann man wohl nur dahingehend verstehen, daß das 'Erleben' bzw. die 'Wahrnehmung' des Geistigen dadurch zustande kommt, daß die Intuition in Anwendung auf sich selbst ihre eigene Tätigkeit erfaßt. Intuitiv erlebtes Denken ist nicht gleichzusetzen mit intuitivem Denken (sonst machte die Hinzufügung des Wortes 'Erlebnis' keinen Sinn), aber bedient sich ebenso der Intuition. Aber inwiefern unterscheidet sich der Gegenstand des intuitiv erlebten Denkens von demjenigen des "bloß" intuitiven Denkens? Erscheint dem intuitiv erlebten Denken sein Gegenstand 'Intuition' genauso wie dem intuitiven Denken als Begriffsinhalt? Oder ist Intuition als Gegenstand der Intuition, ein Inhalt, der sich von den sonstigen Inhalten von Intuitionen qualitativ unterscheidet?

Möglicherweise will Rudolf Steiner das 'intuitiv erlebte Denken' als ein Denken verstanden wissen, das die gewöhnliche Intuition fortlaufend nebenbei in der Anwendung auf sich selbst begleitet. Erst wenn man so unterscheidet und dann meinetwegen das 'intuitiv erlebte Denken' als das eigentliche intuitive Denken verstehen will, auf das es ankäme, stellt sich die Frage, wie die Intuition sich selbst beobachten könne, was genau unter einem sog. Ausnahmezustand zu verstehen wäre, und wie die Unbeobachtbarkeit des aktuellen Denkens (gemäß 3. Kapitel der 'Philosophie der Freiheit') mit solchem intuitiven Denken als einem intuitiv erlebten Denken zusammenpassen könnte.

Die Beobachtung des Denkens (3. Kap. der 'Philosophie der Freiheit')

Ein Begriff der Intuition, der Denken und Beobachtung zugleich umfasst, als von einem Wesen, ist im 3. Kap. noch nicht entwickelt. Denken und Beobachten erscheinen als zwei verschiedene Tätigkeiten: Hervorbringen und Betrachten. Das Ziel in diesem 3. Kap. ist, das Denken so zu erfassen, daß es als ein sich durchsichtiges, vollkommen durchschautes Fundament für das weitere Erkennen der Welt dienen kann. Das Mittel soll dazu die Beobachtung sein.

"Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen bewußt ist. Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden Grundsäulen unseres Geistes. Die Philosophen sind von verschiedenen Urgegensätzen ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an sich, Ich und Nicht- Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes und Unbewußtes. Es läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der von Beobachtung und Denken, als der für den Menschen wichtigste, vorangehen muß." (S. 38)

"Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus. Denn auch das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennenlernen." (S. 39)

Daß Zeitlichkeit, Beobachtung und Denken Begriffe sind, die durch das Denken ja erst gefaßt werden müssen, wird hier noch nicht thematisiert. (Im 4. Kap. gibt es dann die Feststellung: "Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt". So weit ist der Untersuchungsprozeß im 3. Kap. noch nicht gediehen.[4])

Aber als gegeben angenommen, daß die Beobachtung zeitlich dem Denken vorausgeht, was keineswegs ohne weiteres einleuchtet: Sollte man dann nicht, um ein sicheres Fundament für das Erkennen zu gewinnen, zunächst erst die Beobachtung untersuchen?

"Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen und beschauliches Gegenüberstellen." (S. 43)

"Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff des Denkens in seiner Reinheit zu fassen." (S. 45)

"Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des Weltinhaltes verfahren. Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden, weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen Beobachtung entzieht." (S. 45)

Der normalen Beobachtung als ein bloßer Beobachtungsprozeß (Beobachtungsverfahren) entzieht sich das Denken als unbeobachtbar, da es zu dem Zeitpunkt, wo es mittels Beobachtung ins Auge gefaßt werden könnte, als eine hervorbringende Tätigkeit bereits vorbei ist, mithin für die Beobachtung nicht mehr vorhanden ist, bzw. weil die Beobachtung als eine separate Tätigkeit warten muß. Die Beobachtung kann nicht gleichzeitig zusammen mit dem Denken beginnen, quasi im Zeitverlauf parallel das Denken ins Auge fassen. (Es kann immer nur eine Tätigkeit zugleich ausgeführt werden, die Tätigkeit des Hervorbringens, und die Tätigkeit des Beobachtens können im Zeitablauf nur im Wechsel auftreten. Das Erkenntnissubjekt kann sich nicht in zwei Subjekte aufspalten: Eines das denkt, und ein anderes, das beobachtet.)

Darüber hinaus vertritt Rudolf Steiner für dieses Beobachten die Ansicht, das gelte auch, wenn man das Denken eines anderen Subjektes beobachtet. Auch da muß das zu beobachtende Objekt zunächst hervorgebracht worden sein. Erst dann kann es ins Auge gefaßt werden:

"Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in Tätigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln, einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an." (S. 43)

Das ist schwer nachvollziehbar, da es in dem Fall der Beobachtung des Denkens eines anderen Subjektes zwei Subjekte gibt, und auch eine Gleichzeitigkeit der hervorbringenden Tätigkeit und der beobachtenden Tätigkeit möglich zu sein scheint. Wird das Beobachtungsobjekt 'Denken' als mit einer zeitlosen Plötzlichkeit gegeben angenommen? Eine alternative Interpretation könnte sein, daß während des Beobachtens nie das eigene dabei in Tätigkeit befindliche Denken beobachtet werden kann, was implizieren würde, daß zum Beobachten Denken erforderlich ist. Weiter heißt es dann:

"So ist es auch mit unserem Denken. Es muß erst da sein, wenn wir es beobachten wollen. Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise." (S. 44)

Das bestätigt beide Lesarten des vorigen Zitats: Das Denken muß da sein, um beobachtet werden zu können. Um die Beobachtung des Werdens von Denkergebnissen durch Tätigkeit geht es hier nicht, obwohl vom Denkprozeß gesprochen wird. Und da nun von Erkenntnis gesprochen wird, muß die Beteiligung des Denkens beim Beobachten schon mitgedacht sein, es sei denn, Steiner wollte mit den Ausführungen eine Erkenntnis lediglich durch Beobachtung postulieren[5]

Verständlich ist aber, daß ein Denken, das zusammen mit Beobachtung zur Erkenntnis des Denkens bemüht werden müßte, schon ein anderes wäre, wenn das zu beobachtende Denken immer schon da sein muß. Denn es wäre mit einem Beobachten verbunden, das erst auftreten könnte, wenn das zu beobachtende Denken schon da ist. Sollte nun die Erkenntnis des Denkens, obwohl sich das aktuelle Denken nicht beobachten läßt, deshalb möglich sein, weil das zu beobachtende vorherige Denken schon da ist, noch da ist, nämlich in seinen Resultaten?

"Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen und beschauliches Gegenüberstellen. Das weiß schon das erste Buch Moses. An den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen: «Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.»" (S. 43f.)

Daraus folgt, daß Rudolf Steiner der Ansicht ist, daß durch das Erkennen der Ergebnisse des Denkens auch die Tätigkeit miterkannt ist, die diese Ergebnisse hervorgebracht hat, trotzdem diese Tätigkeit zum Zeitpunkt des Beobachtens und Erkennens des Denkens bereits Vergangenheit ist[6]. Dies vielleicht deshalb, weil zum Erkennen der Ergebnisse eines Denkens die Tätigkeit, die diese Ergebnisse hervorgebracht hatte, erneut vollzogen werden muß, nachvollzogen werden muß, um die Denkergebnisse verstehen zu können. Durch diesen Nachvollzug der vorherigen Tätigkeit hat man dann nicht nur die Ergebnisse des vorherigen Denkens präsent, sondern konnte die Ergebnisse nochmal denken. Und man weiß, wie es gemacht wird, sonst könnte man den Prozeß nicht nachvollziehen.

Wenn Rudolf Steiner die Möglichkeit, das Denken zu erkennen, so verstanden wissen will, liegt der Einwand nahe, daß es nichts ungewöhnliches ist, die eigenen Denkergebnisse später nicht mehr zu verstehen: Man hat vergessen, wie sie zustande gekommen sind. Der Nachvollzug gelingt nicht, das Denken kommt ins Stocken. Das ist aber nicht wirklich ein Einwand, denn es zeigt nur, daß man in diesem besonderen Fall nicht zur Erkenntnis des Denkens fähig war. Grundsätzlich ist dies aber möglich, und ist auch notwendig, um überhaupt denken zu können.

"Das ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft gegenüberstehen: daß ich an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin. Ich finde sie einfach vor; beim Denken aber weiß[7] ich, wie es gemacht wird. Daher gibt es keinen ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles Weltgeschehens als das Denken." (49f.)

Der Ausnahmezustand ist von Rudolf Steiner lediglich dadurch charakterisiert, daß man das Denken selbst ins Auge faßt, anstatt wie gewöhnlich nur die sinnlichen Gegenstände. Etwas dem Ausnahmezustand entsprechendes muß aber, nach der Interpretation der Ansichten Rudolf Steiners wie oben vorgenommen, wenn auch meist unbewußt, das Denken permanent begleiten, denn es würde sonst den Faden verlieren. Beobachtung des Denkens und intuitiv erlebtes Denken sind ein und dasselbe und beinhalten Selbsterkenntnis. Diese[8] Intuitionsbewußtheit läßt sich durch den übenden Nachvollzug der Gedanken der 'Philosophie der Freiheit', und auch durch den Nachvollzug der Ergebnisse des seelischen Beobachtens anderer Autoren bzw. Redner, verstärken.

Geistige Wahrnehmung

Eine geistige Wahrnehmung durch denkende Intuition hätte man sich demnach so vorzustellen, daß der Gedankeninhalt der Intuition insofern über den normalen Begriffsinhalt hinausginge, als die Tätigkeit, die diesen Begriffsinhalt hervorgebracht hat, in dem Begriffsinhalt mitenthalten ist und durch Nachvollzug wahrgenommen wird. Dies gälte dann nicht nur für das eigene Denken, sondern auch für andere geistige Wesen in der denkenden Intuition: Die Wahrnehmung (Erkenntnis) des geistigen Wesens entsteht durch den Nachvollzug der Tätigkeit dieses geistigen Wesens, die sich in seiner Erscheinung als Gedankeninhalt ausdrückt.

An solcher Auffassung geistiger Wahrnehmung zeigt sich die Unbeobachtbarkeit des aktuellen Denkens in einem anderen Licht, insofern es dabei dann um die Unbeobachtbarkeit aktueller fremder Tätigkeit[9] gehen würde.

"Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in Tätigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln, einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an." (S. 43)

Die Verfolgung des Gedankenprozesses einer anderen Person durch Denken und Beobachtung ist eine solche geistige Wahrnehmung. Gewöhnlich ist sie vermittelt durch Sprache oder Schrift. Die Gedanken müssen zunächst durch einen anderen Menschen hervorgebracht worden sein, erst dann können sie beobachtet und nachvollzogen werden. Durch die Beobachtung des von einem anderen Menschen hervorgebrachten Gedankeninhaltes, des Gewahrens seiner Erscheinung, habe ich diesen Inhalt meines Bewußtseins aber noch nicht verstanden. Dazu muß ich ihn erst nachvollziehen. Erst durch den Nachvollzug, wie der andere Mensch zu seinem Gedanken gekommen ist, kann ich diesen Gedanken auch selbst denken, und damit die Gedankentätigkeit des anderen Menschen, wie sie sich in dem wahrgenommenen Gedankeninhalt ausgedrückt hat, erkennen. Wie ein solcher Nachvollzug möglich sein soll, ist aber doch nicht so ohne weiteres klar. Es scheint eher so zu sein, daß der Nachvollzug mehr oder weniger ein Probieren ist, ein Versuch gemäß der Vorlage, wie man selbst denken würde, um den gleichen Gedankeninhalt wie den beobachteten (oder was man dafür hält) einer anderen Person hervorzubringen. Das aber wäre keine exakte, und zudem eine in sich klare und durchsichtige, Erkenntnis, sondern allenfalls hermeneutische Annäherung, "Interpretation".

"Was habe ich denn zunächst vor mir, wenn ich einer andern Persönlichkeit gegenüberstehe? Ich sehe auf das nächste. Es ist die mir als Wahrnehmung gegebene sinnliche Leibeserscheinung der andern Person; dann noch etwa die Gehörwahrnehmung dessen, was sie sagt, und so weiter. Alles dies starre ich nicht bloß an, sondern es setzt meine denkende Tätigkeit in Bewegung. Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig. Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint. Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist. Ihr Sich-vor-mich- Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung. Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken zu setzen. Dieses ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes. Ich habe das Denken des andern wirklich wahrgenommen. Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewußtsein liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere Denken setzt. Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben. Das repräsentiert sich in meinem Bewußtsein dadurch, daß ich im Erleben des andern Bewußtseinsinhaltes mein eigenes Bewußtsein ebensowenig erlebe, wie ich es im traumlosen Schlafe erlebe[10]. Wie in diesem mein Tagesbewußtsein ausgeschaltet ist, so im Wahrnehmen des fremden Bewußtseinsinhaltes der eigene. Die Täuschung, als ob dies nicht so sei, rührt nur davon her, daß im Wahrnehmen der andern Person erstens an die Stelle der Auslöschung des eigenen Bewußtseinsinhaltes nicht Bewußtlosigkeit tritt wie im Schlafe, sondern der andere Bewußtseinsinhalt, und zweitens, daß die Wechselzustände zwischen Auslöschen und Wieder-Aufleuchten des Bewußtseins von mir selbst zu schnell aufeinander folgen, um für gewöhnlich bemerkt zu werden. - Das ganze hier vorliegende Problem löst man nicht durch künstliche Begriffskonstruktionen, die von Bewußtem auf solches schließen, das nie bewußt werden kann, sondern durch wahres Erleben dessen, was sich in der Verbindung von Denken und Wahrnehmung ergibt. Es ist dies bei sehr vielen Fragen der Fall, die in der philosophischen Literatur auftreten. Die Denker sollten den Weg suchen zu unbefangener geistgemäßer Beobachtung; statt dessen schieben sie vor die Wirklichkeit eine künstliche Begriffskonstruktion hin." (S. 260ff.)

Diese Passage, eine Ergänzung in der 2. Auflage der 'Philosophie der Freiheit', gibt ein Beispiel der geistigen Wahrnehmung und Erkenntnis durch denkende Intuition. Die leibliche Erscheinung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie nur die Wahrnehmungsseite der Wirklichkeit der beobachteten Persönlichkeit darstellt. Die beobachtende Persönlichkeit bemüht daher eine Intuition der geistigen Individualität des beobachteten Menschen. Diese Intuition kann aber nur, insofern sie die für die wahrgenommene Leiblichkeit der beobachteten Person genau passende sein soll, diejenige sein, die sich der wahrgenommene Mensch selbst gibt. Die Wahrnehmung der tätigen Intuition des beobachteten Menschen durch Nachvollzug hat zu ihrem Wahrheitskriterium die Übereinstimmung in einer vollständigen Exaktheit mit der denkenden Intuition, die sich der beobachtete Mensch selbst gibt.

Aber inwiefern kann überhaupt von einem Nachvollzug gesprochen werden? Noch nicht einmal ein Mitvollzug scheint gegeben zu sein, sondern schweigendes Empfangen des Denkens der anderen Person, die mit ihrer Tätigkeit im Bewußtsein des wahrnehmenden auftritt. Es gibt jedoch auch ein "Ergreifen" dieser denkenden Tätigkeit der anderen Person im eigenen Bewußtsein als ein Erlebnis wie das eigene Denken. Dieses Ergreifen ist das Wahrnehmen des Denkens der anderen Person: "Ich habe das Denken des andern wirklich wahrgenommen." Und es ist Ergreifen eines Inhalts: "Wahrnehmen des fremden Bewußtseinsinhaltes". Das Erleben des Denkens der anderen Person, ihre Wahrnehmung als denkendes Wesen ist in seiner Art in vollständiger Weise das gleiche wie das Erleben des eigenen Denkens.

Darüber hinaus bleibt dieser Zustand der Wahrnehmung des anderen Denkens nicht längere Zeit bestehen, sondern wechselt mit dem Wahrnehmen des eigenen Denkens in schneller Folge. Dieses eigene Denken ist aber ja auf die andere Person gerichtet, und sucht die Intuitionen zu erfassen, die diese Person sich selbst gibt. Für den Fall einer inhaltlichen Identität der selbst hervorgebrachten Intuitionen des wahrgenommenen Wesens und der "ergriffenen" Intuitionen des im eigenen Bewußtsein auftretenden, erlebten und zu erkennenden anderen Wesens liegt eine exakte geistige Erkenntnis eines geistigen Wesens durch ein anderes vor.

Angenommen, das Erkennen der denkenden Intuition wäre tatsächlich so zu verstehen wie skizziert, stellt sich die Frage, wie es möglich sein kann, das Wahrheitskriterium der inhaltlichen Identität der eigenen Intuitionen des zu erkennenden Wesens, und der wahrgenommenen Intuitionen dieses zu erkennenden anderen Wesens, zur Anwendung zu bringen, um über bloße Hermeneutik und "Interpretation" hinauszukommen und exakte Erkenntnis auszuweisen.

Wahrheitskriterium und Verifikation der Intuition

Für die so verstandene Intuition ergibt sich nicht nur eine schnelle Folge des Auftretens des eigenen und des anderen Denkens, sondern auch eine schnelle Folge von Erlebnissen es eigenen und des fremden Denkens im Wechsel. Die von Rudolf Steiner verwendete Formulierung "Ergreifen" kann in dem Zusammenhang eigentlich nur die Bedeutung von Beobachtung haben, und nicht etwa die von Hervorbringen einer Intuition[11]. Denn das zu erkennende andere Denken ist im eigenen Bewußtsein schon da (vgl. FN 4). Durch das Ergreifen, d.h. Beobachtung wird es zum Erlebnis wie das eigene hervorgebrachte Denken. Damit gibt es in schneller Folge im Wechsel die Selbstbeobachtung des eigenen Denkens im Sinne von intuitiv erlebtem Denken, d.h. Beobachtung der eigenen Denkresultate, und die Beobachtung des anderen Denkens, das zu erkennen ist. Diese Beobachtung ist ebenso intuitiv erlebtes Denken, aber unter dem Aspekt, daß nicht das selbst hervorgebrachte Denken beobachtet wird, sondern das in der geistigen Wahrnehmung gegebene andere "fremde" Denken bzw. dessen Resultate.

Das Wahrheitskriterium wäre somit die inhaltliche Identität der selbst hervorgebrachten Intuition und der wahrgenommenen Intuition. Das Mittel zur Feststellung der Identität ist die Beobachtung. Wenn Selbstbeobachtung des eigenen Denkens und Beobachtung des zu erkennenden Denkens übereinstimmen, d.h. den gleichen Inhalt haben, dann folgt daraus, daß es sich inhaltlich um die gleiche Intuition handeln muß. Und es bedeutet zugleich, daß der Nachvollzug der Tätigkeit des beobachteten geistigen Wesens, um als wahr gelten zu können, zum gleichen Ergebnis kommen muß, wie dasjenige Ergebnis, das durch die Beobachtung des im eigenen Bewußtsein auftretenden anderen Denkens bereits vorliegt. Wenn die Beobachtung des geistigen Wesens durch Selbstbeobachtung (Resultat des Nachvollzugs) identisch reproduziert werden kann, kann die Erkenntnis des geistigen Wesens (das Erkennen der Geisttätigkeit, die sich in seiner Erscheinung als Gedankeninhalt ausdrückt) als wahr gelten.

Aber angenommen, um das von Rudolf Steiner gegebene Beispiel, wie es interpretiert wurde, etwas zu modifizieren: der beobachtende Mensch würde sich in einer Menschenmenge aufhalten. Er steht am Rednerpult und redet irgendwas. Was ist da dann los? Muß nicht sein Bewußtsein durchflutet sein von unzähligen Intuitionen, die ihm aus der Menschenmenge, die ihm zuhört, geschickt werden? Genau so hat man sich wohl die geistige Wahrnehmungswelt vorzustellen, wie sie sich dem Denken als Beobachtungsorgan darbietet: Es ist die Welt der Universalien, die es durchflutet. Eine Welt, die gleichzeitig von unzähligen Wesen "durchdacht" wird (Bildung von Intuitionen), wobei diese Wesen dadurch ihr denkendes Bewußtsein haben. Diese geistigen Wesen leben in den Universalien, indem sie Intuitionen denken und wahrnehmen.

Was kann denn der geistig beobachtende Mensch als denkender anderes tun, als jeweils nur eine von diesen Universalien bzw. Intuitionen ins Auge zu fassen, indem er sie, jeweils diese eine bestimmte, nachvollzieht? Ohne diesen Nachvollzug würde es keine differenzierte, bestimmte geistige Wahrnehmung geben können, wenn sie auf die Erkenntnis zielt, was bzw. wer diese Universalien oder Intuitionen bewegt. So aufgefaßt, ist die je durchgeführte Intuition immer schon eine durch Nachvollzug bestimmte und in ihrem Gelingen (als Einzelbeobachtung) notwendig wahre (Selbst-)Erkenntnis, die sich aus dem Meer der Universalien heraushebt, indem eine bestimmte Gedankentätigkeit, die als Gedankeninhalt erscheint, erkannt wird.

Das geistig Wahrnehmliche im engeren Sinne wäre demnach als die wahrnehmliche Seite der geistigen Wirklichkeit der Gedanken anzusehen, wäre ein noch unverstandener Gedankeninhalt, der, ohne ihn erst hervorbringen zu müssen, geschaut wird. Das Geistigwahrnehmliche wäre gewissermaßen die Außenseite der Gedanken. Um zur vollen geistigen Wirklichkeit zu kommen, muß dann die Innenseite hinzu gefunden werden, das ist die Tätigkeitsseite. So gesehen, ist der Nachvollzug eines durch Schauung gegebenen Gedankens, den ein anderes geistiges Wesen hervorgebracht hat, das Hinzugewinnen der das geistig Wahrnehmliche ergänzende Teil der Wirklichkeit: Die Tätigkeit des geistigen Wesens, das durch diese Tätigkeit den Gedanken hervorgebracht hatte, den man schaut. Die der geistigen Wahrnehmung dahinterstehende Tätigkeit wird durch Nachvollzug erkannt, d.h. erst durch solchen Nachvollzug ist volle geistige Wirklichkeit gegeben und verstanden.

Das geistig Wahrnehmliche als die wahrgenommene Außenseite der Gedanken muß aber dabei doch soviel "Kontur" haben, daß aus dieser das Auffinden der dahinter stehenden Tätigkeit angeleitet sein kann: Der Nachvollzug dieser Tätigkeit, die die Gedankenerscheinung hervorgebracht hat, muß passen. Durch dieses Zusammenpassen, von Außen- und Innenseite der Gedanken können sich diese Seiten gegenseitig repräsentieren, und somit ist durch das Wahrnehmen von Gedankeninhalten die Tätigkeit miterkannt, indem sie durch korrekten Nachvollzug zum Vorschein kommt.

Diese gegenseitige Repräsentanz der Außenseite der Gedanken, die geschaut wird, und der Innenseite, die hervorgebracht wird, macht es auch nur erst möglich, daß Gedanken einander als Wahrheitskriterium dienen können. Was die Intuition als Gedankeninhalt reproduktiv hervorbringt, muß die gleiche inhaltliche Form haben, wie der geschaute Gedanke, den die Intuition erfassen will: Die inhaltliche Form der Tätigkeit. Tätigkeit ist Inhalt von Gedankenform. Im intuitiven Denken changieren im Wechsel des Hervorbringens und Beobachtens Inhalt und Form: Form wird zu Inhalt, und Inhalt zu Form. (Tätigkeit ist Form von Gedankeninhalt, und Gedankenform hat Tätigkeit zum Inhalt). Inhalt und Form zugleich zu sein, ist aber ein Merkmal von Bildern. Im Zusammenfall von Wesen und Erscheinung erscheint das Wesen.

"Wille ist also die Idee selbst als Kraft aufgefaßt. (...) Wille ohne Idee wäre nichts. Das gleiche kann man nicht von der Idee sagen, denn die Tätigkeit ist ein Element von ihr, während sie die sich selbst tragende Wesenheit ist." (Lit.: GA 001, S. 197f)

"Will man nämlich die eigentliche Bedeutung des Denkens kennenlernen, will man kennenlernen das wirklich Wahre, daß das Denken diese kosmische Bedeutung hat, dann muß man sich erheben zu der imaginativen Anschauung, wie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Sowie man dem Denken jene Abstraktheit abstreift, die es für unser Bewußtsein hat, und untertaucht in jenes Meer der webenden Gedankenwelt, kommt man in die Notwendigkeit, dadrinnen nicht nur solche abstrakte Gedanken zu haben wie der Erdenmensch, sondern dadrinnen Bilder zu haben. Denn aus Bildern ist alles geschaffen, Bilder sind die wahren Ursachen der Dinge, Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt, und in diese Bilder tauchen wir ein, wenn wir in das Meer des Denkens eintauchen." (GA 157, S. 298)

Ein hermeneutisches oder Interpretationsproblem könnte es kaum geben, wenn man die Gedanken der 'Philosophie der Freiheit' wirklich geistig wahrnehmen und nachvollziehen könnte. Es käme lediglich auf das Vermögen an, die entsprechenden Intuitionen hervorzubringen, und auf exakte genaue Beobachtung, was man hervorbringt, festzustellen, und zu beurteilen, wie es mit dem schon intuitiv gegebenen[12][13] zusammenpaßt. Beides, Gedanken hervorbringen, und sie genau beobachten, läßt sich üben. Interpretationsprobleme gibt es lediglich beim Studium des schriftlichen Wortlautes des Buches der 'Philosophie der Freiheit'. Eine gelebte Philosophie der Freiheit würde solche Probleme der Texthermeneutik nicht haben.

Der Übergang vom intuitiven Denken zum imaginativen Denken

Inhalt und Tätigkeit ergäben demnach zusammen die Wirklichkeit des Gedankens, der als Bild aber "nur" erst die Erscheinung der Idee wäre, zu der für ein noch tieferes Wirklichkeitsverständnis wieder das Wesen hinter der Erscheinung gesucht und erkannt werden müßte. Obwohl die Erscheinungsseite bereits für das Wesen steht, ginge es über die Wesensseite weiter tiefer hinein in die Wirklichkeit des Geistes. Das intuitive Denken als solches wäre noch nicht die Idee selbst, sondern "nur" Ausdruck, Bild der Idee, in welchem der für das intuitive Denken notwendige Unterschied von Inhalt und Tätigkeit zurückgenommen bzw. objektiviert ist[14]. Bild der Idee und die Idee selbst sind zwar das gleiche (weil die Erscheinung für das Wesen steht), und doch andererseits auch wieder (noch) nicht, weil das Wesen mehr ist, als seine Erscheinung, d.h. noch tiefer scheinen kann. "Man suche etwas in den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre" (modifiziertes Goethezitat).

"Das Denken ist etwas ungeheuer Kompliziertes, und nur einen Teil von dem, was da im Denken vor sich geht, nimmt der Mensch in sein Bewußtsein auf. Denn im Gedanken geht vor sich, was einen Zeitenprozeß bedeutet. Indem wir wachen Sinnes wahrnehmen, sind wir zugleich kosmische Menschen. Unser Vorgang des Sehens bewirkt das Leuchten, da sind wir kosmische Raumesmenschen. Durch das, was im Denken sich vollzieht, sind wir kosmische Zeitenmenschen, da wirkt alles mit, was schon vor unserer Geburt geschehen ist, was nach unserem Tode geschieht und so weiter. So nehmen wir durch unser Denken am ganzen kosmischen Prozeß der Zeit teil, durch unser Sinneswahrnehmen am ganzen kosmischen Prozeß des Raumes. Und nur der irdische Prozeß des Sinneswahrnehmens ist für uns selber. Nun schreiten wir zum Fühlen vor. Vom Fühlen haben wir noch viel weniger als vom Sinneswahrnehmen und vom Denken in unserem Bewußtsein. Dieses Fühlen ist ein tiefer, tiefer Prozeß. Will man nämlich die eigentliche Bedeutung des Denkens kennenlernen, will man kennenlernen das wirklich Wahre, daß das Denken diese kosmische Bedeutung hat, dann muß man sich erheben zu der imaginativen Anschauung, wie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Sowie man dem Denken jene Abstraktheit abstreift, die es für unser Bewußtsein hat, und untertaucht in jenes Meer der webenden Gedankenwelt, kommt man in die Notwendigkeit, dadrinnen nicht nur solche abstrakte Gedanken zu haben wie der Erdenmensch, sondern dadrinnen Bilder zu haben. Denn aus Bildern ist alles geschaffen, Bilder sind die wahren Ursachen der Dinge, Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt, und in diese Bilder tauchen wir ein, wenn wir in das Meer des Denkens eintauchen. Diese Bilder hat Plato gemeint, diese Bilder haben alle gemeint, die von geistigen Urgründen gesprochen haben, diese Bilder hat Goethe gemeint, wenn er von seiner Urpflanze sprach. Diese Bilder findet man im imaginativen Denken. Aber dieses imaginative Denken ist eine Wirklichkeit, und darin tauchen wir ein, wenn wir in das wogende, im Strom der Zeit dahingehende Denken eintauchen. In das Fühlen versenken wir uns erst, wenn wir zur sogenannten Inspiration kommen, die die höhere Art von Erkenntnis ist gegenüber der Imagination. Alles das, was unserem Fühlen zugrunde liegt, ist eigentlich ein Gewoge von Inspirationen." (GA 157, S. 297f.)

"Aber dieses rein in sich selber sich erlebende Denken, das außerhalb des Gehirns verläuft, stellt sich anders dar, als das gewöhnliche Denken. Die gewöhnlichen Gedanken sind schattenhaft gegen die Gedanken, die nunmehr wie eine neue Welt dastehen vor dem Geistesforscher, wenn er außerhalb seines Leibes ist. Es durchdringen sich die Gedanken mit innerer Bildhaftigkeit. Deshalb nennen wir das, was sich da hinstellt vor das geistige Auge: Imaginationen - aber nicht deshalb, weil wir glauben, daß diese nur etwas Phantastisches, Erdachtes enthalten, sondern weil das, was da wahrgenommen wird, tatsächlich bildhaft erlebt wird, imaginiert wird; aber diese Imagination ist ein Untertauchen in die Dinge selbst, man erlebt die Dinge und Vorgänge der geistigen Welt, und die Dinge und Vorgänge der geistigen Welt stellen sich in Imaginationen vor die Seele hin. - So kann das Denken abgesondert werden von dem physisch-leiblichen Leben, und der Geistesforscher kann sich wissen in einer Welt geistiger Vorgänge und Wesenheiten." (GA 153, S. 18)

Wenn jemand meinen wollte, wenn es dann soweit ist, dann brauche man sich nicht mehr mit solchen Schwierigkeiten wie der korrekten Anwendung eines Wahrheitskriteriums[15] und dergleichen beschäftigen, so muß das wohl ein Irrtum sein, denn alle geistigen Erfahrungen müssen durch das Tor des intuitiven Denkens zurück, um als wissenschaftliche Erkenntnis gelten zu können.

"Nicht anders ist es für die geistige Anschauung. Wenn diese durch die Seelenvorgänge auftritt, die ich in meiner späteren Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe, dann bildet sie wieder die eine Seite des - geistigen - Seins; und die entsprechenden Gedanken vom Geistigen bilden die andere Seite. Ein Unterschied tritt nur insofern auf, als die Sinneswahrnehmung durch den Gedanken gewissermaßen nach oben zum Anfang des Geistigen hin in Wirklichkeit vollendet, die geistige Anschauung von diesem Anfang an nach unten hin in ihrer wahren Wesenheit erlebt wird. Dass das Erleben der Sinneswahrnehmung durch die von der Natur gebildeten Sinne, das der Anschauung des Geistigen durch die erst auf seelische Art ausgebildeten geistigen Wahrnehmungsorgane geschieht, macht nicht einen prinzipiellen Unterschied." (GA 002, S. 98f)

Moralische Intuition

--> Hauptartikel: Moralische Intuition

"Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus." (S. 165)

"Wenn wir unter dem Einflüsse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine Denken. Da man gewohnt ist, das reine Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die praktische Vernunft zu nennen." (S. 165)

Siehe auch

Denk-Erlebnis

Anmerkungen

  1. vgl. (Duden)
  2. Thomas Blume: „Intuition“ - Artikel im UTB-Online-Wörterbuch Philosophie (philosophischer Fachbegriff)
  3. Erleben eines Inhalts, nicht der Tätigkeit als solcher im Unterschied zum Inhalt: "Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes" (S. 146).
  4. Man kann wohl annehmen, daß die Beobachtung als solche dadurch entsteht, daß sich das Denken von sich selbst unterscheidet. Es ist der erste Unterschied, der Urunterschied für das Denken, nicht nur der wichtigste für den Menschen (wie Steiner sagt). Alle anderen Unterscheidungen, auch die zwischen Tätigkeit und Inhalt, kommen später, sofern sie nicht nur andere Bezeichnungen für diesen ersten Unterschied sind. Fraglich ist, ob das Denken diesen Unterschied bewußt vornehmen kann, oder ob nicht eher das Bewußtsein erst durch diese Unterscheidung entsteht. Die Formulierung Rudolf Steiners S. 38: "Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen bewußt ist", könnte genau das aussagen wollen, daß diese erste Unterscheidung unbewußt verläuft. Insofern die seelische Beobachtung nur bewußte Tatsachen aufsuchen kann, müßte von der Gegebenheit dieses Unterschiedes ausgegangen werden. (Um ihn dann später im nachherein als selbstgesetzt erkennen zu können, falls das möglich sein sollte.)
  5. Das könnte bei dem besonderen Beobachtungsobjekt 'Denken' tatsächlich der Fall sein, da ja die beiden für die Erkenntnis zu verbindenden "Hälften" der Wirklichkeit, Begriff und Wahrnehmung, vorliegen. Nur umgekehrt wie sonst. Eine zusätzliche Intuition bräuchte es bei der Beobachtung des Denkens möglicherweise nicht, da diese ja schon als Beobachtungsobjekt vorliegt, allerdings "nur" als Inhalt.
  6. Wie dies möglich sein könnte, und was genau vorgeht, bedarf freilich einer eingehenderen Untersuchung. Es scheint, daß zumindest der letzte Gedankenschritt auf irgendeine Art im Bewußtsein noch präsent sein muß. (Was noch da sein könnte, das ist das Ende der hervorbringenden Tätigkeit. Dieses Ende fällt zeitlich in einem Punkt zusammen mit dem Beginn der Beobachtung. Das Gewahren des Gedankens scheint aber keine Zeit zu benötigen. Es könnte sein, daß das Denken in diesem Endpunkt der hervorbringenden Tätigkeit auf diese zurückblickt, und sie gewissermaßen räumlich wahrnimmt. Der Übergang vom Fassen des Gedankens zu seiner Wahrnehmung wäre demnach ein Dimensionswechsel: Das Denken sieht sich nach, blickt auf sich zurück, indem es seine Tat räumlich als Inhalt sieht. Dadurch weiß es, was es gedacht hat, kann fortsetzen und den nächsten Gedanken anschließen.)
  7. Das mag als konstatierender Befund so richtig sein. Für die in sich durchsichtige Klarheit des Denkens wünscht man sich aber doch auch Aufschluß darüber, woher dieses Wissen kommt? Es scheint da zu sein wie eine Art Instinkt. Kann der Befund als solcher die Zweifel, ob es nicht doch das Gehirn sei, das denkt, aufheben? 'Tätigkeit' und 'Inhalt' sind freilich Begriffe des Denkens, sie müssen daher im Ursprung des Denkens, der jenseits von Tätigkeit und Inhalt "ist", aufgehoben sein
  8. Interpretationen von Steiners Ausführungen, daß es zusätzlich zur Beobachtung noch eine weitere Erlebnisquelle des Denkens gäbe bzw. geben müsse, die separat von der Beobachtung eine Erfahrung des Denkens möglich mache, insbesondere des aktuellen Denkens, muß eine Absage erteilt werden, insofern dies auf eine Doppelung, Spaltung in zwei Bewußtseine hinauslaufen würde, die von Steiner ausdrücklich als unmöglich behauptet wird, und natürlich auch sonst nicht plausibel ist. Es gibt nur ein Bewußtsein: Die Selbstbeobachtung des Denkens. (Auch wenn die Intuition für die Seite der sinnlichen Wahrnehmung einen Begriff faßt und einen sinnlichen Gegenstand erkennt, ist dies Selbstbeobachtung (=Selbsterkenntnis) oder, in anderen Worten, intuitiv erlebtes Denken.) Wenn man sich Intuition als eine Art geistiges Atmen vorstellt, kommt Bewußtsein lediglich der Phase des Einatmens zu. Das Ausatmen ist der schöpferische Prozeß. Wollte man dem Ausatmen auch ein Bewußtsein zukommen lassen, wäre das wie ein Ausatmen, das zugleich in irgendeiner Weise einatmet. Die Anführung des Zitates aus Buch Mose im 3. Kap. der 'Philosophie der Freiheit' könnte auch so zu verstehen sein, daß Rudolf Steiner ein solches Verständnis der Intuition als ein gleichzeitiges Einatmen beim Ausatmen ausgeschlossen wissen will. (Dabei sind die beiden "Wendephasen" von besonderem Interesse: Der Übergang vom Hervorbringen zum Gewahren scheint im Zusammenfließen von Denken und Beobachtung mehr mit dem Selbst im Selbstbewußtsein zu tun zu haben, der Übergang von der Beobachtung zum Denken aus dem Gegenüberstehen heraus mehr mit der Bewußtheit im Selbstbewußtsein. Obwohl das Hervorbringen von Gedanken Zeit benötigt, entsteht doch der Eindruck, zwischen den beiden Wendepunkten liege keine Zeitspanne, als würden sie in einen Zeitpunkt zusammenfallen. Möglich wäre das wohl nur, wenn das Gewahren als solches (=Beobachtung, ohne durch Hervorbringungsprozesse unterbrochen zu sein) keine Zeit benötigte, bzw. jenseits der Zeit läge.)
  9. Die von Rudolf Steiner im 3. Kap. der 'Philosophie der Freiheit' behauptete Unbeobachtbarkeit des aktuellen Denkens könnte man eventuell auch mittels der Analogie zur Unbeobachtbarkeit des aktuellen Wollens besser verstehen. Bewußt sind Entschlüsse und Resultate des Wollens, dieses selbst als ein jeweils aktueller Prozeß der Durchführung bleibt unbewußt, läßt sich nicht beobachten (Andernorts wird von Steiner dem Fühlen ein Traumbewusstsein, dem Wollen ein Schlafbewusstsein zugeordnet). Die Gehirnforschung hat zu der Frage auch herausgefunden, daß die physiologischen Prozesse im Gehirn, die mit Willensbetätigung korreliert sind, zeitlich früher auftreten als irgendein Bewußtsein vom Wollen. (Was auch als Argument gegen die Freiheit des Willens herhalten muß. Vgl. http://www.fr-online.de/freiheit/neurowissenschaft-die-vorbereitete-entscheidung,31839204,32113136.html)
  10. Vgl. FN 8
  11. Ob für diese Beobachtung der Denksinn, einer der zwölf Sinne des Menschen, zum Einsatz kommt, oder ob die Intuition direkt geistig wahrnimmt, ohne Nutzung dieses Denksinnes, spielt für die Betrachtung hier keine Rolle, da es immer und ausschließlich die Intuition ist, die beobachtet, ob nun mittels physischer Sinne, oder auf andere Art.
  12. Dieses "schon intuitiv gegebene" müßte für exaktes wissenschaftliches Forschen vom ersten gültigen, voraussetzungslosen Anfang an bewußt und kontrolliert aufgebaut sein. Für gewöhnlich ist das meist nicht der Fall, sondern es ist mit unbewußten, nicht bemerkten Vorurteilen, fraglos für gültig anerkanntes usw. durchsetzt, was für die Qualität allen weiteren Erkennens, das auf solch zweifelhafter Grundlage ruht, problematischer ist, als ein solides, methodologisch geleitetes hermeneutisches Vorgehen, das mit solcher Komplikation rechnet und methodisch einzuholen sucht.
  13. Wollte man zu diesem bereits intuitiv Gegebenen auch das mit hinzurechnen wollen, was als die Außenseite der Gedanken, die andere Geistwesen hervorgebracht haben, geschaut wird, so müßte für eine exakte, wissenschaftliche Erkenntnis auch dieses Geschaute zunächst durch Nachvollzug verifiziert werden.
  14. Selbstbeobachtung des intuitiven Denkens ginge demnach von einer anfänglichen Abstraktheit direkt im Sinne einer allmählichen, oder möglicherweise auch abrupten Aufhellung in Imagination über, indem das Denken (als Einheit von Denken und Beobachtung bzw. Tätigkeit und Inhalt) (immer mehr) sich von sich selber (als der Idee, dem Urbild selbst) unterscheidet. "Man muß sich der Idee erlebend gegenüber stellen können" (S. 271). Dieses Erleben kommt im imaginativen Denken zum klaren Bewußtsein. Mittels der Imagination kann das Denken die Idee selbst beobachten, es sieht die Idee, kann sich in ihr bewegen, und weiß sich zugleich mit ihr als von einem Wesen. Man könnte dies wohl auch als die Einholung, Bewußtmachung des in FN 3 genannten Ur-Unterschiedes, der dem intuitiven Denken noch unbewußt bleiben mußte, verstehen, bzw. als die Rückversetzung des (weiter unbewußten) Ur-Unterschiedes eine Stufe tiefer in die Idee hinein.
  15. "Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung ist die Abgrenzung der meditativ gewonnenen Bewußtseinsinhalte gegen visionäre Beeindruckungen und mediumistische Hervorbringungen. Das meditative Bewußtmachen des Übersinnlichen als eines von uns unterbewußt im Wirklichkeitsaufbau Vollzogenen führt stets zu solchen Erfahrungen, welche den Charakter des rückbestimmten Bestimmens haben, der uns aus unseren Evidenzerlebnissen bekannt ist. Alles diese Charakteristik nicht Aufweisende kann nicht den Anspruch des Übersinnlichen erheben. Damit sind die übersinnlichen Erfahrungen erkenntniswissenschaftlich eingeordnet. Es ist damit aber auch ein Unterscheidungsmerkmal gewonnen, welches es ermöglicht, Verwirrung stiftende Verwechslungen, Selbsttäuschungen und unberechtigte oder gar bewußt irreführende Ansprüche auf eine in Wahrheit nicht vorhandene Zuständigkeit für "Übersinnliches" als solche zu erkennen und gegen die echten Befunde der seelischen Beobachtung abzugrenzen." (Lit.: Herbert Witzenmann, Erkenntniswissenschaftliche Bemerkungen zur Bildhaftigkeit des übersinnlichen Schauens, S. 114)

Literatur

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