Potenzieren (Homöopathie)

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Potenzieren (auch Dynamisieren) ist ein in der Homöopathie und in der anthroposophisch erweiterten Medizin verwendetes Verfahren zur Herstellung von Arzneimitteln. Dabei wird eine Urtinktur durch Verschütteln mit Wasser oder einem Wasser/Alkohol-Gemisch oder durch Verreiben mit Milchzucker schrittweise im Verhältnis 1:10 (D-Potenzen), 1:100 (C-Potenzen) oder 1:50.000 (LM- oder Q-Potenzen) verdünnt. Die Struktur der Urtinktur wird dabei dynamisch auf das Lösungsmittel übertragen.

Zur Potenzierung bei anthroposophischen Heilmitteln

"In der anthroposophischen Medizin werden Dezimalpotenzen zugrundegelegt. In der Regel ist die höchste Potenz eine D 30"[1].

Es ist so "... dass tiefe Potenzen, bei denen die Ausgangssubstanz erst sehr wenig durch den Potenzierungsprozess aufgeschlossen ist, auf das Stoffwechselsystem des Menschen wirken, in dem ja auch die stofflichen Umsetzungen vor sich gehen. Die mehr aufgeschlossenen mittleren Potenzen (etwa D 8 - D 15) wirken auf das rhythmische System und hohe Potenzen (etwa D 20 - D 30), bei denen keine Stofflichkeit wirksam ist, sondern nur noch eine Dynamik übertragen wird, auf das Nerven-Sinnes-System. (...) Höhere Potenzen als D 30 wurden von Rudolf Steiner nur in seltenen Ausnahmefällen empfohlen (so gelegentlich Belladonna D 60 bei psychischen Leiden)."[2].

Ein Potenzierlabor benötigt besondere Bedingungen:

"Ruhe - das mag ungewöhnlich erscheinen in der Arzneimittelherstellung. Aber Ruhe ist Voraussetzung beim Potenzieren. Bei diesem Herstellverfahren wird die Arzneimittelsubstanz mit einem Ethanol-Wassergemisch verdünnt und von Hand rhythmisiert. Wenn potenziert wird (...) ist klar, dass die Türe geschlossen bleibt und nicht gesprochen wird. Die Fenster sind mit einem Sichtschutz versehen, der Tageslicht hereinlässt, da gute Lichtverhältnisse wichtig sind. Aber alles andere, was ablenken könnte, bleibt draußen. Nein, hier steht auch kein Telefon und kein Computer"[3].

Helga Betz aus der Arzneimittelherstellung der Weleda AG erläutert: "Theoretisch ist die Methode schnell erklärt: Zentral ist zum Beispiel das Bewegen der Flüssigkeit in Form einer liegenden Acht, dem Symbol für Unendlichkeit. Aber Theorie ist nur das eine. Immer wieder habe ich in meiner über 30-jährigen Tätigkeit erlebt, dass Kollegen Versuche mit dem Potenzieren gestartet haben und überrascht waren, wie schwer es ist, die Bewegung in Übereinstimmung mit dem eigenen Rhythmus zu bringen"[4].

In der Milchzuckerverreibung (Trituration) zur Herstellung von Pulver oder Tabletten kommen leicht abgewandelte Verfahren zur Anwendung.

Kritik

Der Methode der Potenzierung wird oft entgegengehalten, dass es sich dabei um eine bloße Verdünnung der Ausgangssubstanz bis zur vollkommenen Wirkungslosigkeit handle. Die Übertragung einer Wirkung von Substanzen auf das Verdünnungsmittel sei durch keine bekannten physikalischen oder chemischen Gesetzmäßigkeiten zu erklären. Dass dieses auch in Fachkreisen immer noch verbreitete Vorurteil wissenschaftlich nicht haltbar ist, hat u.a. der Chemiker Viktor Gutmann an der Technischen Universität Wien schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts festgestellt. Die Fehleinschätzungen beruhen auf einem zu stark vereinfachenden Modell des flüssigen Zustands, das reale Substanz-Lösungen nicht hinreichend genau beschreibt. Auf Basis der experimentellen Befunde konnte Gutmann im Rahmen eines erweiterten Modells theoretisch klären, wie die Struktur der Urtinktur die Lösungsmittelstruktur messbar verändert wird. Aufgrund molekularer Systemorganisation durch die hierarchisch geordneten Strukturebenen des Lösungsmittels wird die Struktur beim Potenzieren nicht nur dynamisch stabilisiert, sondern darüber hinaus sogar noch schärfer herausgearbeitet. Dabei spielen auch die gelösten Gase und die Energieübertragung beim Verschütteln oder Verreiben eine entscheidende Rolle[5]. Schon 1923 hat Lili Kolisko mit der von ihr entwickelten Steigbildmethode den experimentellen Nachweis der Wirksamkeit kleinster Entitäten erbracht[6].

Literatur

  • Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst, 6. Auflage. 1842, herausgegeben 1921. (Potenzieren ab §269)
  • Homöopathisches Arzneibuch 2006, Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart
  • Pharmacopoeia of the American Institute of Homeopathy 2004 (Amerikanisches Homöopathisches Arzneibuch)
  • Gerhard Resch, Viktor Gutmann: Die wissenschaftlichen Grundlagen der Homöopathie, Barthel&Barthel Verlag, Schäftlarn 1986 ISBN 978-3-88950-025-0
  • Lili Kolisko: Physiologischer und physikalischer Nachweis der Wirksamkeit kleinster Entitäten 1923–1959, Stuttgart 1959
  • Michael Schiff: Das Gedächtnis des Wassers. Homöopathie und ein spektakulärer Fall von Wissenschaftszensur, Vlg. Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 1997
  • Jürgen Schürholz: Heilmittelfindung und Heilmittelherstellung. In: Anthroposophische Medizin. Ein Weg zum Patienten. Beiträge aus der Praxis, herausgegeben von Michaela Glöckler/Jürgen Schürholz/Martin Walker, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 1993, S. 197 - 206
  • Herwig Duschek: Keine Hochpotenzen über D 30! Von der Schädigung durch homöopathische Hochpotenz-Arzneimittel, Broschüre, o.O., Juni 2007
  • Henning Schramm: Heilmittel der anthroposophischen Medizin. Grundlagen - Arzneimittelporträts - Anwendung, Elsevier/Urban & Fischer, München 2009, S. 113 - 114

Einzelnachweise

  1. Jürgen Schürholz: Heilmittelfindung und Heilmittelherstellung. In: Anthroposophische Medizin. Ein Weg zum Patienten. Beiträge aus der Praxis, herausgegeben von Michaela Glöckler/Jürgen Schürholz/Martin Walker, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 1993, S. 197 - 206 (hier: S. 204)
  2. Herwig Duschek: Keine Hochpotenzen über D 30! Von der Schädigung durch homöopathische Hochpotenz-Arzneimittel, Broschüre, o.O., Juni 2007, S. 3 - 4
  3. O. Verf.: Die Herstellung. In: Weleda Nachrichten, Winter 2016, S. 22
  4. Helga Betz, in: Weleda Nachrichten, Winter 2016, S. 27
  5. vgl. Resch/Gutmann (1986)
  6. Kolisko (1959)