Tobias Gottfried Schröer

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Tobias Gottfried Schröer (* 14. Juni 1791 in Preßburg, damals Kaisertum Österreich; † 2. Mai 1850 ebenda) war ein österreichisch-ungarischer Pädagoge und Schriftsteller und schrieb u.a. unter den Pseudonymen Christian Oeser, Pius Desiderius, Theodoricus Schernbergk d. J., Elias Tibiscanus, A. Z. Er war der Vater von Karl Julius Schröer, dem verehrten Hochschullehrer Rudolf Steiners.

Leben

Tobias Gottfried Schröer wurde am 14. Juni 1791 in Preßburg/Pozsony, dem heutigen Bratislava im damaligen Oberungarn (heute Slowakei) als Sohn eines protestantischen Buchbinders aus der Niederlausitz geboren, der sich hier 1788 niedergelassen hatte. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1806 besuchte Schröer, in den Sprachen schon gut vorgebildet, das Alumneum, um sich zum evangelischen Geistlichen ausbilden zu lassen. Daneben gab er Privatstunden und wirkte als Hauslehrer. Ab 1816 studierte Schröer Theologie in Halle an der Saale, wo er auch Vorlesungen über Philosophie, Pädagogik, klassische Philologie und Hebräisch hörte. Aus finanziellen Gründen musste er allerdings schon 1817 nach Preßburg zurückkehren und unterrichtete am dortigen evangagelischen Lyzeum von 1817 bis zu seinem Tod 1850 Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte Geographie und Ästhetik. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Lehr- und Lesebücher, die ganze Schülergenerationen prägten. Für die Gründung einer höheren Töchterschule entwarf er das Organisationsstatut und übernahm neben seiner Tätigkeit im Lyzeum von 1818 bis 1824 die Leitung. 1824 wurde Schröer Subrektor des Lyzeums und 1838 Professor für die höheren Klassen.

1823 heiratete Schröer die ebenfalls in Preßburg geborene Schriftstellerin Therese Langwieser (* 9. Mai 1804; † 27. Januar 1885 in Wien), die unter dem Pseudonymen Therese Oeser und Frau Therese schrieb und schon früh auch für Gesang und Komposition begabt war. Anfang 1825 wurde ihr Sohn Karl Julius geboren.

Zu Schröers Bekannten zählten die Schriftstellerinnen Caroline Pichler, Therese von Artner und der Schriftsteller August Gottlieb Hornbostel. Seit 1836 war er mit dem Schriftsteller, Schauspieler und Regiesseur Carl von Holtei befeundet.

Wie sein Freund und ehemaliger Schüler Eduard Glatz war Schröer der gemäßigten Richtung der Ungarndeutschen verbunden, was ihn den ungarischen und österreichischen Behörden gleichermaßen verdächtig machte. Seine schriftstellerischen Werke konnte er daher großteils nur unter den genannten Pseudonymen und auch nur in Deutschland veröffentlichen. Sein 1839 erschienenes historisches Drama „Leben und Taten Emerich Tököly’s und seiner Streitgenossen“, in dem er die ungarischen Religionskriege des späten 17. Jahrhunderts die Ausschreitungen der katholischen Kirche gegen die ungarischen Protestanten thematisierte, erregte großes Aufsehen. Holtei war begeistert, Friedrich Hebbel lehnte das Drama wegen formaler Mängel ab.

Die Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich setzte dem stets kränklichen Schröer stark zu. Besonders stark belastete ihn auch, dass das deutsche Element in Ungarn immer mehr zurückgedrängt wurde.

Noch kurz vor seinem Tod erfuhr Schröer eine späte Ehrung, als er von Minister Graf Leo von Thun und Hohenstein im Ferbruar 1850 nach Wien zu Beratungen über eine Unterrichtsreform gerufen und im März desselben Jahres zum Distriktualschulinspektor und k. k. Schulrat ernannt wurde. Doch schon am 2. Mai 1850 starb Tobias Gottfried Schröer in Preßburg.

Rudolf Steiner erzählt über Tobias Gottfried Schröer:

„Eine spezifisch österreichische Erscheinung ist auch eine Persönlichkeit, von der ja nicht mehr die jüngeren, aber vielleicht die älteren der hier versammelten Zuhörer noch kennengelernt haben diejenigen Bücher, die geschrieben sind zunächst, wie auf dem Titel so züchtig steht, «für Jungfrauen»; «Weihgeschenk für Jungfrauen» steht da. Eine Geschichte, eine wunderbar anschauliche Geschichte, von Goetheschem, man konnte fast sagen, von griechischem Geiste durchtränkt. Auf dem Titel steht: «Weihgeschenk für Jungfrauen» von Christian Oeser, «Briefe über die Hauptgegenstände der Ästhetik». In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in der ersten Auflage erschienen, erlebten diese Bücher viele Auflagen. Derjenige, der sie heute noch liest, bekommt in ihnen immer noch etwas, was das Herz weiten kann, was die Seele durchwärmen kann. Christian Oeser - ja, wer ist Christian Oeser? Dieser Christian Oeser ist derselbe Mann, der zum Beispiel 1839 in Preßburg ein Drama erscheinen ließ - von dem kein Mensch wußte, wer der Verfasser war -, «Leben und Taten des Emerich Tököly» «von A. Z.», das heißt also von A bis Z, so daß zwischen A bis Z alle Buchstaben dazwischen sind. Diejenigen, die etwas verstanden von dramatischer Charakteristik, sahen in der Figur des Tököly einen ungarischen Götz. Es ist eine unmittelbar mit dem Goetheschen «Götz von Berlichingen» zu vergleichende Darstellung, die herausgeboren ist aus den Kämpfen, die sich, eigentlich kurz bevor das Drama entstanden ist, in Ungarn abgespielt haben, und viele, viele Seelen ergriffen haben, die Welt bewegt haben. Das Drama, es ging in die Welt hinaus, und noch mehrere von demselben Verfasser. Man wußte nicht, von wem es ist. Das blieb so. Im Jahre 1869 faßte die deutsche Schiller-Stiftung einen Beschluß, das damalige Unterstützungsgehalt auszuzahlen an eine Frau Therese Schröer in Wien. In der Urkunde, mit der das Gehalt ausbezahlt wurde, stand, man habe erfahren, daß die Witwe eines der würdigsten deutschen Schriftsteller nicht in ihr angemessenen, und dessen Verdiensten angemessenen Verhältnissen lebe, und daß man ihr daher dieses Jahresgehalt auszahle. Es war die Witwe von Tobias Gottfried Schröer, des Verfassers vieler Dramen, die ungenannt bleiben mußten, des Verfassers auch jenes «Weihgeschenkes für Jungfrauen», das von Goetheschem Geiste durchtränkt ist; eines stillen Mannes, der Realschul-Professor in Preßburg war, der aber als solcher mit den höchsten Problemen des Menschenlebens rang, der arm war und den niemand kannte. Selbst in seiner eigenen Stadt konnte und durfte niemand etwas wissen davon, daß dieser Mann der Verfasser dieser Dramen sei.“ (Lit.:GA 65, S. 126f)

Werke (Auswahl)

  • Über Erziehung und Unterricht in Ungarn. In Briefen an den Grafen S. Széchenyi Verf. des Buchs: der Kredit, 1833
  • Die Religionsbeschwerden der Protestanten in Ungarn, wie sie auf dem Reichstage im Jahr 1833 verhandelt worden, 1838 (Elias Tibiscanus)
  • Weihgeschenk für deutsche Jungfrauen in Briefen an Selma über höhere Bildung, 1838
  • Briefe über die Hauptgegenstände der Ästhetik, 1846 (Chr. Oeser)
  • Die heilige Dorothea. Dichtung und Wahrheit aus dem Kirchenleben in Ungarn, 1839
  • Leben und Taten Emerich Tököly’s und seiner Streitgenossen, 1839 (A. Z.)
  • Weltgeschichte für Töchterschulen und zum Privatunterricht, 3 Tle., 1841ff
  • Geschichte der deutschen Poesie in leicht faßlichen Umrissen für die reifere Jugend beiderlei Geschlechts, 2 Tle., 1844
  • Theestunden in Lindenhain. Eine Sammlung von Gededichten, Novellen, Schauspielen, 2 Bde., 1846

Literatur

  1. Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Band 11, Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1999, ISBN 3-7001-2803-7 Online-Edition
  2. Rudolf Steiner: Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben, GA 65 (2000), ISBN 3-7274-0650-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

  • E. Streitfeld: "Schröer Tobias Gottfried". In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Vol. 11, Östereichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2803-7, p. 240 f., S. 240 PDF, S. 241 PDF