Wahrheitskriterium

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Ein Kriterium (gr. κριτήριον, „Gerichtshof; Rechtssache; Richtmaß“) ist ein Merkmal, das bei einer Auswahl zwischen Personen oder Objekten (Gegenständen, Eigenschaften, Themen, usw.) relevant für die Entscheidung ist. (gemäß wikipedia: Kriterium).

Entsprechend ist ein Wahrheitskriterium ein Merkmal, das es ermöglicht, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Eine erkenntnistheoretische Schwierigkeit besteht darin, daß ein solches Merkmal, wie die Wahrheit selbst, eines Ausweises bedarf: In gewissen Hinsichten ist das Prüfkriterium, seine gültige Anwendbarkeit und dann seine korrekte Anwendung das eigentliche Erkenntnisproblem, in dem dann, bei gültiger Anwendbarkeit, über die korrekte Anwendung entschieden werden muß.

Ein Lösungsvorschlag für die Behebung oder Umgehung solchen infiniten Regresses oder ähnlicher Komplikationen wie Zirkularität etc. ist wissenschaftstheoretisch der Einsatz des Kriteriums der Intersubjektivität, durch das aber eine absolut sichere Erkenntnis niemals erreicht werden kann, sondern nur ein mehr oder weniger vollständiger Konsens[1] (vgl. Herrschende Meinung, Konsenstheorie der Wahrheit), was wahr sei, bzw. was nicht widerlegt ist (Fallibilismus).

Der heute weitgehend herrschende Fallibilismus in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ist einmal der (auch Alltags-)Erfahrung geschuldet, daß sich angebliche Wahrheiten irgendwann doch als unwahr herausstellten. Aber auch einer Resignation, das Wahrheitsproblem, bzw. das Problem des Wahrheitskriteriums lösen zu können.

Die bequeme Intersubjektivitätsregel kann aber nicht die Notwendigkeit ersetzen, im Erkennen und in der Forschung ein Wahrheitskriterium verwenden zu müssen. Dies gilt natürlich im besonderen für die Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, weil auf dem "Gebiet" des Geistes bisher erst nur wenige Forscher tätig sind, es keine größere Forschergemeinschaft gibt, mithin eine gegenseitige intersubjektive Kritik der jeweils einsam gewonnenen Erkenntnisse der Geistesforscher/innen kaum schon in einem Maße möglich ist, daß dadurch die Zweifel an den Behauptungen, was wahr sei, ausreichend in Richtung allgemeinen (intersubjektiven) Geltens behoben werden könnten.

Allerdings versteht sich die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners nicht als fallibilistisch[2]. Der ganzen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Anlage nach ist die anthroposophsiche Wissenschaft keine fallibilistische Wissenschaft, und benötigt grundsätzlich auch die kontrollierende Intersubjektivität nicht (obwohl diese wohl hilfreich sein mag). Daher muß die anthroposophische Wissenschaft das erkenntnistheoretische Problem des Wahrheitskriteriums positiv lösen können.

Ein Hinweis auf Evidenz als solche als Wahrheitskriterium ist keine solche Problemlösung, da Evidenz zunächst nur für ein subjektives Fürwahrhalten gelten kann, und insofern einen Irrtum nicht ausschließt. Es muß für evidente Einsicht als allgemeines Wahrheitskriterium gezeigt werden können, wie sie gültig zustande kommt, und es muß ihre objektive Gültigkeit gezeigt werden, bzw. die Voraussetzungen objektiver Gültigkeit müssen geklärt werden[3].

Voraussetzungslose Erkenntnis und Wahrheitskriterium

Das Problem des Wahrheitkriteriums ist gewissermaßen die Kehrseite des erkenntnistheoretischen Problems der Voraussetzungslosigkeit. Während die heute herrschende Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie gemeinhin von der Unmöglichkeit solcher Voraussetzungslosigkeit im strengen Sinne ausgeht, und darüber hinaus für die Wissenschaftspraxis für verzichtbar hält, kann die anthroposophische Wissenschaft solche Position nicht einnehmen, da sie von der Wahrheitsfähigkeit des Menschen überzeugt ist. Sie behauptet: Es gibt Wahrheit, und der Mensch ist ihrer fähig. Daher muß die anthroposophische Erkenntnis voraussetzungslos (d.h. auch wahr) beginnen können, und die gewonnenen Wahrheiten müssen positiv ausgewiesen werden können, d.h. letztlich auch auf den gültigen, wahren Anfang hin beziehbar sein.

Rudolf Steiner zur Irrtumsmöglichkeit auf geistigem Gebiet

"Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen, sei hier gleich gesagt, daß auch der geistigen Anschauung keine Unfehlbarkeit innewohnt. Auch diese Anschauung kann sich täuschen, kann ungenau, schief, verkehrt sehen. Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde kein Mensch; und stünde er noch so hoch. Deshalb soll man sich nicht daran stoßen, wenn Mitteilungen, die aus solchen geistigen Quellen stammen, nicht immer völlig übereinstimmen. Allein die Zuverlässigkeit der Beobachtung ist hier eine doch weit größere als in der äußerlichen Sinnenwelt." (Lit.: GA 011, S. 23)

"In einem noch viel höheren Maße als gewöhnlich ist für den Geistesforscher notwendig ein gesunder Tatsachensinn, ein echtes Gefühl für Wahrhaftigkeit. Alle Schwärmerei, alle Ungenauigkeit, die so leicht über das hinweghuscht, was wirklich ist, ist beim Geistesforscher vom Übel. Sieht man es schon im gewöhnlichen Leben, so wird es auf dem Gebiete der Geistesschulung sofort klar, daß der, welcher sich nur ein wenig gehenläßt in bezug auf Ungenauigkeit, merken lassen wird, daß von der Ungenauigkeit bis zur Lüge, zur Unwahrhaftigkeit, nur ein ganz kleiner Schritt ist. Daher muß beim Geistesforscher das Bestreben vorliegen, sich verpflichtet zu fühlen, der schon im gewöhnlichen Leben vorhandenen unbedingten Wahrheit in nichts nachzugeben und nichts zu vermischen, denn jedes Vermischen führt in der geistigen Welt von Irrtum zu Irrtum." (Lit.: GA 062, S. 407)

Siehe auch --> Urteil

Äußerungen von anthroposophischen Philosophen zum Thema

C. A. Gilbert: All is vanity

Herbert Witzenmann ist der Ansicht, daß im Erkenntnisprozeß gleichsam nebenbei eine Art fortlaufendes Experiment stattfindet. Beobachtungsexperimente nämlich, analog den Experimenten in den Naturwissenschaften (seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode), - die im Erkenntnisprozeß prüfen, ob jeweils Begriff und Wahrnehmung zusammenpassen. Das Wahrnehmliche, das schon längst nicht mehr das reine Wahrnehmliche als solches ist, sondern eine Leerstelle im Gefüge, akzeptiert nur den passenden Begriff, und weist andere, unpassende zurück. Nur der richtige, wahre Begriff "haftet" an der Wahrnehmung. Dieses Anhaften ist nach Witzenmann das Wahrheitskriterium. Er erörtert dieses Geschehen allerdings an dem Beispiel der sinnlichen Wahrnehmung.[4]

Zur Erläuterung gibt es den Hinweis auf die Vexierbildphänomene, und andererseits, was Goethe über die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit sagte, ein herabfallendes Blatt von einem herunterflatternden Vogel zu unterscheiden[5]. Bei den Vexierbildern gibt es zwar eine Zweideutigkeit, aber trotzdem wird gerade da deutlich, in welchem Maße das Wahrnehmliche die Herrschaft darüber ausübt, welcher Begriff gültig und wahr auf es angewendet werden darf.(Bei der Abbildung rechts hängt der Umschlag von einem Begriff zu einem anderen auch von der Entfernung ab, aus der das Bild betrachtet wird.) Das ist aber das schon vorkonstituierte Wahnehmliche. Um das Spezielle dieses Vexierbildes wahrnehmen zu können, sind schon unzählige Vereinigungen von Begriff und Wahrnehmung vorausgegangen, wie die Unterscheidung von schwarz und weiß z.B. Dann muß man wissen, was ein toter Schädel ist, und wie eine menschliche Person in Kleidung aussehen kann usw. Das sind für diese besondere Erkenntnisfrage: Smalltalk zweier Solondamen, bzw. eine Dame im Spiegel, oder Totenschädel Vorgegebenheiten. Die Varianten sind nur möglich innerhalb eines Gefüges, das schon als wahr vorausgesetzt ist.

Das Erkenntnisproblem ist bei dem Beispiel des vom Baume herabflatternden Objektes grundsätzlich das gleiche: Es sollen Begriff und Wahrnehmung wahrheitsgemäß zusammengebracht werden. Während jedoch das Vexierbild im Wahrnehmlichen zweideutig bleibt, und die Anwendung zweier verschiedener Begriffe erlaubt, womit man es da dann wohl mit zwei zu unterscheidenden Objekten zu tun haben muß, ist bei dem herabflatternden Objekt vorausgesetzt, daß es sich um ein einziges Objekt handelt. Die Möglichkeit, daß es sich sowohl um ein Blatt als auch um einen Vogel handelt, ist hier ausgeschlossen, von dem praktisch nie vorkommenden Fall abgesehen, daß bei der Wahrnehmung des Objektes dieses ein Vogel ist, und davor oder dahinter fällt zufällig auch ein Blatt herab, bzw. umgekehrt, und der erkennende Mensch hat für einem Moment die beiden Objekte in der Wahrnehmung deckungsgleich bzw. überlappend.

Angenommen, das Objekt sei in Wirklichkeit ein Vogel, der aber als ein Blatt erkannt wird. Kann man dann davon ausgehen, daß im Erkenntnisprozeß die Gültigkeit des Beobachtungsexperimentes: Begriff Blatt haftet an dem Wahrnehmlichen, das sich vom Baume zum Boden herabbewegt, sorgfältig geprüft wurde? Wohl kaum. Nach einem ersten Zögern wird spontan der Begriff Blatt zugeordnet. Es ist keine Zeit für eine sorgfältige Prüfung. Schon Sekunden später kann es zu der Überraschung kommen, daß das angebliche Blatt im Grase herumhüpft. Wenn der Vogel jedoch sitzen bleibt, klärt sich der Irrtum nicht auf.

Im Alltag kommen solche Fehler sehr häufig vor, und oft sind sie vernachlässigbar, und zeitigen meist keine problematischen Konsequenzen. Will man jedoch mit wissenschaftlichem Anspruch erkennen, dürfen solche Irrtümer nicht passieren. Die Schwierigkeit besteht hier bei dem Beispiel in der Entfernung der Wahrnehmung, und in der kurzen Zeit ihres Auftretens. Würde der Vogel von einem sehr hohen Baume herabflattern, oder würde man aus unmittelbarer Nähe beobachten: Dann würde man den Vogel leichter als einen solchen vom Blatt unterscheiden können.

Man müßte eigentlich in solchen Fällen mit seinem Urteil zurückhalten, auf die Erkenntnis verzichten, sich sagen: Es könnte ein Vogel oder ein Blatt sein, und eventuell noch etwas anderes (z.B. ein ferngesteuertes Spielflugzeug). Das bedeutet aber umgekehrt, das der Begriff Blatt in Wirklichkeit gar nicht an dem Wahrnehmlichen haften konnte: Man hat sich nicht nur bezüglich des Wahrnehmlichen als solchem getäuscht, sondern auch darin, daß der versuchte Begriff an der Wahrnehmung hafte.

Eine Möglichkeit für die Wissenschaft der von Bäumen herabflatternden Objekte, (falls die Entfernung nicht verringert werden kann und die Zeit des Herabflatterns zu kurz ist für ein gründlicheres Studium der Objekte), könnte es sein, eine Dauerbeobachtung durchzuführen. Ein Forscher, der täglich in der Herbstzeit bei unterschiedlichen Winden mehrere Stunden herabfallende Blätter beobachtet, und dazu die verschiedenen herabflatternden Vögel, wird bald eine sehr scharfe Wahrnehmung bekommen, wie sich Blätter und Vögel dann doch typisch in ihren Bewegungen auf dem Weg zum Erdboden unterscheiden.

Solch einem spezialisierten Forscher wird man eher vertrauen, als einer Gruppe von Laien, die sich "intersubjektiv" darüber verständigen, ob es nun ein Blatt oder Vogel gewesen sein soll. Und wo dann die herrschende Meinung sich möglicherweise durchsetzt, obwohl sie unwahr sein mag. Der spezialisierte und erfahrene Forscher bzw. die Forscherin verfügt über Autorität, Reputation.

Das Wahrheitskriterium des Anhaftens ist nur anwendbar innerhalb eines schon als wahr vorausgesetzten (oder auch hypothetisch angenommenen) Kontextes, das ist die schon fertig konstituierte Wirklichkeit (das Gefüge, eine Verwebung unzähliger Vereinigungen von Begriffen mit Wahrnehmlichem, und von Begriffen untereinander). Wenn diese dem besonderen Erkenntnisakt, in dem sich ein zu erkennendes Wahrnehmliches zeigt, vorausgesetzte Wirklichkeit in sich schief, verzerrt oder widersprüchlich ist, oder sie auf falschen Grundannahmen beruht, im Ganzen also unwahr ist, dann ist es unmöglich, mittels des Wahrheitskriteriums des Anhaftens eines Begriffes an einem Wahrnehmlichen, innerhalb einer solchen in sich unstimmigen Wirklichkeit, ein Wahrheitsurteil zu fällen, daß ein Begriff mit einer Wahrnehmung zusammenpasse. Diese Tatsache wird in der Wissenschaft für das Umgekehrte genutzt, nämlich um mittels einer als wahr festgestellten Einzelbeobachtung, eine hypothetische Theorie zu überprüfen.

Bei den sinnlichen Wahrnehmungen gibt es einen sicheren, alltagsweltlichen Kontext, der als wahr vorausgesetzt werden kann. Dieser schließt in dem angeführten Beispiel z.B. aus, daß ein Blatt, wenn es zu Boden gefallen ist, auf diesem wie ein Vogel herumhüpfen könne. (Es mag vom Wind wieder aufgewirbelt werden können.)

Die Anwendbarkeit eines Wahrheitskriteriums bei geistigen Erkenntnissen ist ein schwierigeres Problem, das nicht nur darin besteht, eine Wahrheit gültig feststellen zu können, sondern auch darin, die Art des Zustandekommens der Wahrheit für die "Rezipienten" der mitgeteilten Erkenntnisse generell nachvollziebar zu machen.

Herbert Witzenmann

"Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung ist die Abgrenzung der meditativ gewonnenen Bewußtseinsinhalte gegen visionäre Beeindruckungen und mediumistische Hervorbringungen. Das meditative Bewußtmachen des Übersinnlichen als eines von uns unterbewußt im Wirklichkeitsaufbau Vollzogenen führt stets zu solchen Erfahrungen, welche den Charakter des rückbestimmten Bestimmens[6] haben, der uns aus unseren Evidenzerlebnissen bekannt ist. Alles diese Charakteristik nicht Aufweisende kann nicht den Anspruch des Übersinnlichen erheben. Damit sind die übersinnlichen Erfahrungen erkenntniswissenschaftlich eingeordnet. Es ist damit aber auch ein Unterscheidungsmerkmal gewonnen, welches es ermöglicht, Verwirrung stiftende Verwechslungen, Selbsttäuschungen und unberechtigte oder gar bewußt irreführende Ansprüche auf eine in Wahrheit nicht vorhandene Zuständigkeit für "Übersinnliches" als solche zu erkennen und gegen die echten Befunde der seelischen Beobachtung abzugrenzen." (Lit.: Herbert Witzenmann, Erkenntniswissenschaftliche Bemerkungen zur Bildhaftigkeit des übersinnlichen Schauens, S. 114)

Helmut Kiene

"Nicht das Mythische, sondern die Steigerung des Logischen, nicht das Aufgeben der Rationalität, sondern das Überwinden der Rationalität in ihrer bisher gängigen Form, nicht das Zurückbleiben hinter der Wissenschaft, sondern das Vordringen in eine von Unwissenschaftlichkeit bereinigte Gestalt der Wissenschaft ist die Möglichkeit zum Aufgang innerhalb des Niedergangs. Es können Schritte zu einer essentialen Wissenschaft, zu einer Wissenschaft der Wesenserkenntnis getan werden." (Lit.:Kiene, aus dem Vorwort)

"Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ein Vorgang lediglich Tag für Tag beobachtet wird - soweit das Erinnerungsvermögen zurückreicht, alle Tage - oder ob man ein Verständnis für das Wesen der zugrundeliegenden Zusammenhänge gewonnen hat. Über diesen Unterschied kann sich letztlich nur ein anti-essentialistisches und falsifikationistisches Allsatz-Konzept" [7] "hinwegtäuschen, und zwar deshalb, weil man sich bei diesem Konzept von vornherein auf die Auffassung festgelegt hat, daß es gar keine anderen Erkenntnisse geben könne als die Erkenntnisse von Regelmäßigkeiten. Ob das Wesen eines Zusammenhanges durchschaut und deshalb die Regelmäßigkeit begründbar ist oder nicht, macht keinen Unterschied aus, solange man auf dem falsifikationistischen Standpunkt beharrt. Man gibt sich dann nämlich der Überzeugung hin, daß, wie jede Theorie, so auch diese Begründung irgendwann wieder falsifiziert werden dürfte, ja, daß sie doch sogar prinzipiell falsifizierbar sein müsse, um überhaupt als wissenschaftlich gelten zu können." (Lit.:Kiene, S. 62)

Gegen diese Auffassung, daß eine wissenschaftliche Aussage grundsätzlich falsifizierbar sein müsse, führt Kiene ins Feld, daß es wahre, nicht falsifizierbare Aussagen bzw. Erkenntnisse gäbe. Popper hatte als ein Beispiel der Falsifikation angeführt, daß durch die Beobachtung, daß am Polarkreis die Sonne nicht alle 24 Stunden auf- und unterginge, der Allsatz: Die Sonne geht alle 24 Stunden auf und unter, widerlegt sei. Kiene kommentiert dazu:

"Es läßt sich der Grund erkennen, warum in den Polargebieten andere Sonnenauf- und Sonnenuntergangsverhältnisse herrschen als auf dem Breitengrad von Griechenland. Der Grund ist die sphärische Form der Erde, die schräggestellte Erdachse sowie die Rotations- und Zirkulationsbeziehungen zwischen Erde und Sonne. Der Grund ist das Wesen des Zusammenhangs zwischen Sonne und Erde." (S. 66)

Die Erkenntnis dieses Grundes, des Wesens des Zusammenhangs, ist nach Kiene eine wahre, nicht falsifizierbare Erkenntnis, eine "essentiale" (lat. essentia = Wesen) Erkenntnis. Daß man sich über das Wesen einer Sache auch täuschen kann, wird an dieser Stelle von Kiene nicht thematisiert. Er meint, bereits an einem Einzelfall jeweils komme die essentiale Erkenntnis zum Erfolg:

"Es war ein erkenntnistheoretischer Fehler von David Hume, daß er meinte, ursächliche Zusammenhänge könnten nur durch eine statistische Zusammenfassung vieler Einzelbeobachtungen erkannt werden." (S. 68)

"Der kausale Zusammenhang wird entweder in einem bestimmten Einzelfall erkannt, oder er wird überhaupt nicht als kausale Beziehung erkannt." (S. 68)

Seite 104ff. dann trifft Kiene bezüglich des Induktionsverfahrens eine Unterscheidung zwischen formaler und essentialer Induktion. Ein Induktionsproblem gäbe es nur bei der Induktion, wie sie David Hume verstanden hatte, die in einem logischen Schluß vom einzelnen beobachteten Gegenstand (bzw. vielen gleichen Fällen) auf das Allgemeine, den Begriff desselben, auf das Gesetz, unter das das Einzelne fällt, kommt. Das Induktionsproblem besteht darin, das so ein Schluß genauer besehen gar nicht möglich ist. Dieser Humeschen Auffassung stellt Kiene die des Aristoteles entgegen, der die Induktion nicht als formalen Schluß, sondern als essentiale Wesenserkenntnis verstanden habe.

Es wird von Kiene mit seinen Ausführungen zur essentialen Wesenserkenntnis jedoch keine erkenntnistheoretische Position eingenommen, die von der Erkenntnistheorie Rudolf Steiners ausdrücklich abweichen würde, sondern es handelt sich um eine Interpretation und Beschreibung der Steinerschen Auffassungen:

"Aus dieser Einsicht ergibt sich nun der wichtigste Gesichtspunkt einer essentialen Theorie des sinnlichen Wahrnehmens: Es kann nur bewußt wahrgenommen werden, soweit begriffen wird, um was es sich im einzelnen handelt. Jedes Wahrnehmen ist ein erkennendes Wahrnehmen. Dieses erkennende Wahrnehmen wird ermöglicht durch das Hinzubringen des jeweiligen Begriffs zu dem unmittelbar sinnlich Gegebenen. Der hierbei erfolgende Übergang von dem Noch-nicht-Erkannten, d.h. 'unmittelbar Gegebenen' zu der erkannten Wahrnehmung geschieht im Begreifen dessen, was gegeben ist; der Übergang geschieht im Hinzufügen des Begriffs." (S. 136)

Die dabei zum Zuge kommende Intuition beschreibt Kiene so:

"So wie das Wahrnehmen die Wahrnehmung ins Bewußtsein bringt - und zwar vermittelt durch den Begriff - so bringt die 'Intuition' den Begriff selber ins Bewußtsein: 'Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhalts.[8]' (...)

Unter 'Intuition' im erkenntnistheoretischen Sinne wird hier jene scharf umrissene Erkenntnis verstanden, wie sie z.B. ein Dolmetscher hat, der bei einer schwierigen Übersetzung lange und angestrengt suchen muß, um in der Fremdsprache eine begriffs- bzw. sinngerechte Ausdrucksweise zu finden; oder es ist z.B. jene andere klare Erkenntnis gemeint, die ein Mensch hat, der eine gezeichnete Strichfigur als Dreieck erkennen kann, weil er des Begriffs vom Dreieck 'intuitiv' inne ist. 'Intuition' ist in diesem Sinne ein Teilhaben am Geistigen, ist das im Denken geschehene Hervorbringen des Begriffs.

Wahrnehmen und Intuition bilden die Achse, die mit den beiden Teilen Wahrnehmung und Begriff die Totalität der zu erkennenden Wirklichkeit aufspannt." (S. 139)

Im weiteren kommt dann Kiene auf die Irrtumsmöglichkeit beim Erkennen zu sprechen, und gibt auch eine erste, noch eher allgemeine Antwort auf das Problem des Wahrheitskriteriums:

"Allerdings darf nun nicht übersehen werden, daß selbstverständlich nicht nur Erkenntnis möglich ist. Es bedarf keiner großen Weisheit, um auch die Möglichkeit des Irrtums zu bemerken. Da es aber nicht das Anliegen der Wissenschaft sein kann, Irrtümer in die Welt zu streuen, ist für den Schutz der Erkenntnisgüte in der Wissenschaft folgende Frage nicht minder wichtig: Wie ist Irrtum möglich? Deshalb muß die Frage 'Wie ist Erkenntnis möglich' in zwei speziellere Fragen differenziert werden:

Wie ist wahre Erkenntnis möglich?

Wie ist scheinbare, d.h. falsche Erkenntnis möglich, wie ist Irrtum möglich?" (S. 142f.)

"Ein Wissenschaftler kann aber nur dann sicher sein, etwas Wesenhaftes begriffen zu haben, wenn es ihm gelingt, den jeweiligen Begriff mit derselben gedanklichen Sourveränität zu handhaben, wie es der Mathematiker mit dem Begriff des geometrischen Kreises oder der Astronom mit dem Begriffder Mondfinsternis kann. Die geometrische Denkweise - nicht die Geometrie, sondern das Niveau und der Stil der geometrischen Denkweise! - ist das Vorbild für alles wissenschaftliche Denken und garantiert allein die Verwirklichung einer Wesenserkenntnis. Die Wahrheit eines solchen Wesen-erkennenden Denkens zeigt sich im jeweils lebendigen Denkvollzug selbst. Es kann dieses Denken deshalb das essentiale oder auch lebendige Denken genannt werden." (S. 147)

Allein schon die Lebendigkeit des Denkens als solche verbürge die Wahrheit des Erkennens.

"Die Antwort auf die neue Fragestellung 'Wie ist Irrtum möglich?' beinhaltet nun folgende Einsicht: Irrtum bzw. falsche Erkenntnis ist möglich, weil der Mensch richtig und falsch denken kann. Er kann mit 'lebendigen' Begriffen essential denken oder auch mit 'toten' Begriffen vermutend spekulieren.

Auf dem Niveau dieses toten, spekulativen Denkens kann sich aber der Mensch der Wahrheit des Gedachten nicht gewiß sein. Der Gedanke hat nur den Rang einer vorläufigen Hypothese und sollte auch bewußt mit dieser Vorsichtigkeit behandelt werden. Wenn nun aber der Unterschied zwischen den beiden Denkweisen nicht bemerkt wird, und wenn für die vermutende Spekulation eine wissenschaftliche Gediegenheit in Anspruch genommen wird, dann verläßt diese Spekulation den Bereich der Vorsichtigkeit, mit der Hypothesen behandelt werden sollten, und überschreitet die Schwelle zum Irrtum - und dann wird die falsche Erkenntnis bzw. der Irrtum möglich." (S. 149)

Solche nähere Bestimmung des Problems der Wahrheit kann wohl nur dann über die offensichtliche Tautologie hinaus kommen, wenn das Wahrheitskriterium an dem Unterschied zwischen totem und lebendigem Denken festgemacht werden könnte. Man hätte sich also als Erkennender zu fragen, ob es sich um eine lebendige Wesenserkenntnis handelt, dann ist sie wahr. Handelt es sich nicht um essentiales lebendiges Erkennen, dann können die Erkenntnisse nicht wahr sein, oder sind zumindest zweifelhaft.

Wenn aber der Erkennende im lebendigen Erkennen sich der Wahrheit gewiß ist, und im toten, vermutenden, spekulativen Denken der Wahrheit nicht gewiß ist, dann ist entsprechend das Wahrheitkriterium, um zwischen totem und lebendigen Denken zu unterscheiden, die Gewißheit. Man weiß es, wenn man lebendig erkennt, und hat dadurch die Wahrheit gewiß inne. Die Ungewißheit beim Erkennen wäre das Anzeichen für bloßes Vermuten, für ein Probieren mit toten Begriffen.

Ein Irrtum besteht ja aber gerade darin, daß man sich einer Wahrheit gewiß ist, obwohl sie in Wirklichkeit nicht vorliegt. Es muß von Kiene also noch genauer bestimmt werden, worin genau diese Gewißheit der Wahrheit einer lebendigen Erkenntnis besteht, und wie man sie von der fälschlichen Gewißheit, die auf Irrtum beruht, unterscheiden kann.

Darüber hinaus ist natürlich auch die Frage weiter offen, ob es nicht innerhalb des lebendigen Erkennens auch Irrtümer geben könne. Auch innerhalb des lebendigen Denkens sind die Begriffe mit anderen Begriffen oder mit Wahrnehmlichem nicht von alleine richtig verbunden. Es scheint zwar so, daß der Vollzug der Erkenntnis mißlingt, wenn die Verbindung eine unwahre ist, und deshalb die Erkenntnis nicht zustande kommt. So würde man sich dann, wenn man unfähig ist, den wahren Begriff zu finden, sich des Erkennens enthalten.

Aber tut man das auch? Bemerkt man, daß ein verwendeter Begriff in Wirklichkeit gar nicht paßt? Auch innerhalb des lebendigen Denkens muß es ein Kriterium geben, gemäß dem dieses Zusammenpassen der Begriffe untereinander und mit Wahrnehmlichen beurteilt werden kann. Lebendiges Denken für sich allein ist kein Wahrheitsausweis, es sei denn, das lebendige Denken ist von vornherein so definiert, daß man darin der Wahrheit folgt. Folgen muß, gewissermaßen, zumindest innerhalb der Begriffe selbst, weil sie sich inhaltlich auseinander zwingend ergeben.

Aber ist auch im Verhältnis zum Wahrnehmlichen diese inhaltliche Einheitlichkeit so einfach und klar gegeben? Wenn das so wäre, müßten wir alle weise Menschen sein. Es dürfte da auch für das lebendige Denken die Tendenz bestehen, einen Begriff zu fassen, so gut wie es das eben kann. Er wird dem Wahrnehmlichen aufgestülpt, obwohl es nicht der richtige ist, oder nur ungefähr der richtige ist. Allein sich im lebendigen Denken zu bewegen, beseitigt diese Erkenntnisschwierigkeiten nicht, weil sie einem Herausfallen aus dem lebendigen Denken gleichkommen.

Zudem gibt es in der Lebenspraxis auch den Erkenntnisdruck. Ein Arzt beispielsweise muß ja eine Diagnose machen. Die Versuchung ist da groß, bloße spekulative Vermutungen als wahre Erkenntnis durchgehen zu lassen, und sich lediglich nachlässig zu täuschen, obwohl das gar nicht nötig wäre. Es ist natürlich besser, nicht zu urteilen, als falsch oder ungenau. Aber oft muß man auch heuristisch vorschreiten. Man sollte sich aber dann darüber im klaren sein.

Es wird noch näher zu untersuchen sein, ob diese Sicht Kienes auf das Wahrheitsproblem haltbar ist, und ob sie sich auch auf übersinnliche Erkenntnis anwenden läßt.

Die ganz oben im einführenden Beispiel angeführte Erkenntnis entweder eines Blattes oder eines Vogels würde Kiene noch nicht als die eigentliche Wesenserkenntnis ansehen. Er unterscheidet zwischen dem Auffinden eines "Kopie"-Begriffs, der zu einer Wahrnehmung hinzugefunden wird, und der Wesenserkenntnis, die diesen Kopie-Begriff in einen größeren Zusammenhang, dem Wesen des Erkannten Einzelnen, einordnet. Dieser erste Kopie-Begriff soll die Vorstellung als ein individualisierter Begriff, wie sie Rudolf Steiner erläutert hat, sein. Kiene spricht von "Kopie-Begriff", weil das zu erkennende Wahrnehmliche und dieser für es passende Begriff identisch seien. Denn ohne diesen Begriff wird das Wahrnehmliche noch nicht als ein bestimmtes Wahrnehmliches wahrgenommen (vgl. angebenenes Zitat von S. 136 oben.) Die essentiale Induktion wäre demnach nicht als ein Auffinden des (Vorstellungs-)Begriffes zu einem noch unbestimmten Wahrnehmlichen zu verstehen, sondern als das Auffinden des allgemeinen Begriffs von einer Vorstellung aus.

"Die Vorstellung (z.B. die Vorstellung eines Baumes) steht in einem bestimmten Verhältnis zum Begriff (z.B. dem Begriff eines Baumes). Die Vorstellung ist in der Tat die Kopie der Wahrnehmung eines bestimmten Baumes. Sie ist das Erinnerungsbild eines individuellen Baumes aus der individuellen Perspektive des individuellen Beobachters.

Der Begriff dagegen - wie er im strengsten Sinne des Universalien-Programms ... gefordert werden muß - ist der Gedanke, der das Wesen des Baumes im allgemeinen beingreift. (...)

Der Begriff ist die das Wesen erfassende Verallgemeinerung aller möglichen Einzelvorstellungen des entsprechenden Dinges bzw. der entsprechenden Sache." (S. 145)

"Dieses Verhältnis von Vorstellung und Begriff ist noch in eine schwerwiegende Problematik hinein verstrickt. Es dürfte ja heutzutage nicht allzu viele Menschen geben, die behaupten können, das Wesen z.B. eines Baumes in seinem allgemeinsten und tiefsten Sinne begriffen zu haben.

Das bedeutet, daß man meist zwar in einer vagen Weise so ganz allgemein weiß, was ein Baum ist, daß man zwar einen Begriff vom Baum hat, daß aber dieser Begriff nicht intellektuell klar und wesenbegreifend ist. Der Begriff ist lediglich von derselben unausgereiften Qualität wie der Kreisbegriff des Kindes, so wie dieser in den Erklärungen zum Unterschied von Identitätserkenntnis und Wesenserkenntnis erläutert wurde (siehe S. 112). Das Kind 'weiß' zwar, was ein Kreis ist und kann Kreise identifizieren. Es kann aber dieses Wissen nicht begründen und ist nicht in der Lage, das Wesen des geometrischen Kreises intellektuell zu denken. Erst wenn es Geometrie gelernt hat, kann es über den wesenerfassenden Begriff des Kreises verfügen." (S. 145f.)

"Ein Wissenschaftler kann aber nur dann sicher sein, etwas Wesenhaftes begriffen zu haben, wenn es ihm gelingt, den jeweiligen Begriff mit derselben gedanklichen Souveränität zu handhaben, wie es der Mathematiker mit dem Begriff des geometrischen Kreises oder der Astronom mit dem Begriffder Mondfinsternis kann. Die geometrische Denkweise - nicht die Geometrie, sondern das Niveau und der Stil der geometrischen Denkweise! - ist das Vorbild für alles wissenschaftliche Denken und garantiert allein die Verwirklichung einer Wesenserkenntnis. Die Wahrheit eines solchen Wesen-erkennenden Denkens zeigt sich im jeweils lebendigen Denkvollzug selbst. Es kann dieses Denken deshalb das essentiale oder auch lebendige Denken genannt werden." (S. 147)

Es ist dabei nicht ganz klar, was Kiene mit "Souveränität" des Mathematikers meint, die die Verwirklichung der Wesenserkenntnis garantieren würde, wenn bereits der jugendliche Mensch, der Geometrie gelernt hat, über wesenerfassende Begriffe in der Geometrie verfügen kann. Darüber hinaus ist von Kiene die Behauptung aufgestellt, daß im Unterschied zur Geometrie-Erkenntnis die Fähigkeit des Menschen, das Wesen der z.B. Bäume zu erkennen, bisher kaum entwickelt ist. Auch nicht vom typischen heutigen Wissenschaftler, der sich mit Bäumen beschäftigt, meint Kiene wohl. Das Ideal der Wesenserkenntnis wäre lediglich auf Gebieten wie der Geometrie für den heutigen Menschen durchschnittlich erreichbar. "Es dürfte ja heute nicht allzu viele Menschen geben", die das "Wesen eines Baumes z.B. in seinem allgemeinsten und tiefsten Sinne" begreifen könnten. Diese letztere Formulierung Kienes legt dazu noch nahe, das es einmal Wesenserkenntnis gäbe, und dann Wesenserkenntnis im allgemeinsten und tiefsten Sinne. Die Wesenserkenntnis würde unterschiedlich umfassend und tief sein können. Was bedeutet da dann "Souveränität" des Erkennens, die die Wahrheit der Wesenserkenntnis garantieren soll? Und was könnte eine graduelle Wesenserkenntnis sein, die hinter der "allgemeinsten und tiefsten" Wesenserkenntnis noch zurückbleibt, aber gleichwohl Wesenserkenntnis wäre, deren Wahrheit sich im "lebendigen" Denkvollzug selbst zeigen soll, im Sinne einer unmittelbaren Gewißheit, wie man eine mathematische Wahrheit einsieht und sich ihrer gewiß ist?

Kiene will offenbar darauf hinaus, zu zeigen, daß das lebendige essentiale Denken ein Organismus ist, wo sich eins aus dem anderen ergibt. Die Gedanken sind durch sich selber mit einander in einer wahren Weise verbunden. Wenn ich mich in ihnen bewege, dann bewege ich mich in der Wahrheit selbst, insofern ich dem folge, was die Gedanken von sich aus meinem Denken inhaltlich vorgeben. Wenn ich von einem wahren Gedanken auf einen anderen Gedanken übergehe, wie es die Gedanken durch ihren Inhalt selbst vorschreiben, dann muß auch dieser neue Gedanke wahr sein.

Falle ich mit meinem Denken aus dem in sich wahren Gedankenorganismus heraus, dann bin ich mit meinen Gedanken nicht mehr lebendig mit der Wahrheit verbunden: Mein Denken kommt in die Möglichkeit hinein, willkürlich zu werden, weil es wie abgetrennt von dem lebendigen Denken verläuft. Ich kann falsch denken, da ich nicht mehr der inhaltlichen Wahrheit der lebendigen Gedanken folgen muß. Zwar ist ein logischer Schluß dann als solcher immer noch wahr, aber er ist für sich alleine wie ein Bruchstück, das aus dem lebendigen Denken herausgefallen ist. Dieses Denken, das sich außerhalb des lebendigen, essentialen Denkens bewegt, nennt Kiene das tote, hypothetische, spekulative Denken, das sich seiner Wahrheit nicht sicher sein kann, weil es von der Wahrheit wie getrennt ist. Deshalb muß es diesem spekulativen Denken für wahres Erkennen darum zu tun sein, in das lebendige, essentiale Denken hineinzukommen. Und das ist eben dann der Fall, wenn ihm eine essentiale Induktion gelingt, die von einer bloßen, toten Vorstellung von einem Gegenstand oder Sachverhalt aus, zum Wesen der Sache vordringt und dieses Wesen in seiner Wahrheit erfaßt, indem es den Zusammenhang dieses Wesens mit dem übrigen lebendigen Gedankenorganismus inne hat.

Wesenserkenntnis würde insofern immer auch die Erkenntnis des Zusammenhangs bedeuten, in dem ein Wesen mit anderen steht. Dies ist bei der Vorstellungserkenntnis, die einen Kopie-Begriff von einem Wahrnehmlichen bildet, noch nicht der Fall, und daher ist die identifizierende Erkenntnis eines einzelnen Wesens (es bleibt natürlich ein Wesen), noch nicht als die eigentliche, essentiale Wesenserkenntnis zu bezeichnen (Beispiel: Der Befund "Kopfschmerz" ist noch keine Diagnose). Andererseits ist der Zusammenhang, in dem eine Wesenserkenntnis bzw. das Wesen selbst steht, der Grund, aus dem für das essentiale Denken eine Begründung möglich ist, z.B. ein mathematischer Beweis. Lebendige Gedanken begründen sich gegenseitig, und sie sind daher füreinander Wahrheitskriterium, und auch für den subjektiven Denkvollzug, z.B. einer Begründung, innerhalb des lebendigen Denkens sind sie Wahrheitskriterium[9].

Eine essentiale Deduktion als Pendant zur essentialen Induktion, wie sie Aristoteles nach Kiene gemeint haben soll, ist in Lit.: Kiene nicht Untersuchungsgegenstand. Aber wenn Aristoteles mit Induktion keinen formalen, rein logischen Schluß gemeint hatte, liegt nahe, sich zu Fragen, ob er die Deduktion auch anders verstanden habe, nämlich nicht als eine formallogische Ableitung, sondern als ein essentiales Erkennen eines einzelnen Wahrnehmlichen aus dem Wesen heraus, dem dieses Einzelne zugehört. Oder müßte man für solche Deduktion von einem phänomenologischen Erkennen sprechen, entsprechend der Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung? Wenn die Erkenntnis sich innerhalb des lebendigen Denkens bewegt, hat sie ja schon das Wesen generell inne. Aber es erscheint ein Phänomen, ein neues Wahrnehmliches. Die Erkenntnisaufgabe wäre dann nicht, von einem Wahrnehmlichen zu seinem Wesen vorzudringen, sondern das Phänomen aus dem schon gegebenen Wesen heraus zu verstehen, es einzuordnen.

Es sind dabei zwei Fälle denkbar, entweder läßt sich das Phänomen problemlos einordnen, und war mit dem Wesen, das man schon inne hatte, schon miterkannt. Oder aber das Phänomen sperrt sich gegen eine solche Einordnung, es paßt irgendwie nicht. Beispiel: Ausgehend von verschiedenen Symptomen wie Kopfschmerz usw. ist der Arzt auf das Wesen der Erkrankung eines Menschen gekommen. Es taucht dann später aber ein weiteres, neues, ungewöhnliches Symptom auf. Ist dieses Symptom auch dem Wesen der diagnostizierten Erkrankung zugehörig? Handelt es sich um ein Symptom einer anderen Krankheit? Stellt es möglicherweise die früher geleistete essentiale Wesenserkenntnis der Krankheit in Frage?

Diese letztere Möglichkeit ist definitionsgemäß ausgeschlossen, da Wesenserkenntnis mit wahrer Erkenntnis gleichgesetzt ist. Es würde gar keine Wesenserkenntnis vorgelegen haben. Für solche gescheiterte Wesenserkenntnis besteht nur die Schwierigkeit, sich ihrer bewußt zu sein. Die fälschliche Gewißheit, daß eine echte Wesenserkenntnis vorläge, ist Irrtum. Und diese fälschliche Gewißheit muß sich von der Wesenserkenntnis, die die Wahrheit gewiß inne hat, unterscheiden lassen, und zwar mittels eines Wahrheitskriteriums. Dieses ist von Kiene noch nicht genügend herausgearbeitet: Es genügt ja nicht, im Falle einer Wesenserkenntnis sich der Wahrheit unmittelbar gewiß zu sein, sondern es muß im Falle einer fehlgeschlagenen Wesenserkenntnis dieses Fehlschlagen zum Bewußtsein kommen können. Die fälschliche Gewißheit, daß es sich um Wesenserkenntnis handle, muß als Irrtum erkannt werden können. Dazu genügt es nicht, solches Fehlschlagen generell zu beschreiben, sondern es muß angegeben werden, wie es im Erkenntnisprozeß identifiziert werden kann[10].

In dem Fall, wo es das Symptom einer anderen Krankheit ist, ist die stattgefundene Wesenserkenntnis nicht zuständig. Das Symptom ist dem Wesen einer anderen Krankheit zugehörig. Freilich besteht ganz allgemein ein wesensmäßiger, allgemeinerer Zusammenhang, den man vielleicht als den Gesundheitszustand des Patienten bezeichnen könnte. Verschiedenste Krankheiten können Ausdruck eines solchen Gesundheitszustandes sein, oder auch, schon konkreter gefaßt, Folge einer schwächlichen Konstitution, einer Mangelernährung usw. In dem Falle, wo die diagnostierte Krankheit eine Infektion mit einem bestimmten Bakterium wäre, könnte das neue Symptom Anzeichen für eine Infektion mit einem anderen Bakterium sein. Dann hätte man zwei Krankheiten, durch unterschiedliche Bakterien verursacht (wenn man das einmal gelten lassen will, Bakterien als Krankheitsverursacher anzusehen), die aber das gemeinsame Wesen hätten, eine bakterielle Infektion zu sein. Für eine genau bestimmte diagnostische Wesenserkenntnis, für die dann auch eine bestimmte Therapie in Frage kommt, muß aber das neue Symptom als nicht zugehörig angesehen werden. Man müßte dann von diesem neuen, separaten Symptom zu einer Wesenserkenntnis einer zweiten Krankheit aufsteigen.

Mindestens ein weiterer Fall ist möglich, nämlich daß die diagnostizierte Krankheit eine andere Ausprägung angenommen hat oder in ein anderes Stadium eingetreten ist, wo neue Symptome auftreten. Es kann da auch der Fall vorliegen, daß ein Stadium eintritt, das so bisher noch nicht beobachtet wurde, weil die Menschen, die von der Krankheit befallen sind, normalerweise vorher sterben. In diesem besonderen Fall hätte der Patient aber eine so starke Kondition gehabt, daß er weiterlebt, und es tritt dieses neue, unbekannte Symptom auf. Wenn dieses Symptom nun als der Krankheit zugehörig erkannt wird, und nicht fälschlicherweise einer anderen Krankheit zugeordnet wird, könnte man von einer regelrechten Deduktion als Pendant zur essentialen Induktion sprechen.

Kiene thematisiert diese Deduktion nicht explizit, kommt aber in seiner Argumentation für die Unfalsifizierbarkeit von essentialer Erkenntnis auf diese drei Fälle zu sprechen.

"Es gibt nur zwei Bedingungen, unter den ein 'Naturgesetz' falsifiziert werden kann: Erstens, wenn es sich lediglich um ein scheinbares Naturgesetz handelt, um einen Satz, welcher die Verallgemeinerung einer äußerlichen Assoziation von Phänomenen darstellt, ohne die Ursache für das Erscheinen der Phänomene erfaßt zu haben. (Dann allerdings wird eben kein Naturgesetz falsifiziert, sondern eine hypothetische Spekulation.) Zweitens, wenn der Bedingungszusammenhang ein anderer ist als jener, für den das Naturgesetz formuliert wurde. (Dann allerdings ist nicht das Naturgesetz falsifiziert; dann sind eben die Bedingungen anders, und das Gesetz ist für den betreffenden Fall nicht zuständig... .)" (S. 192f.)

Die eigentliche Deduktion, ohne sie hier zum Thema zu haben, beschreibt Kiene indirekt so:

"Karl R. Popper vertritt den Standpunkt, die Physik Newtons habe die Physik Galileis, und die Relativitätstheorie Einsteins habe die Gesetze Newtons falsifiziert ... Auch dies ist ein Irrtum. Einstein hat nicht Newtons Gesetze, und Newton hat nicht Galileis Auffassungen widerlegt, sondern schärfer erfaßt und erweitert. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man, wie bei dem Fortschritt von Galilei über Newton zu Einstein in das Wesen der Gravitationserscheinungen weiter und tiefer eindringt, oder ob man vorangegangene Erkenntnisse falsifiziert." (S. 192)

Die Erkenntnissituation für den Arzt kann in dem genannten Beispiel, etwas modifiziert, aber noch eine andere sein: Es könnte nur das späte Symptom auftreten. Die Symptome der Krankheit im Frühstadium traten bei dem Patienten nicht auf, oder sind für eine Anamnese nicht dokumentiert. Es ist unbekannt, welche Krankheit den Patienten befallen hat, eine Deduktion ist daher nicht möglich. Der Arzt kann nur eine Induktion aufgrund des späteren Symptoms versuchen. Sollte sie gelingen, müßte sie das gleiche Wesen, die gleiche Krankheit auffinden, die sich auch ausgehend von den Symptomen im Frühstadium ergeben hätte.

Man hat also einmal als Arzt die potentielle Möglichkeit, von Symptomen (Kopie-Begriffen von Wahrnehmlichem) zu dem Wesen einer Krankheit zu kommen (essentiale Induktion), und umgekehrt, von der Krankheit, dem Wesen von Symptomen (diese Simplifizierung sei bei dem Beispiel erlaubt), auf diese einzelnen Symptome, oder auf ein bestimmtes Einzelnes (Deduktion). Ein so durch Deduktion bestimmtes Einzelnes muß gleichzeitig ein Einzelnes sein, von dem aus, zumindest der Möglichkeit nach, mittels essentialer Induktion das gleiche Wesen aufgefunden werden kann, von dem aus die Deduktion erfolgte, die dieses Einzelne als dem Wesen der Krankheit zugehörig ergab.

Wenn von einem Einzelnen die Induktion auf ein Wesen vorgenommen wird, und von diesem Wesen aus die Deduktion das Einzelne ermittelt, dann muß sowohl bei der Induktion als auch bei der Deduktion es sich um das gleiche Einzelne und um das gleiche Wesen handeln. Der Unterschied zwischen Induktion und Deduktion bestünde lediglich in der Vertauschung von Ausgang und Ergebnis. Wenn daher nach einer Induktion die Deduktion zu dem Einzelnen so zurückführt, daß dieses Einzelne in einem präzisen Sinne genau das gleiche ist, wie das Einzelne, von dem die Induktion ausging, dann hätte man mit der durchgeführten Deduktion möglicherweise eine Bestätigung für die Wahrheit der Induktion. Es könnte dies eine Art des oben angeführten, von Witzenmann sogenannten rückbestimmten Bestimmens sein, in dem ein Wahrnehmliches als Phänomen involviert ist[11].

"Erstens: Was ist die Ursache dafür, daß etwas so ist, wie es ist? Zweitens: Was ist die Ursache dafür, daß sich etwas so verändert, wie es sich verändert?

Die jeweilige Antwort kann schließlich dann, aber auch nur dann gegeben werden, wenn man die Ursache der entsprechenden Sache oder Veränderung real kennt. Das Kriterium für das Kennen der Ursache ist die Fähigkeit, die verursachte Sache bzw. Veränderung ableiten zu können." (S. 182, Hervorh. n.i.Orig.)

(Unter Ursache ist hier Wesen zu verstehen, unter Ableitung Deduktion).

Die von Kiene als Ideal aufgestellte Souveränität der essentialen Wesenserkenntnis würde über diese Fähigkeit, entsprechend einer bestimmten Induktion auch eine Deduktion zurück vornehmen zu können, im Sinne einer Generalisierung hinaus gehen: Einmal die Entwicklung der Fähigkeit, von den unterschiedlichsten Kopiebegriffen, die zu einem Wesen gehören, durch Induktion zu diesem vorzudringen. Und dann umgekehrt vom Wesen aus generalisiert deduzieren zu können, also Individual-Erscheinungen des Wesens ableiten zu können, alle die es geben kann. Zur Souveränität gehört dann auch, nicht nur mit einem Wesen in diesem Sinne vertraut zu sein, sondern mit vielen. Das betrifft nicht nur die Anforderungen vom Ideal aus an den Wissenschaftler und praktischen Arzt z.B., sondern wird allgemein als Erkenntnisideal des Menschen anzusehen sein, insbesondere auch für die Praxis des sozialen Zusammenlebens und der Erziehung der Kinder.

"Die Aufgabe einer essentialen Wissenschaftstheorie ist es, einen Anstoß zu geben, so daß die dogmatische Verhärtung abfällt und ein Kulturwille zur Entwicklung neuer Denkformen und geistiger Techniken entsteht, die das Wesen der jeweiligen Sache erfassen können. (...)

[Dogmatisch] wird, ohne daß die Erkenntnisfähigkeiten des Menschen untersucht worden wären, geleugnet, daß für den Arzt in der Diagnostik und im therapeutischen Umgang mit Heilmitteln eine intellektuell klare essentiale Erkenntnis im Einzelfall möglich sein könne; und es wird bestritten, daß die Erfahrung eines Arztes, der über ein reichhaltiges diagnostisches und therapeutisches Repertoire verfügt, bereits in hohem Maße einen Zugriff zu dem Wesen des jeweiligen Krankheits- und Heilungsgeschehens haben könne (siehe S. 107f.)." (S. 224)

Die heutige Schulmedizin laufe Gefahr, "einer dogmatischen und anti-wissenschaftlichen Tendenz anheimzufallen". Es dürfe aber der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß, wenn diese Gefahr erkannt werde, sich auch der Wissenschaftsstreit in der Medizin auflösen lasse.

"Es wird dann nämlich der Position der statistischen Medizin ihre Berechtigung zuerkannt, und zwar soweit es gilt, dem einzelnen Arzt eine Orientierung zu geben, wenn seine eigene autonome Erkenntnis und Erfahrung für die Behandlung eines Patienten nicht ausreicht." (S. 224)

(Diese Ausführungen beruhen ausschließlich auf dem Werk Kienes: Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie, aus dem zitiert wird. Der in diesem Werk verfolgte Ansatz wird von Kiene in späteren Arbeiten nicht weiterverfolgt, er wendet sich der Gestaltpsychologie zu:

  • Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung: Cognition-based Medicine, Springer Vlg., Heidelberg/New York 2001, Volltext online).

Siehe auch

Nachweise

  1. Z.B. Evolutionstheorie, Darwinismus, auch hinsichtlich der Auffasssung der menschlichen Fähigkeit zum Erkennen als "Überlebensfunktion" (evolutionäre Erkenntnistheorie). "Heutzutage gibt es zumindest einen wichtigen Grund für das überwältigende Vorherrschen des Darwinismus innerhalb der Wissenschaft, nämlich die einmütige Zustimmung der meisten namhaften Wissenschaftler". (Lit.: Kiene, S. 83)
  2. "Der verstorbene Professor Gustav Troberg berichtet in seinem Aufsatz zum 100. Geburtstag Rudolf Steiners, daß dieser, als er einmal gefragt wurde, wie es mit dem Irrtum in der Geistesforschung stehe, erwidert habe: «er habe nie etwas ausgesprochen als Ergebnis der Geistesforschung, ohne sich aufs beste davon vergewissert zu haben, daß es zuträfe; dennoch müsse er zugeben, daß ihn eine spätere, vollkommenere Form dieser Forschung in manchem würde berichtigen können; aber - in Einem habe er sich nicht geirrt und das sei die Art, wie er die Grundfragen der Philosophie beantwortet habe. Sie erwiesen sich als einsichtig. Und er fügte hinzu: wollte er einmal - was nur theoretisch möglich sei - annehmen, er habe sich hier geirrt, dann stünde für ihn fest, daß für den Menschen Erkenntnis überhaupt nicht möglich sei, daß der absolute Skeptizismus und Agnostizismus allein im Rechte sei.» (Vgl. Gustav Troberg, Rudolf Steiner, zu seinem 100. Geburtstag, in «Abhandlungen zur Philosophie und Anthroposophie», Philosophisch Anthroposophischer Verlag, Dornach 1961." (zitiert nach: http://fvn-rs.net/PDF/Beitraege/BE-029-1970.pdf, S. 17)
  3. Leonard Nelson z.B. verneinte generell die Möglichkeit eines Wahrheitskriteriums "Evidenz": "Oder es behaupte jemand, die Evidenz sei das fragliche Kriterium. Dieses Kriterium müßte, um anwendbar zu sein, uns als solches bekannt sein, d.h. wir müßten wissen, daß die evidenten Erkenntnisse die wahren sind. Wir könnten dieses aber nur dadurch wissen, daß es evident wäre, daß die evidenten Erkenntnisse wahr sind; um aber aus der Evidenz dieser Annahme auf ihre Wahrheit zu schließen, müßten wir schon voraussetzen, daß die Evidenz ein Kriterium der Wahrheit ist. Es ist also unmöglich, zu dem fraglichen Wissen zu gelangen." (Nelson, Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie, in: Gesammelte Schriften 2 (Meiner), S. 465f.) (Unmöglichkeit wegen Zirkularität der Begründung).
  4. "Die phantasiegewobenen Vorindividuationen [allgemeiner Begriffe, hgp] sind dem Wahrnehmlichen angebotene Postulate eines bestimmten Zusammenhanggefüges, das ihm Gestalt geben könne. Angesichts eines solchen Postulates fällt die (wirklichkeit- und wahrheitgemäße) Entscheidung über seine Tauglichkeit und Gültigkeit dadurch, daß das Widerständig-Beobachtbare das Angebot entweder abstößt oder annimmt, indem es dieses an sich heran- und in sich hineinzieht und vollends auf den ganz bestimmten Fall hin, den es darstellt, individualisiert und festlegt. Im Falle der Angebotsannahme seitens des objektiven Wahrnehmungsäquivalents entsteht eine Vorstellung. Die Wirklichkeitgemäßheit dieser Vorstellung hängt davon ab, ob sie ihr individuelles Gepräge von der Seite des Objektiv-Wahrnehmlichen durch Festlegung an und in diesem und nicht durch die subjektive Willkür des Urteilenden, also durch unwissenschaftliches Vor-Urteil erhält. Die wirklichkeitgemäße Vorstellungbildung ist also nicht eine solche über ein ihr gegenüberstehendes Gebilde, sondern ein Vorgang in diesem, der an seiner Strukturbildung beteiligt ist. Die Vorstellungbildung als Indikator der Wahrheitbildung und -findung ist eine der großen Errungenschaften der goetheanistischen Erkenntniswissenschaft." (Lit: H. Witzenmann, Sinn und Sein, S. 80). Siehe auch H. Witzenmann, Intuition und Beobachtung, Teil 2, «Ein Weg zur Wirklichkeit».
  5. Vgl. dazu auch: Emanuela Assenza: Die ästhetische Funktion der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty. Diplomarbeit 2010, S. 40 ff., http://emanuela-assenza.com/vita/DiplomarbeitMerleau-Ponty.pdf
  6. vgl. FN 9
  7. Ein Allsatz ist z.B.: Alle Schwäne sind weiß.
  8. GA 004
  9. Witzenmann nennt dies rückbestimmtes Bestimmen. Der subjektive Denkvollzug bestimmt zwar die Gedanken, die er faßt, selbst. Dadurch wird jeweils ein bestimmter Gedanke gedacht, und kein anderer. Jedoch kann der subjektive Denkvollzug nicht den Inhalt des Gedankens willkürlich selbst bestimmen. Der Gedankeninhalt ist objektiv bestimmt durch seinen Zusammenhang mit anderen Gedanken. Dadurch ist der subjektiv bestimmende Denkakt objektiv durch das Gedachte, durch seinen Gedankeninhalt rückbestimmt.
  10. Es wäre dazu notwendig, dieses Fehlschlagen, im Sinne eines bewußten Scheiterns sowie auch in der Form eines vemeintlichen Gelingens, also des unbewußten Scheiterns, das von der fälschlichen Gewißheit, wahr erkannt zu haben, verdeckt ist, zum besonderen Untersuchungsgegenstand der seelischen Beobachtung zu machen, und nicht nur theoretisch darüber nachzudenken. So kann man z.B. oft feststellen, daß in solchen Fällen, wo ein Irrtum später zur Korrektur kommt, man da zur Zeit der Entstehung der fälschlichen Gewißheit ein dunkles Gefühl von einer Unstimmigkeit hatte. Diese Unstimmigkeit kam aber während des Urteilens nicht zur Bewußtheit, oder nur dunkel, vage am Rand der Aufmerksamkeit. Im Nachherein ist es einem aber doch klar, diese Unstimmigkeit irgendwie bemerkt zu haben. Irgendwas stimmte nicht. Die Korrektur, die dann später vorgenommen werden muß, bestätigt dann dieses vage, dunkle Gefühl. Man hätte also für die genauere Bestimmung, wie die fälschliche Gewißheit von der wahren Gewißheit unterschieden werden kann, in der Richtung dieses Gefühls zu suchen, das es offenbar besser gewußt hatte als das klare, bewußte Urteilen. Erforderlich wäre eine regelrechte Phänomenologie des Irrens. Tritt dieses Gefühl von Stimmigkeit bzw. Unstimmigkeit immer mit auf? Kann es auch gänzlich fehlen, oder ist es ein Grad der Wahrnehmbarkeit? Wie kann die Aufmerksamkeit für dieses Gefühl geschult werden? Gibt es Techniken, ferner liegende Unstimmigkeiten, die zunächst außerhalb der Wahrnehmbarkeit im aktuellen Erkenntnisprozeß liegen, zu diesem aktuellen Prozeß hinzuzuziehen (Erweiterung des Horizonts der Aufmerksamkeit), usw.? (Angenommen, es verhalte sich tatsächlich so, es begleite den Erkenntnisakt solch ein Gefühl der Stimmigkeit oder Unstimmigkeit. Bedarf es zur Kenntnisnahme dieses Gefühls, (oder was es sei, es handelte sich jedenfalls um das Bemerken eines Wahrnehmlichen), eines Erkenntnisaktes? Muß nicht zumindest unbewußt nebenbei ein Urteil fallen in etwa wie: "Stimmig, oder nicht stimmig" (von komplexerer Wahrnehmung des Stimmigkeitscharakters abgesehen)? Würde hier dann das eingangs erwähnte Problem des infiniten Regresses auftreten, da natürlich das Gefühl der Stimmigkeit genauso wieder täuschen zu können scheint? Eine Phänomenologie des Irrens müßte diese Frage aufs Genaueste untersuchen, und zwar nicht theoretisch, sondern durch Aufweis des tatsächlichen Geschehens, wie es die seelische Beobachtung feststellen können muß, um die Möglichkeit von Wahrheitserkenntnis bzw. wahrer Erkenntnis zu belegen.)
  11. Dies könnte zumindest insofern gelten, als der Vorstellung als individualisierter Begriff etwas Subjektives anhaftet, das durch die Induktion in etwas Objektives übergeführt wird. Durch die Induktion gewinnt die subjektive Vorstellung die Teilhabe am Wesen, sie wird dadurch objektiviert. Allerdings darf man nicht übersehen, daß die Vorstellung als individueller Begriff schon aus einem Objektiven kommt, sie ist die Individualisierung einer Universalie. Der Prozeß ist gewöhnlich ein unbewußter, durch den eine Vorstellung zustande kommt, aber im Grunde ist die Vorstellung eine unbewußt durchgeführte Deduktion, wie sie Kiene im Anschluß an Aristoteles definiert. (Das wird von Kiene nicht thematisiert, er schildert den Vorgang so, als würde die Erkenntnis mit der Vorstellung beginnen, der vorliegende, meist unbewußte Gegenstandsaufbau wird nicht berücksichtigt). Die Induktion, die von einem Kopiebegriff anhebt, kann zu dem ursprünglichen Wesen, aus dem unbewußt individualisiert wurde, zurückführen. Das muß aber nicht der Fall sein. Die Vorstellung 'Kopfschmerz' ist der individualisierte Begriff der Universalie Kopfschmerz. Wenn die Vorstellung 'Kopfschmerz' dann aber als Symptom für eine Krankheit betrachtet wird, dann zielt die entsprechende Induktion auf ein anderes Wesen, als dasjenige, aus dem die Vorstellung, der Kopiebegriff 'Kopfschmerz' gebildet wurde.

Literatur

  • Herbert Witzenmann: Ein Weg zur Wirklichkeit. Anmerkungen zum Wahrheitsproblem, Aufsatz, abgedruckt in: Intuition und Beobachtung, Bd. 2, Freies Geistesleben, 1978, S. 9 -46 (geänderter und erweiterter Nachdruck von Aufsatz in Die Drei, Okt. 1976)
  • Herbert Witzenmann: Das Wahrheitsproblem im Lichte der Urteilslehre Rudolf Steiners, Aufsatz in: Verstandesblindheit und Ideenschau. Die Überwindung des Intellektualismus als Zeitforderung, S. 16-32, Gideon Spicker, 1985
  • Herbert Witzenmann: Erkenntniswissenschaftliche Bemerkungen zur Bildhaftigkeit des übersinnlichen Schauens, in: Verstandesblindheit und Ideenschau. Die Überwindung des Intellektualismus als Zeitforderung, Gideon Spicker, 1985, S. 96 - 122. (Zuerst als Aufsatz in den 'Beiträgen zur Weltlage' (Nr. 71, 1984), überarbeitet), ISBN 3857041730
  • Helmut Kiene: Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie. Die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners im Spannungsfeld moderner Wissenschaftstheorien. Perspektiven essentialer Wissenschaft, Verlag Urachhaus/Freies Geistesleben (1984), ISBN 3878389507
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