Urpflanze

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Rudolf Steiner, Urpflanze, Aquarell 1924

Die Urpflanze ist ein Begriff aus Goethes Metamorphosenlehre. Sie ist das ideelle Urbild (die Idee, begriffliche Urgestalt), aus dem man sich alle Pflanzenarten durch Abwandlung hervorgegangen denken kann.

"Goethe hat sich ... bevor er zu seiner Metamorphosenlehre gekommen ist, wohl beschäftigt mit demjenigen, was ihm in seiner Zeit zur Verfügung stehen konnte an Erkenntnissen der geistigen Welt, und er hat kennengelernt verschiedene Wege, verschiedene Mittel, durch die der Mensch versuchen kann, sich der geistigen Welt zu nähern. Erst nachdem durch die Erfahrungen, durch die Erlebnisse mit diesen Mitteln und Wegen Goethes Geist sehr, sehr vertieft war, ging er daran, naturwissenschaftliche Ideen zu fassen. Und da sehen wir denn zunächst, wie Goethe, als er nach Weimar gekommen war und ihm nach und nach die Mittel der Jenaer Universität zur Verfügung standen, alles, alles tut, um seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Einsichten zu bereichern, aber zugleich auch alles tut, um zusammenhängende Ideen zu gewinnen über die verschiedenen Formen der Organismen. Und dann wiederum sehen wir, wie Goethe seine Italienische Reise antritt, wie er, während er auf der Italienischen Reise ist, alles, was ihm entgegentritt an Pflanzen- und Tierformen, ins Auge faßt, um die innere Verwandtschaft der Pflanzen- und Tierformen in der reichen Mannigfaltigkeit zu studieren, die ihm jetzt entgegentrat. Und in Sizilien endlich glaubte er dasjenige gefunden zu haben, was er seine Urpflanze dann nannte. Was dachte sich Goethe als Urpflanze? Diese Urpflanze ist nicht ein sinnliches Gebilde. Diese Urpflanze nennt Goethe selbst eine sinnlich-übersinnliche Form. Sie ist etwas, was nur im Geistigen angeschaut werden kann, was aber in diesem Geistigen so geschaut wird, daß wenn man eine bestimmte Pflanze sieht, man weiß: diese bestimmte Pflanze ist eine besondere Ausgestaltung der Urpflanze. Jede Pflanze ist eine besondere Ausgestaltung der Urpflanze, aber keine sinnlich-wirkliche Pflanze ist die Urpflanze. Die Urpflanze ist ein sinnlich- übersinnliches Wesen, das in allen Pflanzen lebt. Bis zu dieser Idee also brachte es Goethe: nicht bloß zu verfolgen die verschiedenen sinnlichen Formen, sondern die eine Urpflanze in allen Pflanzen zu suchen. Damit hatte er, man könnte sagen, das, was als Metamorphosenlehre immer existiert hat, wesentlich vertieft, sehr, sehr vertieft, und es lag ihm nahe, nun auch anzuwenden die Idee dieser Metamorphosenlehre im weiteren Umfange auf das Organische, auf das Lebendige...

Pflanze

So hatte Goethe auf der einen Seite im Pflanzenblatt erkannt: Wenn eine Pflanze wächst, so entwickelt sie Blatt nach Blatt; aber dann schließt sie ab an einem bestimmten Punkt die Blattentwickelung, und es entstehen durch die Umwandlung des Blattes zunächst die Blütenblätter (siehe Zeichnung b), dann aber auch die Staubgefäße, ganz anders gestaltete Organe, die auch nichts anderes sind als Blätter, aber umgestaltete Blätter. In dem Blatte ist also für Goethe die ganze Pflanze enthalten.

Es ist also viel Unsichtbares, Übersinnliches in einem Blatt, die ganze Pflanze ist in einem Blatt. Ebenso aber auch ist das ganze Kopfskelett in der Wirbelsäule schon. Wirbelsäule und Kopfskelett bilden zusammen ein Ganzes, und die komplizierten Kopf knochen sind ebenso umgebildete Wirbelknochen, wie die Blütenblätter, ja wie die Staubgefäße und der Stempel umgebildete grüne Blätter der Pflanze sind. So hat Goethe die Idee, daß dasjenige, was übersinnlich zugrunde liegt dem Blatte, in der mannigfaltigsten Weise kompliziert sich umwandelt und dann zur ganzen Pflanze wird; daß dasjenige, was in der Wirbelsäule liegt, kompliziert sich umgestaltet und zum Haupte wird. So weit im wesentlichen ist Goethe gekommen in seinen Anschauungen." (Lit.: GA 171, S. 282ff)

Goethe schreibt über seine botanischen Studien:

"Das Wechselhafte der Pflanzengestalten, dem ich längst auf seinem eigentümlichen Gange gefolgt, erweckte nun bei mir immer mehr die Vorstellung: die uns umgebenden Pflanzenformen seien nicht ursprünglich determiniert und festgestellt, ihnen sei viel mehr, bei einer eigensinnigen, generischen und spezifischen Hartnäckigkeit, eine glückliche Mobilität und Biegsamkeit verliehen, um in so viele Bedingungen, die über dem Erdkreis auf sie einwirken, sich zu fügen und darnach bilden und umbilden zu können.

Hier kommen die Verschiedenheiten des Bodens in Betracht; reichlich genährt durch Feuchte der Täler, verkümmert durch Trockne der Höhen, geschützt vor Frost und Hitze in jedem Maße, oder beiden unausweichbar bloßgestellt, kann das Geschlecht sich zur Art, die Art zur Varietät, und diese wieder durch andere Bedingungen ins Unendliche sich verändern; und gleichwohl hält sich die Pflanze abgeschlossen in ihrem Reiche, wenn sie sich auch nachbarlich an das harte Gestein, an das beweglichere Leben hüben und drüben anlehnt. Die allerentferntesten jedoch haben eine ausgesprochene Verwandtschaft, sie lassen sich ohne Zwang untereinander vergleichen.

Wie sie sich nun unter einen Begriff sammeln lassen, so wurde mir nach und nach klar und klärer, daß die Anschauung noch auf eine höhere Weise belebt werden könnte: eine Forderung, die mir damals unter der sinnlichen Form einer übersinnlichen Urpflanze vorschwebte. Ich ging allen Gestalten, wie sie mir vorkamen, in ihren Veränderungen nach, und so leuchtete mir am letzten Ziel meiner Reise, in Sizilien, die ursprüngliche Identität aller Pflanzenteile vollkommen ein, und ich suchte diese nunmehr überall zu verfolgen und wieder gewahr zu werden." (Goethe, 1817: Der Verfasser teilt die Geschichte seiner botanischen Studien mit)[1]

Wesentliche Anregungen für seine Pflanzenstudien empfing Goethe auf seiner Italienreise, die er 1786 antrat. Schon auf dem Weg über den Brenner konnte er wichtige Erkenntnisse darüber gewinnen, wie das Klima die Wuchsformen modifiziert:

"Die Pflanzen betreffend, fühl' ich noch sehr meine Schülerschaft. Bis München glaubt' ich wirklich nur die gewöhnlichen zu sehen. Freilich war meine eilige Tag- und Nachtfahrt solchen feinern Beobachtungen nicht günstig. Nun habe ich zwar meinen Linné bei mir und seine Terminologie wohl eingeprägt, wo soll aber Zeit und Ruhe zum Analysieren herkommen, das ohnehin, wenn ich mich recht kenne, meine Stärke niemals werden kann? Daher schärf' ich mein Auge aufs Allgemeine, und als ich am Walchensee die erste Gentiana sah, fiel mir auf, daß ich auch bisher zuerst am Wasser die neuen Pflanzen fand.

Was mich noch aufmerksamer machte, war der Einfluß, den die Gebirgshöhe auf die Pflanzen zu haben schien. Nicht nur neue Pflanzen fand ich da, sondern Wachstum der alten verändert; wenn in der tiefern Gegend Zweige und Stengel stärker und mastiger waren, die Augen näher aneinander standen und die Blätter breit waren, so wurden höher ins Gebirg hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen rückten auseinander, so daß von Knoten zu Knoten ein größerer Zwischenraum stattfand und die Blätter sich lanzenförmiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer Weide und einer Gentiana und überzeugte mich, daß es nicht etwa verschiedene Arten wären. Auch am Walchensee bemerkte ich längere und schlankere Binsen als im Unterlande." (Goethe: Italienische Reise, 8. September, abends)

Goethe suchte die Urpflanze zunächst in der Natur als eine noch unbekannte Art, oder auch in der Grundgestalt eines Blattes oder eines Stammes zu finden. Einmal glaubte er, sie im botanischen Garten von Palermo gefunden zu haben:

"Palermo, Dienstag, den 17. April 1787. Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem öffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte. Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?" (Goethe: Italienische Reise, 17. April 1787)

In diesen Tagen fällt die Wendung Goethes von der Vorstellung einer real existierenden Urpflanze zu der eines Modells. In dem vorangegangenen Zitat ist die Wendung mit dem Begriff Muster bereits angedeutet, eindeutig wird Goethe in dem Brief vom 8. Juni aus Rom an Charlotte von Stein:

"Sage Herdern daß ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und -organisation ganz nahe bin und daß es das einfachste ist, was nur gedacht werden kann. Unter diesem Himmel kann man die schönsten Beobachtungen machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden; alles übrige seh' ich auch schon im ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen."[2]

Diese Vorstellung korrespondiert direkt mit der im Notizbuch, das Goethe in Italien führte, festgehaltenen „Hypothese Alles ist Blat, und durch diese Einfachheit wird die größte Manigfaltigkeit möglich [...].“[3] Goethe befindet sich auf dem Angel- und Höhepunkt seines botanischen Weges[4] Obwohl der Begriff "Metamorphose" noch nicht verwendet wird, haben wir hier den Kern der künftigen Lehre vor uns. Goethe richtet seine Aufmerksamkeit nun auf das Testen der Hypothese und auf die Gestaltveränderung (Metamorphose) der einzelnen Pflanze.

Schiller wies in einem Gespräch mit Goethe am 20. Juli 1794 darüber hinaus auf den platonischen Ideencharakter der Urpflanze hin. Sie hatten gerade eine Sitzung der von Batsch begründeten Naturforschenden Gesellschaft in Jena verlassen und waren ins Gespräch gekommen. Schiller war wenig befriedigt von der dort gepflegten abstrakten Naturanschauung. Da entwickelte ihm Goethe die Vorstellung einer plastisch-ideellen Form, die sich dem Geiste offenbart, wenn er die Mannigfaltigkeit der Pflanzengestalten überschaut und das Gemeinsame der sich ständig metamorphosierenden Formen erlebend verstehen lernt. Nicht willkürlicher Spekulation, sonder unbefangener Beobachtung glaubte er diese "Urpflanze" zu verdanken:

"Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: «Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee". Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen; denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmut und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: «Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe»." (Goethe: Glückliches Ereignis)

Goethe anerkannte nur eine Quelle der Erkenntnis, die Erfahrungswelt, in der die objektive Ideenwelt mit eingeschlossen ist. Anders dachte Schiller. Ideenwelt und Erfahrungswelt empfand er als zwei getrennte Reiche.

Die Urpflanze erschließt sich nicht dem diskursiven, logisch ableitenden Denken, sondern nur der unmittelbaren intutiven intellektuellen Anschauung. Ein derartiges Vermögen hatte Immanuel Kant dem Menschen abgesprochen. Dem widersprach Goethe energisch:

"Als ich die Kantische Lehre, wo nicht zu durchdringen, doch möglichst zu nutzen suchte, wollte mir manchmal dünken, der köstliche Mann verfahre schalkhaft ironisch, in dem er bald das Erkenntnisvermögen aufs engste einzuschränken bemüht schien, bald über die Grenzen, die er selbst gezogen hatte, mit einem Seitenwink hinausdeutete. Er mochte freilich bemerkt haben, wie anmaßend und naseweis der Mensch verfährt, wenn er behaglich, mit wenigen Erfahrungen ausgerüstet, sogleich unbesonnen abspricht und voreilig etwas festzusetzen, eine Grille, die ihm durchs Gehirn läuft, den Gegenständen aufzuheben trachtet. Deswegen beschränkt unser Meister seinen Denkenden auf eine reflektierende diskursive Urteilskraft, untersagt ihm eine bestimmende ganz und gar. Sodann aber, nachdem er uns genugsam in die Enge getrieben, ja zur Verzweiflung gebracht, entschließt er sich zu den liberalsten Äußerungen und überläßt uns, welchen Gebrauch wir von der Freiheit machen wollen, die er einigermaßen zugesteht. In diesem Sinne war mir folgende Stelle höchst bedeutend:

«Wir können uns einen Verstand denken, der, weil er nicht wie der unsrige diskursiv, sondern intuitiv ist, vom synthetisch Allgemeinen, der Anschauung eines Ganzen als eines solchen, zum Besondern geht, das ist, von dem Ganzen zu den Teilen: Hierbei ist gar nicht nötig zu beweisen, daß ein solcher intellectus archetypus möglich sei, sondern nur, daß wir in der Dagegenhaltung unseres diskursiven, der Bilder bedürftigen Verstandes (intellectus ectypus) und der Zufälligkeit einer solchen Beschaffenheit auf jene Idee eines intellectus archetypus geführt werden, diese auch keinen Widerspruch enthalte.»

Zwar scheint der Verfasser hier auf einen göttlichen Verstand zu deuten, allein wenn wir ja im sittlichen, durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und an das erste Wesen annähern sollen: so dürft' es wohl im Intellektuellen derselbe Fall sein, daß wir uns, durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig machten. Hatte ich doch erst unbewußt und aus innerem Trieb auf jenes Urbildliche, Typische rastlos gedrungen, war es mir sogar geglückt, eine naturgemäße Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr nichts weiter verhindern, das Abenteuer der Vernunft, wie es der Alte vom Königsberge selbst nennt, mutig zu bestehen."

Der österreichische Physiker Wolfgang Pauli hat diese archetypische Denken sehr treffend so beschrieben:

"Wenn man die vorbewusste Stufe der Begriffe analysiert, findet man immer Vorstellungen, die aus «symbolischen» Bildern mit im allgemeinen starkem emotionalen Gehalt bestehen. Die Vorstufe des Denkens ist ein malendes Schauen dieser inneren Bilder, deren Ursprung nicht allgemein und nicht in erster Linie auf Sinneswahrnehmungen ... zurückgeführt werden kann ...

Die archaische Einstellung ist aber auch die notwendige Voraussetzung und die Quelle der wissenschaftlichen Einstellung. Zu einer vollständigen Erkenntnis gehört auch diejenige der Bilder, aus denen die rationalen Begriffe gewachsen sind. ... Das Ordnende und Regulierende muss jenseits der Unterscheidung von «physisch» und «psychisch» gestellt werden - so wie Platos's «Ideen» etwas von Begriffen und auch etwas von «Naturkräften» haben (sie erzeugen von sich aus Wirkungen). Ich bin sehr dafür, dieses «0rdnende und Regulierende» «Archetypen» zu nennen; es wäre aber dann unzulässig, diese als psychische Inhalte zu definieren. Vielmehr sind die erwähnten inneren Bilder («Dominanten des kollektiven Unbewussten» nach Jung) die psychische Manifestation der Archetypen, die aber auch alles Naturgesetzliche im Verhalten der Körperwelt hervorbringen, erzeugen, bedingen müssten. Die Naturgesetze der Körperwelt wären dann die physikalische Manifestation der Archetypen. ... Es sollte dann jedes Naturgesetz eine Entsprechung innen haben und umgekehrt, wenn man auch heute das nicht immer unmittelbar sehen kann." (Lit.: Atmanspacher, Primas, Wertenschlag-Birkhäuser, S 219)

In Goethes botanischem Hauptwerk „Die Metamorphose der Pflanzen“ (1790) taucht das Wort „Urpflanze“ nicht auf. Das gab Raum für allerlei Spekulationen, was genau Goethe unter der Urpflanze verstanden haben könnte. In einer späteren Ausgabe seiner morphologischen Arbeiten („Zur Morphologie“, 1817) griff er das Wort recht versteckt im Vorwort wieder auf: „wie ich früher die Urpflanze aufgesucht, so trachtete ich nunmehr, das Urtier zu finden, das heisst denn doch zuletzt, den Begriff, die Idee des Tiers.“ Wenige Wochen vor seinem Tod schrieb er an den Chemiker Heinrich Wilhelm Ferdinand Wackenroder: „Es interessiert mich höchlich, inwiefern es möglich sei, der organisch-chemischen Operation des Lebens beizukommen, durch welche die Metamorphose der Pflanzen nach einem und demselben Gesetz auf die mannigfaltigste Weise bewirkt wird.“[5] Dieses wenig bekannte Zitat umschreibt nicht nur die Urpflanze als das allgemeine „Gesetz“ der Metamorphose. Es zeigt zugleich, dass Goethe (im hohen Alter jedenfalls) nicht der einseitige Idealist war, zu dem er oft stilisiert wird. Er war davon überzeugt, dass die von ihm beschriebene Metamorphose organisch-chemisch bewirkt wird. Die Idee der Urpflanze wirkt demnach im Stofflichen.

"Goethe sieht in der Idee eines Dinges ein Element, das in demselben unmittelbar gegenwärtig ist, in ihm wirkt und schafft. Ein einzelnes Ding nimmt, nach seiner Ansicht, bestimmte Formen aus dem Grunde an, weil die Idee sich in dem gegebenen Falle in einer besonderen Weise ausleben muß. Es hat für Goethe keinen Sinn zu sagen, ein Ding entspreche der Idee nicht. Denn das Ding kann nichts anderes sein, als das, wozu es die Idee gemacht hat. Anders denkt Schiller. Ihm sind Ideenwelt und Erfahrungswelt zwei getrennte Reiche. Der Erfahrung gehören die mannigfaltigen Dinge und Ereignisse an, die den Raum und die Zeit erfüllen. Ihr steht das Reich der Ideen gegenüber, als eine anders geartete Wirklichkeit, dessen sich die Vernunft bemächtigt. Weil von zwei Seiten dem Menschen seine Erkenntnisse zufließen, von außen durch Beobachtung und von innen durch das Denken, unterscheidet Schiller zwei Quellen der Erkenntnis. Für Goethe gibt es nur eine Quelle der Erkenntnis, die Erfahrungswelt, in welcher die Ideenwelt eingeschossen ist. Für ihn ist es unmöglich, zu sagen: Erfahrung und Idee, weil ihm die Idee durch die geistige Erfahrung so vor dem geistigen Auge liegt, wie die sinnliche Welt vor dem physischen." (Lit.: GA 006, S. 22f)

Ausgehend von der Urpflanze beschrieb Goethe die Umwandlung der drei Grundorgane Wurzel, Sprossachse und Blatt zur Anpassung an besondere Lebens- und Umweltbedingungen als Metamorphose. Auch heute noch wird in der Botanik zwischen Wurzel-, Blatt- und Sprossmetamorphosen unterschieden. So sind etwa viele Ranken und Dornbildungen Blattmetamorphosen.

"Goethe hat verfolgt, wenn wir das am einfachsten Beispiel ins Auge fassen, wie, sagen wir, am Pflanzenstengel Blatt nach Blatt sich entwikkelt, und wie aber jedes folgende Blatt, das eine andere Form zeigt als das darunterstehende, doch nur eine Metamorphose des darunterstehenden ist. So daß Goethe sagt: Die einzelnen Organe der Pflanze, die unteren einfacheren Blätter, dann die komplizierteren Stengelblätter, dann die Kelchblätter, die wieder ganz anders gestaltet sind, die Blumenblätter, die sogar eine andere Farbe haben als die Stengelblätter, sie sind eigentlich alle so, daß sie äußerlich in der Form voneinander verschieden sind, innerlich in der Idee aber gleich sind, so daß dasjenige, was in der Idee gleich ist, sich dem äußeren sinnlichen Scheine nach vermannigf altigt, in den verschiedenen Gestalten auftritt. Goethe sieht deshalb in dem einzelnen Blatte die ganze Pflanze und in der Pflanze wiederum nur die komplizierte Ausgestaltung des einzelnen Blattes. Jedes Blatt ist für Goethe eine ganze Pflanze, nur daß die Idee der Pflanze, der Typus der Pflanze, die Urpflanze, eben im äußeren physischen Ausgestalten eine bestimmte Gestalt annimmt, vereinfacht ist und so weiter, so daß Goethe gewissermaßen sich sagt (es wird gezeichnet): Indem der Pflanzenstengel ein Blatt treibt, will er eigentlich eine ganze Pflanze treiben. Hier ist durchaus die Tendenz vorhanden, eine ganze Pflanze zu treiben. Aber diese pflanzenbildnerische Kraft gestaltet sich gewissermaßen nur in beschränktem Maße aus, hält sich zurück. Im nächsten Blatte gestaltet sie sich wiederum in einem in gewissem Sinne beschränkten Maße aus und so weiter. Hier will diese pflanzenbildnerische Kraft eine ganze Pflanze werden, hier wieder eine ganze Pflanze. In jedem Blatte will eigentlich eine ganze Pflanze entstehen, und es entsteht nur immer etwas wie ein Fragment einer Pflanze; aber die ganze Pflanze ist doch da und ist wiederum eine Realität. Und diese unsichtbare ganze Pflanze, die hält nun all das in Harmonie zusammen, was immer viele Pflanzen werden will. Jede Pflanze möchte eigentlich viele Pflanzen werden; aber jede von diesen vielen Pflanzen wird nicht eine volle Pflanze, sondern nur eine beschränkte Ausgestaltung, ein Organ. Jedes Organ will eigentlich der ganze Organismus sein, und der ganze Organismus hat die Aufgabe, diese einzelnen fragmentarischen Ausbildungen seiner selbst wiederum zu einer größeren Harmonie zusammenzuhalten, so daß wir dasjenige haben, was im einzelnen Organ wirkt und dasjenige, was die einzelnen Organe zusammenhält.

Nun, Goethe geht nicht aus auf abstrakte Begriffe. Er gestaltete zum Beispiel nicht den ganz abstrakten Begriff: Man sieht einzelne fragmentarische Pflanzen sich gestalten wollen und dann die Einheitspflanze, die das zusammenhält -, das wäre noch Abstraktion. Er will erfassen, wie diese pflanzenbildnerische Kraft wirkt. Er möchte erfassen, was da eigentlich sich ausgestaltet, und namentlich, was sich in einem solchen einzelnen Blatte zurückhält. Er möchte das anschauen, er möchte nicht beim Begriff bleiben, er möchte bis zu der Anschauung kommen. Deshalb wird ihm ganz besonders wichtig, wenn er, wie er es nennt, irgendwo Mißbildungen auftreten sieht, wenn also zum Beispiel an einer bestimmten Stelle nicht ein Blatt auftritt, wie man es erwartet, sondern wenn sich der Stengel meinetwillen verdickt, eine Mißbildung entsteht, oder wenn irgendwo die Blüte, statt sich in Blättern zu runden, schlank auswächst und dergleichen.

Wenn Mißbildungen auftreten, sagte sich Goethe, dann tritt an der Pflanze die pflanzenbildnerische Kraft so auf, daß dasjenige sich verrät, äußerlich sichtbar wird, was sich eigentlich zurückhalten sollte; wenn das Blatt mißgestaltet wird, so hat sich eben die Kraft nicht zurückgehalten, dann ist sie ins Blatt hineingeschossen. Und so sagte sich Goethe: Also sieht man, wenn eine Mißbildung auftritt, wie physisch wird dasjenige, was eigentlich geistig ist; was sich zurückhalten sollte, was nur als Wachstumskraft auftreten sollte, wird sichtbar. In der Mißbildung liegt etwas vor, was man gerade studieren sollte, denn an der Mißbildung sieht man, was in der Pflanze drinnen ist. Ist diese Mißbildung nicht da, so bleibt etwas zurück, was dann in den folgenden Blättern oder in den folgenden Organen überhaupt zum Ausdrucke kommt. - So werden für Goethe die Mißbildungen für sein Studium ganz besonders wichtig." (Lit.: GA 304, S. 69ff)

"Goethe sah mit einer besonderen Freude hin auf dasjenige, was bei Pflanzen an Mißbildungen entsteht. Und es gehören zu den interessantesten Artikeln, die man bei Goethe finden kann, diejenigen, die von diesen Mißbildungen handeln, wo irgendein Organ an der Pflanze, das man gewohnt ist, sonst in einer bestimmten, sogenannten normalen Form zu finden, entweder mit der Größe über die Norm hinauswächst, oder wie es sich abnorm gliedert, wie es zuweilen sogar Organe heraustreibt, die normalerweise an einer andern Stelle stehen und so weiter. Gerade darin, daß sich die Pflanze in solchen Mißbildungen äußern kann, sieht Goethe die besten Anhaltspunkte, um auf die eigentliche Idee der Urpflanze zu kommen. Denn er weiß, daß sich dasjenige, was hinter der Pflanze als Idee steckt, gerade in solchen Mißbildungen besonders zeigt; so daß, wenn wir in einer Reihe von Beobachtungen an Pflanzen sehen würden, wie die Wurzel in Mißbildung verfallen kann, wie das Blatt, der Stengel, die Blüte, wie auch die Früchte mißgebildet sein können - natürlich muß man das an einer Reihe von Pflanzen sehen - , so würden wir aus dem Zusammenschauen der Mißbildungen die Urpflanze gerade herausschauen können." (Lit.: GA 317, S. 179f)

Anmerkungen

  1. Goethe, Johann Wolfgang von; Kuhn, Dorothea; Troll, Wilhelm; Wolf, Karl Lothar (1964): Aufsätze, Fragmente, Studien zur Morphologie. Vollst. mit Erl. vers. Ausg. Weimar: Böhlau.
  2. Goethes Werke. Hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar 1887-1919. Abteilung IV 8, Briefe, S. 203 und 204
  3. Goethe, Johann Wolfgang von; Kuhn, Dorothea (1977): Zur Morphologie von den Anfängen bis 1795 Ergänzungen und Erläuterungen. Weimar: Böhlau (Abt. 1, Bd. 9A, S. 58).
  4. Maul, Gisela; Goethe, Johann Wolfgang von; Kahler, Marie-Luise (1991): Alle Gestalten sind ähnlich. Goethes Metamorphose der Pflanzen. Weimar: Klassikerstätten. ISBN 3-7443-0073-0
  5. Zitiert nach Dorothea Kuhn: Goethe und die Chemie. In: Typus und Metamorphose. Goethe-Studien. Marbach 1988.

Literatur

  1. H. Atmanspacher, H. Primas, E. Wertenschlag-Birkhäuser (Hrsg.): Der Pauli-Jung-Dialog, Springer Verlag, Berlin Heidelberg 1995
  2. Rudolf Steiner: Goethes Weltanschauung, GA 6 (1990)
  3. Rudolf Steiner: Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts, GA 171 (1984), ISBN 3-7274-1710-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Erziehungs- und Unterrichtsmethoden auf anthroposophischer Grundlage, GA 304 (1979), ISBN 3-7274-3040-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Heilpädagogischer Kurs, GA 317 (1995), ISBN 3-7274-3171-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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