Idee

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Das Wort Idee (griechisch: εἶδος (eidos) / ἰδέα (idea) = „Vorstellung, Bild, Musterbild, Vorbild oder Urbild, Idee“) wird erstmals von Platon in philosophischen Zusammenhängen gebraucht, um das Was der Dinge, ihr Wesen, ihr An sich, zu bezeichnen und leitet sich vom griechischen Wort für „sehen, erblicken, erkennen“ (idein)[1] her und bedeutet demnach: das Gesehene. Die Idee bezeichnet dabei zunächst ganz allgemein eine geistige Vorstellung, einen Gedanken. Ideen erfassen das Allgemeine, die Universalien, im Gegensatz zu dem sinnlich erscheinenden Einzelnen. Im Sinne der platonischen Ideenlehre könnte man also sagen: Immer wenn wir sehen, idealisieren wir - und nur dadurch erkennen wir die Dinge als das, was sie sind. Im Geiste geben wir den chaotischen Sinnesdaten eine ideale Gestalt, durch die sich erst ihre wahre, geistige Wirklichkeit kundgibt, dergegenüber die bloße Sinnenwelt nur schattenhaft anmutet. Platon hat darüber in seiner «Politeia» in dem berühmten Höhlengleichnis ausführlich gesprochen. Dem Philosophieren liege eine geistiges „Sehen“, eine übersinnliche „Schau“ der reinen Ideen, eine Ideenschau, zugrunde. Die urbildhaften Ideen existieren unabhängig von den sinnlich fassbaren Dingen, die ihr Sein und Wesen nur der Teilhabe (methexis) an den unwandelbaren ewigen Ideen verdanken; sie sind nur eine vergängliche Nachahmung (mimesis) ihrer unvergänglichen geistigen Urbilder. Nach Aristoteles ist das menschliche Erkenntnisvermögen allerdings so begrenzt, dass die weitaus meisten Ideen nur in bzw. an den vielfältigen sinnlichen Dingen erfahren und daraus durch Abstraktion herausgehoben werden können. Nur die obersten und allgemeinsten Ideen, etwa die der Mathematik, können rein geistig erfasst werden.

Die Ideenwelt

Ideen werden wie Begriffe durch das Denken gebildet, wobei Rudolf Steiner umfangreichere Begriffe als Ideen bezeichnet. Das Insgesamt aller Ideen bildet die Ideenwelt.

"Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden. Worte können nur den Menschen darauf aufmerksam machen, dass er Begriffe habe. Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig. Wenn der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da. Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen zusammen. Der Begriff «Organismus» schließt sich zum Beispiel an die andern: «gesetzmäßige Entwicklung, Wachstum» an. Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig in eins zusammen. Alle Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff «Löwe» zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat. Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe...

Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht schon aus dem Umstande hervor, dass der heranwachsende Mensch sich langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet, die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt." (Lit.: GA 4, S. 57)

Im höchsten Sinn ist die Idee ewig und einzig, wie es schon Goethe ausgedrückt hat. Sie gliedert die Vielzahl der einzelnen Begriffe der unteilbaren Ganzheit der kosmischen Ordnung ein.

„Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den Plural brauchen, ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden können, sind nur Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, und insofern ist die Idee selbst ein Begriff.“

Goethe: Maximen und Reflexionen[2]

Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können

Mit abstrakten Ideen lässt sich die Wirklichkeit nicht erfassen. Lebendige Ideen entstehen aus einem konkreten künstlerisch-schöpferischen Gestaltungsprozess. Stellt man sich ihnen erlebend gegenüber und erfasst sie in ihrer unerschöpflichen Gestaltungsfähigkeit, so bleibt dabei im Denken die volle menschliche Freiheit gewahrt, während abgestorbene Ideen mit zwingender Notwendigkeit wirken.

"Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.

Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am nächsten liegenden Fragen. Eine «Philosophie der Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.

Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwicklung aller in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur.

Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.

Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft." (Lit.: GA 4, S. 270f)

Die Ideen als uranfängliche Ursachen

Johannes Scottus Eriugena hat im 9. Jahrhundert die platonische Ideenlehre im christlichen Sinn so gedeutet, dass der Vater die Ideen als Ur- oder Musterbilder im und durch den Sohn erschuf und durch den Heiligen Geist verteilt und vervielfältig:

„Die uranfänglichen Ursachen werden, wie ich bereits früher sagte, bei den Griechen Ideen genannt und darunter die ewigen Arten und Formen und unveränderlichen Gründe verstanden, nach welchen und in welchen die sichtbare und unsichtbare Welt gebildet wird. Darum verdienen sie bei den griechischen Weisen Ur- oder Musterbilder genannt zu werden, welche der Vater im Sohne schuf und durch den h. Geist in ihre Wirkungen vertheilt und vervielfältigt. Auch werden sie Vorherbestimmungen genannt, sofern in ihnen zugleich und auf einmal und unveränderlich vorherbestimmt ist, was durch göttliche Klugheit geschieht und geschehen ist und geschehen wird. Denn nichts in der sichtbaren und unsichtbaren Creatur entsteht auf natürliche Weise, außer was in ihr vornämlich und vorzeitlich im Voraus festgestellt und geordnet ist. Auch göttliche Willensbestimmungen pflegen sie genannt zu werden, weil Gott Alles, was er thun wollte, in ihnen uranfänglich und ursächlich that und auch alles noch Zukünftige in ihnen von Ewigkeit her geschehen ist. Darum heissen sie die Anfänge von Allem, weil Alles, was in der sichtbaren oder unsichtbaren Creatur wahrgenommen oder gedacht wird, durch die Theilnahme an ihnen besteht. Sie selber aber sind Theilhabungen der Einen All-Ursache, der höchsten und heiligen Dreiheit, und gelten darum als solche, die durch sich sind, weil zwischen ihnen und der Einen All-Ursache keine Creatur in der Mitte liegt.“

Johannes Scottus Eriugena: Über die Einteilung der Natur[3]

Anmerkungen

  1. vgl. z.B. Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, Paris 2009, S. 438;
    Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch, Band 1, Heidelberg 1960, S. 708.
  2. Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe, Bd. 18, S. 528
  3. Johannes Scotus Erigena, Ludwig Noack (Übers.): Über die Eintheilung der Natur, Verlag von L. Heimann, Berlin 1870, Erste Abtheilung, S. 240 [1]

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1962) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

  1. Idee - Artikel in Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904)
  2. Idee - Artikel in Friedrich Kirchner, Carl Michaëlis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe (1907)
  3. Thomas Blume: „Idee“ - Artikel im UTB-Online-Wörterbuch Philosophie