Ursprache

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Die Ursprache der Menschheit wurde nach Rudolf Steiner vornehmlich in der atlantischen Zeit ausgebildet. Sie lebte im Astralleib und war noch ganz eins mit dem Gefühls- und Gedankenleben. Später „ist der Gedanke mehr in das Ich hinaufgerutscht, die Sprache im astralischen Leib verblieben, und das Gefühl in den Ätherleib hinuntergerutscht...“ (Lit.: GA 282, S. 64) und die Ursprache differenzierte sich in einzelne Volkssprachen. Von den heutigen Sprachen steht das Hebräische am ehesten der ursprünglichen Universalsprache nahe (Lit.: GA 174, S. 275).

Beginn der Sprachentwicklung in der lemurischen Zeit

Vorbereitet wurde die Entwicklung der Sprache in der lemurischen Zeit. Bei der Erziehung der Männer wurde damals vor allem der Wille gestählt. Bei den Frauen wurden die Phantasiekräfte geschult, indem sie sich dem Erlebnis der Naturgewalten hingaben. Aus diesen zunächst nur vorüberhuschenden Erlebnissen entwickelten sich zuerst bei den Frauen anfänglich das Gedächtnis und ein erstes Unterscheidungsvermögen für gut und böse. Geführt von hohen geistigen Wesenheiten wurde gegen Ende der lemurischen Zeit zunächst ein kleiner Teil der Menschheit ausgewählt, um das atlantische Zeitalter vorzubereiten. Den Frauen kam dabei eine wichtige Rolle zu, den sie verstanden die Zeichen der Natur durch ihr erwachendes Vorstellungsleben zu deuten.

"Bei ihnen mußte man Rat holen, wenn man die Zeichen der Natur deuten wollte. Die ganze Art ihres Seelenlebens war aber noch eine solche, die beherrscht war von den «geheimen* Seelenkräften des Menschen. Man trifft die Sache nicht ganz, aber annähernd, wenn man von einem somnambulen Anschauen dieser Frauen spricht. In einem gewissen höheren Träumen enthüllten sich ihnen die Geheimnisse der Natur und erflossen ihnen die Antriebe zu ihrem Handeln. Alles war für sie beseelt und zeigte sich ihnen in seelischen Kräften und Erscheinungen. Sie überließen sich dem geheimnisvollen Weben ihrer seelischen Kräfte. Das, was sie zu ihren Handlungen trieb, waren «innere Stimmen» oder das, was Pflanzen, Tiere, Steine, Wind und Wolken, das Säuseln der Bäume und so weiter ihnen sagten. Aus solcher Seelenverfassung erstand das, was man menschliche Religion nennen kann. Das Seelenhafte in der Natur und im Menschenleben wurde allmählich verehrt und angebetet. Einzelne Frauen gelangten zu besonderer Vorherrschaft, weil sie aus besonderen geheimnisvollen Tiefen heraus zu deuten wußten, was in der Welt enthalten ist.

So konnte es kommen, daß bei solchen Frauen das, was in ihrem Innern lebte, sich in eine Art Natursprache umsetzte. Denn der Anfang der Sprache liegt in etwas, was dem Gesänge ähnlich ist. Die Kraft des Gedankens setzte sich in die hörbare des Lautes um. Der innere Rhythmus der Natur erklang von den Lippen «weiser» Frauen. Man versammelte sich um solche Frauen und empfand in ihren gesangartigen Sätzen die Äußerungen höherer Machte. Der menschliche Gottesdienst hat mit solchen Dingen seinen Anfang genommen. — Von einem «Sinn» in dem Gesprochenen kann für die damalige Zeit nicht die Rede sein. Man empfand Klang, Ton und Rhythmus. Man stellte sich dabei nichts weiter vor, sondern sog die Kraft des Gehörten in die Seele. Der ganze Vorgang stand unter der Leitung der höheren Führer. Sie hatten in einer Art, über welche jetzt nicht weiter gesprochen werden kann, Töne und Rhythmen den «weisen» Priesterirmen eingeflößt. So konnten sie veredelnd auf die Seelen der Menschen wirken. Man kann sagen, dass in dieser Art überhaupt erst das eigentliche Seelenleben erwachte.

Die Akasha-Chronik zeigt auf diesem Gebiete schöne Szenen. Es soll eine solche beschrieben werden. Wir sind in einem Walde, bei einem mächtigen Baum. Die Sonne ist eben im Osten aufgegangen. Mächtige Schatten wirft der palmenartige Baum, um den ringsherum die anderen Bäume entfernt worden sind. Das Antlitz nach Osten gewendet, verzückt, sitzt auf einem aus seltenen Naturgegenständen und Pflanzen zurechtgemachten Sitz die Priesterin. Langsam, in rhythmischer Folge strömen von ihren Lippen wundersame, wenige Laute, die sich immer wiederholen. In Kreisen herum sitzt eine Anzahl Männer und Frauen mit traumverlorenen Gesichtern, inneres Leben aus dem Gehörten saugend. — Noch andere Szenen können gesehen werden. An einem ähnlich eingerichteten Platze «singt» eine Priesterin ähnlich, aber ihre Töne haben etwas Mächtigeres, Kräftigeres. Und die Menschen um sie herum bewegen sich in rhythmischen Tänzen. Denn dies war die andere Art, wie «Seele» in die Menschheit kam. Die geheimnisvollen Rhythmen, die man der Natur abgelauscht hatte, wurden in den Bewegungen der eigenen Glieder nachgeahmt. Man fühlte sich dadurch eins mit der Natur und den in ihr waltenden Mächten." (Lit.: GA 011, S. 67ff)

Die Sprachentwicklung in der atlantischen Zeit

"Aus der Geisteswissenschaft ist bekannt, daß in den alten Zeiten, namentlich in der atlantischen Zeit, so etwas wie eine Art menschlicher Ursprache vorhanden war, eine Art von Sprechen, welche über die ganze Erde hin ähnlich war, weil «Sprechen» in jenen Zeiten viel mehr aus dem Innersten der Seele kam als heute. Das kann schon aus folgendem entnommen werden. In den atlantischen Zeiten empfanden die Menschen alle äußeren Eindrücke so, daß die Seele, wenn sie etwas Äußeres ausdrücken wollte mit einem Laut, gedrängt wurde zu einem Konsonanten. Was also im Räume vorhanden war, drängte dazu, konsonantisch nachgeahmt zu werden. Das Wehen des Windes, das Rauschen der Wellen, das Geschütztsein durch ein Haus empfand man und ahmte es nach durch Konsonanten. Was man dagegen innerlich erlebte an Schmerz oder Freude, oder auch, was ein anderes Wesen empfinden konnte, das ahmte man nach im Vokal. Daraus kann man sehen, daß die Seele im Sprechen zusammenwuchs mit den äußeren Vorgängen oder Wesenheiten.

Aus der Akasha-Chronik ergibt sich das folgende. Einer Hütte, die sich nach der alten Art über eine Familie wölbte und dieser Schutz und Schirm gab, näherte sich zum Beispiel ein Mensch, beobachtete die Hütte in der Art, wie sie sich wölbte als Form räumlich über der Familie. Das schützende Sichwölben der Hütte drückte er durch einen Konsonanten aus, und daß darinnen Seelen in Leibern sich wohl befinden — was er mitfühlen konnte -, drückte er durch einen Vokal aus. Da entstand der Gedanke: «Schutz», «Schutz habe ich», «Schutz über menschlichen Leibern». Dieser Gedanke ergoß sich dann in Konsonanten und Vokale, die nicht anders sein konnten, als sie waren, weil sie eindeutig ein unmittelbarer Abdruck des Erlebnisses waren. Das war über die ganze Erde hin so. Es ist kein Traum, daß es eine menschliche «Ursprache» gegeben hat. Und in einem gewissen Sinne verstehen die Eingeweihten aller Völker noch nachzuempfinden diese Ursprache. Ja, in allen Sprachen sind gewisse Lautanklänge, die nichts anderes sind als Reste dieser menschlichen Ursprache." (Lit.: GA 015, S. 44ff)

Differenzierung der Sprachen in der nachatlantischen Zeit

Durch den Einfluss luziferischer Engelwesenheiten, die auf dem alten Mond nicht ihr volles Entwicklungsziel erreicht haben, begann sich die Ursprache in einzelne Volkssprachen zu differenzieren.

"Diese Sprache ist angeregt in der menschlichen Seele durch die Inspiration der übermenschlichen Wesenheiten, der wahren Vorgänger der Menschen, die ihre Entwickelung auf dem Monde vollendet hatten. Man kann nun daraus sehen: Wenn es bloß diese Entwickelung gegeben hätte, so würde das ganze Menschengeschlecht im Grunde genommen eine große Einheit geblieben sein; über die ganze Erde hin würde man einheitlich gesprochen und gedacht haben. Die Individualität, die Mannigfaltigkeit hätte sich nicht ausbilden können - und damit auch nicht die menschliche Freiheit. Daß der Mensch eine Individualität werden konnte, dazu mußten Spaltungen in der Menschheit eintreten. Daß in den verschiedensten Gegenden der Erde die Sprachen verschieden wurden, das rührt von der Arbeit solcher Lehrer her, in denen eine luziferische Wesenheit inkarniert war. Je nachdem diese oder jene - zurückgebliebene - Engelwesenheit bei diesem oder jenem Volke inkarniert war, konnte sie in dieser oder jener Sprache die Menschen unterweisen. Also die Fähigkeit, eine besondere Sprache zu sprechen, führt bei allen Völkern zurück auf das Vorhandensein solcher großen Erleuchter, die zurückgebliebene Engelwesen waren und weit höher standen als die Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung. Die Wesen, die zum Beispiel geschildert werden als die ursprünglichen Heroen der griechischen oder sonstigen Völker, die in menschlicher Gestalt wirkten, das sind solche, in denen eine zurückgebliebene Engelwesenheit inkarniert war. Man darf also diese Wesenheiten durchaus nicht etwa bloß als «böse» Wesenheiten bezeichnen. Im Gegenteil. Sie haben den Menschen das gebracht, was sie über den ganzen Erdball hin zu freien Menschen vorbestimmt hat, was dasjenige differenzierte, das sonst ein gleichförmiges Ganzes über die ganze Erde hin gebildet hätte. So ist es bei den Sprachen, so ist es in vielen Gebieten des Lebens. Die Individualisierung, die Differenzierung, die Freiheit - können wir sagen - kommt von diesen Wesenheiten, die zurückgeblieben waren auf dem Monde. Zwar war es die Absicht der weisen Weltenführung - so könnte man sagen —, alle Wesenheiten in der planetarischen Entwickelung bis zu ihrem Ziele zu bringen; aber wenn dies in unmittelbarer Art geschähe, so würden gewisse Dinge nicht erreicht. Es werden gewisse Wesenheiten in ihrer Entwickelung zurückgehalten, weil diese eine besondere Aufgabe in dem Werdegang der Menschheit haben." (Lit.: GA 015, S. 46f)

Die babylonische Sprachverwirrung

Gustave Doré: „Die Sprachverwirrung“

Die Differenzierung in einzelne Volkssprachen schritt zur Zeit der ersten Hochkulturen rasch voran. Die Babylonische Sprachverwirrung, die in der Bibel als Strafe für den anmaßenden Turmbau zu Babel erwähnt wird, ist ein Bild dafür.

„1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“

1. Buch Mose: 1 Mos 11,7-9 LUT

In der Sprachverwirrung wird der luziferische Einfluss deutlich, der den Menschen in die Vereinzelung und in den Egoismus führt, was aber anderseits eine Voraussetzung für die Entfaltung der Individualität ist.

"Je weiter man zurückgeht in der Entwickelung, desto mehr findet man solche Sprachen, die der gemeinsamen Ursprache ähnlich waren. Das, was erzählt wird als Turmbau zu Babel, ist Symbolum für die Tatsache, daß es wirklich eine Ursprache gegeben hat, und daß diese differenziert worden ist in die einzelnen Volks- und Stammessprachen. Dadurch, daß die gemeinsame Ursprache in die Volks- und Stammessprachen sich differenziert hat, kommt sozusagen das Wort auf halbem Wege entgegen der Einsamkeit des Gedankens. Es spricht nicht ein jeder Mensch seine eigene Sprache - da würde die Sprache nicht ihren Sinn haben -, sondern es sprechen nur Menschengruppen die gemeinsame Sprache. Es ist also das Wort ein Mittelding geworden zwischen dem einsamen Gedanken und der Ursprache. In der Ursprache gab es ein bestimmtes Wort, das verstand man durch den Laut, den es hatte, durch das, was es durch seinen Lautwert war. Man brauchte sich nicht weiter konventionell über den Lautwert zu unterrichten, sondern man fand in der Ursprache die Seele des Wortes. Das ist, wie gesagt, differenziert. Und alles, was Absonderung bewirkt, wirkt auch dem Luzifer in die Hände, so daß die Menschen, indem sie differenzierte Sprachen sich bildeten, dadurch ein absonderndes Prinzip aufnahmen, das heißt, sich in die Strömung hineinbegaben, die es Luzifer leicht macht, den Menschen aus der allgemeinen Weltenordnung herauszuheben, die schon vorbestimmt war, bevor Luzifer da war; also auf die Isolierinsel den Menschen zu setzen, ihn abzusondern von dem übrigen fortschreitenden Gang der Menschheitsentwickelung. So liegt im Element der Sprache, des Wortes, ein mittlerer Zustand. Wenn das Wort das geblieben wäre, was es hat werden sollen, wenn das Luziferische sich nicht hergemacht hätte über das Wort, so würde das Wort dem von Luzifer und Ahriman freien mittleren göttlichen Zustand entsprechen, in dem der Mensch hinsegeln kann rein entsprechend der fortschreitenden göttlich-geistigen Weltenordnung." (Lit.: GA 147, S. 93f)

Das Hebräische steht der Ursprache noch nahe

Die hebräische Sprache, in der Bibel hebr. ‏שְׂפַת כְּנַעַן‎ sefat kena'an („Sprache Kanaans“) genannt (Jes 19,18 LUT), hat noch viel vom Wesen der Ursprache in sich bewahrt (Lit.: GA 174, S. 275). Mehr als andere Sprachen schöpft sie noch aus dem unmittelbaren seelischen Erleben.

"Wenn man nämlich immer weiter und weiter zurückgeht in den Sprachen, so merkt man, daß man wirklich einmal kommen muß - wie es die okkulte Beobachtung zeigt - zu einer menschlichen Ursprache, die den ganzen Erdkreis umfaßte und die sich nur differenziert hat. Schon wenn man zum Hebräischen - in dieser Beziehung ist die hebräische Sprache ganz besonders merkwürdig - zurückgeht, merkt man in den Worten etwas anderes als in den Worten Westeuropas. Die Worte des Hebräertums sind viel weniger konventionell, sie haben sozusagen eine Seele, so daß man ihren Sinn ihnen anfühlt; sie sprechen einem ihren notwendigen Sinn aus, mehr als die westeuropäischen Sprachen. Je weiter man zurückgeht in der Entwickelung, desto mehr findet man solche Sprachen, die der gemeinsamen Ursprache ähnlich waren." (Lit.: GA 147, S. 93)

Die hebräische Sprache ist ganz besonders dazu geeignet, die hellsichtig erlebten Bilder, in denen etwa Moses die Schöpfungsgeschichte schildert, in Laute, Silben und Worte zu gießen, die für den Sprecher und auch für den Zuhörer diese Bilder wieder lebendig erwecken können, auch wenn sie selbst nicht mehr über hellsichtige Fähigkeiten verfügen.

"Wenn diese Sprache, in der die ersten Partien der Bibel uns zunächst vorliegen, heute auch nicht mehr so wirkt, einstmals hat sie so gewirkt, daß, wenn ein Buchstabe durch die Seele lautete, ein Bild in ihr wachgerufen wurde. Vor der Seele dessen, der mit lebendigem Anteil die Worte auf sich wirken ließ, tauchten in einer gewissen Harmonie, ja in einer organischen Form Bilder auf, die sich vergleichen lassen mit dem, was der Seher heute noch sehen kann, wenn er von dem Sinnlichen zum Übersinnlichen vorschreitet. Man möchte sagen, die hebräische Sprache, oder besser gesagt die Sprache der ersten Partien der Bibel, war eine Art von Mittel, aus der Seele herauszurufen bildhafte Vorstellungen, welche nahe heranrückten an die Gesichte, die der Seher erhält, wenn er fähig wird, leibfrei zu schauen in die übersinnlichen Partien des Daseins." (Lit.: GA 122, S. 32)

Epik, Lyrik und Dramatik

Die Ursprache hatte einen durchgehend epischen Charakter. Erst als sich das Denken und Fühlen vom Spracherleben immer mehr loslösten, entstanden Lyrik und Dramatik.

Schema S 67: Epik, Lyrik und Dramatik

"Wie war es denn eigentlich in der menschlichen Ursprache, in der Sprache, wie sie zuerst unter die Menschheit getreten ist?

Diese Sprache war eigentlich etwas Wunderbares. Abgesehen davon, daß der Mensch von vornherein veranlaßt sich gesehen hat, im Rhythmus, im Takt zu sprechen, sogar in Assonanz und Alliteration zu sprechen, abgesehen davon war es in dieser Ursprache so, daß der Mensch in der Sprache fühlte und in der Sprache dachte. Das Gefühlsleben der Urmenschheit war so, daß man nicht solche abstrakten Gefühle hatte wie heute, sondern daß in dem Augenblick, wo man ein Gefühl hatte, und sei es auch das intimste Gefühl, man sogleich zu irgendeiner Sprachgestaltung kam. Man konnte in alten Zeiten nicht zärtliche Gefühle, sagen wir, für ein Kind entwickeln, ohne diese zärtlichen Gefühle durch den eigenen seelischen Impetus in der Sprache zu gestalten. Es würde keinen Sinn gehabt haben, von einem Kinde bloß zu sagen: Ich liebe das Kind zärtlich - , sondern es hätte vielleicht einen Sinn gehabt, wenn man gesagt hätte: Ich liebe das Kind so ei-ei-ei. - Es war immer das Bedürfnis, das ganze Gefühl zu durchdringen mit Sprachgestaltung.

Ebensowenig hatte man in alten Zeiten abstrakte Gedanken, wie wir sie heute haben. Abstrakte Gedanken ohne Sprache gab es in alten Zeiten nicht, sondern, wenn der Mensch etwas dachte, wurde es in ihm zum Worte und zum Satze. Er sprach innerlich. Daher ist es selbstverständlich, daß man im Beginne des Johannes-Evangeliums nicht sagte: Im Urbeginne war der Gedanke -, sondern: Im Urbeginne war das Wort - das Verbum. - Das Wort, weil man innerlich redete, und nicht abstrakt dachte wie heute. Man redete innerlich. Und es war die Ursprache so, daß sie Gefühle und Gedanken enthielt. Sie war gewissermaßen das Schatzkästlein in der menschlichen Wesenheit für Gefühl und Gedanke.

Nun ist der Gedanke mehr in das Ich hinaufgerutscht, die Sprache im astralischen Leib verblieben, und das Gefühl in den Ätherleib hinuntergerutscht, so daß wir sagen können (siehe Schema Seite 67): Mensch, innerlich; nach außen, wo das Ich mehr beteiligt ist; nach innen, noch mehr verinnerlicht, wo der Ätherleib beteiligt ist, also wo es ganz in das Innere hineingeht.

Die Urpoesie war eine Einheit, sie drückte in der Sprache Gefühl und Gedanke, die man über die Dinge haben konnte, aus. Die Urpoesie war eine Einheit. Dadurch, daß die Sprache nach dem Inneren des Menschen das Gefühl abgeladen hat, das nach dem Ätherleib rutscht, entsteht die lyrische Stimmung der Sprache. Dasjenige, dem die Urpoesie am ähnlichsten geblieben ist, das also auch am meisten in der Sprache selber liegt, das ohne etwas zu erneuern von dem Urgefühl gegenüber der Sprache gar nicht gepflegt werden kann, das ist die Epik, die unmittelbar aus dem astralischen Leibe kommt. Dasjenige aber, was die Sprache nach außen hin treibt, zum Ich hin, das mit der Außenwelt zunächst beim Erdenmenschen in Verbindung steht, das ist die Dramatik." (Lit.: GA 282, S. 64f)

Der nathanische Jesus und die Ursprache

Der nathanische Jesusknabe, der sich zur Zeitenwende in Bethlehem erstmals in einem irdischen Leib inkarnierte, hatte noch einen natürlichen Zugang zur Ursprache. Und was darin an Herzinnigkeit lebte, konnte von seiner Mutter durch ihre tiefen Herzenskräfte verstanden werden.

"... daß dieser Jesusknabe eine merkwürdige Sprache zeigte, das ist etwas noch viel Interessanteres. Denn da müssen wir auf etwas blicken, was ich auch in meiner Schrift über «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» erwähnt habe: daß die Sprachen, die heute über die Erde verbreitet sind, die bei den verschiedenen Volksstämmen auftreten, verhältnismäßig spät innerhalb der Menschheitsentwickelung entstanden sind; ihnen aber ging voraus, was man wirklich eine menschliche Ursprache nennen könnte. Und die trennenden Geister der luziferischen und ahnmanischen Welt sind es, die aus der Ursprache die vielen Sprachen in der Welt gemacht haben. Die Ursprache ist verloren und kann heute mit einem solchen Ich, das im Laufe der Erdentwickelung von Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist, von keinem Menschen zunächst gesprochen werden. Jener Jesusknabe, der nicht durch menschliche Inkarnationen gegangen war, bekam vom Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung die Fähigkeit mit, nun nicht diese oder jene Sprache, sondern eine Sprache zu sprechen, von der mit einem gewissen Recht behauptet wird, daß sie nicht verständlich war für die Umgebung, die aber durch das, was drinnen lebte an Herzinnigkeit, von dem Mutterherzen verstanden wurde. Es wird damit auf ein ungeheuer bedeutendes Phänomen bei diesem Lukas-Jesusknaben hingewiesen." (Lit.: GA 131, S. 180f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Chronik, GA 11 (1986), ISBN 3-7274-0110-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit, GA 15 (1987), ISBN 3-7274-0150-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte, GA 122 (1984), ISBN 3-7274-1220-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus, GA 131 (1988), ISBN 3-7274-1310-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Die Geheimnisse der Schwelle, GA 147 (1997), ISBN 3-7274-1470-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit – Zweiter Teil, GA 174 (1983), ISBN 3-7274-1740-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Rudolf Steiner: Sprachgestaltung und Dramatische Kunst, GA 282 (1981), ISBN 3-7274-2820-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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