Volksseele

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In der Volksseele leben sich die einem Volk gemeinsamen charakteristischen Empfindungen, Stimmungen, Sympathien und Antipathien und Gewohnheiten aus. Sie ist die seelische Atmosphäre, in die alle Mitglieder eines Volkes mehr oder weniger stark eingebunden sind. Diese unverwechselbare grundlegende Seelenstimmung eines Volkes verändert sich im Laufe der Zeiten, sie macht einen Entwicklungsprozess durch und wird nach und nach veredelt. Dazu bedarf es aber der schöpferisch-inspirierenden Tätigkeit des Volksgeistes, die von einzelnen hervorragenden menschlichen Individuen - von Künstlern, Weisen oder bedeutenden Volksführern - aufgenommen und der Volksseele einverleibt werden. Es muss also sehr klar zwischen dem Volksgeist und der ihm zugehörigen Volksseele unterschieden werden.

Volksseele und Naturelemente

Die natürliche Umgebung, in der ein Volk lebt, hat entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung der Volksseele. Vielfach wirken die Volksgeister durch die Naturelemente auf den Menschen ein, wobei bei unterschiedlichen Völkern auch unterschiedliche Elemente in Betracht kommen:

"Die führenden Wesenheiten aus den höheren Hierarchien gegenüber den Völkern - Sie wissen das aus dem Zyklus über die Völkerseelen - sind die Wesen der Erzengelhierarchie, die Archangeloi. Aber wie wirken sie? Damit ist natürlich zunächst nur die Abstraktion gesagt, daß man irgendeinen Erzengel als den Dirigenten dieses oder jenes Volkes ansieht. Da hat man nicht mehr, als wenn man von der menschlichen Seele redet, die zwischen Geburt und Tod nur dadurch da sein kann, daß sie an einem Materiellen, nämlich in unserem Leib sich herausentwickelt. So ist auch der Erzengel, indem er ein Volk leitet, an das äußere Materielle gebunden. Die Brücke zwischen dem rein geistigen Wesen des Erzengels und dem Volkswesen ist eine materielle, wenn auch nicht eine so festumrissene, scharf kontunerte wie unser Leib. Wir fragen zum Beispiel: Wie ist das bei dem Volk, das die apenninische Halbinsel bewohnt, wie ist das bei dem Volk, das früher die Römer waren, das heute die italienisch gewordenen Germanen sind? Denn im Grunde genommen ist dort die Mehrzahl der Bewohner von heute nur umgewandeltes Germanenvolk, aber ihre Konfiguration, ihre Volksbestimmtheit bekommen sie durch etwas anderes, bekommen sie dadurch, daß in ihrem Atmungsprozeß, in die Luft ihres Atmungsprozesses, der Erzengel sich hinein, man kann nicht sagen, inkarniert, aber sich hinein, nun, sagen wir, verluftet. Und indem sie mit der Luft atmen, stehen die Bewohner der italienischen Halbinsel mit ihrem Erzengel in Verbindung. Und wer richtig studieren will, so daß er wirklich etwas erkennt von dem, was da eigentlich wirkt, der muß den eigentümlichen Zusammenhang der Bewohner dieser Halbinsel - auch der spanischen Halbinsel, aber da schon weniger - mit der Atmung, mit der Luft studieren. Er muß wissen, wie die Luft und der besondere Atmungsprozeß sich hineinleben in das menschliche Innenwesen.

Anders ist das bei denjenigen, die das heutige Frankreich bevölkern. Da schlägt der Erzengel eine andere Brücke, da wirkt er auf den Menschen durch alles dasjenige, was in des Menschen Naturentwickelung flüssig ist. Die Franzosen trinken vielfach ihren Volkscharakter mit ihren Weinen, aber auch noch mit anderem, was in dem Organismus als flüssiges Element figuriert. Sie sehen, auf diesem Wege kommt man nicht bloß zu abstrakten Schilderungen des Zusammenhanges der geistigen Welt mit der physischen. Es ist da ein Schildern, das gleichsam den Erzengel nur andeutet, und unten wimmeln die Völker, die Menschen, und der Erzengel führt die Menschen. Durch wahre Geisteswissenschaft kann man den Prozeß in seiner ganzen Konkretheit begreifen.

Die Bewohner der britischen Insel, sie empfangen mit dem im Leibe sich entwickelnden Festen dasjenige, was ihnen der Erzengel zu geben hat. Sie nehmen es auf, indem sich die festen Bestandteile in ihrem Leibe bilden, mit der festen Organisation. Es ist natürlich nur auf einem Gebiet, wo es sich radikal ausdrückt, aber es ist trotzdem nicht bloß eine bissige Wahrheit, sondern eine geisteswissenschaftliche Wahrheit: Indem der Engländer sein Beefsteak ißt, wirkt der Erzengel an ihm. Natürlich kann das nicht - denn die einzelne Individualität sondert sich davon aus - in chauvinistischem Sinn ausgedeutet werden. Der Mensch gehört ja nur mit einem Teil seines Wesens dieser Sache an, aber insofern der Mensch dem Volk angehört, ist das in ihm wirksam. Man lernt sich über die Erde nur dadurch auskennen, daß man sich in der Zukunft nicht scheuen wird, auf diese Dinge einzugehen. Der Mensch hat eine heillose Angst vor der Wahrheit, weil durch die Wahrheit natürlich unbequeme Sachen herauskommen. Aber sobald Ernst gemacht wird mit der Wahrheit, ist es notwendig, daß man vor dieser Unbequemlichkeit nicht zurückschreckt.

Gehen wir hinüber nach Amerika: schon äußerlich, in der äußerlichen Konfiguration, zeigt sich ja da, wie abhängig die Menschen werden von dem, was aus dem Boden ausstrahlt! In Italien aus der Luft, in Frankreich aus dem Wasser, in England aus dem, was bestimmt ist, als feste Ingredienzien in den Leib hineinzugehen, oder in ihm fest zu werden. In Amerika ist das noch anders.

Sie werden überhaupt sehen, daß die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, an der Wirklichkeit gemessen, überall ihre Bestätigung finden. Man sucht nur heute diese Bestätigung noch nicht. Ich habe in früheren Jahren einmal angeführt, daß die Entwickelung der Bewußtseinsseele, die die Egoität des Menschen besonders heraushebt, äußerlich materiell durch den Zucker gehoben wird. Ich habe damals darauf hingewiesen, wie unendlich größer der Zuckergenuß auf den britischen Inseln ist als zum Beispiel bei dem selbstlosen russischen Volk, wo der Zuckergenuß unendlich viel geringer ist. Aber wenn man schildert, daß erst mit dem 15. Jahrhundert die Bewußtseinsseele heraufkommt, um sich zu entwickeln, so sehe man nur in der Geschichte der Zuckerproduktion nach: Sie beginnt erst mit dem 15. Jahrhundert. Woher stammt denn eigentlich unsere Zuckerproduktion? Die Menschen fangen erst mit dem 15. Jahrhundert an, auf den Zucker angewiesen zu werden. Alles, was geisteswissenschaftlich wirklich aus den geistigen Welten hervorgerufen wird, wird voll bekräftigt gerade dann, wenn es so stark geistig sich entwickelt, daß es untertauchen kann in das Materielle, wo es lebt und deshalb erkannt werden muß. Sobald man hinübergeht nach Amerika, findet man nicht bloß äußerlich, daß die Europäer, die nach Amerika hinüberkommen, nach und nach andere Arme und Hände bekommen: es nähert sich die Arm- und Handbildung derjenigen der alten Indianer an, des alten Indianervolks, das in Amerika ausgerottet worden ist. Und das gilt auch von der Konfiguration der Gesichtsbildung, wenn es auch leise und erst in der dritten, vierten Generation auftritt, und natürlich darf man sich das nicht so vorstellen, daß da in der dritten, vierten Generation ein biederer britischer Spießer nun gleich ein Indianer werden könnte, sondern es zeigt sich nur in den feineren Gesichtszügen; aber es tritt schon hervor. Diesen Dingen muß man ins Gesicht sehen, denn nur dadurch wird es möglich sein, durch die Erkenntnis richtige Liebe über die Erde hin zu entwickeln. Liebe läßt sich nur dadurch entwickeln, daß man sich wirklich in die anderen Menschen hineinfindet. Dazu ist aber notwendig, daß man sie kennenlernt. Der Volksgeist wirkt auf das amerikanische Volk durch die Untergründe von der Erde herauf, durch die in der Erde schlummernden magnetischen und elektrischen Kräfte. Das Unterirdische ist es, das da heraufstrahlt und das da in Amerika das Medium abgibt, durch das der Volksgeist das Volk dirigiert.

Und gehen wir nach Mitteleuropa; da ist es gut, die Menschen selbst nachdenken zu lassen. Aber einiges kann doch gesagt werden: Da ist eigentlich etwas stark Labiles, etwas sehr stark Intimes, was mit der materiellen Ausgestaltung des Volksgeistes, mit der materiellen Auswirkung des Volksgeistes zusammenhängt. Da ist es im wesentlichen die Wirkung von Wärme auf Wärme. Die Wärmedifferenzen, die auftreten zwischen äußerem Warmsein und innerem Warmsein, Wärme des Winters, des Frühlings, des Sommers, kurz alles, was sich in den Wärmeverhältnissen ausdrückt, das ist das Medium, durch das der Volksgeist in Mitteleuropa wirkt. Alles das, was aus den Wärmeverhältnissen heraus auf die Blutzirkulation und die Atmung wirkt, das ist der Umweg, durch den der Volksgeist hier wirkt. Sie können das auch im Seelischen verfolgen. Wir haben noch die Möglichkeit - wenn wir nicht gerade Fritz Mauthner sind -, im Element der Sprache etwas von der Nachwirkung, ich möchte sagen, des Durchwärmtseins zu fühlen. Wenn man nicht von allen guten Geistern der Sprache verlassen ist, so ist man noch im Deutschen zum Beispiel imstande, in die Sprache sich hineinzufühlen, nicht bloß beim abstrakten Element stehenzubleiben, sondern sich hineinzufühlen in den Geist der Sprache, weil Wärme in Wärme physisch verwandt dem Seelischen ist. Nichts ist physisch so verwandt mit dem Seelischen als die Seelenwärme und Seelenkälte mit der physischen Wärme und physischen Kälte. Dasjenige, was in der Empfindungsseele lebt, ist schon viel fremder der Luft; dasjenige, was in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, ist viel fremder dem Element des Wassers, und gar dasjenige, was in der Bewußtseinsseele lebt, ist fremd dem Beefsteak, will sagen der Erde. Und gar furchtbar fremd ist, was in der menschlichen Seele zum Ausdruck kommt, demjenigen, was an magnetischen und elektrischen Kräften vom Unterirdischen hereinstrahlt in die menschliche Entwickelung im amerikanischen Volkscharakter. Daher ist so vieles da, was im amerikanischen Volkscharakter so aussieht, als ob der Amerikaner von dem, was er treibt, besessen ist, im Gegensatz zum Mitteleuropäer, der bei allem, was er treibt, mit dem Seelischen dabei sein muß, der daher auch mystische Wärme entwickeln kann, während der Amerikaner so leicht spiritistische Gesinnung entwickeln, besessen sein kann von irgendeinem Geistigen, wie man auch besessen wird von dem, was nicht mehr unmittelbar in den Menschen hereinströmt, wie Luft, Wasser, Erde, sondern nur vom Unterirdischen der Erde aus heraufwirkt, um die Volksstrukturen zu bilden.

Im russischen Volkscharakter, in dem, was sich im Osten vorbereitet ..., da wirkt der Volksgeist, der aber erst berufen ist in der Zukunft, durch sein Volk eine besondere Rolle zu spielen, da wirkt der Volksgeist durch das Licht, und zwar so durch das Licht, daß er nicht durch das unmittelbar von der Sonne herstrahlende Licht wirkt, sondern durch das Licht, das sich erst einsaugt in die Vegetation und in die Erde selbst und wieder zurückstrahlt. Die von der Erde, namentlich von der Vegetation zurückgestrahlte Sonnenkraft, die vom Boden aus wirkende Sonnenkraft ist dasjenige, was der russische Volksgeist benützt als sein Medium, um die Volksstruktur, die Volksorganisation zu bewirken." (Lit.: GA 174a, S. 258ff)

Im nachstehenden Auszug aus einem anderen Vortrag Rudolf Steiners wird diese Betrachtung noch vertieft. Hier wird am Ende auch deutlich, dass durch die Tat des Christus, durch das Mysterium von Golgatha, der Impuls gegeben wurde, durch den sich der Mensch von dem zwingenden Einfluss dieser Kräfte befreien kann:

"Um eine solche Betrachtung, wie die heutige ist, richtig ins Auge zu fassen, muß man sich klarmachen, daß es für den geisteswissenschaftlichen Betrachter der Welt eigentlich das gar nicht gibt, was der materialistische Sinn Materie oder Stoff nennt; das löst sich vor einer wirklich eingehenden Betrachtungsweise auch in Geist auf. Ich habe oftmals einen Vergleich gebraucht, der klarmachen soll, wie es um diese Dinge bestellt ist. Nehmen Sie Wasser. Es kann gefrieren, dann ist es Eis und sieht ganz anders aus. Eis ist Eis, Wasser ist Wasser; aber Eis ist auch Wasser, nur in anderer Form. So ist es ungefähr mit dem, was man Materie nennt: es ist Geist in anderer Form, Geist, so in andere Form übergegangen, wie Wasser beim Eis. Daher haben wir, wenn wir geisteswissenschaftlich sprechen, Geistiges im Auge, auch wenn wir von materiellen Vorgängen sprechen. Überall ist der wirkende Geist. Daß der wirkende Geist auch in materiellen Vorgängen zum Ausdruck kommt, gehört eben zu einer besonderen Erscheinungsform des Geistes. Aber es ist überall wirksamer Geist. Also auch wenn wir mehr materielle Erscheinungen ins Auge fassen, sprechen wir eigentlich von den Wirkungsweisen des Geistes, wie sie sich auf einem gewissen Gebiete als äußere, mehr oder weniger materielle Vorgänge zeigen.

Im Menschen finden fortwährend materielle Vorgänge statt, die eigentlich geistige Vorgänge sind. Der Mensch ißt. Dadurch nimmt er die Stoffe der äußeren Welt in seinen eigenen Organismus auf. Feste Stoffe, die verflüssigt werden, werden in den menschlichen Organismus aufgenommen und machen dabei eine Umwandlung durch. Der menschliche Organismus besteht ja aus allen möglichen Stoffen, die er von außen aufnimmt; aber nicht nur, daß er diese Stoffe aufnimmt, sondern indem er sie aufnimmt, machen sie auch einen gewissen Prozeß durch. Die Eigenwärme ist durch die aufgenommene Wärme und durch die Prozesse, welche die aufgenommenen Stoffe in unserem Organismus durchmachen, bedingt. Wir atmen. Mit dem Atmen nehmen wir den Sauerstoff auf; aber wir nehmen nicht nur Sauerstoff in uns auf, sondern indem wir in unserem Atmungsprozesse zusammengeschaltet sind mit dem, was in der Außenwelt, im Lufträume vorgeht, stehen wir auch in dem Rhythmus der Außenwelt drinnen. Unser eigener Rhythmus steht im Rhythmus des gesamten Weltenalls drinnen. Ich habe dieses Verhältnis sogar einmal zahlenmäßig vorgeführt. So stehen wir auch mit den rhythmischen Prozessen, die wir im eigenen Organismus durchmachen, mit der Umgebung in einem gewissen Verhältnis. Durch diese Prozesse, durch diese Vorgänge, die also dadurch ablaufen, daß die äußeren Naturvorgänge in uns hineinspielen und in uns weiterspielen, geschieht es, daß nun in der Tat diejenigen Wirkungen vermittelt werden, die zum Beispiel auch vom Volksgeist auf den einzelnen Menschen ausgeübt werden. Wir atmen nicht bloß den Sauerstoff, sondern im Sauerstoffatmen lebt Geistiges, und es kann im Sauerstoffatmen der Volksgeist leben. Wir essen nicht bloß, die Stoffe werden in uns auch verarbeitet. Aber dieser stoffliche Vorgang ist zugleich ein geistiger, und es kann, indem wir die Stoffe aufnehmen und in uns verarbeiten, in diesem Vorgang der Volksgeist leben. Das Leben des Volksgeistes mit uns ist nicht irgend etwas bloß Abstraktes, sondern in dem, was wir alltäglich tun und was unser Organismus vollzieht, prägt sich das Leben des Volksgeistes aus. Die materiellen Vorgänge sind zugleich Ausdruck von geistigen Wirkungsweisen. Der Volksgeist muß diesen Umweg nehmen, indem er durch den Atem, durch die Nahrung und so weiter in uns einzieht. Die einzelnen Volksgeister, die wir in dem Vortragszyklus über «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie» nach ändern Gesichtspunkten differenziert vorgeführt haben, wirken mit Bezug auf das, was ich eben angedeutet habe, in verschiedener Art auf den Menschen, und dadurch charakterisieren sich die einzelnen Völkercharaktere auf der Erde. Die einzelnen Völkercharaktere sind abhängig von den Volksgeistern. Aber wenn wir geisteswissenschaftlich verfolgen, auf welchen Umwegen die einzelnen Volksgeister wirken, so stellt sich zum Beispiel folgendes heraus.

Der Mensch atmet. Dadurch steht er in einem fortwährenden Zusammenhange mit der ihn umgebenden Luft. Er atmet sie ein, er atmet sie aus. Und wenn in einem besonderen Falle der Volksgeist durch die Konfiguration der Erde und durch Verhältnisse verschiedenster Art gerade den Umweg über die Atmung wählt und damit durch die Atmung die besondere Konfiguration, die Charakterisierung des betreffenden Volkes hervorruft, so kann man sagen: Der Volksgeist wirkt durch die Luft auf das betreffende Volk. - Das ist in der Tat namentlich in besonders hervorragendem Maße der Fall bei denjenigen Völkerschaften, die jemals die italienische Halbinsel bewohnt haben. Auf der italienischen Halbinsel ist die Luft der Vermittler für die Wirkungen des Volksgeistes auf den Menschen. Man kann sagen, die Luft Italiens ist dasjenige Mittel, dasjenige Medium, durch das der Volksgeist seine Wirkungen in den Menschen ausprägt, welche die italienische Halbinsel bewohnen, um ihnen die besondere Konfiguration zu geben, durch welche sie eben das italienische Volk sind, das alte römische Volk gewesen sind und so weiter. Man kann also gerade das, was scheinbar materielle Wirkungen sind, in seinen geistigen Untergründen erforschen, wenn man die geisteswissenschaftlichen Wege geht.

Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie ist es mit andern Volksgeistern? Wenn man nach ändern Gebieten der Erde Ausschau hält, welche Mittel wählen die Volksgeister, um dort die besondere Völkerkonfiguration zum Ausdruck zu bringen? Bei den Völkern, die das heutige Frankreich bewohnt haben oder es heute bewohnen, wirkt der Volksgeist auf dem Umwege durch das flüssige Element, durch alles, was nicht nur als Flüssigkeit in unseren Körper hineinkommt, sondern auch als Flüssigkeit in ihm wirkt. Also durch die Art dessen, was als Flüssigkeit den Organismus kontingiert und auf ihn wirkt, vibriert und webt der Volksgeist und bestimmt dadurch den betreffenden Volkscharakter. Das ist der Fall bei den Völkern, die das heutige Frankreich bewohnt haben oder es heute bewohnen.

Nun begreift man aber die Sache nicht vollständig, wenn man dieses Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung nur einseitig ins Auge faßt. Das gäbe doch nur eine sehr einseitige Auffassung, wenn Sie bloß dieses ins Auge faßten. Sie müssen sich dabei an das erinnern, was ich schon öfter gesagt habe: Der Mensch ist ein zwiespältiges Wesen; das Haupt und der übrige Organismus wirken für sich. - Eigentlich geschieht die Wirkung, von der ich jetzt mit Bezug auf das italienische und das französische Volk gesprochen habe, nur auf den übrigen Organismus, außerhalb des Hauptes, und von dem Haupte aus geht eine andere Wirkung. Und erst durch das Zusammengehen der Wirkung, die vom Haupte ausgeht, und jener, die vom übrigen Organismus kommt, entsteht in vollständiger Weise das, was sich dann im Volkscharakter ausprägt. Es wird die Wirkung, die vom Haupte ausgeht, sozusagen neutralisiert durch die vom übrigen Organismus ausgehende Wirkung. Daher könnte man sagen: Mit dem, was der Bewohner Italiens durch die Luft einatmet, was überhaupt für den übrigen Organismus, außerhalb des Hauptes, bestimmend ist in der Atmung, mit dem wirkt bei ihm zusammen vom Haupte aus die Konfiguration des Nervensystems des Kopfes, wie es geistig differenziert ist, also insofern der Mensch Nervenmensch des Hauptes ist. In Frankreich ist es anders. Was im Organismus als Rhythmus lebt, ist ein besonderer Rhythmus für den ganzen Organismus und ein besonderer für den Kopf; der Kopf hat seinen eigenen Rhythmus. Während es in Italien die Nerventätigkeit des Kopfes ist, die zusammenwirkt mit dem, was die Luft am Menschen bewirkt, ist es in Frankreich der Rhythmus, die rhythmische Bewegung des Kopfes, das Vibrieren des Rhythmus im Kopfe mit dem, was durch die Flüssigkeit im Organismus bewirkt wird. So baut sich durch das besondere Zusammenwirken des individuellen Menschen im Haupte, mit dem, was der Volksgeist aus der Umgebung heraus bewirkt, der Volkscharakter auf.

Daraus kann man ersehen: Man kann studieren, was über den Organismus der Erde hin gliedlich ausgebreitet ist, wenn man sich darauf einläßt, diese Dinge geisteswissenschaftlich zu beobachten. Denn tatsächlich wird die Menschheit die eigentümliche Konfiguration über die Erde hin nicht verstehen, wenn man derartige Dinge nicht in Betracht zieht. Wir fragen weiter nach einzelnen Volkscharakteren, fragen nach dem britischen Volkscharakter. Wie der Volksgeist des italienischen Wesens durch die Luft, wie der des französischen Wesens durch das Wässerige geht, so geht der Volksgeist des britischen Wesens durch alles Erdige, hauptsächlich durch das Salz und seine Verbindungen im Organismus. Das Feste ist das Hauptsächlichste. Während das flüssige Element im französischen Volkscharakter wirkt, haben wir im britischen Wesen wirksam das verfestigende, das salzige Element durch alles, was durch die Luft und die Ernährung in den Organismus hineinkommt. Das bewirkt die eigentümliche Konfiguration des britischen Volkscharakters. Aber auch hier wirkt vom Kopfe aus wieder etwas neutralisierend auf das aus der Umgebung Kommende. Geradeso wie Rhythmus im übrigen Organismus und im Haupte ist, so ist auch Verdauung, Stoffwechsel im übrigen Organismus und im Haupte. Wie der Organismus des Kopfes seinen Stoffwechsel vollführt, wirkt die Art und Weise dieses Austausches der Stoffe zusammen mit dem salzigen Element im Organismus, und das bewirkt den britischen Volkscharakter. Also das Erdige im Zusammenhang mit dem Stoffwechsel des Hauptes macht den britischen Volkscharakter aus. Und man kann sagen: Indem die Volksseele durch das salzige Element wirkt, schlägt ihr entgegen vom Haupte her die Eigentümlichkeit des Stoffwechsels des Hauptes.

Sie werden alle einzelnen Züge eines Volkscharakters studieren können, wenn Sie diese besonderen Metamorphosen in der Wirkungsweise der Volksseelen ins Auge fassen.

Wir fragen weiter nach dem Westen hinüber. Beim Amerikanertum ist es wieder anders, da wirkt ein unterirdisches Element. Während wir es also beim britischen Wesen zu tun haben mit dem Erdigen, mit dem Salzigen, ist beim amerikanischen Volkscharakter ein untererdiges Element wirksam, etwas, was unter der Erde vibriert. Das hat da einen vorzüglichen Einfluß auf den Organismus. Besonders durch die unterirdischen magnetischen und elektrischen Strömungen wirkt beim Volkscharakter des amerikanischen Volkes der Volksgeist herauf. Und dem strömt wieder vom Haupte her etwas entgegen, was den Einfluß der unterirdischen magnetischen und elektrischen Strömungen neutralisiert: dem strahlt entgegen, was nun wirklich menschlicher Wille ist. Das ist das Eigentümliche des amerikanischen Volkscharakters. Während wir beim britischen Volkscharakter sagen müssen, er hängt im wesentlichen ab von dem erdigen Element, insofern es der Mensch in seinen Organismus aufnimmt, und das dann in Wechselbeziehung kommt mit dem Stoffwechsel des Hauptes, so wirkt der Wille, insofern er sich beim Volke ausprägt, beim Amerikaner zusammen mit etwas, was vom Unterirdischen heraufkommt, und dies prägt den amerikanischen Volkscharakter. Mit dem hängt auch das zusammen, was ich sogar im öffentlichen Vortrage vorgebracht habe. Der Mensch kann nur mit seiner ganzen freien Persönlichkeit in Zusammenhang stehen mit dem Element über der Erde und noch bis zur Erde hin. Wenn er von unterirdischem Volksseelenhaftem beeinflußt ist, dann bildet er seine Volksseele nicht in Freiheit aus, sondern er ist dann sozusagen von der Volksseele besessen. Und ich habe im öffentlichen Vortrage gezeigt, wie der Amerikaner sogar dasselbe sagen kann, was der Mitteleuropäer Herman Grimm auch sagt, und es ist doch nicht dasselbe. Während man bei Herman Grimm merkt, wie alles menschlich erobert ist, ist es bei Woodrow Wilson so, daß er davon menschlich besessen ist.

Daraus können Sie eines sehen, es ist wichtig, weil unsere heutige Zeit es auch nötig hat, so etwas ins Auge zu fassen. Wenn heute zwei, drei Menschen dasselbe sagen, so betrachtet man es rein inhaltlich, man betrachtet es abstrakt. Aber es können zwei Menschen ganz dasselbe inhaltlich sagen, der Satz kann bei dem einen genau so lauten wie beim ändern. Der eine kann in seiner Seele erkämpfte, errungene Sachen haben, und der andere kann sie haben, indem er sie durch Besessenheit angenommen hat. Der Inhalt macht oft gar nicht das Wesentliche aus, sondern der Grad, in welchem das, was der Betreffende sagt, Eigenerarbeitetes der Seele ist, oder ob er es vielleicht durch Besessenheit bekommen hat. Das ist wichtig. Heute hat man nur einen Sinn für das Abstrakte. Man kann bei Herman Grimm sehen, daß er nur das gesagt hat, was er zehnmal in der Seele hin- und hergekehrt hat, und man kann Sätze aus Wilsons Sachen nehmen und «Herman Grimm» darüber schreiben und umgekehrt, aber darauf kommt es nicht an. Herman Grimm hat etwas Erarbeitetes, Woodrow Wilson hat etwas Besessenes, von unterirdischen Wesenheiten in ihn Hereinkommendes. Diese Dinge lassen sich erkennen, man braucht gar nicht mit Emotionen und Leidenschaften an sie heranzugehen, sondern sie lassen sich durchaus objektiv erkennen.

Wir fragen weiter, indem wir zunächst einmal, sagen wir, Deutschland einkreisen und nach dem Osten blicken. Wenn wir das östliche Wesen betrachten, das erst nach und nach sich aus dem Chaos erhebend, in seiner ureigenen Gestalt aufleuchten wird, so tritt einem dort etwas Eigentümliches entgegen. Wie der Volksgeist beim Italienertum durch die Luft wirkt, wie er beim französischen Volke durch das Wasser, beim Engländer durch das Erdige und beim Amerikaner durch ein unterirdisches Element wirkt, so wirkt der Volksgeist beim russischen, slawischen Element durch das Licht. In der Tat wirkt im vibrierenden Licht der Volksgeist, auf den es im Osten ankommt. Und wenn sich einmal aus den embryonischen Hüllen losgelöst haben wird, was im Osten nach der Zukunft wachsen wird, dann wird sich zeigen, daß auch die Wirkungsweise des Volksgeistes im europäischen Osten etwas ganz anderes ist als die Wirkungsweise des Volksgeistes im Westen. Denn, wenn ich auch sagen muß: Es wirkt der Volksgeist durch das Licht -, so ist das Kuriose doch das, daß er nicht durch das hinvibrierende Licht unmittelbar wirkt, sondern er wirkt, indem das Licht sich zuerst in den Boden senkt und vom Boden zurückgeworfen wird. Und dieses vom Boden zurück aufsteigende Licht ist es, dessen sich der Volksgeist beim Russen bedient, um auf ihn zu wirken. Aber das wirkt nicht auf den Organismus, sondern das wirkt gerade auf das Haupt, auf die Denkungsgesinnung, auf die Art der Ausbildung der Vorstellungen, der Empfindungen und so weiter. Hier ist also die Wirkungsweise des Volksgeistes gerade entgegengesetzt derjenigen im Westen, wo er aus dem übrigen Organismus wirkt und ihm vom Haupte etwas entgegenschlägt. Im Osten wirkt er durch das Licht. Das aus dem Boden zurückströmende Licht ist das Mittel für den Volksgeist, und das wirkt vorzugsweise auf das Haupt. Und was da nun zurückwirkt, das kommt jetzt vom übrigen Organismus, besonders vom Herzensorganismus her. Was da zurückkommt, schlägt jetzt umgekehrt nach dem Kopfe hin und ändert die von dort ausgehende Wirkung. Es ist heute noch im Chaos, noch in embryonischen Hüllen. Es ist der Atmungsrhythmus, der da zum Kopfe schlägt und das neutralisiert, was auf dem Umwege durch das Licht vom Volksgeist kommt. Was im nächsten Osten so herauskommt, das ist in einem höheren Maße noch vorhanden, wenn wir weiter nach Osten gehen. Das ist überhaupt das Eigentümliche des asiatischen Ostens, daß der Volksgeist zum Teil auch noch durch das Licht wirkt, das vom Boden aufgenommen und zurückgestrahlt wird und das auf das Haupt wirkt. Oder der Volksgeist wirkt auch durch das, was nicht mehr Licht ist, was aber überhaupt nicht sichtbarlich ist: die Sphärenharmonie, die ja auch alles durchvibriert und die für eine geistige Menschheit des asiatischen Ostens gleichkommt einer Volksgeist-Wirkung, indem der Volksgeist direkt durch die Sphärenharmonie wirkt, die aber von der Erde zurückgestrahlt wird und auf das Haupt wirkt. Und dem wirkt entgegen der Atmungsrhythmus. Und darin liegt das Geheimnis, das darin besteht, daß die Geistsucher des Orients immer in einer besonderen Ausbildung des Atmens gesucht haben mit dem Geist in Zusammenhang zu kommen. Wenn Sie Joga studieren, werden Sie sehen, es macht Ansprüche, die Atmung in einer besonderen Weise auszubilden. Das beruht darauf, daß der einzelne als Glied der ganzen Menschheit, nicht als einzelner, durch den Volksgeist die Geistigkeit zu finden sucht; er sucht sie auf die Weise, wie es wirklich innerhalb seines Volkscharakters gegründet ist. Je weiter wir also nach dem Osten kommen, desto mehr finden wir dies. Natürlich würde sich an mehr oder weniger vorkommenden Verfeinerungen dieser Volkscharakterauswirkungen, aber auch an Entartungen dieser Volkscharakterauswirkungen zeigen lassen, wie manchmal in Abirrung sich so etwas zeigt. Einzelne Völkerschaften und ganze Rassen teilen in ausgesprochenem Maße diese Abirrungen, indem zum Beispiel Disharmonien eintreten, wenn die Haupteswirkung mit der Wirkung des übrigen Organismus zusammenstimmt und so weiter. Aber auf einzelne Disharmonien gerade einzugehen, ist heute vielleicht nicht besonders anzuraten, da man ja heute aus diesen oder jenen Gründen von einem Volke aus andere Völker lieben muß. Es gebieten so die Verhältnisse; manches könnte da statt mit der Vernunft mit dem Gemüte aufgefaßt werden, und es würde dann vielleicht nicht verstanden werden. Wenn einmal andere Zeiten gekommen sind, kann man vielleicht auch über die östlichen Völker und ähnliche Probleme sprechen.

Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie steht es nun bei den mitteleuropäischen Völkern? Wir reden ja mehr von geographischen Verhältnissen, haben also Mitteleuropa nicht in einem sozialpolitischen Verhältnis im Auge. Ich habe auch nicht nach Rassen Verhältnissen die Fragen beantwortet, sondern es sind, wie Sie sehen, spirituell-geographische Verhältnisse. Wir können also von einem Mitteleuropa sprechen, zu dem Frankreich und Italien nicht gehören.

Die Eigentümlichkeit des in Mitteleuropa wirkenden Volksseelentums ist es, daß - wie ich für andere Gebiete auseinandergesetzt habe, daß durch Luft, Wasser, durch das Salzige und so weiter gewirkt wird - in unmittelbarer Weise durch die Wärme gewirkt wird. Der Volksgeist wählt in Mitteleuropa den Umweg, das Medium der Wärme. Und zwar ist das nun nicht ganz unmittelbar fest bestimmt, es kann individualisiert werden. Es kann Menschen geben in Mitteleuropa, bei denen diese Wirkung des Volksgeistes verschieden sein kann, einmal aus dem übrigen Organismus und einmal auf das Haupt; auch je nachdem direkt die äußere Luft wärmt, oder indem durch die Speisen oder durch das Atmen gewärmt wird. Das alles ist Medium für den Volksgeist. Und was nun hier dieser Wirksamkeit entgegenwirkt, ist wieder die Wärme, so daß in Mitteleuropa die Wärme, insofern sie äußere Wirkungen hat, Medium für den Volksgeist ist. Und was ihr entgegenkommt, ist wieder die von innen kommende, selbsterzeugte Eigenwärme. Daher kann man sagen: Was im Organismus durch den Volksgeist als Wärme wirkt, dem kommt entgegen die Eigenwärme des Hauptes. Wirkt die Wärme des Volksgeistes durch das Haupt, so strömt ihr da die Wärme des übrigen Organismus entgegen. Wärme wirkt zu Wärme, und sie wirkt namentlich so, daß sie vorzugsweise von der größeren oder geringeren Lebendigkeit der Sinneswirksamkeit, geradezu der Wahrnehmungsfähigkeit abhängt. Ein Mensch, der regeren Geistes ist, der mit Liebe die Dinge um sich herum ansieht, entwickelt größere Eigenwärme. Ein Mensch, der flüchtig, oberflächlich ist, der nicht viel empfindet, der über alles hinweggeht, entwickelt weniger Eigenwärme. Dieses Mitleben mit der Umgebung, indem der Mensch ein Herz oder ein offenes Auge für die Umgebung hat, das ist es, was der Wärme, die durch den Volksgeist wirkt, entgegenschlägt, so daß da Wärme an Wärme schlägt. Das ist das Eigentümliche der Wirkungsweise des Volksgeistes in Mitteleuropa, und darauf beruht vieles im Wesen des Volkscharakters, weil Wärme zu Wärme so innig verwandt ist. Die andern Wirkungsweisen sind alle nicht so verwandt: der Wille ist mit dem Elektrischen nicht in derselben Weise verwandt, das Salzige ist mit dem Verdauungselement des Kopfes nicht so verwandt und die ändern angeführten Wirkungen ebenfalls nicht. Aber Wärme bewirkt den europäischen Charakter, der sich auch darin ausspricht, mehr oder weniger in alles aufgehen zu können. - Wir wollen nicht von Werturteilen reden, sondern nur charakterisieren, daher kann es jeder auffassen, wie er will: als Tugend oder als Untugend. -Wärme an Wärme: biegsam macht das, plastisch, in alles sich hineinfindend, auch in fremde Volkscharaktere. Oh, wenn wir die Geschichte verfolgen, so zeigt sie, wie die einzelnen deutschen Stämme in fremde Völkerschaften hineingenommen sind, fremdes Element angenommen haben. Das wird Ihnen alles bekräftigen, was jetzt gesagt worden ist. An dem heute Auseinandergesetzten wird auch im eminentesten Maße der große Gegensatz zwischen dem asiatischen Orient und dem amerikanischen Okzident ersichtlich. Man möchte sagen: Das Licht, und sogar noch was über dem Licht im Ätherischen liegt, ist es, dessen sich die Volksseele im Osten bedient, um an den Menschen heranzukommen, wenn es auch rückstrahlend ist von der Erde. Das unterirdische Element, was unter der Erde ist, ist es im Westen. - Das kann uns tief hineinführen in das organisch-seelische Leben des ganzen Erdenorganismus in seinem Zusammensein mit der Menschheit. Es ist durchaus nicht die Absicht, dabei irgendeinen Teil der Erdenbevölkerung zu verletzen, oder einem ändern Teil Schmeicheleien zu sagen. Aber wahr ist es doch: Auf der einen Seite das nach dem Geistigen hingerichtete Fluten im Orient, nach unten zu Schwere entwickelnd, den Menschen an die Erde fesselnd, ist mehr das Wesen nach dem Westen hin. Ob das mit dem amerikanischen Volkscharakter mehr oder weniger übereinstimmt, überlasse ich jedem selbst zu beurteilen. Eine aufsteigende Flut, möchte ich sagen, im Osten; ein Abebben, ein In-die-Erde-Hineinwirken im Westen. So ist das Leben. Natürlich nicht auf einmal, aber im Laufe des Lebens, im Verlaufe von Generationen wird der Mensch den Erdenverhältnissen ähnlich, paßt sich an. Wenn also auch ein Europäer nach dem Orient kommt, dort Kinder hat und die Kinder wieder Kinder haben, so fordern es die waltenden Umstände, daß diese Verhältnisse sich ausbilden. Das wirkt im Menschen. Es ist tatsächlich so: Wie in unserem physischen Organismus an der Schulter nie eine Nase, sondern immer ein Arm herauswachsen wird, so werden in Amerika nie gute Jogis entstehen. Es kann einmal verpflanzt werden, aber man kann auch in Glashäusern alle möglichen Pflanzen aufziehen, darauf jedoch kommt es nicht an, sondern was im naturgemäßen Zusammenhang von der Entwickelung selbst gemeint ist. Das alles ist ausgesprochen, ist bestimmt. Naturwissenschaftliche Biologie ist durchaus nicht das, was erklärt, wie die Erdenverhältnisse sind. Dazu muß man zum Beispiel auf die verschiedenen Wirkungsweisen der Volksseelen eingehen, wie wir es heute besprochen haben, wie sich das Unoffenbarte im Offenbaren zum Ausdruck bringt.

Der Mensch ist also in die Wirkungsweisen eingebettet, die mit der Erde zusammenhängen. Wenn Sie das ins Auge fassen, wird Ihnen, ich möchte sagen, auf der einen Seite recht bedrückend vor der Seele stehen, wie sehr der Mensch doch eigentlich von Mächten abhängig ist, die in der geschilderten Weise mit dem Fleck Erde zusammenhängen, auf den das Karma ihn in irgendeiner Inkarnation gestellt hat. Natürlich hängt es wieder mit seinem Karma zusammen, daß er dort hineingestellt ist. Aber dennoch, die charakterisierten Verhältnisse haben vielleicht etwas Bedrückendes, und das Bedrückende wird, wenn wir nicht alle Umstände überschauen, noch größer. Wenn wir namentlich in ältere Zeiten der Erdenentwickelung zurückgehen, werden wir finden: Je weiter wir zurückkommen, desto größer wird die Abhängigkeit, von der ich gesprochen habe, und desto mehr differenziert sich aus solchen Impulsen die Menschheit über die Erdenoberfläche hin. Doch die Erdenentwickelung trägt schon die Möglichkeit in sich, daß die Menschen diese Abhängigkeit, wenn auch nicht in der äußeren Konfiguration, aber in ihrem Innenleben nach und nach wohl überwinden. Was müßte denn geschehen - fragen wir das einmal -, was wäre denkbar, daß es geschehen würde, damit diese Abhängigkeit von dem Fleck Erde auf irgendeine Weise gemildert würde, damit der Mensch irgendwie aus dieser hier charakterisierten Notwendigkeit zu einer gewissen Freiheit herauf gehoben würde?

Dazu müßte einmal während der Menschheitsentwickelung auf der Erde etwas geschehen sein, was dieser Abhängigkeit des Menschen von dem Fleck Erde geradezu widersprechen würde. Wir haben jetzt alle Impulse besprochen, welche den Menschen von seinem Fleck Erde abhängig erscheinen lassen. Ich sagte: Es müßte auch etwas geschehen sein, was jener Abhängigkeit widerspricht, etwas, was diesen Verhältnissen ins Gesicht schlagen würde. - Es ist doch zu verstehen: Dies, was auf der Erde leben würde, was anders ist als alles, was durch diese Abhängigkeit wirkt, das würde auf diese Verhältnisse ausgleichend, neutralisierend wirken. Was kann das sein?

Im Beginne unserer Zeitrechnung geschah das Mysterium von Golgatha. Wir haben von ihm im Laufe der Zeit viele Eigentümlichkeiten hervorgehoben. Aber man braucht sich nur eine ganz augenfällige, ganz allgemeine, allgemein bekannte Eigenschaft des Mysteriums von Golgatha einmal vor die Seele zu führen, und man wird sehen, daß selbst durch etwas so an der Oberfläche der Dinge Liegendes, dieses Mysterium von Golgatha sich als etwas Besonderes, Einziges in das Erdenleben hineinstellt. Der Christus Jesus lebte unter einem Volke, das einen ausgesprochenen Volkscharakter hat, das alles, was es tut, aus einem ausgesprochenen Volkscharakter heraus tut. Was aber mit dem Christus Jesus geschieht, was aus dem Volkscharakter heraus sich vollzieht: das Mysterium von Golgatha, der Tod auf Golgatha, das steht in vollständigem Widerspruch mit diesem Volkscharakter. Denn weder nimmt das Volk, aus dem heraus das Mysterium von Golgatha sich abspielt, dieses in sein Bekenntnis auf, noch bekennt es sich zu dem Christus Jesus persönlich, individuell, sondern es tötet ihn, es ruft: Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! - Es geschieht etwas, was nicht für ein Volk bestimmt sein kann; es geschieht etwas, was nur einen Sinn hat, wenn es in Widerspruch gedacht wird mit dem, was aus den Volkscharakteren heraus erfolgen kann, was das Volk von sich aus abweist, aus sich heraus annulliert, vernichtet. Das ist das Geheimnis des Mysteriums von Golgatha. Deshalb hat es nicht einen Volkscharakter, wächst nicht heraus aus dem Volkscharakter, sondern es widerspricht alledem, was wir vorhin als Abhängigkeit des Menschen vom Volkscharakter charakterisiert haben. Es ist ein Ereignis und eine Wesenheit auf Erden, die mit dem Volkscharakter nichts zu tun haben, weil nur das, was da vernichtet - der Tod -, mit diesem Volkscharakter etwas zu tun hat. Denn weder hat dieses Ereignis es zu tun mit dem jüdischen Volkscharakter, noch mit dem auf dem gleichen Gebiete wirkenden römischen Volkscharakter; denn die Juden rufen: Kreuzige ihn! - und der Römer kann keine Schuld an ihm finden, das heißt, er weiß nichts mit dem anzufangen, was da vor sich geht. Es hebt sich das ganze heraus aus dem, was durch den Volkscharakter geschehen kann. Dadurch wird das Mysterium von Golgatha ein solches Ereignis, das Sie, wenn Sie es genau studieren, mit keinem ändern vergleichen können. Märtyrer hat es selbstverständlich auch anderswo gegeben; aber nicht aus diesen Gründen, die für das Mysterium von Golgatha gelten, sind Märtyrer erstanden. Je mehr Sie das Mysterium von Golgatha studieren, desto mehr werden Sie finden, daß es gerade deshalb eintrat, weil es nichts zu tun hat mit einem einzelnen Volkscharakter, sondern weil es in Verbindung steht mit der ganzen Menschheit. Daher kann man wirklich sagen: Wir haben auf der einen Seite jenes Prinzip in der Menschheitsentwickelung, das sich so über die Menschheit hinübererstreckt, daß es differenzierend wirkt. Dann wächst einmal aus einem Differenzierten etwas heraus, was nicht zu dem Differenzierten gehört, sondern gerade darin seine Eigentümlichkeit hat, daß es unabhängig vom Volkscharakter ist; das ist die andere Seite." (Lit.: GA 181, S. 12ff)

Die Verbindung des Menschen mit den Volksseelen

Nur im wachen Zustand ist der Mensch unmittelbar verbunden mit der Volksseele des Volkes, in das er hineingeboren wurde. Im Schlaf hingegen verbindet er sich nicht mit der eigenen Volksseele, sondern mit der Gemeinschaft aller anderen Volksseelen. Etwas anders liegt die Sache nur dann, wenn man ein bestimmtes Volkstum ganz besonders haßt - dann verbindet man sich im Schlaf nicht mit der Gemeinschaft aller Volksseelen (außer der eigenen), sondern ausschließlich mit der Volksseele des gehaßten Volkes:

"Wir wissen ja schon aus der ganz elementaren Darstellung in der Anthroposophie, daß wir unter Volksseelen nicht das verstehen, was, durch einen abstrakten Begriff ausgedrückt, die äußere, exoterische Welt darunter versteht. Ganz bestimmte Wesenheiten, man möchte sagen mit Erzengelrang - man braucht das ja nur nachzulesen in dem Vortragszyklus über «Die Mission einzelner Volksseelen» -, Wesenheiten mit einem Bewußtsein, das höher ist als das menschliche Bewußtsein, leiten die Angelegenheiten der Völker. Und wir blicken hinauf zu diesen Volksseelen, sprechen also von ihnen als wirklichen, realen Wesenheiten, ja realeren Wesenheiten, als wir Menschen selber sind. Wie tritt der Mensch in bezug auf seine geistig-seelische Wesenheit in ein Verhältnis zu diesen Volksseelen? Diese Frage wollen wir zuerst einmal aufwerfen.

Wir kennen das Wechselleben des Menschen in bezug auf sein Bewußtsein zwischen Wachen und Schlafen; wir wissen, daß der Mensch zu wachen hat innerhalb seines physischen und Ätherleibes und daß er dann zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in seinem astralischen Leibe und in seinem Ich weset. Wenn nun der Mensch zwischen seinem Einschlafen und Aufwachen mit seinem astralischen Leibe und Ich außerhalb seines physischen Leibes ist, dann ist er in einer Region, die in bezug auf sein Verhältnis zu der Volksseele, der er zunächst angehört in einer bestimmten Inkarnation, eine ganz andere ist als die Region, in der der Mensch ist in bezug auf die Volksseele, wenn er in seinem physischen Leibe ist. Der Mensch wird durch seine Sprache und durch manches andere ja hineingeboren in das Gebiet seiner Volksseele. Wie wirkt diese Volksseele auf die menschliche Seele, auf das, was im Schlafe herausgenommen wird aus dem physischen und Ätherleibe, was aber im Wachen im Leibe vorhanden ist? Wie wirkt die Volksseele des Volkes, dem ein Mensch angehört, auf die individuelle Seele des Menschen?

Sie wirkt eigentlich nur in der Zeit, in welcher der Mensch in den physischen Leib untertaucht vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Mensch ist da untergetaucht in die Kräfte des physischen und Ätherleibes, und in diese Kräfte ist auch untergetaucht mit gewissen, ich möchte sagen, Fangarmen das, was die Volksseele ist, die Seele desjenigen Volkes, dem der Mensch eben in einer Inkarnation besonders angehört. Und wir tauchen nicht nur in unseren physischen Leib unter, wir tauchen auch in einen gewissen Teil unserer Volksseele unter, leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, während wir in unserem physischen Leibe sind, mit dem, was im physischen Leibe vorgeht, innerhalb der Volksseele. Wir erfahren das, was wir in Gemeinschaft mit der Volksseele erfahren, während unseres Wachzustandes, nur daß die Volksseele nicht unmittelbar in das hereinspricht, was uns vollbewußt ist im Ich, daß sie vom Ätherleib aus mehr in das Unterbewußte des astralischen Leibes hineinspricht, daß sie uns tingiert, nuanciert, unserem Gefühl und Temperament eine gewisse Richtung gibt. Das ist das Wesentliche, wie wir mit ihr in Beziehung treten. Derjenige, der durch seine entsprechende Initiation fähig ist zu beobachten, was da alles mitspielt, wenn der Mensch in den physischen Leib untertaucht, der sieht, schaut die Begegnung mit der Volksseele beim Untertauchen in den physischen Leib. Aber er schaut auch noch etwas anderes. Und wenn ich davon spreche, so werden Sie bald erkennen, daß innerhalb desjenigen, was der Geistesforscher zu sagen hat über die eine oder andere Volksseele, Objektivität herrschen muß.

Der Geistesforscher lebt ja in den Momenten, wo er in der richtigen Weise durchstärkt und durchleuchtet das Geistig-Seelische und es fähig macht, bewußt zu leben und unabhängig vom Leibe, er lebt so, daß er beobachten kann, wo der Mensch ist, auch dann, wenn er mit seinem Geistig-Seelischen, mit seinem astralischen Leibe und Ich außerhalb des physischen Leibes ist. Der Geistesforscher beobachtet da, wie jede menschliche Seele unbewußt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in den ganzen Umkreis der für eine Zeit in Betracht kommenden Volksseelen untertaucht. Während der Mensch also, wenn er in den physischen Leib untertaucht, mit der Volksseele seiner Nation zusammen ist, ist er im Schlafzustand mit all den anderen Volksseelen der betreffenden Zeit zusammen, mit Ausnahme derjenigen, mit der er während des Wachzustandes im physischen Leibe zusammen ist.

Der Geistesforscher hat hinlänglich Gelegenheit, die Eigentümlichkeiten der anderen Volksseelen kennenzulernen, denn sobald er in seinem leibfreien Zustand seiner selbst bewußt wird, lebt er geistig-seelisch ebenso mit den anderen Volksseelen zusammen, wie er im physischen Leibe mit seiner eigenen Volksseele zusammen lebt. Da wäre es ganz unmöglich, aus den gewöhnlichen Leidenschaften heraus das eine oder das andere in einseitiger Weise über die eine Volksseele zu sagen. Aber wenn der Geistesforscher bewußt mit diesen anderen Volksseelen zusammen lebt, so zeigt ihm dieses Bewußte auch, daß jeder Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewußt mit den anderen Volksseelen zusammenhängt, aber etwas anders als mit seiner eigenen Volksseele. Wenn man in den physischen Leib untertaucht, so lernt man die einzelne Volksseele mit ihren wesentlichen Eigenschaften, im wesentlichen ihrer Tätigkeit in der Wirkung auf sich kennen, wenn auch im Unterbewußten. Im Schlafe oder Initiationszustand lernt man die anderen Volksseelen kennen, aber nicht als einzelne, sondern in ihrem Zusammenwirken; nur die eigene Volksseele ist nicht dabei. Die anderen wirken zusammen wie in einem Reigen, und in dem, was ihre Reigentätigkeit ist, in dem lebt man drinnen, wie man bei Tag im physischen Leibe mit der einen Volksseele zusammen lebt. Also man lebt da nicht mit der Eigentümlichkeit der einen Volksseele zusammen, sondern mit dem Zusammenwirken. Nur eines gibt es, wodurch man im leibfreien Zustand, also im Schlafe, gleichsam verurteilt werden kann, ganz sicher verurteilt werden kann, aus dem normalen Zusammensein mit dem Reigen der Volksseelen herausgerissen zu werden und mit nur einer fremden Volksseele zusammen zu sein. Verstehen Sie mich wohl: Das ist nicht normal, mit einer fremden Volksseele zusammen zu sein; aber man kann es erreichen, wenn man in leidenschaftlicher Weise diese andere Volksseele besonders haßt. Damit verurteilt man sich, herausgerissen zu werden aus dem Reigen der anderen Volksseelen und so zusammen zu sein im Schlafzustand mit dieser einen Volksseele, wie man während des Wachzustandes mit der eigenen Volksseele zusammen ist." (Lit.: GA 174a, S. 33ff)

In welchen Seelengliedern wirkt der Volksgeist?

"Diese Wesenheiten der höheren Hierarchien stehen zu unserem Ich in einem solchen Verhältnis wie wir zu den Dingen der Außenwelt. Für uns sind die Gegenstände und Wesenheiten des mineralischen, Pflanzen- und Tierreiches Objekt. Für die Wesenheiten der höheren Hierarchien sind zum Beispiel unsere Iche Objekt. Nur daß das Verhältnis der Wesenheiten der höheren Hierarchien zu unseren Ichen nicht das der Wahrnehmung ist, wie wir es der Außenwelt gegenüber haben, sondern es ist mehr ein Durchstrahlen unseres Ichs mit dem Willen der höheren Hierarchien, ein Einwirken des Willens der höheren Hierarchien. Was für uns Außenwelt ist, sind wir als Menschen für die Archangeloi, die die Völker zu leiten haben, nur daß es bei uns mehr ein Wahrnehmungsprozeß ist und bei den Archangeloi mehr ein Willensprozeß. Aber in bezug auf diesen Willensprozeß macht der Archangelos auch eine Entwickelung durch. Dieser Archangelos macht geradeso eine Reifung seiner Seele durch, durch die er dann allmählich ein anderes Verhältnis zu den einzelnen Menschen seines Volkes erlangt; so wie wir mit einem reifen Ich ein anderes Verhältnis zu unserer Umwelt erlangen. Nehmen wir zum Beispiel das Archangeloiwesen, welches im Verlauf der Geschichte die Leitung desjenigen übertragen ist, was wir als italienisches Volk kennen. Dieses Archangeloiwesen hat lange Zeit ein solches Verhältnis zu dem italienischen Volke gehabt, daß es eigentlich mit seinem Willen im wesentlichen in die höheren Teile des Seelischen hineingewirkt hat. In seinem weiteren Verlauf wirkte dieser Archangelos aber nicht nur in das höhere Seelische, sondern auch in das mehr Niedere der Seele hinein, in die Passionen, in die Impulse der Seele, die noch mit dem Leiblichen zusammenhängen. So geht die Entwickelung des Archangeloi-wesens weiter: Zuerst wirkt es mehr auf das eigentlich Seelische, im späteren Verlauf wird es immer mächtiger und es wirkt in das Seelische hinein, das mehr mit dem Leiblichen zusammenhängt. Und wir können für das italienische Volk geradezu angeben, wie um das Jahr 1530 herum der Archangelos in seiner Entwickelung diese Stufe durchmachte. Und nun beginnt das italienische Volk eigentlich erst in bezug auf sein Äußeres sich gehen zu lassen, so recht seinen Nationalcharakter zu entwickeln. Studieren Sie die Geschichte des italienischen Volkes vor dem genannten Zeitraum, Sie werden dann sehen, daß da der Archangelos noch bei den Menschen der italienischen Halbinsel in die inneren Eigenschaften der Seele gewirkt hat; daß sich dann aber im eminentesten Sinne erst der äußere Nationalcharakter ausgebildet hat, so wie wir ihn gegenwärtig kennen. Vor diesem Zeitpunkt – und ein solcher Zeitpunkt ist für jedes Volk vorhanden – ist das ganze Seelenleben eines Volkes noch lebendig. Da ist es noch so, daß das Seelenleben des Volkes diese oder jene Eigenschaft annehmen kann. Die Eigenschaften sind noch nicht so energisch ausgeprägt. Nach diesem Zeitpunkt, wo der Archangelos zu den tieferen Eigenschaften des Seelischen seine Willensbeziehungen entwickelt hat, wird der Volkscharakter starr, da geht er bis in die leiblichen Eigenschaften hinein, da beginnt die Zeit, wo man kaum mehr irgendwie mit etwas, was dem Nationalcharakter nicht entspricht, an das Volk herankommen kann. Für das französische Volk ist dieser Zeitpunkt um das Jahr 1600 und für das englische Volk um das Jahr 1650 herum. Wenn sie zurückgehen vor diese Zeit, werden Sie sehen, wieviel Gemeinschaftliches die Völker Europas noch haben, und wie bei den einzelnen Völkern die Ausprägung des Nationalcharakters in den Zeitpunkten beginnt, die ich angeführt habe. Es werden Ihnen selbst einzelne Erscheinungen ziemlich begreiflich erscheinen, wenn Sie solche Dinge zur geschichtlichen Betrachtung haben. Bedenken Sie, daß in der Zeit, in der das englische Volk seinen Shakespeare hatte, noch nicht der Nationalcharakter in dieser Weise umfaßt worden war, so daß gerade das Nicht-mehr-Verstehen-Können Shakespeares, gerade von seiten des englischen Volkes, davon herrührt, daß der Archangelos die Umklammerung mit dem bestimmt differenzierten Nationalcharakter vollzogen hat. Der Archangelos strebt beim italienischen Volk vorzugsweise nach seiner Macht, in der Empfindungsseele zu wirken, bei dem französischen Volk in der Verstandesseele und beim britischen Volk in die Bewußtseinsseele, beim deutschen Volk in das Ich." (Lit.: GA 159, S. 137ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Mitteleuropa zwischen Ost und West, GA 174a (1982)
  2. Rudolf Steiner, Erdensterben und Weltenleben, GA 181 (1967), Zweiter Teil, Berlin, 30. März 1918
  3. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 (1980)
  4. Hans Erhard Lauer: Die Volksseelen Europas. Versuch einer Psychologie der europäischen Völker, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 1965
  5. Heinz Eckhoff (Hg.): Europa und sein Genius. Die Volksseelenkunde der Anthroposophie - Ein Beitrag zu einem schöpferischen Frieden, Fischer TB Vlg., Frankfurt a.M. 1986
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