Zeit des Übergangs zur Neuzeit

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Die gefühlte Allmacht der Kolonialmächte war ein entscheidender Nährboden für die weltweite Verbreitung eurozentrischen Denkens (Fula Greeting Ritual (1910))

Die Zeit des Übergangs zur Neuzeit ist in anthroposophischer Terminologie diejenige des Übergangs des vierten nachtatlantischen Zeitraums zu demjenigen des fünften nachatlantischen Zeitraums.

Geschichtswissenschaftlich sind dieser Zeit die Renaissance und der Humanismus zugeordnet, in Mitteleuropa auch die Reformation. Zu den weiteren, für den Beginn der neuen Zeit symptomatischen Großereignissen gehören die Entdeckungen, insbesondere die Entdeckung Amerikas, der Beginn des Kolonialismus und der europäischen Expansion, sowie die Erfindung des Buchdrucks. Zäsuren stellen auch der Untergang Byzanz' durch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 dar, und andererseits die Reconquista, die Vertreibung der Mauren von der iberischen Halbinsel.

Diese Zeit des großen Umbruchs beginnt bereits anfänglich im Spätmittelalter und ist dann diejenige der Frühmoderne. Die Zeit der Frühmoderne oder frühen Neuzeit wird teils auch als besondere Epoche von derjenigen der Neuzeit unterschieden, die dann als die eigentlich "moderne" Zeit um 1800 mit der französichen Revolution, dem Aufkommen des Maschinenwesens, der industriellen Revolution usw. (mit dem Vorlauf der Aufklärung) beginnt.

Ideologiegeschichtlich kann man von dem Aufkommen des Eurozentrismus sprechen. Ökonomisch ist die Einführung doppelter Buchführung und die Aushebelung des Zinsverbots von Bedeutung.

„Man bedenke wieviel in dieser Zeit für die Menschenseele ins Wanken kam! Wieviel von dem, was mit ihrem innersten heiligsten Erleben zusammenhing! Persönlichkeiten, in denen das Wesen der Bewußtseinsseele am hellsten aufstrahlte, die von einer Seelenverfassung waren, die sie mit den Michael-Kräften in einer Stärke verband, die für die andern erst nach Jahrhunderten kommen sollte, Huß, Wiclif und andere, traten auf. Sie machten aus der Michael- Stimme in ihrem Herzen heraus das Recht der Bewußtseinsseele geltend, sich aufzuschwingen zum Ergreifen der tiefsten religiösen Geheimnisse. Sie fühlten: die Intellektualität, die mit der Bewußtseinsseele heraufzog, muß fähig sein, in den Bereich ihrer Ideen das einzubeziehen, was in alten Zeiten durch Imagination zu erreichen war.

Demgegenüber stand, daß die alte, geschichtlich überbrachte Stellung der Menschenseele in den weitesten Kreisen alle innere Kraft verloren hatte. Was man in der Geschichte die Übelstände des Bekenntnislebens nennt, womit sich die großen Reformkonzilien in dem Zeitalter der beginnenden Wirksamkeit der Bewußtseinsseele beschäftigten, das hängt alles mit dem Leben derjenigen Menschenseelen zusammen, die in sich die Bewußtseinsseele noch nicht fühlten, aber die in der überkommenen Verstandes- oder Gemütsseele auch nicht mehr etwas haben konnten, das ihnen innere Kraft und Sicherheit gab.

Man kann wirklich sagen, solche geschichtliche menschliche Erlebnisse, wie sie auf den Konzilien zu Konstanz, zu Basel, zutage traten, zeigen oben in der Geistwelt das Herabströmen der Intellektualität, die zu den Menschen will, und unten den Erdbereich mit der nicht mehr der Zeit entsprechenden Verstandes- oder Gemütsseele. Dazwischen schweben die Michael-Kräfte, zurückblickend auf ihre vergangene Verbindung mit dem Göttlich-Geistigen und hinunterblickend nach dem Menschlichen, das ebenso diese Verbindung hatte, das aber jetzt in eine Sphäre übergehen mußte, in der ihm Michael vom Geiste aus helfen soll, das er aber selbst innerlich nicht mit sich vereinigen soll. In diesem Bestreben Michaels, das in der kosmischen Entwickelung notwendig ist, das aber zunächst doch eine Störung des Gleichgewichts im Kosmos bedeutet, liegt begründet, was die Menschheit in diesem Zeitalter auch in bezug auf die heiligsten Wahrheiten erleben mußte.

Man schaut tief in das Charakteristische dieser Zeit hinein, wenn man den Kardinal Nicolaus Cusanus ins Auge faßt. (Man lese über ihn in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens».)“ (Lit.:GA 26, S. 142ff.)

„Und wir selbst sind in einer Epoche - ungefähr trat die Menschheit ein in diese Epoche um die Mitte des Mittelalters, vom 10., 11., 12. Jahrhundert angefangen -, wir selbst sind in der Epoche des Eintretens des Ich in die Bewußtseinsseele. So spät ist das erst gekommen. In die Bewußtseinsseele trat das Ich ein erst ungefähr um die Mitte des Mittelalters. Auch das ließe sich sehr leicht historisch belegen, und man könnte in alle Winkel hineinleuchten, wenn man Zeit hätte, auf manches hinzudeuten, was dabei in Frage kommt. Damals impfte sich dem Menschen ein ganz bestimmter Begriff ein von individueller Freiheit, von individueller Ich-Tüchtigkeit. Wenn Sie noch die erste Zeit des Mittelalters betrachten, würden Sie durchaus noch überall finden, daß der Mensch in einer gewissen Weise gilt durch das, wie er in die Gesellschaft hineingestellt ist. Man erbt vom Vater und den Angehörigen Stand und Rang und Würde, und vermöge dieser unpersönlichen Dinge, die nicht mit dem Ich bewußt verknüpft sind, handelt und arbeitet man in der Welt. Erst später, als der Handel sich ausdehnte und die Erfindungen, die neuzeitlichen Entdeckungen kamen, beginnt das Ich-Bewußtsein sich auszudehnen, und wir können sehen, daß überall in der europäischen Welt die äußeren Abbilder dieser Bewußtseinsseele in einer ganz bestimmten Art von Städteverfassungen, Städtekonstitutionen und dergleichen auftreten. Aus der Geschichte Hamburgs zum Beispiel könnte man leicht nachweisen, wie sich historisch diese Dinge entwickelt haben. Das, was man «freie Stadt» im Mittelalter nannte, das ist der äußere Abdruck dieses Hinhauchens der ichbewußten Seele durch die Menschheit.“ (Lit.:GA 103, S. 173)

„Der Sieg des Nominalismus ist die wichtigste Tatsache der neueren Geschichte, viel bedeutsamer als die Reformation, das Schießpulver und der Buchdruck. Er kehrt das Weltbild des Mittelalters vollständig um und stellt die bisherige Weltordnung auf den Kopf: alles übriges war nur die Wirkung und Folge dieses neuen Aspekts.

Der Nominalismus hat ein Doppelantlitz, je nachdem man das Schwergewicht in sein negatives oder sein positives Ergebnis verlegt. Die negative Seite leugnet die Realität der Universalien, der Kollektivvorstellungen, der übergeordneten Ideen: aller jener großen Lebensmächte, die das bisherige Dasein erfüllt und getragen hatten, und ist daher identisch mit Skepsis und Nihilismus. Die positive Seite bejaht die Realität der Singularien, der Einzelvorstellungen, der körperlichen Augenblicksempfindungen: aller jener Orientierungskräfte, die das Sinnendasein und die Praxis der Tageswirklichkeit beherrschen, und ist daher identisch mit Sensualismus und Materialismus.“ (Lit.: Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Bd. 1, S. 105 (Die Inkubationszeit))

Literatur


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