Tertullian

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Tertullians: Apologeticum (Codex Balliolensis)

Quintus Septimius Florens Tertullianus, kurz Tertullian (* nach 150 in Karthago; † nach 220) war der erste Kirchenvater, der seine Schriften in Latein verfasste und gilt als Vater des Kirchenlatein.

Leben und Werk

Geboren in Karthago als Sohn eines römischen Offiziers erhielt Tertullian eine gründliche rhetorische und juristische Ausbildung und wirkte zeitweise als Advokat in Rom. Die scharfe juristische Denkweise spiegelt sich im geschliffenen, oft auch lakonisch-humorvollen polemischen lateinischen Stil seiner zahlreichen Schriften wider, die ab 197 erschienen. Als die Christenverfolgung in Karthago drastisch zunahm, veröffentliche er eilig in diesem Jahr sein Apologeticum, das ursprünglich als umfangreicheres und systematischeres Werk geplant war. Damals war er offenbar schon zum Christentum übergetreten, blieb aber zugleich auch weiterhin der „heidnischen“ Philosophie, insbesondere dem Platonismus und der Stoa, verpflichtet; in De pallio rechtfertigte er, warum er auch weiterhin den „Philosophenmantel“ (lat. Pallio) trage. Tertullian verfasste zahlreiche weitere apologetische Werke und eine Reihe von Streitschriften gegen die Häretiker, insbesondere gegen Marcion und den Doketismus und die Gnosis der Valentinianer, aber auch gegen die Juden, weil sie so verstockt seien, in Christus nicht den erwarteten Messias anzuerkennen. Besonders bekannt wurde seine umfassende Arznei gegen Skorpionstich (der Häresie). 202 verfasste Tertullian eine Trostschrift für die Märtyrer im Kerker (Ad martyras). Weiters schrieb er Werke über die Askese, insbesondere über die sexuelle Enthaltsamkeit, über die Ehe und Monogamie, aber auch Schriften privater Natur.

Credo, quia absurdum est

Tertullian wird oft fälschlich der vielzitierte Satz «Credo, quia absurdum est» (lat. „ich glaube, weil es widervernünftig ist“) zugeschrieben, der sich in dieser Form aber weder bei ihm noch bei anderen Kirchenvätern findet. Tatsächlich heißt es bei Tertullian:

„Crucifixus est dei filius: non pudet, quia pudendum est. et mortuus est dei filius: prorsus credibile est, quia ineptum est. et sepultus resurrexit: certum est, quia impossibile. [1]

„Gottes Sohn ist gekreuzigt worden — ich schäme mich dessen nicht, gerade weil es etwas Beschämendes ist. Gottes Sohn ist gestorben — das ist erst recht glaubwürdig, weil es eine Thorheit ist; er ist begraben und wieder auferstanden — das ist ganz sicher, weil es unmöglich ist.“

Tertullian: De carne Christi (Über den Leib Christi) V [2]

Rudolf Steiner bemerkt dazu:

„Ich will einen Menschen anführen, ich könnte auch einen anderen anführen, aber ich will Ihnen einen, der der gegenwärtigen materialistischen Kultur so recht verächtlich ist, anführen, denjenigen, von dem diese materialistische Kultur sagt, er hätte einen schrecklichen Satz gesprochen: Credo quia absurdum est - Ich glaube dasjenige, was töricht ist, und nicht dasjenige, was vernünftig ist. - Den Tertullian will ich anführen.

Wenn man den Tertullian anführt, der ungefähr in der Zeit lebte, wo die Inspiration von oben von den toten Zeitgenossen des Christus Jesus begann, und der, soweit er es konnte als Mensch, unter dieser Inspiration stand, wenn man diesen Tertullian wirklich liest, so bekommt man einen eigentümlichen Eindruck. Natürlich schrieb er so, wie er schreiben mußte nach seiner menschlichen Konstitution. Man kann ja gut Inspirationen haben, aber sie zeigen sich immer so, wie man sie aufnehmen kann. So gab denn auch der Tertullian die Inspirationen nicht ganz rein; er gab sie so, wie er sie in seinem menschlichen Gehirn zum Ausdruck bringen konnte, erstens, da er in einem sterblichen Leibe wohnte, und zweitens, da er in einer gewissen Hinsicht leidenschaftlich und fanatisiert war. Er schrieb so, wie es herauskam, aber höchst merkwürdig herauskam, wenn es von einem wahren und richtigen Gesichtspunkte aus betrachtet wird.

Dieser Tertullian tritt einem von diesem Gesichtspunkt aus entgegen als ein Römer von einer nicht einmal besonders hohen literarischen Bildung, aber als ein Schriftsteller von großartiger Sprachkraft. Man kann geradezu sagen: Tertullian ist derjenige, welcher die lateinische Sprache dem Christentum erst gerecht gemacht hat. Er hat erst die Möglichkeit gefunden, diese prosaischeste, unpoetischeste Sprache, diese rein rhetorische Sprache, die lateinische Sprache, mit solchem Temperament und mit einer solchen heiligen Leidenschaft zu durchglühen, daß wirklich unmittelbar seelisches Leben in dem Werke des Tertullian lebt, insbesondere in «De carne Christi» zum Beispiel, oder auch in demjenigen Werk, in dem er alles abzuweisen versucht, wessen man die Christen beschuldigt. Sie sind mit einem heiligen Temperament geschrieben und mit einer großartigen Sprachkraft. - Und dieser Tertullian war als Römer - und an «De carne Christi» kann man das zeigen - vorurteilslos gegenüber seinem eigenen Römertum. Er fand großartige Worte, indem er die Christen gegen die Verfolgung der Römer verteidigte. Die Mißhandlungen, die man den Christen zufügte, damit sie ableugnen sollten ihre Zugehörigkeit zu dem Christus Jesus, die verurteilte er temperamentvoll, so daß er sagte: Beweist nicht euer Verhalten als Richter gegenüber den Christen hinlänglich genug, daß ihr ungerecht seid? Ihr müßt euer ganzes richterliches Verfahren, wie ihr es sonst habt, ändern, es nicht anwenden, wenn ihr gegen die Christen richtet. Sonst zwingt ihr durch die Mißhandlungen einen Zeugen, daß er nicht ableugnet; ihr zwingt ihn, daß er bekennt, was wahr ist, was er wirklich meint. Bei dem Christen macht ihr es umgekehrt: Ihr foltert ihn, damit er leugnet, was er meint. Ihr benehmt euch als Richter den Christen gegenüber entgegengesetzt dem Falle, wie ihr euch sonst als Richter benehmt. Sonst wollt ihr die Wahrheit erfahren durch die Mißhandlung; bei den Christen wollt ihr die Lüge erfahren. - Und in ähnlicher Weise, in Worten, die wirklich den Nagel auf den Kopf trafen, sprach Tertullian über vieles. Dabei kann man sagen, daß er neben dem, daß er ein mutiger, kraftvoller Mann war, der die Hohlheit des römischen Götterdienstes voll durchschaute und darstellte, außerdem ein Mensch war, der überall, wo er schrieb, seine Beziehungen zur übersinnlichen Welt bewies. Er redete von der übersinnlichen Welt so, daß man sieht: Der Mann weiß, was es heißt, von der übersinnlichen Welt zu reden. Er redet von Dämonen so, wie er von seinen Bekannten als Menschen redet. - Und er redet zum Beispiel von den Dämonen so, daß er sagt: Fragt die Dämonen, ob der Christus, der, von dem die Christen behaupten, daß er ein wahrer Gott sei, wirklich ein wahrer Gott ist! Stellt einmal einen wirklichen Christen einem Besessenen gegenüber, aus dem ein Dämon spricht, da werdet ihr sehen: Wenn ihr ihn wirklich zum Sprechen bringt, gesteht er euch, daß er selber ein Dämon ist, denn er sagt die Wahrheit. - Das wußte Tertullian, daß die Dämonen nicht lügen, wenn man sie befragt. - Aber die Dämonen sagen euch auch, wenn der Christ sie richtig fragt aus seinem Bewußtsein heraus, daß der Christus der wahre Gott ist. Nur hassen sie ihn, weil sie ihn bekämpfen. Ihr werdet von dem Dämon erfahren, daß das der wahre Gott ist. - Also nicht nur auf das Zeugnis der Menschen, sondern auf das Zeugnis der Dämonen beruft sich Tertullian. So spricht er von den Dämonen als Zeugen, die nicht bloß reden, die da auch bekennen, daß Christus der wahre Gott ist. Das sagt Tertullian alles aus sich selbst heraus.

Man hat wirklich allen Grund, wenn man Tertullian als Schriftsteller kennenlernt, zu fragen: Was war denn eigentlich das tiefere Seelenbekenntnis des Tertullian, der ergriffen war von der Ihnen eben geschilderten Inspiration? Dieses tiefere Seelenbekenntnis des Tertullian ist in der Tat lehrreich. Denn Tertullian ahnte bereits etwas, was eigentlich erst ziemlich lange nach der Zeit des Tertullian offenbar werden sollte für die Menschheit. Tertullian bekannte sich im Grunde zu drei Sätzen gegenüber der menschlichen Natur. Erstens: Die menschliche Natur ist so, daß sie in der jetzigen Zeit - also das ist die Zeit des Tertullian, Ende des 2. nachchristlichen Jahrhunderts -, daß sie, wie sie jetzt ist, die Schmach auf sich laden kann, das größte Erdenereignis zu verleugnen. Wenn der Mensch nur sich folgt, kommt er nicht zum größten Erdenereignis. Zweitens ist seine Seele zu schwach, um dieses größte Erdenereignis zu begreifen. Drittens ist es dem Menschen ganz unmöglich, wenn er nur dem folgt, was ihm sein sterblicher Leib ermöglicht, ein Verhältnis zu gewinnen zu dem Mysterium von Golgatha.

Diese drei Dinge sind ungefähr das Bekenntnis des Tertullian. Aus diesen drei Dingen heraus hat Tertullian die Worte gesprochen: «Gekreuzigt wurde Gottes Sohn; das ist keine Schande, weil es schändlich ist. Auch gestorben ist er; gerade darum ist es glaublich, weil es töricht ist.» «Prorsus credibile est, quia ineptum est», das ist gerade deshalb glaublich, weil es töricht ist. Dieser Satz steht bei Tertullian. Der andere Satz, den ihm die Welt andichtet: Credo, quia absurdum est -, steht nirgends, weder bei Tertullian, noch bei einem anderen Kirchenvater. Aber dieser Satz, den ich Ihnen jetzt eben ausgesprochen habe, ist dazumal geschrieben worden. Die meisten Menschen kennen von Tertullian nichts anderes als diesen Satz, der nicht wahr ist. Drittens: «Und der Begrabene ist auferstanden», sagt Tertullian, «weil es unmöglich ist. Wir müssen es glauben, weil es unmöglich ist.»

Dieser dreifache Ausspruch, den Tertullian tut, der erscheint natürlich den modernen, ganz gescheiten Menschen als etwas Schreckliches. Man soll sich nur so einen waschechten heutigen materialistisch Gebildeten denken, der da hört, daß einer sagt: Christus ist gekreuzigt worden; wir müssen es glauben, weil es schmachvoll ist. Christus ist gestorben; wir müssen es glauben, weil es töricht ist. Christus ist wahrhaftig auferstanden; wir müssen es glauben, weil es unmöglich ist. - Man soll sich vorstellen, was so ein richtiger monistischer Weltanschauer von heute zu solchen Sätzen für ein Verhältnis gewinnen kann!“ (Lit.:GA 182, S. 168ff)

Apostolische Sukzession

„Sehen Sie, da gibt es eine sehr schöne Stelle bei dem Kirchenschriftsteller Tertullian, um die Wende des zweiten, dritten Jahrhunderts, zwei, drei Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha. Er sagt, er hätte selber noch gesehen die Lehrstühle der Apostel, wo deren Nachfolger an den verschiedenen Orten vorgelesen haben aus den Briefen der Apostel, die noch in der eigenen Handschrift der Apostel waren. Und indem sie vorgelesen wurden, sagt Tertullian, wurde lebendig die Stimme der Apostel. Und indem man die Briefe anschaute, wurden vor dem Geist lebendig die Gestalten der Apostel. - Wer diesen Dingen okkult nachforscht, für den ist das keine Phrase. Es saßen die Gläubigen vor diesen Lehrstühlen so, daß sie aus dem Timbre der Stimme der Nachfolger der Apostel den Klang der Stimme der Apostel heraushörten, und daß sie aus der Handschrift sich Vorstellungen machen konnten über die Gestalten der Apostel. So daß man noch, als das dritte Jahrhundert begann, auch ganz äußerlich lebendig machen konnte die Gestalten der Apostel und in übertragener Bedeutung ihre Stimmen hören konnte. Und noch Clemens I., der römische Papst, der von 92 bis 101 den päpstlichen Stuhl innehatte, der kannte selber noch Apostelschüler, kannte solche, die den Christus Jesus noch gesehen haben. Wir haben schon eine fortlaufende Tradition in dieser Zeit! Und durch diese Stelle klingt etwas durch, was man wiederum okkult nachprüfen kann. Diejenigen, die als Apostelschüler die Apostel anhörten, horten aus dem Klang der Worte die Art heraus, wie der Ton war, in dem der Christus Jesus sprach. Und das ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Denn man muß vor allen Dingen reflektieren auf diesen Klang, auf dieses ganze eigentümliche Wesen, das in dem Sprechen des Christus Jesus war, wenn man einsehen will, warum die Zuhörer davon sagten, daß eine besondere Zauberkraft seinen Worten innewohnte. Es war etwas wie elementare Gewalt, was die Zuhörer ergriff, etwas von einer so elementaren Gewalt der Worte, wie das sonst nicht der Fall war bei irgendeinem anderen. Aber warum das? Warum denn eigentlich das?

Ich habe Ihnen von Saint-Martin gesprochen. Saint-Martin ist einer noch von denjenigen, welche den Ausdruck in den Worten des Christus- Geistes verstanden haben. Man sieht, er versteht ihn. Freimaurergesellschaften des neunzehnten Jahrhunderts verstanden ihn nicht. Man sieht, Saint-Martin versteht ihn, den Ausdruck in jenen Worten, jener Sprache, die allen Menschen einmal gemeinschaftlich war, allen Wesen der Erde, die sich erst differenziert hat in verschiedene einzelne Sprachen; die nahestand dem, was das innere Wort ist. Äußerlich mußte sich der Christus Jesus natürlich so ausdrücken, wie es in der Sprache derer war, die ihm zuhörten; aber was er als innerliches Wort vor seiner Seele hatte, das war so, daß es nicht stimmte mit dem, wie die Sprachworte äußerlich geprägt sind, sondern daß es in sich hatte die verlorene Worteskraft, die undifferenzierte Sprachkraft. Und ohne daß man sich eine Vorstellung bildet von dieser von den einzelnen differenzierten Sprachen unabhängigen Kraft, die im Menschen ist, wenn das Wort ihn ganz durchgeistigt, kann man nicht aufsteigen zu der Kraft, die in dem Christus lebte, und auch nicht zu der Bedeutung desjenigen, was eigentlich gemeint ist, wenn geradezu von dem Christus als von dem «Wort» gesprochen wird, mit dem er sich ganz identifiziert hat, durch das er wirkte, durch das er auch seine Heilungen und die Dämonenaustreibungen vollbrachte. Dieses Wort mußte selbstverständlich verlorengehen; denn das liegt in der Entwickelung der Menschheit seit dem Mysterium von Golgatha. Es muß nur wieder gesucht werden, dieses Wort. Aber zunächst sind wir in einer Entwickelung darinnen, die noch nicht sehr viel Aussicht erweckt, daß man den Weg zurückfinden wird.“ (Lit.:GA 175, S. 218f)

Überzeugter Christ und Römer

„Vor allen Dingen bekommt man Respekt davor, wie Tertullianus die lateinische Sprache, diese lateinische Sprache, die ja ein Ausdruck der abstraktesten menschlichen Denkweise ist, diese lateinische Sprache, die auch schon zu seiner Zeit bei den andern Schriftstellern geworden ist der Ausdruck für das durch und durch prosaische Römertum, mit einem wahren Feuergeist handhabt: er bringt Temperament, er bringt Beweglichkeit, er bringt Empfindung und eine heilige Leidenschaft in die Art seiner Darstellung hinein. Und obzwar er ein typischer Römer ist, der sich so abstrakt ausdrückt wie nur irgendein Römer gegenüber dem, was man oftmals wirklich nennt, obzwar er nach der Anschauung der griechisch gebildeten Leute der damaligen Zeit nicht einmal ein besonders gebildeter Mensch ist, schreibt er mit Eindringlichkeit, mit innerer Kraft, schreibt er so, daß er aus der abstrakten römischen Sprache heraus geradezu der Schöpfer der christlichen Sprechweise geworden ist. Und die Art und Weise, wie er spricht, dieser Tertullianus, die ist wahrhaftig eindringlich genug. In einer Art Schutzschrift für die Christen redet er, man darf sagen, so, daß das geschriebene Wort wirkt, wie wenn man es unmittelbar von einem von heiliger Leidenschaft ergriffenen Menschen gesprochen hörte. Es gibt solche Stellen, wo Tertullian Verteidiger der Christen wird, die, wenn sie angeschuldigt werden, unter einer Prozedur, die dem Foltern sehr ähnlich ist, nicht leugnen, sondern gestehen, daß sie Christen sind und woran sie glauben. Da sagt Tertullian: Überall sonst beschuldigt man diejenigen, die gefoltert werden, daß sie leugnen; bei den Christen macht man es umgekehrt: man erklärt sie für verrucht, wenn sie gestehen, was in ihrer Seele ist. Man will sie durch das Foltern nicht dazu zwingen, daß sie die Wahrheit sagen, was allein einen Sinn hätte; man will sie dazu zwingen, daß sie die Unwahrheit sagen, während sie die Wahrheit sagen. Und wenn sie die Wahrheit gestehen aus ihrer Seele heraus, so betrachtet man sie als Bösewichter.

Kurz, Tertullian war schon ein Mann, welcher einen feinen Sinn hatte für das Absurde im Leben. Und Tertullian war bereits ein Geist, der zusammengewachsen war mit dem, was sich entwickelt hatte als christliches Bewußtsein und christliche Weisheit, ein feiner Beobachter des Lebens. So ist es wirklich etwas Bedeutsames, wenn er solch ein Wort hinwirft: Ihr habt Sprichwörter, ihr sagt im Leben sehr häufig aus unmittelbarstem Empfinden der Seele heraus: Gott befohlen, Gott will es - und so weiter. Das aber ist Christenglaube: die Seele bekennt sich, wenn sie gerade unbewußt sich ausspricht, als eine Christin. - Tertullian ist auch ein Mann mit unabhängigem Geist. Tertullian ist ein Mann, welcher den Römern, zu welchen er selber gehört, sagt: Betrachtet den Christen-Gott und überlegt euch dann, was ihr empfinden könnt über wahre Religiosität. Und ich frage euch, ob dasjenige, was ihr als Römer in die Welt einführt, wahrer Religiosität entspricht, oder ob dasjenige wahrer Religiosität entspricht, was die Christen wollen. Ihr führt Krieg und Mord und Totschlag in die Welt ein; das wollen die Christen gerade nicht. Eure Heiligtümer sind Gotteslästerungen, weil sie Siegeszeichen sind, und Siegeszeichen sind keine Heiligtümer, sondern Zeichen der Heiligtumschändung. - Das sagte Tertullian seinen Römern! Er war ein Mann mit Unabhängigkeitsgefühl, und hinblickend auf das Treiben Roms sagte er: Betet man vielleicht, indem man naturgemäß zum Himmel schaut, oder indem man zum Kapitol schaut? - Dabei war Tertullian keineswegs ein Mann, der aufging im abstrakten Römertum, denn er war tief durchdrungen von der Anwesenheit des Übersinnlich-Wesenhaften in der Welt. Jemanden, der auf der einen Seite so unabhängig und frei und zugleich so aus dem Übersinnlichen heraus spricht wie Tertullian, den soll man suchen, selbst innerhalb der damaligen Zeit, wo das Übersinnliche den Menschen noch näher lag als später! Und Tertullian sagte nicht nur in rationalistischer Weise: Die Christen sagen die Wahrheit, ihr erklärt sie als Bösewichter -, während man doch nur dafür, daß die Menschen das Unwahre sagen unter der Folter, sie als Bösewichter erklären sollte. - Gewiß, das war rationalistisch, wenn auch mutig, aber Tertullian sagte noch andere Dinge; Tertullian sagte zum Beispiel: Wenn ihr nur wirklich hinschaut, ihr Römer, auf eure Götter, welche Dämonen sind, und diese Dämonen wirklich befragt, da werdet ihr die Wahrheit erfahren. Aber ihr wollt nicht von den Dämonen die Wahrheit erfahren. Stellt man einen von einem Dämon Besessenen, aus dem der Dämon redet, einem angeklagten Christen gegenüber und läßt ihn von dem Christen in der richtigen Weise befragen: der Dämon läßt sich als Dämon erkennen; und wenn auch mit Furcht, so wird er auch von dem Gotte, den der Christ anerkennt, sagen: Das ist der Gott, der nun in die Welt gehört! - Tertullian ruft nicht nur das Zeugnis der Christen, sondern auch das Zeugnis der Dämonen an, indem er sagt, daß die Dämonen sich auch als Dämonen bekennen werden, wenn man sie nur befragt, angstlos befragt, und daß sie gerade so, wie es auch in den Evangelien beschrieben ist, den Christus Jesus als den wirklichen Christus Jesus anerkennen.“ (Lit.:GA 184, S. 234ff)

Auseinandersetzung mit Marcion über die menschliche und göttliche Natur Christi

Marcion (* um 85; † 160) hatte einseitig im luziferischen Geiste der Gnosis nur die göttliche Natur Christi betont (→ Doketismus). Christus habe als göttliches Wesen weder Geburt noch Leiden wirklich auf sich genommen, sondern nur zum Schein. Das sah Tertullian als Irrglauben an; Christus habe eine göttliche und eine menschliche Natur, beide seien zwar in der einen Person Christi verbunden, aber nicht vermischt - entgegen der später 451 im Konzil von Chalcedon festgeschriebenen kirchlichen Auffassung der Zwei-Naturen-Lehre.

„Nun will ich von einem Manne ausgehen, der versuchte, in den ersten Jahrhunderten des Christentums gewissermaßen die Strömungen aufzuhalten, die von der luziferisch gewordenen Gnosis kamen, und von diesem Gesichtspunkt aus das Mysterium von Golgatha erfassen wollte. Das ist Tertullian. Er stammte aus Nordafrika, war gelehrt in Angelegenheiten der heidnischen Weisheit. Etwa gegen das Ende des 2. Jahrhunderts nach dem Mysterium von Golgatha trat er zum Christentum über und wurde einer der gelehrtesten Theologen seiner Zeit. Nun ist es ganz besonders interessant, ihn ein wenig zu betrachten, aus dem Grunde, weil er aus seinem Studium der alten heidnischen Weisheit noch etwas von einem inneren Verständnis der alten hellseherischen Begriffswelt hatte, und auf der andern Seite, weil er - seine Bekehrungsgeschichte zeigt das - ganz den christlichen Impuls in sich hatte und gewissermaßen beides so vereinigen wollte, daß das Christentum dadurch voll bestehen könnte. Dazu mußte er das zurückdrängen, was er als luziferisch angehauchte Gnosis bei Basilides, bei Marcion und andern empfand. Und nun tauchten ihm bestimmte Fragen auf. Aus einem ganz bestimmten Grunde tauchten dem Tertullian diese Fragen auf. Sehen Sie, indem wir heute mit der Geisteswissenschaft beginnen, reden wir sehr häufig von der Gliederung der menschlichen Natur, von der Art und Weise, wie der Mensch zuerst seinen dichten physischen Leib hat, den Augen sehen, Hände greifen können; wie dann ein Ätherleib da ist, wie ein astralischer Leib da ist, eine Empfindungsseele und so weiter. Das heißt, wir suchen vor allen Dingen die Konstitution der menschlichen Natur zu erkennen. Aber wenn Sie die geschichtliche Entwickelung des geistigen Lebens in den Jahrhunderten seit dem Mysterium von Golgatha verfolgen, so werden Sie nirgends finden, daß man in einer solchen Art bis in die heutige Zeit herauf, äußerlich, wie wir es zu tun haben, die Konstitution des Menschen betrachtete. Das ging verloren und war schon verloren, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Diejenigen, an die der Impuls des Mysteriums von Golgatha herantrat, wußten nichts mehr von dieser Gliederung des Menschen. Das aber ergab für sie eine ganz bestimmte Schwierigkeit [...]

Und so entstand die große, umfängliche Frage: Wie ist das denn eigentlich mit dem Zusammenwirken der Christus-Natur und der Jesus-Natur? Wie ist möglich, daß dieser Christus als eine göttliche Wesenheit in dem Jesus als einer menschlichen Wesenheit Platz greift? - Und diese Frage ist es, die solche Leute wie Tertullian beschäftigt. Weil sie nicht die Vorbedingung haben, die Sache zu verstehen, geht ihnen das Problem gleichsam postum noch einmal auf - aber an dem einen Christus Jesus geht es ihnen auf zu fragen: Wie ist denn eigentlich das Geistige und Physische und Seelische verbunden? - Wie sie überhaupt bei Menschen verbunden sind, das wußten sie nicht, aber sie mußten irgend etwas herausbekommen, wie es bei dem Christus Jesus verbunden war. Weil nun die Gnosis der damaligen Zeit luziferisch angehaucht war, kam sie selbstverständlich ihrerseits auch nicht mehr auf das Richtige. Wenn Sie sich an gewisse Vorträge erinnern, die ich hier in der letzten Zeit gehalten habe, da werden Sie finden, daß ich gesagt habe: die Menschen kommen auf der einen Seite nach dem Materialismus, auf der andern Seite nach einem einseitigen Spiritualismus. Der einseitige Materialismus ist ahrimanisch, der einseitige Spiritualismus luziferisch angehaucht. Die Materialisten kommen nicht zum Geist, und die luziferisch Geistgläubigen kommen nicht zu der Materie.

So war es bei den Gnostikern: sie kamen nicht zum physischen Dasein, zum materiellen Dasein. Und wenn man nun einen solchen Menschen wie Marcion betrachtet, so sieht man: für ihn ist ein klarer, ein mehr oder weniger klarer Christus-Begriff da, aber er kann durchaus nicht erfassen, wie dieser Christus in dem Jesus enthalten war. Daher ätherisierte sich ihm der ganze Prozeß. Er brachte es dahin, den Christus noch als Geist, als ätherisches Wesen zu fassen, das zum Schein einen Leib angenommen hat. Aber die richtige Art und Weise, wie der Christus in dem Jesus darin war, konnte er nicht fassen. Marcion kam dazu, zuletzt zu sagen — gerade er ist es, der dazu kam, zu sagen: Christus ist zwar auf die Erde herabgestiegen, aber alles, was der Jesus erlebt, war nur zum Schein erlebt; die physischen Ereignisse sind nur zum Schein erlebt; der Christus hat eigentlich nicht teilgenommen, sondern er war nur wie eine ätherische Wesenheit da, die aber ganz getrennt blieb. Deshalb mußte sich Tertullian gegen Marcion wenden, und gegen die andern, die ähnlich dachten, Basilides zum Beispiel.“ (Lit.:GA 165, S. 202ff)

„Diejenigen, welche den Glauben an die Auferstehung, einen Glauben, der bis auf die Zeit der gegenwärtigen Geistesverwandten der Sadduzäer unangefochten geblieben ist, wankend zu machen suchen, indem sie leugnen, dass besagte Hoffnung auch dem Fleische gelte, die zerren natürlich auch die Leiblichkeit Christi auf dem Kampfplatze ihrer Kontroversen auseinander [...]

Um die Leiblichkeit Christi leugnen zu können, leugnete Marcion auch dessen Geburt, oder um die Geburt leugnen zu können, leugnete er auch seine Leiblichkeit, in der Absicht nämlich, damit beides nicht gegenseitig Zeugnis für einander ablege, die Geburt für das Fleisch und umgekehrt. Denn ein Geborenwerden ohne Leiblichkeit ist ebenso wenig denkbar als eine Leiblichkeit ohne Geborensein. Und doch hätte er mit derselben häretischen Willkür können die Leiblichkeit zulassen, die Geburt dagegen leugnen, wie es sein Schüler und nachmaliger Gegner Apelles gemacht hat. Er konnte ferner ebenso leicht sogar beides, die Leiblichkeit und die Geburt, zugeben und doch beides anders bestimmen, wie sein Mitschüler und ebenfalls nachmaliger Gegner es gemacht hat, Valentinus. Wer die Theorie von einem Scheinleibe Christi in Schwang brachte, der konnte sogar geradeso leicht eine Scheingeburt ersinnen; dann wäre auch die Empfängnis, die Schwangerschaft und das Gebären der Jungfrau sowie der darauf folgende Verlauf der Kindheit für Schein gehalten worden.“

Tertullian: Über den Leib Christi I [3]

„Antworte daher, Du Mörder der Wahrheit, nunmehr auf folgende Fragen: Ist Gott nicht wirklich gekreuzigt worden? Ist er nicht wirklich gestorben, weil er wirklich gekreuzigt war? Ist er nicht wirklich auferweckt, weil er wirklich tot war? Dann hat sich Paulus also wohl mit Unrecht vorgenommen, unter uns nichts zu wissen, als Jesum den Gekreuzigten?[1] Er hat auch seines Begräbnisses mit Unrecht gedacht und mit Unrecht seine Auferstehung betont? Falsch ist also auch unser Glaube und ein Phantasma alles, was wir von Christus hoffen? — Du grösster Verbrecher unter den Menschen, Du entschuldigst ja die Mörder Gottes! Denn wenn Christus nicht wirklich gelitten hat, so hat er auch von ihnen nichts zu leiden gehabt. Übe doch Schonung gegen den einzigen Gegenstand der Hoffnung des ganzen Erdkreises! Warum zerstörst Du die dem Glauben so nötige Schmach? Was immer da auch Gottes unwürdig ist, das ist mein Vorteil. Mein Heil ist es, wenn ich ob meines Herrn nicht in Verwirrung gerate. „Wer sich meiner“, sagt er, „schämen wird, dessen werde ich mich auch schämen.“[2]

Tertullian: Über den Leib Christi V [4]

„Nun, solch ein Mensch wie Marcion sagte aus seiner luziferisch infizierten Gnosis heraus: Den Prozeß des Menschen Werdens und so weiter, der sich hier auf der Erde abspielt, den kann doch ein Gott nicht durchmachen, weil ein Gott andern Gesetzen unterliegen muß, die der geistigen Welt angehören. Er fand nicht den Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, dem Sinnlichen. Nun gab es eine nicht mehr vorhandene Auseinandersetzung darüber - Marcion ist äußerlich, physisch, nur aus seinen Gegnern, zum Beispiel aus Tertullian, wiederzuerkennen -, daß die ganze äußere physische Geschichte des Jesus von Nazareth gar nicht angemessen wäre der göttlichen Weltordnung; wie Gott auf der Erde sein könnte, das kann alles nur Schein sein, das kann alles ohne Bedeutung sein. Der Christus müßte rein geistig erfaßt werden. - Tertullian sagte: Du hast recht, Marcion - das steht jetzt in Tertullians Schriften -, du hast recht, wenn du deine Begriffe so machst, wie du sie machst; das sind ganz verständliche, durchschaubare Begriffe, aber du mußt sie dann auch nur auf das Endliche, auf die Dinge anwenden, die in der Natur vor sich gehen; du darfst sie nicht auf das Göttliche anwenden. Für das Göttliche muß man andere Begriffe haben. Und da kann für den endlichen Verstand absurd erscheinen, was für das Walten des Göttlichen die Regel, das Gesetz ist.

Tertullian stand also, ich will nicht sagen, bewußt, aber empfindungsgemäß und unbewußt vor der großen Rätselfrage, wieweit denn das Denken gilt, das der Natur, den Naturerscheinungen angepaßt ist. Und er hielt dem Marcion entgegen: Wenn man nur das Denken, das den Menschen plausibel erscheint, anwendet, dann kann man das behaupten, was Marcion sagt. Aber mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas in die Weltentwickelung eingetreten, worauf dieses Denken nicht anwendbar ist, wozu man andere Begriffe braucht. — Daher bildete er das Wort: Es nötigen uns diese höheren Begriffe, die sich auf das Göttliche beziehen, zu glauben, was für das Endliche absurd ist. Man muß schon wirklich, um dem Tertullian nicht unrecht zu tun, nicht bloß den Satz zitieren: Ich glaube was absurd ist, was sich nicht beweisen läßt -, sondern man muß diesen Satz doch im ganzen Zusammenhang, in dem er steht und den ich so jetzt etwas verständlich machen wollte, anführen. Das war das hauptsächlichste Problem, das nun Tertullian beschäftigte: Wie ist die göttliche Christus-Natur mit der menschlichen Jesus-Natur verbunden? - Und da war er sich klar darüber: menschliche Begriffe taugen für das Erfassen dessen, was sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat, nicht. Menschliche Begriffe führen immer dazu, daß man das Spirituelle, das man von dem Christus erfaßt hat, nicht verbinden kann mit dem, was man als Erdengeschichte in bezug auf den Jesus erfassen muß. Aber, wie gesagt, Tertullian fehlte die Möglichkeit, aus der Konstitution des Menschen, wie wir sie heute wiederum zu erfassen versuchen, das Problem zu begreifen. Dadurch brachte er es zunächst nur dazu, zuerst einmal, ich möchte sagen, das Surrogat für jenen Begriff zu finden, den wir uns ausbilden, wenn wir uns etwas an einer bestimmten Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis klarmachen wollen.

Erinnern Sie sich an eine Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die Sie zum Beispiel in meiner «Theosophie» finden. Da werden Sie sehen: Es ist zunächst die Rede von dem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, dann: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, und schließlich die einzelnen Verbindungen mit dem Geistselbst. Da sind verschiedene Auseinandersetzungen darüber, wie sich das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinarbeitet. Das ist aber genau auch die Stelle, die man ins Auge fassen muß, wenn man in das Verweilen des Christus in dem Menschen Jesus hineinschauen will, wenn man das verstehen will. Das ist die Voraussetzung, daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinkommt; das ist Voraussetzung, wie man verstehen kann, wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst in die Bewußtseinsseeiennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. Nur ein Surrogat für dies fand Tertullian, und man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt - nach Tertullian - zwischen dem Christus, entsprechend dem Geistselbst, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung. Und solche Verbindung wird die Menschheit auch nur dann kennenlernen, wenn das Geistselbst einmal ordnungsgemäß da sein wird. Jetzt leben wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Jeder Mensch wird etwas viel Loseres im Zusammenhang haben, wenn das Geistselbst im sechsten nachatlantischen Zeitraum regelmäßig entwickelt sein wird. Da werden die Menschen auch besser verstehen, wie anders zum Beispiel die Christus- Natur an die Jesus-Natur gebunden war, als, sagen wir, die Bewußtseinsseele an die Verstandesseele. Die Bewußtseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt. Aber das Geistselbst ist mit der Bewußtseinsseele verbunden, nicht vermischt. Und diesen Begriff bildete sich Tertuilian wirklich aus. Er sagt: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden. So stellte sich ihm der eine Gottmensch hin, der Christus Jesus, um an ihm sich noch einmal im Zeitalter, in dem dies alte begriffliche Hellsehen nicht mehr da war, zu veranschaulichen, wie das Göttliche und das Physisch- Seelische in der Menschennatur miteinander verbunden war.“ (Lit.:GA 165, S. 21ff)

Die Trinität

Tertullian prägte für die Trinität den lateinischen Ausdruck trinitas als Übersetzung von griech. τριάς („Dreifaltigkeit“). Vater, Sohn und Heiliger Geist seien „drei Personen“ (tres personae), die aber die Einheit Gottes (una substantia) bilden.

„... dadurch, daß Tertuilian sich klargemacht hat: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden - er konnte nicht sagen, wie wir sagen würden: wie das Geistselbst mit der Bewußtseinsseele -, aber er sagte: nicht vermischt, sondern verbunden ~, dadurch trat für ihn hervor, daß er sich sagte: Alles dasjenige, womit sich der Christus verbunden hat, das kommt auch aus dem Geiste der Welt heraus; das ist das Vaterprinzip in der Welt. - Das Vaterprinzip wurde für Tertuilian dasjenige, was sozusagen zu der irdischen Erscheinung des Jesus gehörte. Da liegt das Vaterprinzip, das schöpferische Prinzip in der Natur, dasjenige, was alles hervorbringt in der Natur. Mit dem vereinigte sich das Christus- Prinzip, das Sohnesprinzip. So wurde es für Tertuilian, und durch den Vater und den Sohn, durch Läuterung des Äußeren, Natürlichen, durch den Christus, entsteht nun wiederum der Geist, den er den Heiligen Geist nennt.

So war dasjenige, was in der Zeit des Mysteriums von Golgatha als der Christus Jesus dasteht, als Jesus hervorgehend aus dem Vaterprinzip, wie alles in der Welt aus dem Vaterprinzip hervorgeht. So war dieser Christus Jesus, dadurch, daß er den Christus in sich trug, der aus dem Vaterprinzip hervorgehende Sohn, der einfach später gekommen war, der Bringer des Geistes - des Geistes, der dann erst wiederum von ihm kommt. So suchte Tertullian den Weg von dem einzelnen Menschen zum Kosmos hinaus zu finden: zum Vater-, Sohn- und Geistprinzip.

Jesus Vater

Christus Sohn

HL Geist

Nun entstand für ihn die große Schwierigkeit, begreiflich zu machen, wie drei eins und eins drei sein könne. Für die alten Zeiten, wo es noch hellseherische Begriffe gab, war es gar keine besondere Schwierigkeit, sich das vorzustellen. Aber für die Zeit, in der durch Begriffe alles auseinanderfällt und nichts mehr recht verbunden werden kann, entstand die Schwierigkeit. Tertullian brauchte einen hübschen Vergleich, um klarzumachen, wie eins drei und drei eins sein kann. Er sagte: Nehmt die Quelle. Aus der Quelle kommt der Bach, aus dem Bach kommt der Fluß. Fragen wir nach dem Flusse, so sagen wir: Er kommt aus der Quelle durch den Bach; aus der Quelle durch den Bach. - Oder nehmet, sagte er, zum Vergleiche die Wurzeln, den Sprossen, die Frucht: die Frucht kommt aus der Wurzel durch den Sprossen. - Noch einen dritten Vergleich brauchte Tertullian, indem er sagte: Das Lichtflämmchen kommt aus der Sonne, durch den Kosmos getragen. So, sagte er, muß man sich vorstellen, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt. Und so wenig diese Dreiheit: Quelle, Bach, Fluß der Einheit widerspricht, die der Fluß der Wirklichkeit nach ist, so wenig widerspricht die Tatsache, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt, dem einheitlichen Sich-Hinentwickeln von Vater, Sohn und Geist.

So suchte er sich klarzumachen, wie die drei eins sein können: so wie Wurzeln, Sprosse und Frucht, so wie Quelle, Bach und Fluß. Und er versuchte auch eine gewisse Formel zu gewinnen. Dadurch, daß er bei dem Vaterprinzip - also bei dem, was immer dasjenige ist, aus dem durch das Sohnesprinzip das Geistprinzip kommt -, daß er bei dem Vaterprinzip dachte: das Natürliche, das äußerlich Geschaffene, das äußerlich Offenbare; bei dem Sohnesprinzip dasjenige, was das äußerlich Offenbare durchdringt; und bei dem Geistprinzip dasjenige, was dann durch beides zusammen für die Erdenentwickelung gebracht wird, dadurch bildete sich ihm eine Lehre aus, die aber im Grunde genommen nur ein einzelner symptomatischer Ausdruck für das war, was in diesen ersten Jahrhunderten des Christentums sich überhaupt ausbildete bei den Leuten, die auf der einen Seite noch etwas von der Gnosis in sich hatten, zu gleicher Zeit all die Schmerzen und Leiden durchmachten, weil die Gnosis verlorengehen mußte, und die nun zugleich mit dem zurechtzukommen suchten, was der Christus Jesus war, was er sein mußte zu dem Ziele des Mysteriums von Golgatha. Tertullian ist nur ein besonders genialischer, aber er ist eben ein Repräsentant desjenigen, was man in diesen ersten Zeiten des Christentums dachte, um wirklich geistig zu durchdringen, was geschehen war.“ (Lit.:GA 165, S. 213ff)

Werke

  • An die Märtyrer (Ad martyras) [5]
  • Apologetikum (Apologeticum) [6]
  • Über das Gebet (De oratione) [7]
  • Über das Pallium oder den Philosophenmantel (De pallio) [8]
  • Über den Götzendienst (De Idololatria) [9]
  • Über den weiblichen Putz (De cultu feminarum) [10]
  • Über die Aufforderung zur Keuschheit (De exhortatione castitatis) [11]
  • Über die Buße (De paenitentia) [12]
  • Über die Ehrbarkeit (De pudicitia) [13]
  • Über die Geduld (De patientia) [14]
  • Über die Schauspiele (De spectaculis) [15]
  • Über die Taufe (De baptismo) [16]
  • Das Zeugnis der Seele (De testimonio animae) [17]
  • Die zwei Bücher an seine Frau (Ad uxorem) [18]
  • Gegen die Juden (Adversus Iudaeos) [19]
  • An Scapula (Ad Scapulam) [20]
  • Arznei gegen Skorpionstich (Scorpiace) [21]
  • Über das Fasten, gegen die Psychiker (De ieiunio adversus psychicos) [22]
  • Über die einmalige Ehe (De monogamia) [23]
  • Über die Monogamie (De monogamia) [24]
  • Gegen Hermogenes (Adversus Hermogenes) [25]
  • Vom Kranze des Soldaten (De corona militis) [26]
  • Über die Seele (De anima) [27]
  • Über die Verschleierung der Jungfrauen (De virginibus velandis) [28]
  • Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum) [29]
  • Über das Fliehen in der Verfolgung (De fuga in persecutione) [30]
  • Die fünf Bücher gegen Marcion (Adversus Marcionem) [31]
  • Über die Auferstehung des Fleisches (De resurrectione carnis) [32]
  • Gegen die Valentinianer (Adversus Valentinianos) [33]
  • Gegen Praxeas (Adversus Praxeas) [34]
  • Über den Leib Christi (De carne Christi) [35]

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls, GA 165 (1981), ISBN 3-7274-1650-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, GA 175 (1996), ISBN 3-7274-1750-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Der Tod als Lebenswandlung, GA 182 (1996), ISBN 3-7274-1820-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die Polarität von Dauer und Entwickelung im Menschenleben. Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit., GA 184 (2002), ISBN 3-7274-1840-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

 Wikisource: Quintus Septimius Florens Tertullianus – Quellen und Volltexte (latina)
Commons-logo.png Commons: Quintus Septimius Florens Tertullianus - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. 1 Kor 2,2 LUT
  2. Mt 10,33 LUT