Trinität

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Francisco de Goya: Der Name Gottes, Detail aus dem Deckenfresko der Basílica del Pilar (1772)
Symbol der verschiedenen Aspekte der Trinität (blau: Dreifaltigkeit, türkis: Dreieinigkeit, grün: Monotheismus)
Gemälde von Jerónimo Cosida mit lateinischem Text, der übersetzt lautet:
Der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist nicht der Heilige Geist, der Hl. Geist ist nicht der Vater; innerer Text: Der Vater ist Gott; der Sohn ist Gott; der Hl. Geist ist Gott.
Mikael Toppelius: Trinitarisches Symbol in der Kirche von Kempele, Finnland
Mit einem dreiblättrigen Kleeblatt soll der Heilige Patrick den Iren die Dreifaltigkeit erklärt haben

Aus der göttlichen Trinität (auch Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit), die man in der theosophischen Literatur auch die drei Logoi - Vater, Sohn oder Wort (Christus) und Heiliger Geist - nennt, die eine Wesenseinheit, d.h. zwar drei Personen oder Hypostasen, aber nicht drei zugrundeliegende verschiedene Substanzen bilden[1], entspringen die Pläne zu jedem neuen Weltsystem, die dann den geistigen Wesenheiten der ersten Hierarchie zur weiteren Ausarbeitung übergeben werden. Nach Origenes wird das Wissen vom Vater nur durch die Offenbarung des Sohnes im Heiligen Geist mitgeteilt:

„Denn alles Wissen von dem Vater wird nur mitgetheilt durch die Offenbarung des Sohnes im heiligen Geiste, so daß diese beiden, die der Prophet lebende Wesen nennt, der Grund des Wissens von Gott dem Vater sind.“

Origenes: Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft (De principiis) I,4 [1]

Die christliche Dreifaltigkeit wird oft fälschlich als Trias oder Götter-Triade bezeichnet. Nach dem Verständnis der orthodoxen, katholischen und der evangelischen Kirchen handelt es sich jedoch bei der Trinität um eine höhere Anschauung als bei der Triade, bei der nicht die bereits im Bekenntnis von Nicäa 325 festgeschriebene Wesensgleichheit bzw. Wesenseinheit der drei göttlichen Personen betont wird.

Vater, Sohn und Heiliger Geist

In vorchristlicher Zeit wirkte der Vatergott unbewusst in den Leibeshüllen des Menschen. Nur die Eingeweihten vermochten dieses Wirken ins Bewusstsein zu heben und konnten dann sagen: Der Vater lebt in mir. Und sie empfanden sein Wesen als das göttliche Ich, als «Ich bin der Ich-Bin» (vgl. 2 Mos 3,1-22 ELB):

„Vor dem Mysterium von Golgatha lebte also auf der Erde in den Menschen selbst noch nicht das volle Ich-Bewußtsein. Aber es gab eben Menschen, welche schon dazumal dieses volle Ich-Bewußtsein entwickelten, welche es entwickelten durch die Mysterienhandlung. Das waren eben die Initiierten oder die Eingeweihten. Wir haben ja schon das Verschiedenste darüber gesprochen, was innerhalb der alten Mysterienstätten mit denen geschah, welche die Einweihung durchmachten und zu diesem vollbewußten Ich hinanstiegen, während es allgemeine Menschennatur war, noch nicht ein vollbewußtes Ich zu haben. Allein, der alte Initiierte konnte zu diesem vollbewußten Ich nur hinaufsteigen dadurch, daß durch die heilige Handlung der Mysterien etwas in ihn einzog, was innerhalb aller alten Kulturen und Zivilisationen als der ewige Vater des Kosmos empfunden worden ist. Und der Myste der alten Mysterien, der Initiierte, hatte dieses Erlebnis, wenn er bei einem bestimmten Punkte seiner Initiation angelangt war, daß er sich sagte: Der Vater lebt in mir.

Wenn wir uns etwa vorstellen würden einen solchen Initiierten innerhalb der althebräischen Kultur, so müßten wir sagen: Dieser Initiierte charakterisierte das, was mit ihm selber durch die Initiation geschehen war, in der folgenden Art. Er sagte: Die allgemeine Menschheit hat das als ihr Eigentümliches, daß der Vater sie zwar erhält und trägt, daß aber der Vater nicht in das Bewußtsein einzieht und nicht das Bewußtsein zum Ich entfacht. Der Vater gibt dem gewöhnlichen Menschen lediglich den Geist des Atems; er haucht ihm den Atem ein, und der ist die lebendige Seele. Aber es empfand der Initiierte, daß zu dem, was da als lebendige Seele eingehaucht wurde, ein besonderes Geistiges, das lebendige Vaterprinzip des Kosmos, in dem Menschen einzog. Und dann, wenn in diesem alten Initiierten der hebräischen Welt dieses göttliche Vaterprinzip eingezogen war und der Mensch dessen bewußt geworden war, dann sprach dieser Mensch mit vollem Rechte aus, was bei ihm «Ich» bedeutete: Ich bin der Ich bin.“ (Lit.:GA 214, S. 61f)

„Dieses göttliche Vaterprinzip hatte sich in die Initiierten hineinergossen. Dadurch war in den Initiierten angefacht worden zu dem physischen Leib, zu dem Ätherleib, zu dem astralischen Leib hinzu das Ich. Diejenigen allein, so sagte ich schon, durften das Ich aussprechen, das eigentlich der unaussprechliche Name des Gottes selber war, in die der göttliche Vater eingezogen war.

Aber jetzt waren Menschen da in der Mitte der Erdenentwickelungszeit, die anfingen, zu sich Ich zu sagen, die das Ich ins Bewußtsein herauf erhoben. In einen solchen Menschen, der da war der Jesus von Nazareth, zog jetzt dasjenige Prinzip ein, welches das Sohnesprinzip ist, das Christus-Prinzip. Dieses Christus-Prinzip trat also ein in das Ich. Während wir früher haben den Einzug des Vaterprinzips in physischen Leib, Ätherleib, astralischen Leib, so haben wir jetzt das Einziehen des Christus-Prinzips in den Menschen, der sich weiter fortentwickelt hatte.“ (S. 63)

„Und es wußten diese Initiierten, daß der Christus in die Menschheit eingetreten ist als der Heiler, als der große Heiler, als derjenige, der verhindert, daß der menschliche Leib Schaden erleidet dadurch, daß er brüchig wird durch das Einziehen des Ich. Denn, was wäre geschehen, wenn der Christus nicht als der Heiler erschienen wäre? Wäre der Christus nicht als der Heiler erschienen, so würden, wenn die Menschen sterben, wenn sie ablegen ihren verfallenden Leib, durch das Ablegen des verfallenden Leibes die Verfallserscheinungen zurückstrahlen in ihr Seelisches, das sie nach dem Tode entfalten. Beunruhigt, gequält würden die Toten durch das, was der verfallende physische Leib im Erdendasein darstellte. Sie würden schauen müssen, diese Seelen, die durch den Tod gegangen sind, wie die Erde selber, dadurch, daß sie einen verfallenden Leib aufnehmen muß, Schaden leidet. Und es wußten die alten Initiierten, wie diejenigen, die sich im rechten Sinne des Wortes Christen nennen, die zu der inneren Erfüllung mit dem Christus-Prinzip durchdringen, wie diese nun so herunterschauen konnten auf ihren Leib, der ihnen genommen war im Tode, daß sie sagen konnten: Durch unsere Innewohnung des Christus, während wir Erdenkinder waren, haben wir diesen physischen Leib soweit geheilt, daß er in die Erde versenkt werden kann, ohne daß er für die Erde selber ein Verfallsprinzip darstellt.“ (S. 66)

Wäre es nur dabei geblieben, hätte sich der Mensch aber noch nicht die Freiheit erringen können:

„Aber würde es nur dabei bleiben, so würden diejenigen, die ihren Leib gerettet wissen, sie würden nun den Christus, als die in ihnen wirkende Wesenheit, die in ihnen auch leiblich wirkende Wesenheit, in sich tragen müssen. Und damit könnten die Menschen wieder nicht freie Wesen werden. Die Menschen würden sich ... so entwickelt haben, daß sie den Christus hätten in sich aufnehmen können zur Beruhigung ihrer Seelen nach dem Tod, damit diese Seelen so auf die Erde hätten herabschauen können, wie ich es Ihnen jetzt beschrieben habe; aber die Menschen hätten nicht frei werden können. Wenn sie hätten gut werden wollen, dann hätten sie den Christus so in sich wirken lassen müssen, wie im Altertum der Vater gewirkt hatte in den Menschen, die nicht Initiierte waren. Damals sind die Menschen, indem das Ich in ihnen entwickelt wurde, frei geworden. Die Initiierten wurden freie Menschen in alten Zeiten, die anderen waren unfrei, weil der Vater unbewußt in ihnen lebte. Wären nun die Christen des Christus in sich bewußte Wesenheiten gewesen, dann hätten sie jederzeit, wenn sie hätten gut werden wollen, auslöschen müssen ihr Ich-Bewußtsein, um den Christus mit Auslöschung dieses Ich-Bewußtseins in sich zu erwecken. Nicht sie selber hätten gut sein können, sondern lediglich der Christus in ihnen hätte gut sein können.“ (Lit.:GA 214, S. 67f)

Erst durch den Heiligen Geist konnten die Menschen frei werden:

„Dazu war notwendig, daß der Christus als solcher vor der unmittelbaren Anschauung der Menschen verschwand, daß er zwar vereinigt blieb mit dem irdischen Dasein, aber vor dem unmittelbaren Anblick der Menschen verschwand. Auf ihn wurde anwendbar derjenige Ausdruck, der ja auch in den alten Initiationsstätten für so etwas üblich war: Wenn ein Wesen, das physisch sichtbar ist, das von den Menschen, die in der physischen Welt ihre Anschauung haben, seinem Dasein nach verfolgt werden kann, aufhört sichtbar zu sein, so sagt man, es habe seine Himmelfahrt gehalten. Es ist eben eingetreten in diejenigen Regionen, in denen die physische Sichtbarkeit nicht mehr stattfindet. So hat der Christus seine Himmelfahrt gehalten, so ist er unsichtbar geworden. Denn er hatte in einer gewissen Weise seine volle Sichtbarkeit behalten, wenn er den Menschen innegewohnt und das Ich ausgelöscht hätte, so daß diese nur hätten gut werden können dadurch, daß der Christus eigentlich in ihnen handelnd gewesen wäre.

Die Art und Weise, wie der Christus noch den Aposteln, den Jüngern auch nach seiner Auferstehung sichtbar war, diese Art und Weise verschwand: Der Christus hielt seine Himmelfahrt. Aber er sandte den Menschen diejenige göttliche Wesenheit, die nun nicht das Ich- Bewußtsein auslöscht, zu der man sich erhebt nicht im Anschauen, sondern gerade im unanschaulichen Geiste. Er sandte den Menschen den Heiligen Geist.

So ist eigentlich der Heilige Geist dasjenige, was von dem Christus gesandt werden sollte, damit der Mensch sein Ich-Bewußtsein behalten könne und der Christus dem Menschen unbewußt innewohnen kann. So daß der Mensch, wenn er nun im vollen Sinne des Wortes sich vor die Seele führt, was er eigentlich für ein Wesen ist, sagen muß: Wenn ich zurückblicke zu dem, was die alten Initiierten wußten, so sehe ich, daß in mir lebt das Vaterprinzip, welches den Kosmos erfüllt, welches in diesen alten Initiierten auftrat und bei ihnen das Ich entfaltete. Das ist dasjenige Prinzip, welches mit uns lebte, bevor wir heruntergestiegen sind in die physische Welt. - Durch das Innewohnen dieses Vaterprinzips erinnerten sich die alten Initiierten in vollständiger Klarheit an die Art und Weise, wie sie lebten, bevor sie heruntergestiegen waren in die physische Welt. Da suchten sie das Göttliche in dem Vorgeburtlichen, in dem Präexistenten: Ex deo nascimur.

Nach dem Mysterium von Golgatha hat für den Menschen nicht bleiben können: «Den Christus schaue ich», denn dann hätte er eben nicht gut werden können durch sich selber, dann hätte nur der Christus in ihm gut sein können. Es konnte nur über den Menschen kommen das: In Christo morimur. Sterben konnte er in den Christus; mit demjenigen, was Todesprinzip in ihm ist, konnte er den Christus vereinigen. Aber sein neues Bewußtsein konnte erweckt werden durch die Wesenheit, die der Christus ihm sandte, durch die Wesenheit des Heiligen Geistes: Per spiritum sanctum reviviscimus.“ (S. 68ff)

„Indem der Christus der Menschheit den Heiligen Geist sandte, hat er sie befähigt dazu, aus dem Intellektuellen heraus selber sich aufzuschwingen zum Begreifen des Geistigen. Auch im Evangelium ist klar angedeutet für denjenigen, der nur sehen will, der nur lesen will, daß es selber eine Offenbarung ist, daß der Mensch durch den ihm innewohnenden Geist, wenn er sich nur hinneigt zu dem Christus, das Übersinnliche begreifen kann. Deshalb wird uns mitgeteilt, daß bei der Taufe Christi der Heilige Geist erschien. Und im Erscheinen des Heiligen Geistes ertönen die Worte durch den Kosmos: «Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeuget.» Daher war es ein altes Dogma, daß der Vater der zeugende Ungezeugte ist, daß der Sohn der von dem Vater Gezeugte ist, daß der Heilige Geist der von dem Vater und dem Sohn an die Menschheit Mitgeteilte ist. Das ist nicht etwa bloß ein willkürlich aufgestelltes Dogma, sondern Initiationsweisheit der ersten christlichen Jahrhunderte, und es ist nur später verschüttet worden, wie überhaupt die Trichotomie und die Trinität verschüttet worden sind.“ (S. 70f)

Göttliche und menschliche Trinität

Es gibt sowohl eine göttliche als auch eine menschliche Trinität. Diese Entsprechung zwischen menschlicher und göttlicher Trinität kann man aus den folgenden Worten Steiners gut heraushören:

"Als Dreieinigkeit tritt uns dann die Gottheit in den Religionsbekenntnissen entgegen, wo sie genannt wird: Vater, Wort und Heiliger Geist - Isis, Osiris, Horus - Atma, Buddhi, Manas. Überall finden wir jetzt die Dreiheit in den Religionen. Und den Grund dafür haben wir erkannt. Er tritt uns in Bildern oder Worten in Asien, in Ägypten bei den Priestern entgegen, aber auch in der griechisch-römischen Welt, bei Augustinus, dann im Mittelalter, wo man wie anklingend einen entsprechenden Urton findet, der in der Vergangenheit vollkommen klar hervortrat, als der Urgrund, aus dem der Mensch hervorgegangen ist. Dieser hat sich zu dem entwickelt, was er heute ist, und strebt jetzt aus dem Mittelpunkt seines Selbst der Zukunft entgegen. Es empfanden die alten Geistesforscher dies als die Dreiheit im Menschen. Wenn wir in der Zukunft einer größeren Vollkommenheit entgegengereift sein werden, dann wird jene Kraft, der wir unser Dasein verdanken und die heute als verborgener Urgrund des Seins in uns wirkt, gestaltend herausgetreten sein. Das empfand man als das Göttliche, das Unaussprechliche des Menschen, das dem ersten Wesensbestandteil der dreigliedrigen Welt gleich ist. Und dann empfand man das, was jetzt im Menschen lebt, was nach diesem Höchsten strebt, als das in der Gegenwart wirkende Wort, den Sohn, der entstanden ist aus dem Vater, der unaussprechlich in ihm ruht: Aus dem Vater ist hervorgegangen der Sohnesmensch. So wahr dieser Vater den zukünftigen, vollkommeneren Menschen gestaltet, so wahr hat er den sich entwickelnden Sohnesmenschen geschaffen, die Buddhi, das zweite menschliche Wesensglied, das noch nicht vollkommen ist, aber der Grund ist, dass wir der Vollkommenheit zustreben. Das ist die zweite Wesenheit. Aber auch in der Vergangenheit hat dieser Weltengrund gearbeitet. So wie der sinnliche Mensch von dem Allwelten-Urgrund in der Vergangenheit geschaffen worden ist, so hat auch dasjenige, was heute schon in ihm Form angenommen und ausgestrahlt hat, etwas, das ebenfalls in der Vergangenheit aus dem Urgrund hervorgegangen und jetzt schon ausgestaltet ist. Blicken wir hinaus in das Universum, wie es sich in Farben, Tönen, Gerüchen und Tastempfindungen wahrnehmbar macht: es ist herausgequollen aus dem unaussprechlichen Urgrund. In solcher Beziehung können wir diesen Urgrund, der für uns, die Geschöpfe, in die Erscheinung tritt, Geist nennen, auch im christlichen Sinne. Aber es ist die Welt nicht zu Ende geschaffen. Keim ist die Welt, etwas, was in sich selbst Seele hat, was in sich selbst den Trieb zur Zukunft hin hat. Das ist der Sohn. Daher nannte man dieses Streben: das Wort, Veda, Edda. Das dritte ist das, was heute als Kraft in uns ist, was in der Zukunft in uns wahrnehmbar wird: der tief in unser aller Seelen liegende Vatergrund alles Seins." (Lit.: GA 54, S. 174f)

Die Unterscheidung von Vater und Sohn

Rudolf Steiner hat immer wieder nachdrücklich betont, dass namentlich die deutliche Unterscheidung von Vater und Sohn essentiell für das Verständnis des Christentums ist. Vielfach kritisierte er den protestantischen Theologen Adolf von Harnack (1851–1930), der jegliches Verständnis für diese Unterscheidung vermissen lasse. Auf eine diesbezügliche Frage antwortete er in einem Vortrag über christlich-religiöses Wirken für die angehenden Priester der Christengemeinschaft:

Rudolf Steiner: [...] Ich habe ausdrücklich gesagt: Stellen Sie da, wo Harnack das Wort «Christus» hat, einfach dafür «Gott» hin, dann bekommen Sie das Richtige. Es ist eben bei diesem Menschen ein starkes religiöses Leben vorhanden; das werde ich nie in Abrede stellen, daß solche Menschen ein starkes religiöses Leben und Empfinden haben können, nur Christen sind sie nicht. Wenn man Christ sein will, muß man sich zu dem Christus bekennen. Und nicht wahr, Harnack sagt, der Osterglaube sei vom Garten von Gethsemane ausgegangen, aber was dort wirklich geschehen sei, das gehe uns nichts an. - Das geht nicht. Nämlich gerade das, was bei Harnack vorliegt, ist eine falsche Anwendung des Wortes «Christus». Das ist es, was ich gesagt habe.

Ein Teilnehmer: Die Leute haben kein differenziertes Empfinden.

Rudolf Steiner: Sie haben kein differenziertes Empfinden. Aber darüber muß man sich klar sein. Man kann sagen: Das Christentum ist antiquiert, wir haben nicht nötig, den Christus vom Vater zu unterscheiden, wir können zurückgehen zu einem bloßen Monotheismus, der nicht unterscheidet zwischen Vater und Sohn - , dann kann man die Position halten, aber man darf dann nicht den Anspruch darauf machen im Intellektualismus, ein Christ zu sein.

Ein Teilnehmer: Wir haben eine starke Abneigung gegen die Anschauung, die sagt: Mag ein Mensch sein, wie er will, wenn er nur gläubig ist.

Rudolf Steiner: Dann können wir ebenso das Christentum gehen lassen, dann brauchen wir das Christentum nicht, wir führen den Brahmanismus ein oder den Buddhismus. Das Christentum macht notwendig, daß man die Differenzierung zwischen dem Vater und dem Sohn hat. Gehen Sie nach dem Osten zu den Russen, so haben Sie das starke Erleben: Vater und Sohn sind differenziert. Dem Russen wird es nie einfallen, in den Kantschen Irrtum zu fallen, also über Gott vom Gesichtspunkt der Ontologie zu sprechen. Bis zu Scotus Eriugena hatte man noch dieses Erlebnis der Differenzierung zwischen Vater und Sohn, dann fängt die ganze Geschichte der Gottesbeweise überhaupt erst an. In dem Augenblick, wo man anfängt Gott zu beweisen, hat man ihn nicht mehr. Bei Scotus Eriugena finden sich noch [differenzierte] Anschauungen, da ist noch gar keine Rede davon - also in der Zeit bis zum 10. Jahrhundert etwa -, daß etwa diese undifferenzierte Empfindung von dem Vater und dem Sohne da wäre. Aber heute, was denken sich die Menschen heute überhaupt bei alledem, wenn diskutiert wird, ob der Sohn mit dem Vater gleicher Wesenheit sein soll oder nicht. Die wirklichen ursprünglichen Begriffe, die elementaren Begriffe, die scheinen mir heute in der westlichen oder mitteleuropäischen Zivilisation nicht mehr da zu sein. Lesen Sie die Philosophie ...[2], da haben Sie eine Sphäre, da ist man mit seiner Auffassung stehengeblieben bei dem, was bis zu Scotus Eriugena da war, da ist eine Differenzierung noch da. Aber wenn man sich auf den Standpunkt stellt, man braucht die Differenzierung nicht, dann kann man, ich will jetzt sagen, ein guter Protestant sein, aber kein Christ. Ich möchte darauf noch in einem anderen Zusammenhang eingehen.

Ein Teilnehmer: Ich denke, Vater und Sohn sind eins?

Rudolf Steiner: Sie können ja das ganz gut auch von der Beziehung von sich und Ihrem Vater sagen mit Beziehung, sagen wir, zu der ganzen Familie. Wenn es sich darum handelt, daß irgend etwas gemeinsam sein soll in bezug auf den weiteren Umkreis Ihrer Familie, so können Sie sagen: Ich und mein Vater sind eins, und was ich tue oder was ich zur Geltung bringe, das tut auch mein Vater. — Deshalb werden Sie nicht behaupten können, daß Sie die beiden Individualitäten, Sie und Ihren Vater, zusammenwerfen können.

Ein Teilnehmer: Das ist nicht substantiell gemeint?

Rudolf Steiner: Nein, nein.

Ein Teilnehmer: Ich wollte fragen: Worin besteht ein besonderes Christus-Erlebnis neben dem Vater-Erlebnis? Denn wie mir scheint, können wir doch in der Messe Christus nur erfahren; wie aber erleben wir wieder den Vatergott?

Rudolf Steiner: Das ist allerdings etwas, was im Zusammenhang mit dem Sakramentalismus noch erwähnt werden soll. Es ist schon in dem enthalten, was ich gesagt habe, aber ich will darauf im Zusammenhang eingehen, denn, wie ich gesagt habe, es müssen die beiden, Vater und Sohn, spezifisch als zwei nicht numerisch identische Empfindungen da sein. Die Empfindung zum Vater darf mit der Empfindung zum Sohn nicht numerisch identisch sein.“ (Lit.:GA 343a, S. 454ff)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54 (1983) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Geheimnis der Trinität, GA 214 (1999) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, II, GA 343a (1993), ISBN 3-7274-3430-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Joachim Stiller: Über die Dreifaltigkeit (Tinität) PDF
  5. Zeitschrift "Die Christengemeinschaft": Ein Gott und drei Personen, 6/2016


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Weblinks

Einzelnachweise

  1. So wie vergleichsweise die eine Substanz Wasser in drei Formen, nämlich als Dampf, als Flüssigkeit und als Eis, erscheinen kann.
  2. Die Nachschrift des Stenographen hat hier eine Lücke. In der Vervielfältigung der Christengemeinschaft wurde der Name «Solowjew» eingesetzt.