Tierbewusstsein

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Das Tierbewusstsein unterscheidet sich vom menschlichen Wachbewusstsein, weil das Tier zwar über einen eigenständigen Astralleib als Bewusstseinsträger, nicht aber über ein individuelles Ich, sondern nur über ein Gruppen-Ich verfügt. Das Bewusstsein höherer Tiere ähnelt mehr dem menschlichen Traumbewusstsein, ist aber gesättigter und weniger flüchtig als dieses.

"Jenen tiefen traumlosen Schlaf, den der Mensch die größte Zeit hindurch hat zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, hat das Tier nicht, dagegen hat auch das Tier nicht das vollständige Wachsein, das der Mensch hat zwischen dem Aufwachen und Einschlafen. Der tierische Wachzustand ist eigentlich dem menschlichen Träumen etwas ähnlich. Nur sind die Bewußtseinserlebnisse der höheren Tiere bestimmter, gesättigter, möchte ich sagen, als die flüchtigen menschlichen Träume. Aber auf der andern Seite ist das Tier niemals in jenem hohen Grade bewußtseinslos, wie der Mensch das im tiefen Schlafe ist. Das Tier unterscheidet sich daher nicht in demselben Maße von seiner Umgebung wie der Mensch. Das Tier hat nicht in dieser Weise eine Außenwelt und Innenwelt, wie der Mensch sie hat. Das Tier rechnet sich eigentlich, wenn wir in menschliche Sprache übersetzen, was als ein dumpfes Bewußtsein in den höheren Tieren lebt, mit seinem ganzen Innenwesen zur Außenwelt mit.

Wenn das Tier eine Pflanze sieht, dann ist nicht zunächst für das Tier die Empfindung da: es ist außen eine Pflanze, und ich bin im Innern ein geschlossenes Wesen, sondern für das Tier ist ein starkes inneres Erlebnis von der Pflanze da, eine unmittelbar sprechende Sympathie oder Antipathie. Das Tier empfindet gewissermaßen dasjenige, was die Pflanze äußert, in seinem Innern mit." (Lit.: GA 228, S. 45f)

"Wenn wir nun in die Umgebung des Menschen schauen, zunächst zur Tierwelt, dann haben wir in der Tierwelt ein Bewußtsein, welches nicht bis zu dem Denken, bis zu dem Gedankenleben heraufkommt, sondern welches sich eigentlich ausgestaltet in einer Art lebendigen Traumlebens. Wir können uns durch das Studium unseres eigenen Traumlebens eine Vorstellung davon bilden, wie es eigentlich im Seelenleben des Tieres aussieht. Es ist das Seelenleben des Tieres eben durchaus ein Träumen. Daher ist das Seelenleben des Tieres viel mehr tätig am Organismus als das Seelenleben des Menschen, das vom Organismus durch die Helligkeit des Vorstellungslebens viel mehr emanzipiert ist. Das Tier träumt eigentlich. Und so wie unsere Traumbilder, die Traumbilder, die wir uns bilden während des wachen Bewußtseins, als Gefühle heraufströmen, so ist ein solches gefühlsartiges Seelenleben dasjenige, was beim Tiere hauptsächlich zugrunde liegt. Ein vom hellen Gedankenlichte durchzogenes Seelenleben hat eigentlich das Tier nicht. Was also bei uns vorgeht zwischen dem Ätherleib und dem astralischen Leib, das ist das Wesentliche, was im Tiere vorgeht; das bildet das tierische Seelenleben. Und wir können das tierische Leben verstehen, wenn wir es also aus dem Seelenleben hervorgehend vorstellen.

Es ist wichtig, daß man sich eine gewisse Vorstellung verschafft von diesen Verhältnissen, denn man wird dann begreifen, was eigentlich vorgeht, sagen wir, wenn das Tier verdaut. Man wende nur einmal den Blick auf eine Herde, die in der Verdauung auf einer Weide liegt. Die ganze Stimmung, die in den Tieren ist, die kündigt ja an, was da durch Geistesforschung zutage tritt: daß tatsächlich die erregte Tätigkeit, die sich im wesentlichen abspielt zwischen Ätherleib und Astralleib des Tieres, in einem lebendigen Fühlen heraufdringt, und daß das Tier in diesem Fühlen lebt. Eine Steigerung und Herabminderung dieses Fühlens, das ist das Wesentliche des tierischen Erlebens, und das Teilnehmen an seinen Traumbildern, wenn es eben das Fühlen etwas dämpft und mehr das Bild an die Stelle des Fühlens tritt. Wir können also sagen: Das Tier lebt in einem Bewußtsein, das unserem Traumbewußtsein ähnlich ist." (Lit.: GA 207, S. 65)

"Das Tier hat ein Bewußtsein, welches im wesentlichen so ist, daß es das, was der Mensch in die Sinneszone hineinschickt und in der Sinneszone, die ich heute erwähnt habe, gesondert erlebt, daß es das nicht in der Sinneszone erlebt, sondern daß das, was das Tier in der Sinneszone erlebt, gleichartig ist mit dem, was es auch als Vorstellungsleben hat. Jene strenge Scheidung zwischen der Wahrnehmung und der Vorstellung, wie man sie beim Menschen ziehen kann, die ist für das Tier nicht berechtigt. Das läßt sich erstens durch die Anschauung, durch das schauende Bewußtsein unmittelbar erkennen; auf der anderen Seite aber erkennen Sie es auch anatomisch, physiologisch. Ich erinnere Sie nur daran, daß, sagen wir, das Auge für das Tier eine ganz andere innerliche Organisation hat als bei Menschen. Es sind beim Menschen gewisse Inhalte des Auges zurückgenommen in die innere Organisation, mehr in die Nervenorganisation, beim Tiere sind sie herausgedehnt ins Auge. Sie finden bei gewissen Tieren den Fächer, den Schwertfortsatz: das ist das äußere, anatomische Gebilde, das zeigen könnte, wie das Vitale beim Tier bis in die Sinneszone hineingeht. Beim Menschen zieht sich dies Vitale zurück, so daß der Mensch in der Sinneszone — ich bitte das ausdrücklich zu berücksichtigen - die Anwesenheit seiner Seele so erlebt, daß er in dieser Sinneszone etwas ganz anderes erlebt, als das Tier in der Sinneszone erlebt. Und dieses, was der Mensch in der Sinneszone erlebt und dessen weitere Ausbildung dann das imaginative, das inspirierte, das intuitive Bewußtsein ist, das, was dann wiederum in dem Vorstellungsleben und in dem Erinnerungsleben fortgesetzt wird, dieses Erleben in der Sinneszone, das ist dasjenige, was dem menschlichen Bewußtsein eine ganz andere Färbung gibt - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - , als sie das tierische Bewußtsein hat." (Lit.: GA 073, S. 154f)

Tiere nehmen den Menschen nicht als äußeres Wesen wahr, so wie ein Mensch den anderen, sondern sie erleben ihn bereits als übersinnliches Wesen. Dafür reicht ihr sinnliches Bewusstsein bis in das oberste Elementarrreich hinab.

"Wenn wir die sichtbaren Reiche auf der Erde hier nehmen, so haben wir als solche das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich. Über diesen Reichen, gewissermaßen wie eine Fortsetzung nach oben, erscheint das Reich der Angeloi, der Archangeloi, der Archai und so weiter. Wir können uns einfach vorstellen, daß die Reiche mit dem Menschenreich nicht abgeschlossen sind, sondern sich auch nach oben weiter erstrecken, nur daß die höheren Reiche nicht gesehen werden können mit den Sinnen, welche die äußeren Sinne sind.

Allein es könnte auffällig erscheinen, daß, wenn wir hinaufgehen vom Mineral-, Pflanzen- und Tierreich zum Menschenreich, dann auf einmal über dem Menschenreich die Unsichtbarkeit beginnt. Es wird das aber nur so lange auffällig sein, als man nicht bedenkt, daß die Tiere - für den ist das ganz klar, der sich ganz in das tierische Anschauungsvermögen versetzen kann - den Menschen nicht so sehen, wie der eine Mensch den andern sieht. Wenn die Tiere reden könnten, würden sie von sichtbaren Reichen nur sprechen als von Mineral-, Pflanzen- und Tierreich; sie würden sich selber als das höchste sichtbare Reich betrachten. Daß die Tiere den Menschen so sehen, wie ein Mensch den andern, ist nur ein Vorurteil. Für die Tiere sind wir Menschen wirklich von einem übersinnlichen, gespensterhaften Dasein; und wenn die Tiere nur solche Wahrnehmungen hätten, wie wir sie haben, so würden sie die Menschen nicht sehen, sondern sie wären für sie so unsichtbar wie für die Menschen das Reich der Engel. Nur weil sie eine gewisse Art von traumhaftem Hellsehen haben, so sehen die Tiere den Menschen als Gespenst, als ein übersinnliches Wesen. Von dem Bild, das ein Tier vom Menschen hat, kann sich der Mensch als solcher unmittelbar keine Vorstellung machen. Dafür allerdings sehen die Tiere auch nach unten etwas, oder besser gesagt, nehmen nach unten etwas wahr, was der Mensch nach unten nicht mehr wahrnimmt. Nämlich die Tiere nehmen nicht nur so wahr, wie der Mensch die mineralische Welt wahrnimmt, sondern sie nehmen noch - besonders stark die niederen Tiere - etwas ganz anderes wahr. Wenn ein Tier, ich will sagen, eine Schnecke über den Boden kriecht, dann nimmt sie die ganze Eigentümlichkeit des Bodens wahr. Das würde den Menschen fortwährend stören, wenn er, indem er über den Erdboden geht, diesen so wahrnehmen würde wie eine Schnecke oder selbst eine Schildkröte. Mit den höheren Tieren, die warmes Blut haben, ist es etwas anderes, aber gerade die niederen Tiere nehmen wirklich die ganze Eigentümlichkeit des Bodens wahr, auf dem sie kriechen. Sie nehmen die ganze Eigentümlichkeit der Luft wahr, sie nehmen alles, was um sie herum ist, in einer ganz andern Weise wahr als der Mensch. Das Tier weiß, ob es sich über einen Boden, der Moorboden ist, oder ob es sich über einen Sandboden hinbewegt, denn es nimmt die ganze Eigentümlichkeit des Bodens in sich wahr. Und zwar ist das so ähnlich, wie wir die Dinge in unserer Umgebung hören. Alle mineralische Welt ist in einem feinen Erzittern von Kräften durchsetzt, die der Mensch nicht wahrnimmt. Dieses feine Erzittern, diese Kräfte nimmt das Tier so wahr, daß es das eine als sympathisch empfindet, das andere nicht. Wenn das Tier zum Beispiel von einer Bodenart zur andern umkehrt, so ist es nicht so, daß das Tier es sieht wie der Mensch, sondern weil ihm etwas schmerzlich ist, weil die feinen Bewegungen in ihm nachklingen, weil es sich wie dazugehörig fühlt. Das ist eine Art von instinktivem Hören, wie ein Mithören dessen, was in dem Boden vorgeht, oder das ist wie ein Riechen. So daß wir sagen können: Das Tier nimmt ein Elementarreich wahr und läßt vom Menschen an schon eine höhere Hierarchie gelten." (Lit.: GA 159, S. 204ff)

Am stärksten hellt sich das Bewusstsein der Tiere im Moment des Todes auf; es kommt dann nahe an das menschliche Bewusstsein heran.

"Der Moment der höchsten Aufhellung, des intensivsten Bewußtseins — und als Geistesforscher darf ich sagen: ein Moment, wo das tierische Element nahe herankommt an das menschliche, man versuche nur einmal, Tiere im Sterben zu beobachten! - , das ist der Moment, wo das Tier stirbt." (Lit.: GA 067, S. 279)

"Und etwas wie ein Anflug eines Ich-Bewußtseins tritt in dem einzigen Augenblick des Sterbens beim Tier auf." (Lit.: GA 181, S. 217)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Ewige in der Menschenseele. Unsterblichkeit und Freiheit, GA 67 (1992), ISBN 3-7274-0670-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Ergänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie, GA 73 (1987), ISBN 3-7274-0730-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Initiationswissenschaft und Sternenerkenntnis, GA 228 (2002), ISBN 3-7274-2280-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 [GA 159/160] (1980), ISBN 3-7274-1590-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft, GA 181 (1991), ISBN 3-7274-1810-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Anthroposophie als Kosmosophie – Erster Teil, GA 207 (1990), ISBN 3-7274-2070-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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