Stier

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Stier
Fresko mit Stiertötungsszene aus dem Mithräum in Marino, 2. oder 3. Jahrhundert

Stier oder Bulle heißt das geschlechtsreife männliche Hausrind, der domestizierten Form des eurasischen Auerochsen. Der Ochse ist ein kastriertes männliches Rind. Das geschlechtsreife weibliche Hausrind wird nach dem ersten Kalben als Kuh bezeichnet. Beim Rind ist das Verdauungssystem besonders stark entwickelt, wobei die Nahrung bei der Verdauung durch vier Mägen (Pansen, Netzmagen, Blättermagen, Labmagen) verarbeitet wird. Wie die Pferde sind sie reine Pflanzenfresser, können aber als Wiederkäuer die Nahrung effektiver verwerten.

"Ich habe schon öfter in anderen Zusammenhängen darauf hingewiesen, wie reizvoll es ist, eine gesättigte Herde, hingelagert auf der Weide, zu betrachten, dieses Geschäft des Verdauens zu beobachten, das sich in der Lage wiederum, in dem Augenausdruck, in jeder Bewegung ausdrückt. Versuchen Sie es einmal, eine Kuh, die auf der Weide liegt, anzuschauen, wenn meinetwillen etwas da oder dort irgendein Geräusch gab. Es ist ja so wunderbar, zu sehen, wie die Kuh den Kopf hebt, wie in diesem Heben das Gefühl liegt, daß das alles schwer ist, daß man den Kopf nicht leicht heben kann, wie ein ganz Besonderes noch da drinnen liegt. Man kann, wenn man eine Kuh so in einer Störung auf der Weide den Kopf hochheben sieht, auf nichts anderes kommen, als sich sagen: Diese Kuh ist erstaunt darüber, daß sie den Kopf zu etwas anderem als zum Abgrasen heben soll. Warum hebe ich denn jetzt eigentlich den Kopf? Ich grase ja nicht, und es hat keinen Zweck, den Kopf zu heben, wenn ich nicht grase. - Sehen Sie nur, wie das ist! Das ist im Kopfheben des Tieres drinnen. Aber es ist nicht nur im Kopfheben des Tieres drinnen. Sie können sich nicht vorstellen, daß der Löwe den Kopf so hebt, wie die Kuh ihn hebt. Das ist in der Form des Kopfes drinnen. Und geht man weiter, geht man auf die ganze Form des Tieres ein - es ist ja das ganze Tier der, ich möchte sagen ausgewachsene Verdauungsapparat! Die Schwere der Verdauung lastet so auf der Blutzirkulation, daß das alles Kopf und Atmung überwältigt. Es ist ganz Verdauung, das Tier. Es ist wirklich, wenn man das nun geistig anschaut, unendlich wunderbar, wenn man den Blick hinaufwendet zum Vogel, und dann herunterschaut auf die Kuh.

Natürlich, wenn man die Kuh physisch noch so hoch hebt, sie wird kein Vogel. Aber wenn man zu gleicher Zeit das Physische an der Kuh übergehen lassen könnte - zunächst indem man sie in die Lüfte bringt, die der Erde unmittelbar nahe sind, in das Luft-Feuchtige, und wenn man das zugleich überführen könnte in eine Verwandlung ihrer Äthergestalt, die nun angemessen wäre dem Feuchtigen, und sie dann weiterheben würde und würde sie bis zum Astralischen bringen können, dann würde hoch oben die Kuh ein Vogel. Astralisch würde sie ein Vogel.

Sehen Sie, da drängt sich einem eben das Wunderbare auf, daß man sich sagt, wenn man das nun durchschaut: Was der Vogel da oben astralisch hat aus seinem Astralleib, was da arbeitet, wie ich gesagt habe, an der Gestaltung seines Gefieders, das hat die Kuh ins Fleisch, in die Muskeln, in die Knochen hineingebracht. Physisch geworden ist an der Kuh dasjenige, was astralisch ist am Vogel. Es sieht natürlich in der Astralität anders aus, aber es ist so.

Wiederum, wenn ich umgekehrt dasjenige, was der Astralität eines Vogels angehört, herunterfallen ließe, dabei die Umwandelung ins Ätherische und Physische vornehmen würde, dann würde der Adler eine Kuh werden, weil das, was astralisch am Adler ist, verfleischt, verkörperlicht ist in der Kuh, die am Boden liegt, wenn sie verdaut; denn es gehört zu diesem Verdauen bei der Kuh, eine wunderbare Astralität zu entwickeln. Die Kuh wird schön im Verdauen. Es liegt, astralisch angesehen, etwas ungeheuer Schönes darinnen in diesem Verdauen. Und wenn man so aus den gewöhnlichen Philisterbegriffen heraus eben in Philisteridealismus sich sagt: Das Verdauungsgeschäft ist das niedrigste —, dann wird man Lügen gestraft, wenn man von einer höheren Warte aus in geistiger Anschauung dieses Verdauungsgeschäft bei der Kuh anschaut. Das ist schön, das ist großartig, das ist etwas ungeheuer Geistiges.

Zu dieser Geistigkeit bringt es der Löwe nicht; der Vogel erst recht nicht." (Lit.: GA 230, S. 17ff)

Mythologie

In der Mythologie gilt das Rind als Symbol für Fruchtbarkeit. Der Stier ist eines der vier Sphinxtiere und repräsentiert einerseits die Zeugungskraft, steht aber auch für die allgewaltige makrokosmische Kraft, die als Himmelsstier den Sternenhimmel in Bewegung hält.

Neben dem Löwen, dem Adler und dem Menschen bzw. Engel ist der Stier eines der vier Sphinxtiere. Ein geflügelter Stier, der Flügelstier, ist das ikonographische Symbol des Evangelisten Lukas.

Stierkulte waren namentlich in der ägyptisch-chaldäischen Zeit weit verbreitet, da damals der Frühlingspunkt im Sternbild des Stiers stand. Stierkulte gab es im Alten Ägypten vor allem in Heliopolis, Memphis und Theben. In Heliopolis wurde der Mnevis-Stier als Inkarnation des Gottes Atûm-Re verehrt, in Memphis im Tempel des Ptah seit der Ersten Dynastie der Apis-Stier als Verkörperung des Gottes Ptah und in Theben der Buchis-Stier als Verkörperung des falkenköpfigen Gottes Month. Oft finden sich Darstellungen, bei denen der Stier eine Sonnenscheibe zwischen den mondenhaften Hörnern trägt. In der kretisch-minoischen Kultur trägt der Stier oft eine Doppelaxt zwischen seinen Hörner, gleichsam als Symbol für den mit der Weltenachse verwachsenen und so auf ewig ins Himmelsjoch gespannten Himmelsstier, der unermüdlich den Himmel kreisen lässt. Zugleich kann die Doppelaxt auch als Symbol für das erwachende, zweischneidige Ich angesehen werden, das sich beständig zwischen der irdischen und der himmlischen Welt entscheiden muss.

Viele Stier-Kulte haben sich bis in spätere Zeiten erhalten, vor allem der im Römischen Reich weit verbreitete Mithras-Kult. Mit dem Übergang zur griechisch-lateinischen Kultur entstanden viele Mythen, die von der Zähmung, Überwindung oder Abtötung der Stierkräfte erzählen. Sie schildern in imaginativen Bildern, wie die triebhaften Kräfte des unteren Menschen überwunden bzw. geläutert werden müssen, damit sich die Verstandeskräfte des oberen Menschen entwickeln können. Beispiele dafür sind etwa der Minotaurus-Mythos oder die Bezwingung des kretischen Stiers durch Herakles.

Stiermenschen und männliches Geschlecht

Stiermenschen-Statue aus dem Yorkshire Sculpture Park
Hauptartikel: Stiermenschen

Die Stiermenschen gingen aus einer der vier großen Gruppenseeleen der lemurischen und frühen atlantischen Zeit hervor, die durch die vier Sphinxtiere repräsentiert werden. Sie hatten ein stark entwickeltes Stoffwechsel-System (Lit.: GA 104a, S. 77) und aus ihnen ist als Folge der Geschlechtertrennung der physische Leib des Mannes hervorgegangen. Der weibliche Leib entstand hingegen aus den Löwenmenschen. Diese sorgten zunächst immer mehr für die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts, während die Stiermenschen diese Fähigkeit verloren. Die Fortpflanzung war damals noch ungeschlechtlich, das Löwengeschlecht wurde in gewisser Weise unmittelbar aus dem Geistigen befruchtet. Mit der Zeit aber konnten die Stiermenschen das Gleiche bewirken. Sie konnten sich zwar nicht eigenständig ungeschlechtlich fortpflanzen, aber sie konnten nun das Löwengeschlecht befruchten. Das war der Beginn der geschlechtlichen Fortpflanzung.

"Das Verhältnis der löwenartigen Menschen zu den stierartigen ist besonders wichtig in den älteren Zeiten. Die anderen kommen weniger in Betracht. Die männlichen Ätherleiber, die einen physischen Löwenleib aus sich herauskristallisierten, hatten die Fähigkeit, den physischen Löwenleib selbst zu befruchten, so daß also geradezu die Fortpflanzung der Menschheit besorgt wurde durch die löwenartige Rasse. Es war eine Art Befruchtung aus dem Geistigen heraus, eine ungeschlechtliche Fortpflanzung. Dasselbe konnte aber auch die stierartige Rasse bewirken. Das, was physisch geworden war, wirkte hier zurück auf den weiblichen Ätherleib. Im Laufe der Entwickelung gestalten sich die Sachen anders. Während die Löwennatur die Art der Fortpflanzung behält, weil die befruchtende Kraft aus dem Geistigen heraus von oben kam, während hier der Prozeß sich steigerte, wurde der andere Prozeß immer mehr und mehr zurückgedrängt. Unfruchtbarer und unfruchtbarer wurde die Stiermenschheit. Die Folge war, daß wir auf der einen Seite eine Menschheit hatten, die durch Befruchtung erhalten wurde, auf der anderen Seite eine andere Hälfte, die immer unfruchtbarer wurde. Die eine Seite wurde zum weiblichen, die andere zum männlichen Geschlecht, Die heutige weibliche physische Natur hat ja einen männlichen Ätherleib, während der Ätherleib des Mannes weiblich ist. Der physische Leib der Frau ist hervorgegangen aus der Löwennatur, während der physische Stierleib der Vorfahre des männlichen Leibes ist." (Lit.: GA 107, S. 76ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107 (1988) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, GA 230 (1993), ISBN 3-7274-2300-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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