Wirklichkeit

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Wirklichkeit (lat. actualitas) wird im Sinne der Metaphysik die Aktualität des tatsächlich gegenwärtig gegebenen Seins bezeichnet. Sie unterscheidet sich damit von der Möglichkeit, als einem nur potentiell gegebenen Sein, wie auch vom bloßen wirkungslosen Schein, aber insbesondere auch von der ausschließlich räumlich ausgedehnt gedachten dinglichen Realität. Indem Meister Eckhart den lateinischen Begriff ins Deutsche übertrug, wurde die für den rechten Begriff der Wirklichkeit wesentliche Komponente des Wirkens deutlicher hervorgestrichen: wirklich ist, was wirkt, d.h. Wirkungen hervorruft.

Geistigen Wesenheiten als primäre Wirklichkeit

Alle Wirkungen gehen letztendlich von geistigen Wesenheiten aus, die in verschiedenen Bewusstseinszuständen leben. Sie sind die eigentliche Wirklichkeit. In ihrem Bewusstsein liegt der Ursprungsquell und die eigentliche Substanz, aus der die Wirklichkeit gewoben ist:

"Es ist gut, festzuhalten, daß es im Grunde genommen im Weltenall doch nichts anderes gibt als Bewußtseine. Außer dem Bewußtsein irgendwelcher Wesenheiten ist letzten Endes alles übrige dem Gebiete der Maja oder der großen Illusion angehörig. Diese Tatsache können Sie besonders aus zwei Stellen in meinen Schriften entnehmen, auch noch aus anderen, besonders aber aus zwei Stellen: zunächst aus der Darstellung der Gesamtevolution der Erde von Saturn bis Vulkan in der «Geheimwissenschaft im Umriß», wo geschildert wird das Fortschreiten vom Saturn zur Sonne, von der Sonne zum Mond, vom Mond zur Erde und so weiter, zunächst nur in Bewußtseinszuständen. Das heißt, will man zu diesen großen Tatsachen aufsteigen, so muß man so weit aufsteigen im Weltengeschehen, daß man es zu tun hat mit Bewußtseinszuständen. Also man kann eigentlich nur Bewußtseine schildern, wenn man die Realitäten schildert. Aus einer anderen Stelle in einem Buche, das in diesem Sommer erschienen ist, «Die Schwelle der geistigen Welt», ist das gleiche zu entnehmen. Da ist gezeigt, wie durch allmähliches Aufsteigen der Seherblick sich erhebt von dem, was sich um uns herum ausbreitet als Dinge, als Vorgänge in den Dingen, wie das alles sozusagen als ein Nichtiges entschwindet und schmilzt, vernichtet wird und zuletzt die Region erreicht wird, wo nur noch Wesen in irgendwelchen Bewußtseinszuständen sind. Also, die wirklichen Realitäten der Welt sind Wesen in den verschiedenen Bewußtseinszuständen." (Lit.: GA 148, S. 305f)

Die Wirklichkeit ist dem Menschen gemäß Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit nicht unmittelbar gegeben, sondern fließt ihm von zwei Seiten her zu, nämlich durch Beobachtung und Denken. Erst indem der Mensch beiden Hälften, die in der Wirklichkeit zwar stets untrennbar miteinander verbunden, dem menschlichen Bewusstsein aber zunächst nur getrennt gegeben sind, im Erkenntnisakt miteinander verbindet, d.h. die Wahrnehmung mit dem zugehörigen Begriff durchdringt, stößt er zur vollen Wirklichkeit vor.

"Nicht an den Gegenständen liegt es, dass sie uns zunächst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen Organisation. Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, dass ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens und des Denkens." (Lit.: GA 004, S. 90)

"Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst bestimmt." (Lit.: GA 004, S. 145)

Dass dem Menschen die Wirklichkeit nicht unmittelbar, sondern zunächst nur in Form zweier unwirklicher Hälften gegeben ist, die er aktiv verbinden muss, begründet die Möglichkeit seiner Freiheit.

Die Begriffe Realität und Wirklichkeit werden manchmal explizit unterschieden, oft aber auch synonym verwendet. Der Begriff Wirklichkeit beinhaltet eine Komponente "wirken", was als allgemeiner Vorgang dann auch als "Werden" verstanden werden kann. Weder "Realität" noch "Wirklichkeit" können das Werden adäquat fassen, weil sie von ihrer Begrifflichkeit her das Zuständliche betonen. Vorgänge oder Bewegungen sind aber mitgemeint, wenn von Wirklichkeit oder Realität gesprochen wird, oder es sind diese sogar eigentlich gemeint.

Dialektische Bestimmung des Begriffs Wirklichkeit

In der Hegelschen Logik hat der Begriff Wirklichkeit einen ganz bestimmten Platz, er ergibt sich dialektisch aus den Begriffen Wesen und Erscheinung:

"Das «Sein» läßt Begriffe nach zwei Seiten aus sich herauswachsen. Es ist etwas sehr Fruchtbares. Es ist etwas da, was vor dem Hineinschießen des Seins in die Realität schon da ist. Es ist der reine Gedanke des Seins schon gegeben, bevor das Sein aus dem Gedanken hinausgeschossen ist in die Realität. In dem Augenblick, wo das Sein in sich selbst wird, in sich selbst Inhalt wird, in dem Augenblick müssen wir das, was wir dann erfassen, als das «Wesen» bezeichnen, so daß wir auf diese Weise aus dem Begriff «Sein» den Begriff «Wesen» gebildet haben. Wir haben also auf der einen Seite aus dem Begriff «Sein» die Begriffe «Nichts», «Werden», «Dasein» gebildet, und auf der anderen Seite aus dem Begriff «Sein» den Begriff «Wesen».

Sein —> Wesen

Das Wesen ist das in sich aufgehaltene Sein, das sich selber durchdringende Sein. Sie bekommen am leichtesten einen Begriff vom «Wesen» einer Sache, wenn Sie nachdenken, was wesentlich und was unwesentlich an der Sache ist. Das Wesen ist das im Inneren arbeitende Sein, daß überhaupt durch Arbeit sich erhärtende Sein. Das bezeichnen wir als das «Wesen». Wir sprechen vom «Wesen» des Menschen, wenn wir seine höheren Glieder mit den niederen zusammen anführen, und wir betrachten den Begriff des «Wesens» als den sich unmittelbar an das «Sein» angliedernden Begriff. Aus dem Begriff «Wesen» gewinnen Sie [organisch als nächsten] den Begriff der «Erscheinung», das Sich-nach-außen-hin-Manifestieren, das Gegenteil des «Wesens», das Gegenteil dessen, was das Wesen in sich hat. «Wesen» und «Erscheinung» sind zwei kontradiktorische Begriffe, die sich ähnlich zueinander verhalten wie die Begriffe «Sein» und «Nichts». Wenn wir nun die beiden Begriffe «Wesen » und «Erscheinung» miteinander verbinden, so bekommen wir die Erscheinung, die das Wesen wiederum selbst in sich enthält. [Lücke in der Nachschrift.] Es ist in gewisser Beziehung ein Widerspruch zwischen innerem Wesen und äußerer Erscheinung. Wenn aber inneres Wesen überfließt in Erscheinung, so daß die Erscheinung selbst das Wesen enthält, so sprechen wir von «Wirklichkeit».

[Sein ->] Wesen -> Erscheinung -> Wirklichkeit

Kein dialektisch geschulter Mensch wird vom Begriff der «Wirklichkeit» anders sprechen, als daß er sagt: In dem Begriff der Wirklichkeit lebt Erscheinung, die durchdrungen ist vom Wesen. - Das Zusammenfließen von «Wesen» und «Erscheinung» ergibt den Begriff«Wirklichkeit». So muß also alles Sprechen über die Wirklichkeit durchdrungen sein von jenen Begriffen.[Lückenhafte Nachschrift]." (Lit.: GA 108, S. 251f)

Dasein <- Werden <- Nichts <- Sein -> Wesen -> Erscheinung -> Wirklichkeit

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1962)
  2. Rudolf Steiner: Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie, GA 108 (1986), ISBN 3-7274-1081-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium, GA 148 (1992)
Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben (früher: Archiati-Verlag) basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks