Vater unser

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Das Vaterunser im Zusammenhang mit den Wesensgliedern des Menschen (Lit.:GA 96, S. 207)

Das Vaterunser gilt als das wichtigste Gebet aller Christen und wurde gemäß dem Neuen Testament durch Jesus Christus selbst im Rahmen der Bergpredigt (Mt 6,9-13 LUT) bzw. auf die Frage seiner Jünger hin, wie sie beten sollen (Lk 11,2-4 LUT), gestiftet.

Überlieferung in den Evangelien

„9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]“

Matthäus: 6,9-13 LUT

Die Fassung des Matthäus-Evangeliums ist die gebräuchliche und bekanntere; im Lukas-Evangelium heißt es:

„2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. 3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! 4 Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!“

Lukas: 2-4,LUT EU

Jesus lehrte das Vaterunser in aramäischer Sprache, schriftlich ist es jedoch nur im griechischen Urtext der Bibel überliefert:

Griechisch Lateinisch Deutsch
Πάτερ ἡμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς·
ἁγιασθήτω τὸ ὄνομά σου·
ἐλθέτω ἡ βασιλεία σου·
γενηθήτω τὸ θέλημά σου,
ὡς ἐν οὐρανῷ καὶ ἐπὶ γῆς·
τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον·
καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν,
ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν·
καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν,
ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ.
(Griechische Fassung nach dem Matthäusevangelium)[1]
Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua,
sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum supersubstantialem (cotidianum) da nobis hodie.
Et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos a malo.
Amen.
(Lateinische Übersetzung der Vulgata)[2]
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Amen.
(Lutherbibel 2017)[3]

Durch die Übersetzung in die heutigen Sprachen verliert das Vaterunser an Kraft, was jedoch durch das richtige Verständnis des Gebettextes kompensiert werden kann:

"Die Gebete der alten Sprachen verlieren ihre alte Kraft, wenn sie in neuere Sprachen übertragen werden. In den lateinischen Worten des Pater noster liegt viel mehr Kraft als im Vaterunser. Die Sprache des alten Vaterunser ist die aramäische. Wer es sprach in der aramäischen Sprache, hat Zauberkraft empfunden. Durch die richtige Erfassung der Sachen müssen wir wieder die Gewalt der Worte in die Sprache hineinbringen." (Lit.:GA 97, S. 98)

Jedoch ist die Wirksamkeit des Vaterunsers durch den reinen Inhalt seiner Worte immer gegeben, auch wenn dem Betenden noch kein tieferes Verständnis gegeben ist:

Das Vaterunser "gehört tatsächlich zu den allertiefsten Gebeten der Welt. Wir können nur heute nicht mehr die ganze volle Tiefe des Vaterunsers ermessen, wie es die Ursprache ergeben hat, in der es gelehrt wurde. Aber der Gedankeninhalt ist ein so gewaltiger, daß er in keiner Sprache auch nur irgendwie Einbuße erleiden könnte." (Lit.:GA 97, S. 103)

"Diejenigen Gebete, die nicht nur kurz wirken, sondern die durch Jahrtausende hindurch die Seelen ergreifen und die Herzen erheben, sind alle aus der tiefsten Weisheit geschöpft. Niemals ist ein solches Gebet so gegeben worden, daß man in beliebiger Weise schöne oder erhabene Worte zusammengestellt hat, sondern man hat sie aus der tiefsten Weisheit heraus genommen, weil sie nur so die Kraft haben, über die Jahrtausende hinüber zu wirken auf die Seele der Menschen. Nicht gilt der Einwand, daß ja die naive Seele nichts weiß von dieser Weisheit. Sie braucht nichts zu wissen, denn die Kraft, die das Vaterunser hat, kommt doch aus dieser Weisheit, und sie wirkt, auch wenn man nichts davon weiß. (Lit.:GA 97, S. 116)

Die esoterische bzw. theosophische Bedeutung des Vaterunser

Die sieben Bitten des Vaterunser nach Matthäus beziehen sich auf die sieben Wesensglieder des Menschen.[4] In ihnen liegt der Sinn der siebengliedrigen Entwicklung der Menschennatur. Das Vaterunser enthält die ganze theosophische Weisheit über den Menschen. (Lit.:GA 97, S. 116)

Mit "Schuld" sind die Verfehlungen des Ätherleibes gemeint. Diese Verfehlungen bringen den Menschen in Disharmonie zu seiner sozialen Umgebung. Die "Versuchung" bezeichnet Verfehlungen des Astralleibes, sie sind individueller Natur. Entgegen der heute üblichen Übersetzung der vierten Bitte mit "Und erlöse uns von dem Bösen" bezieht sich Steiner mit der Übersetzung von πονηροῦ (ponērou) bzw. malo mit "Übel" auf die spezifische Verfehlung des Ichs: Den Egoismus. "Erlöse uns von dem Übel" meint die Bitte um Erlösung vom Egoismus. (Lit.:GA 97, S. 122)

Eine bestimmte Überlieferungstradition kennt beim Matthäus-Vaterunser den Zusatz: "Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit". Es handelt sich um eine Ergänzung, die nicht von Jesus selbst stammt, sondern aus dem Umkreis des Dionysius, dem Areopagiten. Jedoch sieht Steiner diesen Zusatz als zu dem Vaterunser passend, das Gebet bereichernd an. Es handelt sich dabei um die Vorstellung der Engelreiche, der drei Hierarchien, die zum Vatergott hinaufführen.

"Wenn wir so leben, wie das Vaterunser es fordert, so leben wir uns hinauf durch die Gewalten, Mächte, Herrschaften bis zu den Cherubim, Seraphim hinauf, bis zu der Gottheit selbst im Vaterunser." (Lit.:GA 97, S. 124)

Aus einer anderen Perspektive werden die drei Ideen Reich, Kraft bzw. Macht und Herrlichkeit in GA 342, S. 193ff betrachtet: Sie erscheinen dort als die drei Aspekte einer anschaulichen Sonnentrinität:

"Und statt, daß Sie schließen mit den Worten des evangelischen Vaterunsers: «... denn Dein ist das Reich, die Macht und die Herrlichkeit», können Sie auch schließen das Vaterunser: «... denn Dein ist die Sonne». Jedes Wesen wurde im Sinne der Trinität angesehen; und derjenige, der noch etwas weiß von der wirklichen gnostischen Erkenntnis, der weiß, daß eben einfach am Schlüsse des Vaterunsers gebetet worden ist so, daß man vorgebracht hat in Worten die Glieder der Sonnentrinität, und daß man das Bewußtsein hatte, man spricht damit eigentlich aus, indem man das Vaterunser geschlossen hat, die sieben Bitten vorgebracht hat und auf sich hingewiesen hat: «... erlöse uns von dem Übel»: denn Du, der Du in der Sonne wohnst, Du bist derjenige, welcher das vermag." (Lit.:GA 342, S. 194)

Ein weiterer esoterischer Aspekt des Vaterunser wird durch die Schilderung, wie Jesus zu der Gabe dieses Gebetes inspririert wurde, beleuchtet. (GA 148, (Aus der Akashaforschung. Das fünfte Evangelium) S. 88ff., siehe auch: Das umgekehrte Vaterunser)

Das Vaterunser als tägliches Gebet eignet sich für die Entwicklung okkulter Kräfte. In einer Fragenbeantwortung (nach dem 10. Vortrag GA 137, in Beiträge zur Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe Heft Nr. 110) äußert sich Rudolf Steiner so: „Das Vaterunser als tägliches Gebet ist im höchsten Grade geeignet, okkulte Kräfte zu entwickeln. Es ist das wirksamste der Gebete. … Der Respekt vor diesem Gebet wächst immer mehr, je mehr man hineinkommt. Es kommen dann Zeiten, wo man wegen der Hoheit des Vaterunser es sich nicht zu gestatten wagt, das ganze Vaterunser an einem Tag zu beten, da man von dem Zusammenwirken der sieben Bitten eine so große Vorstellung bekommt, dass man sich nicht für würdig hält, jeden Tag dies größte Initiationsgebet in seinem Herzen zu entfalten.“ (Zitiert nach Handbuch Christian Karl)

"Nun, für das Gebet möchte ich, um anschaulich sein zu können, an das Vaterunser selbst anknüpfen und möchte die innerliche Erlebensseite dieses Vaterunsers einmal hier besprechen. Es handelt sich dabei darum, daß wir vielleicht heute überhaupt von den Empfindungen gar nicht ausgehen können, die etwa das Urchristentum hatte beim Vernehmen oder beim Innerlich-Lebendigmachen des Vaterunsers; wir müssen von dem ausgehen, was der Mensch der Gegenwart haben kann, denn wir wollen vom Vaterunser als einem Allgemein-Menschlichen sprechen. Aber des folgenden muß man sich dabei doch bewußt sein. Nehmen wir also an, wir beginnen das Vaterunser zu sprechen und sprechen gewissermaßen in unserem Stil den ersten Satz «Vater unser in den Himmeln». Nun handelt es sich darum, was wir bei einem solchen Satz fühlen und empfinden, und was wir etwa bei anderen Sätzen des Vaterunsers fühlen und empfinden können, denn nur dadurch wird das Vaterunser innerlich lebendig. Da handelt es sich in der Tat darum, daß wir zunächst bei einem solchen Satz etwas haben wie ein innerliches Wahrnehmen, wirklich nicht bloß etwas, was im Zeichen des Wortes in uns lebt, sondern etwas, was im wirklichen Worte in uns lebt. Die Himmel sind im Grunde genommen die Gesamtheiten des Kosmos, und wir machen uns anschaulich, indem wir sagen «Vater unser in den Himmeln» oder «Vater unser, der Du bist in den Himmeln», daß dasjenige, zu dem wir da sprechen, von einem Geistigen durchdrungen ist, wir wenden uns an das Geistige. Das ist die Perzeption, das ist dasjenige, was wir uns so anschaulich wie möglich vor Augen bringen sollen, wenn wir einen solchen Satz aussprechen «Vater unser in den Himmeln». Ein ebensolches Erlebnis müssen wir haben [bei den Worten] «Dein Reich komme zu uns», denn in uns muß ja, wenn auch mehr oder weniger nur gefühlt und innerlich intuitiv, die Frage entstehen: Was ist nun dieses Reich? Und wenn wir Christen sind, werden wir gerade, indem wir versuchen, an die Perzeption des Reiches heranzukommen — oder besser gesagt: der Reiche -, erinnert werden an etwas, wovon gestern hier gesprochen worden ist, wir werden erinnert an Christus-Worte, die anklingen an den Terminus «die Reiche der Himmel». Gerade im 13. Kapitel des Matthäus- Evangeliums will ja der Christus sowohl zu dem Volke auf der einen Seite wie zu den Jüngern auf der anderen Seite darüber sprechen, was das Reich der Himmel ist. Es muß also etwas rege werden bei dem Satz «Dein Reich» oder «Deine Reiche mögen zu uns kommen». Nun, wann wird das Richtige rege in uns? Das Richtige wird in uns nur rege, wenn wir solche Sätze eben nicht als Gedanken haben, sondern wenn wir sie so lebendig machen können, als ob wir sie wirklich innerlich hörten, also wenn wir dasjenige anwenden, was ich in den letzten Tagen mehrfach mit Ihnen besprochen habe. Es muß der Weg gemacht werden vom Begriff zum Wort, denn es liegt darin ein ganz anderes innerliches Erleben, wenn wir, ohne daß wir äußerlich sprechen, innerlich nicht bloß einen abstrakten Begriffsinhalt haben, sondern das lebendige Erleben des Lautes, in welcher Sprache es zunächst auch sei. Das ganze Vaterunser wird gewissermaßen das Spezifische der Sprache schon hinwegreduzieren, auch wenn wir im einzelnen aus irgendeiner Sprache heraus nun nicht vorstellen den bloßen Gedankeninhalt, sondern den Lautinhalt. Auf das wurde nämlich gerade in früheren Zeiten beim Beten außerordentlich viel gehalten, daß der Lautinhalt innerlich lebendig wird, denn nur wenn der Lautinhalt innerlich lebendig wird, verwandelt sich das Gebet in dasjenige, was es sein muß, in ein Wechselgespräch mit dem Göttlichen. Niemals ist das Gebet ein wirkliches Gebet, wenn es nicht ein Wechselgespräch mit dem Göttlichen ist, und zu einem solchen Wechselgespräch mit dem Göttlichen ist allerdings das Vaterunser im eminentesten Sinn gemacht durch seinen besonderen Bau. Wir sind gewissermaßen aus uns selbst heraus, indem wir solche Sätze sprechen wie «Vater unser, der Du bist in den Himmeln» oder «Deine Reiche mögen zu uns kommen». Wir vergessen uns in dem Augenblick selbst, indem wir richtig diese Sätze innerlich hörbar lebendig machen. Wir löschen uns bei diesen Sätzen in einem hohen Maße einfach durch den Inhalt der Sätze aus, aber wir nehmen uns wieder in die Hand, wenn wir Sätze anderer Struktur lesen oder innerlich lebendig machen. Wir nehmen uns sofort wiederum in die Hand, wenn wir sagen «Dein Name werde geheiliget». Es ist tatsächlich dann ein lebendiges Wechselgespräch mit dem Göttlichen, denn es verwandelt sich sofort dieses «Dein Name werde geheiliget» in uns in die innere Tat. Wir haben auf der einen Seite die Perzeption «Vater unser, der du bist in den Himmeln»; ohne daß etwas dabei geschieht, ist es nicht möglich, diesen Satz in seiner Vollständigkeit zu erleben. Und indem wir uns auf das innerliche Hören einstellen, erregt dieses innerliche Hören in uns den Christus-Namen, wie es in vorchristlichen Zeiten den Jahve-Namen erregt hat, in dem Sinne, wie ich über den Anfang des Johannes-Evangeliums gesprochen habe. Sprechen wir also in uns selber den Satz «Vater unser, der Du bist in den Himmeln» in der richtigen Weise aus, dann mischt sich hinein in dieses Aussprechen für uns in unserer heutigen Zeit der Christus-Name, und dann geben wir innerlich die Antwort auf dasjenige, was wir als eine Frage empfinden: «Dieser Name werde durch uns geheiliget.»

Sie sehen, es nimmt das Gebet dadurch, daß wir richtig uns hineinleben in das Vaterunser, die Form des Wechselgespräches mit dem Göttlichen an; ebenso, wenn wir in der richtigen Weise als Perzeption erleben «Deine Reiche mögen zu uns kommen». Diese Reiche können wir zunächst nicht in das intellektualistische Bewußtsein aufnehmen, wir können sie allein in den Willen aufnehmen. Und wiederum wenn wir in dem Satze «Deine Reiche mögen zu uns kommen» uns selbst verlieren, finden wir uns, nehmen wir uns in die Hand und geloben, daß die Reiche, wenn sie zu uns kommen, in uns wirken, daß wirklich der göttliche Wille geschehe wie in den himmlischen Reichen, also auch ds.y wo wir sind auf Erden. Sie sehen, Sie haben ein Wechselgespräch mit dem Göttlichen in dem Vaterunser.

Dieses Wechselgespräch bereitet Sie dann vor, überhaupt erst die innere Würdigkeit zu haben, um dasjenige, was nun der Erde angehört, mit demjenigen in Beziehung zu bringen, mit dem Sie in das Wechselgespräch gekommen sind, auch für die irdischen Verhältnisse. Auffällig könnte es einem erscheinen, daß ich sage, die Worte «Dein Name werde geheiligt» erregen in uns den Christus-Namen. Aber darin, meine lieben Freunde, liegt ja das ganze Christus-Geheimnis. Dieses Christus-Geheimnis wird solange nicht richtig gesehen werden, solange der Anfang des Johannes-Evangeliums nicht richtig verstanden wird. Am Anfang des Johannes-Evangeliums lesen Sie die Worte «Alles ist durch das Wort entstanden, und nichts gibt es in dem Entstandenen, was nicht durch das Wort entstanden wäre». Indem man dem Vater-Gott zuschreibt die Weltenschöpfung, vergeht man sich ja gegen das Johannes-Evangelium. An dem Johannes-Evangelium hält man nur fest, wenn man die Sicherheit darüber hat, daß dasjenige, was entstanden ist, dasjenige, was man als Welt um sich hat, durch das Wort entstanden ist, also im christlichen Sinne durch den Christus, durch den Sohn, daß der Vater das substantiell Zugrundeliegende, das Subsistierende ist, und daß der Vater keinen Namen hat, sondern daß sein Name eben dasjenige ist, was in dem Christus lebt. Es liegt das ganze Christus-Geheimnis in diesem «Dein Name werde geheiliget», denn der Name des Vaters ist in dem Christus gegeben. Wir werden darüber noch genug zu sprechen haben bei anderen Gelegenheiten, aber ich wollte heute vor allem darauf hinweisen, wie im Gebet ein reales inneres Wechselgespräch mit dem Göttlichen schon durch den Inhalt des Gebetes da sein muß.

Dann können wir weitergehen und uns sagen: Nicht ist uns von der bloßen Naturwelt dasjenige gegeben, was wir alltäglich werden durch die Aufnahme unserer Nahrung, durch das Brot. Wir nehmen das Brot von der Natur herein durch die Vorgänge, die ich Ihnen geschildert habe; durch unsere Verdauungsvorgänge, durch die Regenerationsvorgänge werden wir dasjenige, was wir auf Erden als Erdenmenschen sind, aber das darf nicht in uns wirklich leben, denn das Leben des Gottes ist anders, das Leben des Gottes lebt in dem geistigen Geschehen. Nachdem wir also in das Wechselgespräch mit dem Göttlichen gekommen sind im ersten Teil des Vaterunsers, können wir nun, aus der Stimmung heraus, die dann unser Inneres ergriffen hat, das Negative weglassen und das Positive sagen: «Unser im Alltäglichen wirkendes Brot gib Du uns heute.» Damit ist ja gemeint: Das, was sonst nur Naturvorgänge sind und als Naturvorgänge in uns wirkt, das soll durch unser Bewußtsein, durch unser inneres Erleben ein Geistesvorgang werden. Und ebenso soll unsere Gesinnung verwandelt werden. Wir sollen fähig werden, denjenigen, die uns etwas getan haben, die uns etwas geschadet haben, zu vergeben. Wir können das nur, wenn wir uns bewußt werden, daß wir vieles geschadet haben an dem Göttlich-Geistigen, und daß wir deshalb zu bitten haben um die richtige Gesinnung, damit wir das, was uns auf der Erde geschadet hat, was an uns auf der Erde geschuldet worden ist, in der richtigen Weise behandeln können; wir können das nur, wenn wir uns bewußt werden, daß wir ja immerdar durch unser bloßes Natursein dem Göttlichen Schaden zufügen und fortdauernd die Vergebung desjenigen Wesens brauchen, dem wir da schuldig geworden sind.

Und dann können wir ja auch das folgende vorbringen, was wiederum eine irdische Sache ist, also dasjenige, was wir hinaufsenden wollen zu dem, zu dem wir uns zuerst in ein Verhältnis gesetzt haben. «Führe uns nicht in Versuchung», das heißt: Lasse so rege sein in uns die Verbindung mit Dir, daß wir nicht die Anfechtung erfahren, in dem bloßen Natursein aufzugehen, uns bloß dem Natursein hinzugeben, daß wir Dich festhalten können in all unserer alltäglichen Nahrung. «Und befreie uns, erlöse uns von dem Übel.» Das Übel besteht darin, daß der Mensch sich loslöst von dem Göttlichen; wir bitten, daß wir befreit und erlöst werden von diesem Übel.

Wenn wir, immer mehr und mehr von solchen Empfindungen ausgehend, an das Vaterunser herantreten, meine lieben Freunde, dann vertieft sich das Vaterunser in der Tat zu einem innerlichen Erleben, das uns fähig macht, wirklich uns durch die Stimmung, in die wir uns da versetzen, auch die Möglichkeit zu verschaffen, nicht bloß vom physischen Menschen zum physischen Menschen zu wirken, sondern als menschliche Seele zur menschlichen Seele. Denn wir haben ja dann uns selber gewissermaßen zum Anschluß gebracht an das Göttliche und finden die göttliche Schöpfung in dem anderen Menschen, und wir lernen dadurch erst empfinden, wie wir ein solches Wort aufzufassen haben: «Was ihr einem der geringsten Meiner Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan». Da haben wir gelernt, das Göttliche zu empfinden in allem Irdisch-Daseienden. Aber wir müssen uns im realen Sinn, nicht durch eine Theorie, sondern im realen Sinn von dem Weltendasein wegwenden, weil wir gewahr werden, daß das Weltendasein, das uns als Menschen zuerst gegeben ist, gar nicht das wirkliche Weltendasein ist, sondern das entgöttlichte Weltendasein, und daß wir das wirkliche Weltendasein erst haben, nachdem wir uns im Gebet zu Gott gewendet haben und eine Verbindung zu Gott im Gebet gefunden haben.

Damit, meine lieben Freunde, ist ja zunächst nur in elementarsten Stufen angedeutet die Treppe, die Stiege, die hinaufführen kann in das Bewußtwerden des religiösen Impulses im Menschen. Dieser religiöse Impuls ist ja gewissermaßen vom Urbeginne ab im Menschen gelegen, aber es handelt sich darum, daß sich der Mensch dieses in ihm liegenden Impulses bewußt wird, und er kann das nur, wenn das Gebet in ihm ein reales Wechselgespräch mit dem Göttlichen wird. Es ist die erste bedeutsame Entdeckung, die man beim Vaterunser machen kann, daß es durch seinen inneren Bau schon so ist, daß man durch es unmittelbar, wenn man es versteht, in ein wechselseitiges Verhältnis des Menschlichen mit dem Göttlichen kommen kann. Das ist allerdings nur ein Anfang, meine lieben Freunde, aber es ist so, daß der Anfang, wenn er richtig erlebt wird, von selbst weiterführt, und gerade, wenn die Frage religiös gefaßt wird, so handelt es sich darum, daß wir an dem Erleben der ersten Schritte die Kraft finden wollen, die folgenden Schritte durch unser eigenes Inneres zu machen." (Lit.: GA 343a, S. 151ff)

Siehe auch

Daskalos#Das Vaterunser Daskalos'

Weblinks

Literatur

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Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Barbara Aland, Kurt Aland: Novum Testamentum Graece. 27. Auflage. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2001, ISBN 3-438-05115-X.
  2. Erwin Nestle, Kurt Aland: Novum Testamentum Graece et Latine. 22. Auflage. Stuttgart 1963
  3. Mt 6,9-13 LUT
  4. Die fünf Bitten des Lukasevangeliums lassen sich nicht so o.W. den sieben Wesensgliedern zuordnen, auch ist dort Sünde und Schuld zu einer Bedeutung zusammengezogen. Vgl. dazu auch die stark voneinander abweichenden Übersetzungen Luther, Elberfelder und Emil Bock (siehe Lukas,11,2-4, sowie die Erörterung im Lexikon Bibelwissenschaft (siehe weblinks).