Wahl

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Die Wahl (mhd. wal, wale; ahd. wala; von germ. *wal-ija- „wählen“; lat. electio; griech. προαίρεσις prohairesis „Wahl, Entscheidung“) oder Auswahl ist eine bewusst getroffene Entscheidung für eine unter mehreren Alternativen; im engeren Sinn eine durch ein Motiv bestimmte, auf Vernunft gegründete Willenshandlung. Aristoteles führt den Begriff der Prohairesis in seiner Nikomachischen Ethik ein, wonach als (moralische) Handlung nur das zu werten ist, was aus einer (bewussten) Entscheidung hervorgegangen ist. Die Aristoteles folgende Strebensethik gründet sich auf das vernuftgeleitete Streben nach dem Guten (→ Eudaimonie).

Rudolf Steiner hat in seiner «Philosophie der Freiheit» dargelegt, dass jede Wahlentscheidung durch zwei Faktoren, einen gedanklichen und einen willensmäßigen, bestimmt wird. Ersterer ist das augenblickliche Motiv des Handelns, der zweite die Triebfeder als der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums, der sein Wollen antreibt. Eine freie Entscheidung liegt vor, wenn sowohl das Motiv als auch die Triebfeder voll bewusst im reinen Denken gefasst wird, das dann zugleich ein reines, d.h. rein geistiges Wollen ist. Rudolf Steiner spricht in diesem Fall von moralischer Intuition.

"Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflüsse eines auf eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einflüsse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine Denken. Da man gewohnt ist, das reine Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die praktischeVernunfl zu nennen." (Lit.: GA 4, S. 153)

"Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt. Ein solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.

Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe." S. 154

"Wir haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage diejenige als die höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische Vernunfl wirkt. Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet. Bei genauerer Überlegung stellt sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist, daß weder eine vorher bestimmte charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken. Die Handlung ist also keine schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt bestimmte.

Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit der moralischen Intuitionen. Wem die Fähigkeit fehlt, für den einzelnen Fall die besondere Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der wird es auch nie zum wahrhaft individuellen Wollen bringen.

Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kantsche: Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten können. Dieser Satz ist der Tod aller individuellen Antriebe des Handelns. Nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist." S. 158f

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1995), ISBN 3-7274-0040-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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